Eine Erdölpipeline, ein Geldtransport – und was Orbán daraus macht
Die Beziehungen zwischen der Ukraine und dem Ungarn von Ministerpräsident Viktor Orbán waren nie wirklich gut, aber seit Jänner 2026 jagt ein neuer Tiefpunkt den anderen. Der Hintergrund dafür ist, dass das offizielle Budapest trotz des seit vier Jahren andauernden „großen“ Krieges Russlands gegen die Ukraine ausgezeichnete Beziehungen zu Moskau unterhält – mit zahlreichen politischen, ökonomischen, diplomatischen und medienpolitischen (um nicht zu sagen: propagandistischen) Konsequenzen. Die aktuelle Zuspitzung ist nach der einhelligen Meinung praktisch aller seriöser Beobachter darauf zurückzuführen, dass Orbán bei den für 12. April 2026 angesetzten Parlamentswahlen massiv um seine Mehrheit fürchten muss (die derzeit oppositionelle TISZA-Partei führt seit Monaten in den Meinungsumfragen) und er daher zwecks Stimmenmaximierung die Ukraine als Bedrohung darstellt – und zwar nicht nur für Ungarn, sondern auch für sich persönlich.
Nach dem Februar 2022 setzte die EU verschiedene Maßnahmen, um aus russischem Erdöl und Erdgas auszusteigen. Die meisten Mitgliedsländer konnten frühere Abhängigkeiten von Moskau inzwischen völlig beseitigen oder wenigstens drastisch reduzieren. Auch Ungarn und die Slowakei hätten das tun können, doch trafen die Führungen dieser beiden Länder andere politische Entscheidungen, deren Folgen sich an konkreten Zahlen ablesen lassen: So betrug z.B. die Abhängigkeit Ungarns von russischem Erdöl 2021 61 Prozent, doch 2025 waren es bereits 92 Prozent. „Damit hat Orbán sein Land in eine totale Öl-Abhängigkeit von Russland geführt.“ Das geschah, obwohl (oder weil?) völlig unbestreitbar ist, was die auf Energiefragen spezialisierte Journalistin Aura Sabadus bereits Monate zuvor festgestellt hatte: „As one of the Kremlin’s last remaining European customers along with neighboring Slovakia, Hungary is feeding [Vladimir] Putin’s war machine.“
Eine kurze Chronologie der Ereignisse
Am 27. Jänner 2026 kam es laut ukrainischen Angaben zu einem russischen Angriff auf die durch die Ukraine verlaufende Pipeline „Druzhba“ („Freundschaft“), der eine Pumpstation so beschädigte, dass die Fortsetzung des Erdöltransports nach Ungarn und in die Slowakei verunmöglicht wurde; die Reparatur würde, so hieß es aus Kyiv, etwa eineinhalb Monate dauern (womit sie erst nach den ungarischen Parlamentswahlen abgeschlossen wäre). Budapest und Bratislava glauben das freilich bis heute nicht. Dort heißt es aus Regierungskreisen hartnäckig, dass die Pipeline entweder gar nicht beschädigt sei oder aber dass Kyiv den Erdöltransit vorsätzlich nicht wieder herstellt, um Druck auf sie auszuüben. Sie verlangen, die Pipeline selbst in Augenschein nehmen zu können.
Zu diesem Zweck reiste eine ungarische Delegation unter der Leitung von Gabor Czepek, dem Staatssekretär im Energieministerium, in die Ukraine. Das ukrainische Außenministerium erklärte, dass der Besuch nicht mit ihm abgestimmt worden sei; die Ungarn hätten weder einen offiziellen Status noch seien Treffen mit ukrainischen Amtsträgern geplant (wobei unklar blieb, warum man Czepek und seine Leute überhaupt einreisen ließ). Der ungarischen Delegation wurde der Zugang zu „Druzhba“ verwehrt, sodass sie ihre geplante „Inspektion“ nicht durchführen konnte. Am 14. März hielt Serhij Korezkyj, CEO des ukrainischen staatlichen Öl- und Gasunternehmens Naftogaz, in Zusammenarbeit mit dem Außenministerium der Ukraine eine Informationsveranstaltung für Botschafter aus 31 Ländern, darunter Ungarn, ab, um Einzelheiten zu den Schäden an der Pipeline zu erläutern.1 Das änderte aber nichts an der Position Budapests.
Auf dem EU-Außenministertreffen in Brüssel am 23. Februar blockierten sowohl Ungarn als auch die Slowakei das geplante zwanzigste Sanktionspaket der EU gegen Russland, und Ungarn stoppte mit seinem Veto auch noch einen wichtigen Kredit in Höhe von 90 Milliarden Euro für die Verteidigung und den Wiederaufbau der Ukraine.2 Ohne dieses Geld wäre unklar, wie ein wirtschaftlicher und kurz darauf militärischer Kollaps der Ukraine vermieden werden sollte.
Im Streit über den von Ungarn blockierten EU-Kredit für die Ukraine hatte der ukrainische Präsident Volodymyr Selenskyj in Richtung Orbán gemeint: Falls dieser die Blockade nicht aufhebe, „werden wir die Adresse dieser Person an unsere Streitkräfte, an unsere Burschen weitergeben – damit sie ihn anrufen und sich mit ihm in ihrer Sprache unterhalten.“ – Daraus machte man in Ungarn eine „Bedrohung“ für Orbán und seine Familie.
Am 5. März, kurz nach dem 14. (!) Besuch des ungarischen Außenministers Péter Szijjártó in Moskau seit 2022, hielt die ungarische Anti-Terror-Einheit TEK auf einer Autobahn nahe Budapest zwei gepanzerte ukrainische Geldtransporter mit 40 Millionen Dollar, 35 Millionen Euro und neun Kilogramm Goldbarren auf. Die Assets kamen von der Raiffeisen Bank International (RBI) in Wien und waren zur staatlichen ukrainischen Oschadbank unterwegs. Die Ungarn verhafteten das aus sieben Ukrainern bestehende Begleitpersonal und beschlagnahmten die Ladung. Der ungarische Rechtsanwalt der festgenommenen Ukrainer, Lóránt Horváth, beklagte das Fehlen eines Zugangs zu seinen Mandanten.1 Auch dem ukrainischen Botschafter Fedir Schandor wurde der Zutritt verwehrt.
Die Ukrainer wurden am folgenden Tag freigelassen und konnten in ihr Heimatland zurückkehren, doch die Ungarn behielten das Geld und das Gold (die beiden leeren Transportfahrzeuge gaben sie – wenngleich beschädigt – den ukrainischen Eigentümern zurück2). Kurz darauf beschloss das ungarische Parlament mit den Stimmen des Regierungslagers ein Anlassgesetz, das der Beschlagnahme eine nachträgliche Rechtfertigung verleihen sollte (!). Dieses sogenannte „Gesetz über notwendige Maßnahmen zum Schutz der nationalen Sicherheitsinteressen Ungarns im Zusammenhang mit durch Ungarn verlaufenden Bargeld- und Goldbarren-Transporten von ungewöhnlicher Menge“ soll es den ungarischen Behörden ermöglichen, 60 Tage lang Herkunft und Ziel ukrainischer Frachten sowie etwaige Abzweigungen zu ungarischen Empfängern wie politischen Parteien (gemeint ist die Opposition zu Orbán) zu „überprüfen“.
Auf solche deutete freilich ebenso wenig hin wie auf Geldwäsche, wegen der die ungarische Steuer- und Zollbehörde NAV nach eigenen Angaben „ermittelte”. Bei dem ukrainischen Geld- und Goldtransport handelte es sich nämlich um einen völligen Routinevorgang: Sogar nach NAV-Angaben wurden zwischen Abfang Jänner und Anfang März 2026 insgesamt 900 Millionen US-Dollar, 420 Millionen Euro und 146 Kilogramm Goldbarren durch Ungarn in die Ukraine gebracht, ohne dass es zu irgendwelchen Problemen oder Zwischenfällen gekommen wäre. Gerade in Krisengebieten (was die Ukraine – nicht aus eigenem Verschulden – bekanntlich ist) ist die Nachfrage an Fremdwährungen und Edelmetallen in der betroffenen Bevölkerung groß. Ukrainische Banken müssen regelmäßig ausländisches Bargeld (insbesondere Dollar und Euro) importieren, da die Kunden weit mehr Fremdwährung kaufen als verkaufen. Vor 2022 wurde dieses Bargeld oft per Flugzeug transportiert. Doch da der ukrainische Luftraum für zivile Flugzeuge seit Februar 2022 gesperrt ist, bleibt nur der Landweg.
Die ungarische Homepage Telex machte auf folgenden Umstand aufmerksam: Ab der Eskalation des russischen Krieges gegen die Ukraine 2022 brachte Criterion, ein Geldtransportunternehmen im Besitz von István Garancsi (der enge Verbindungen zur Führungsspitze der ungarischen Regierungspartei Fidesz unterhält und ein Freund Orbáns ist), Geld und Gold aus Österreich bis zur ungarisch-ukrainischen Grenze, wo eine ukrainische Mannschaft übernahm. Die ungarischen Behörden, darunter Polizei und NAV, hatten natürlich genaue Kenntnis von allen diesen Vorgängen. Der abgefangene Transport war aber aus bisher unklaren Gründen nicht von Criterion verantwortet worden.1 Mitte März 2026 wurde bekannt, dass die Oschadbank in Budapest wegen des Verdachts auf rechtswidrige Freiheitsberaubung, Amtsmissbrauch und Terrorismus Anzeige erstattet sowie eine Klage gegen die Ausweisung der sieben ukrainischen Staatsbürger, die den Geld- und Goldtransport begleitet hatten, aus Ungarn eingebracht hat.2 Ein Erfolg dieser Initiativen ist allerdings in Orbáns Ungarn sehr zweifelhaft.
Am 17. März wurde aus Brüssel berichtet, dass die Ukraine einer externen Inspektion von „Druzhba“ zugestimmt hat. Selenskyj erklärte in einer Stellungnahme an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa: „Ich begrüße und nehme Ihr Angebot der notwendigen technischen Unterstützung und Finanzierung an, um die Reparaturarbeiten abschließen sowie langfristige, nachhaltige Optionen prüfen zu können.“3 Doch das offizielle Budapest verbreitete weiter Verschwörungstheorien. So ließ sich Szijjártó wie folgt vernehmen: „Lassen Sie sich nicht täuschen. Das ist ein politisches Spiel. Jeder Schritt wurde zwischen Kyiv und Brüssel abgestimmt.“
Die ukrainische Position
Ministerpräsidentin Julia Swiridenko meinte aus Anlass des ungarischen Vorgehens gegen den Gold- und Geldtransport unter Anspielung auf Szijjártós Besuch in Moskau auf X: „This would be somewhat strange if it had not happened just days after Orbán's entourage visited the Kremlin.“1 Und Außenminister Andrij Sybiha meinte mit Blick auf den Streit um „Druzhba“: „Wenn das die ‚Gewalt‘ ist, die Herr Orbán angekündigt hat, dann ist es die Gewalt einer kriminellen Bande. Das ist Staatsterrorismus und Schutzgelderpressung.“2 Die Botschaft der Ukraine in Budapest veröffentlichte am 6. März eine Erklärung, der zufolge das ukrainische Außenministerium wegen des Vorfalls mit dem Geldtransport den eigenen Bürgern empfiehlt, von Reisen nach Ungarn abzusehen, da man dort ihre Sicherheit nicht garantieren könne.
Ungarische Positionen und der Wahlkampf
Orbán wies im ungarischen Radio angebliche „Drohungen“ Selenskyjs zurück und sprach seinerseits von „staatlichem Banditentum“ der Ukraine. Man werde deren Forderungen nicht erfüllen, und zwar selbst dann nicht, „wenn sie mich erpressen oder mich mit dem Tod bedrohen“. „Die Ukrainer“ wollten, so phantasierte Orbán weiter, ihn und seine Regierung bei der bevorstehenden Parlamentswahl „aus dem Weg räumen“. Orbán warf der Ukraine vor, TISZA von Oppositionsführer Péter Magyar offen zu unterstützen und zu versuchen, die Wahl in ihrem eigenen Interesse zu beeinflussen. Ungarn werde auch den ukrainischen Forderungen, sich von „billiger russischer Energie“ zu trennen, nicht nachkommen. „Wir werden ihnen kein Geld geben und sie nicht in die EU lassen.“ Orbán wiederholte immer wieder, dass es keine technischen Umstände gäbe, die verhindern würden, dass Erdöl über „Druzhba“ nach Ungarn und in die Slowakei fließen kann. Szijjártó stellte die aus seiner Sicht „berechtigte Frage“, ob es sich bei dem Geld- und Goldtransport um Mittel einer „ukrainischen Kriegsmafia“ handle. Zudem habe das Begleitpersonal „eindeutige Verbindungen zu den ukrainischen Geheimdiensten.“4 Auch Orbáns enger und einflussreicher Vertrauter Antal Rogán betrieb, so die Wiener Tageszeitung „Die Presse“, „Hetze gegen die Ukraine“.5 Dabei war es eine Ironie des Schicksals, dass die US-Administration unter
Präsident Joe Biden ausgerechnet Rogán Anfang Jänner 2025 wegen Korruption auf eine Sanktionsliste gesetzt hatte (was der neue Präsident Donald Trump, ein Verbündeter Orbáns, im April 2025 aufhob). Die ungarische Opposition nennt Rogan – unter Hinweis auf das von ihm kontrollierte Medienimperium, das Orbán massiv zuarbeitet – gerne „Propagandaminister“. Und der ungarische Minister für Bauwesen und Verkehr, János Lázár (Fidesz), versicherte, dass das beschlagnahmte Geld und Gold nicht zurückgegeben werden, solange die ukrainische Seite den Transport von russischem Öl durch „Druzhba“ nicht wieder aufnimmt. Ein von Orbán unabhängiges ungarisches Nachrichtenportal kommentierte:
„Indeed, his statement lends credence to the Ukrainian assumption that the legality of the shipment was never really disputed, but that it was simply taken hostage as part of the ongoing political dispute. Moreover, his statement contradicts the government's claim that it is not the money's transfer that is being questioned in this case, but rather its origin.“
Was besonders „pikant“ war: Lázár war in seinen verschiedenen Funktionen (Staatssekretär im Kabinett des Ministerpräsidenten, Minister ebendort, dann Bautenminister) in mehrere Untersuchungen des Europäischen Amtes für Betrugsbekämpfung (OLAF) involviert gewesen, und zwar insbesondere im Zusammenhang mit der Verwendung von EU-Fördergeldern in Ungarn. Er selbst hatte aber (natürlich) immer jede Verantwortung zurückgewiesen und wurde nie wofür auch immer zur Verantwortung gezogen.
Doch ganz grundsätzlich wirkt es eher tragikomisch, dass ausgerechnet aus dem Orbán-Lager unablässig Korruptionsvorwürfe an die Adresse der Ukraine kommen. Laut dem Corruption Perceptions Index (CPI) für das Jahr 2025, veröffentlicht im Februar 2026 von der NGO Transparency International, gilt Ungarn als der korrupteste EU-Mitgliedstaat: Es belegt Platz 84 von 182 Ländern weltweit. Orbán, seine Familie und sein engster Freundeskreis werden seit vielen Jahren beschuldigt, „state capture“ (eine Form systematischer Korruption, bei der Amtsträger staatliche Institutionen und politische Entscheidungsprozesse zu ihrem persönlichen Vorteil beeinflussen oder sogar kontrollieren) und massiven Klientelismus zu betreiben sowie Patronage-Netzwerke zu unterhalten. Alles das wirkt sich zwangsläufig auf den von der NGO Freedom House zusammengestellten Human Freedom Index aus: In der im März 2026 veröffentlichen Ausgabe für 2025 lag Ungarn am letzten Platz aller EU-Mitglieder; es ist als „teilweise frei“ eingestuft.
Auch Magyar kritisierte Selenskyj und dessen Aussagen über Orbán. Der TISZA-Vorsitzende forderte die EU-Spitze auf, alle Beziehungen zur Ukraine stillzulegen, bis Selenskyj seine Äußerungen klargestellt und sich bei Ungarn entschuldigt hat. „Kein ausländischer Staatschef darf einen ungarischen Staatsbürger bedrohen. Weder die Ukraine noch Russland dürfen Ungarn als souveränes EU- und NATO-Mitglied erpressen.“1 Dabei blieb u.a. völlig außer Acht, dass Moskau eine solche „Erpressung“ gar nicht benötigt, weil das offizielle Budapest ohnedies sehr oft tut, was Russland nützt.
Der ungarische Investigativjournalist Szabolcs Panyi erklärte unter Berufung auf Quellen aus ungarischen Regierungskreisen, dass die Beschlagnahme des ukrainischen Geld- und Goldtransports eine als rechtlich legitim getarnte „politische Aktion“ gewesen sei. Orbán habe einen Konflikt mit der Ukraine provozieren wollen, da dies für ihn der einzige realistische Weg sei, die Parlamentswahlen zu gewinnen.2 Ganz ähnlich äußerte sich der in Ungarn bekannte Politikwissenschaftler Gabor Török: Der Streit mit Selenskyj und der Ukraine sei ein „Segen“ für Orbán. Dieser könne in der Zeit bis zur Wahl daraus politisches Kapital schlagen: Er stelle sich als „Held“ dar, der seine „Burg“ verteidige und von seinen Gegnern bedroht werde, dabei aber nicht zurückweiche und „bis zum letzten Tropfen Öl“ kämpfe.3 Und die amerikanisch-polnische Journalistin und Historikerin Anne Applebaum meinte: „Hungary has taken seven Ukrainians hostage in another attempt to prevent Orban from losing the election.“4
Orbán Wahlkampf beruht weitgehend auf einer gegen die Ukraine und die EU gerichteten – und damit zwangsläufig prorussischen – Plattform. Dabei schreckten er und seine Mitarbeiter nicht vor bizarren Aussagen und Verschwörungstheorien zurück. So erklärte Orbán: „Ungarn wird keine ukrainische Kolonie.“5 Die Ungarn müssten entscheiden, wer sie regieren solle – „ich oder Selenskyj“.6 Plakate der Orbán-Partei im Wahlkampf stellen von der Leyen und Selenskyj als Feindbilder dar und verkündeten u.a.: „Selenskyj darf nicht als Letzter lachen.“7 Offenbar ist Selenskyj an die Stelle des ungarisch-amerikanischen Investors und Philanthropen George Soros getreten, der vor einigen Jahren als zentrales Feindbild von Orbáns Regime hatte herhalten müssen.
Weiter hieß es im Orbán-Lager, dass von der Leyen, Selenskyj und TISZA Ungarn „in den Krieg hineinziehen“ wollten. Orbán führt unablässig „Frieden” im Mund, den für Ungarn nur er garantieren könne. Gleichzeitig verliert er kein Wort darüber, dass die ungarischen Käufe russischer Energieträger mithelfen, Putins Regime und dessen Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren. Wenige Tage nach der Festsetzung des ukrainischen Geld- und Goldtransports erhob die ungarische Regierung einmal mehr (dieses Mal unter Hinweis auf den Krieg im Iran) die Forderung nach Aufhebung der EU-Sanktionen gegen Erdöl und Erdgas aus Russland.
Die Rolle Russlands
Wenig überraschend stellte sich die russische Propaganda in der Kontroverse um den ukrainischen Geld- und Goldtransport voll und ganz auf die Seite Ungarns. Zudem setzte Moskau eigene Verschwörungstheorien in die Welt. So konnte man unter Berufung auf „inoffizielle Kanäle“, „unsere Gesprächspartner in Kiew“ und „Insider“ erfahren, dass Geld und Gold „mit dem deutschen Nachrichtendienst BND verbunden“ sein könnten. Die ukrainischen Transporter seien nämlich von den ungarischen Behörden genau in jenem Augenblick abgefangen worden, in dem sie „nicht in Richtung der Ukraine, sondern in den Süden abgebogen“ seien. Die kostbare Fracht hätte in die nordserbische Stadt Novi Sad gebracht werden und dort „oppositionellen ungarischen Strukturen übergeben“ werden sollen2 (!).
Im März berichtete die „Financial Times“, dass der Kreml Orbán und seine Partei im Vorfeld der Wahlen in Ungarn durch eine Social-Media-Kampagne unterstützen möchte. Eine mit dem Kreml verbundene sogenannte „Social Design Agency“ habe einen Plan ausgearbeitet, um pro-Orbán-Botschaften, Memes, Infografiken und Videos in ungarischen sozialen Medien zu verbreiten, die als von lokalen Nutzern erstellte und von einflussreichen ungarischen Persönlichkeiten geteilte Inhalte getarnt sind. Der Vorschlag der Social Design Agency sieht zudem „Informationsangriffe“ auf Magyar vor und stellt TISZA als eine Partei der „Inkompetenz, Spaltung und geheimen Absichten“ dar. Magyar warf Russland vor, in die ungarischen Wahlen eingreifen zu wollen, und erklärte, dass Angehörige des russischen Militärgeheimdienstes GRU als Diplomaten getarnt nach Budapest gereist seien, um vor Ort die Wahl zu beeinflussen.3 Und laut dem unabhängigen ungarischen Nachrichtenportal VSquare beauftragte Putin den stellvertretenden Leiter seiner Präsidialadministration, Sergej Kirijenko, damit, an Orbáns Wahlsieg zu arbeiten.1 Und genau zu diesem Zweck setzte das russische Desinformations-Netzwerk „Matrjoschka“ u.a. erfundene Zitate von Selenskyj (in denen Ungarn beleidigt wurden) in Umlauf.
Reaktionen im Transitland Österreich und in Deutschland
Der aus Österreich stammende ehemalige (2021–2024) CEO der ukrainischen PrivatBank, Gerhard Bösch, meinte zum Skandal mit dem Geldtransport, dass die RBI traditionell der führende Banknoten-Importeur und -Exporteur in Osteuropa sei und Ungarn als Transitland für entsprechende Transfers in die Ukraine seit der Schließung der zivilen ukrainischen Flughäfen 2022 stets eine zentrale Rolle gespielt habe. „Das ist seit Jahren ein völlig normales Geschäft.“ Die ungarischen Geldwäsche-Vorwürfe seien „lächerlich“.3 Auch die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) sah in den ukrainischen Geld- und Goldtransporten über Ungarn einen „üblichen Vorgang“. Und weiter: „In der Ukraine werden laut ukrainischer Nationalbank rund ein Drittel der Einlagen von Haushalten und rund ein Viertel der Einlagen von Unternehmen in Dollar und Euro gehalten.“ Devisen in bar und auf Bankkonten seien in der gesamten Bevölkerung als Wertanlage verbreitet. Vor diesem Hintergrund sei die Versorgung mit Devisen Teil der wirtschaftlichen Infrastruktur der Ukraine. Für in diesem Geschäft aktive Banken gelten laut FMA erhöhte Sorgfaltspflichten. Zu diesen gehören eine nachvollziehbare Risikoanalyse jeder Geschäftsbeziehung, die Kenntnis der Kunden und ihres wirtschaftlichen Eigentümers, die Plausibilisierung des wirtschaftlichen Zwecks von Lieferungen sowie die Prüfung der Logistikkette und der beteiligten Dienstleister. Die Einhaltung aller dieser Pflichten durch österreichische Banken wird von der FMA nach ihren eigenen Angaben „laufend überwacht“.4
Diese eindeutigen Feststellungen interessieren aber die prorussischen Kräfte in Österreich nicht. So absurd kann die russische Propaganda nämlich gar nicht sein, dass sich nicht sofort Akteure finden, die gerne bereit sind, in ihrem Kielwasser zu „segeln“: Sie glauben sie (oder tun immerhin so als ob), verbreiten sie in ihrem Bekanntenkreis, in Leserbriefen an Zeitungsredaktionen (wo man z.B.
lesen konnte, dass es Zeit sei, Selenskyj „in die Schranken zu weisen“, habe dieser doch Orbán „mit ukrainischen Soldaten gedroht“1) und auf sozialen Netzwerken, d.h. sie versuchen, andere Leute von ihr zu überzeugen.
Mehr als eindeutig positionierte sich auch die derzeit oppositionelle Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), die in allen Meinungsumfragen überlegen führt. Ihr Vorsitzender Herbert Kickl hatte Orbán 2023 als „Vorbild für viele in Europa“ bezeichnet2 und damit den Kurs für die nächsten Jahre vorgegeben. 2024 bestritt die FPÖ mit gegen von der Leyen und Selenskyj gerichteten Plakaten den Wahlkampf zum Europaparlament – erfolgreich: sie wurde mit 25,36% erstmals stärkste Partei bei einer Europawahl.
In Reaktion auf den Skandal mit dem ukrainischen Geld- und Goldtransport forderte FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker eine „umgehende Reaktion Österreichs“ auf die „offene Drohung des ukrainischen Präsidenten, dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán ein Killerkommando schicken zu wollen.“ Österreichs Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (von der liberalen Partei Neos) solle, so Hafenecker, umgehend den ukrainischen Botschafter Vasyl Khymynets einbestellen. Auf X (Twitter) behauptete die FPÖ, dass ein „Verdacht“ auf „Geldwäsche“ und „Verbindungen zur ukrainischen Kriegsmafia“ (!) bestünde. Die FPÖ verlange „volle Aufklärung über Österreichs mögliche Rolle als Drehscheibe dubioser Geldtransfers.“3
Chymenetz gehört überhaupt zu den Feindbildern der FPÖ. Hafenecker warf ihm „Undankbarkeit” vor. Khymynets habe „die FPÖ und somit ein Drittel aller Österreicher beleidigt.“
Am 10. März brachte Hafenecker eine umfangreiche Parlamentarische Anfrage an Justizministerin Anna Sporrer (Sozialdemokratische Partei Österreichs/SPÖ) ein. Diese Eingabe übernahm voll und ganz Orbáns Darstellung, beschwor eine „Staatsaffäre” herauf und konstruierte einen „möglichen internationalen Finanz- und Geldwäscheskandal mit unmittelbarem Österreich-Bezug“, an dem ausschließlich die Ukraine Schuld sei (!). Damit nutzte die FPÖ einmal mehr die Gelegenheit, gegen die Ukraine und die Unterstützung für sie Stimmung zu machen.5 Dabei ist der Umstand, dass Hafenecker selbst keineswegs „frei von Sünden“ ist, schon fast wieder vergessen. Er war
nämlich im Dezember 2024 wegen der Fälschung von Covid-Testzertifikaten im Jahr 2021 zu einer Geldstrafe von 15.300 Euro verurteilt worden.
Der österreichische Kommentator Gerald Grosz, der sein politisches Engagement bei der FPÖ begonnen hatte (aus der er 2005 austrat), brachte Selenskyj mit dem Konsum von Drogen, konkret Kokain, in Verbindung. Diese ebenso freie wie gehässige Erfindung erhielt bis Mitte März 2026 fast 3.800 Likes.2 – In der russischen Botschaft in Wien dürfte man sich über diese „Schützenhilfe“ aus dem extrem rechten Lager gefreut haben.
Dagegen meinte der österreichische Abgeordnete zum EU-Parlament, Helmut Brandstätter (von der Fraktion der Liberalen), zur Beschlagnahme des Geldes und Goldes: „Dass Orbán korrupt ist, ist nichts Neues. Aber dass er jetzt auch noch der Chef einer Räuberbande ist, das ist dann doch noch einmal eine neue Stufe.“
Die rechtsradikale, massiv prorussische Partei „Alternative für Deutschland“ stellte sich vorbehaltlos hinter Orbán; am 10. März 2026 verlautbarte sie:
„Während die Bürger hierzulande jeden Cent zweimal umdrehen müssen und die Infrastruktur zerfällt, rollen ukrainische Geldtransporter mit Millionenbeträgen und Goldbarren durch Europa. Die Arroganz, mit der die Kiewer Führung nun auch noch diplomatischen Druck auf Ungarn ausübt, nachdem deren dubioser Millionentransport gestoppt wurde, ist kaum zu überbieten.“
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Der deutsche Ukraine-Spezialist Andreas Umland fasste zusammen: „[...] the Hungarian government has, for several years now, been sabotaging wherever and however it could Ukraine's fight for survival and Euro-Atlantic integration.“5 Und genau das wird sich nicht ändern, solange Orbán Ungarn regiert. Er verlangt unablässig, dass die Ukraine möglichst rasch eine Pipeline freigibt, damit Erdöl vom Kriegsgegner Russland in das prorussische Ungarn fließen kann.
Orbán wiederholte bei zahllosen Gelegenheiten vor und nach dem von ihm inszenierten Zwischenfall mit dem Geld- und Goldtransport, eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine mit seinem Veto blockieren zu wollen, was demonstrativ von der FPÖ unterstützt wird und Russland massiv entgegenkommt. Dieses trachtet naturgemäß, die Konflikte im Dreieck EU – Ukraine – Ungarn zu verschärfen, und zwar auch und gerade, um seinen faktischen Verbündeten Orbán an der Macht halten.
Schon längst gibt es keinen Zweifel daran, dass es Orbán nicht alleine um die (von ihm ständig beschworenen) „nationalen Interessen Ungarns“ (nicht einmal in seiner eigenen ganz spezifischen Perzeption) geht, sondern darum, Russland beim Krieg gegen die Ukraine aktiv zu helfen. Er lehnt es standhaft ab, Russland als Aggressor zu bezeichnen.1 Doch warum sollte er alles das tun, wenn er sich von einem russischen Sieg nicht persönliche und/oder sonstige Vorteile versprechen würde? Und wie moralisch degeneriert muss man eigentlich sein, um in einem Wahlkampf den Präsidenten eines von der Zerstörung durch Russland bedrohten Nachbarlandes sowie die EU, von der man als Netto-Empfängerland zwischen dem Beitritt Ungarns 2004 und 2024 ca. 70 Milliarden Euro Unterstützung erhalten hat, als Haupt-Feindbilder zu präsentieren?
Und die EU muss sich fragen lassen, warum sie bisher nicht einmal versucht hat, die Mitgliedschaft Ungarns wegen seines das Überleben der Ukraine in Frage stellenden Kurses nach Artikel 7 des EU-Vertrages zu suspendieren oder ihm wenigstens das Stimmrecht zu entziehen. Denn Orbán ist längst eine Gefahr nicht „nur“ für die Ukraine, sondern auch für die EU selbst. Und damit letztlich auch für Ungarn.
Martin Malek (Wien/Österreich)