Drapatyj übernimmt Kommando über Streitkräfte der Ukraine: Wichtigste Herausforderungen für neuen Oberbefehlshaber

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Drapatyj übernimmt Kommando über Streitkräfte der Ukraine: Wichtigste Herausforderungen für neuen Oberbefehlshaber
Der Kampfweg von Generalmajor Mykhailo Drapatyj zeigt, dass er genau dann entschlossen handeln kann, wenn die Umstände das Unmögliche erfordern

Am 21. Juli gab Präsident Wolodymyr Selenskyj offiziell die Ernennung von Generalmajor Mykhailo Drapaty zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine bekannt.

In diesem äußerst verantwortungsvollen Posten trat er die Nachfolge von Oleksandr Syrskyj an, der seit Februar 2024 der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte war.

Mykhailo Drapatyj selbst zeigte die für ihn typische Zurückhaltung und seinen Respekt vor der institutionellen Kontinuität: „Es war mir immer eine Ehre, der Ukraine zu dienen, und während des Unabhängigkeitskrieges bedeutet es absolute Verantwortung. Ich bin dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, Oleksandr Syrskyj, für seinen konsequenten Einsatz zur Stärkung der ukrainischen Armee dankbar. Ich bin in dieser Armee groß geworden“.

Das Versprechen, verantwortungsvoll, maximal konzentriert und vor allem mit tiefem Respekt gegenüber den Menschen in Uniform  zu arbeiten, war das Leitmotiv seiner ersten Ansprache. Die Gesellschaft und die Armee erwarten jedoch vom neuen Oberbefehlshaber nicht nur die richtigen Worte, sondern auch entschlossene, manchmal unpopuläre, aber notwendige Schritte für die Front und die Modernisierung der Truppen.

FRONTGENERAL: STATIONEN SEINER KARRIERE  

Die militärische Karriere von Mychajlo Drapatyj ist ein Bespiel eines klassischen Aufstiegs von einem Kommandeur einer taktischen Gruppe bis zum Oberbefehlshaber. Geboren am 21. November 1982 in Kamjanez- Podislkyj im Gebiet Chmelnytskyj in einer Lehrerfamilie, schloss er seine Ausbildung 2004 am Charkiwer Institut der Panzertruppen ab und fing seine militärische Laufbahn als Leutnant in der 72. mechanisierten Brigade an.   

Im Jahr 2014 verwandelt sich die hybride russische Aggression in eine richtige militärische Konfrontation - in einer Phase, in der sich die ukrainischen Streitkräfte in einer noch komplexeren Lage bewähren musste. Als Kommandeur des 2. Bataillons der 72. mechanisierten Brigade erlangte Drapatyj damals Berühmtheit, als er am 9. Mai 2014 mit einem gepanzerten Mannschaftstransporter eine Straßensperre prorussischer Kräfte in Mariupol durchbrechen ließ. Mitte Juni 2014 entscheidet die ukrainische Armee die wochenlangen Kämpfe um Mariupol letztlich für sich. Das war seine erste richtige Feuertaufe.

Wie Drapatyj selbst in einem Interview mit dem Sender „Armija FM“ sagte, habe er damals nicht gezögert. Als die Kolonne gepanzerter Fahrzeuge seines Bataillons vor einer massiven Barrikade aus Fahrzeugen und Trümmern zum Stehen kommt, befiehlt er dem Fahrer seines Schützenpanzers, voll zu beschleunigen. Die Bilder des mit einer ukrainischen Fahne auf dem Dach rasenden Fahrzeugs gehen anschließend um die Welt und werden zum Symbol der Ungebrochenheit  der ukrainischen  Streitkräfte. 

Im Sommer 2014 hat sein militärisches Talent den Hunderten ukrainischen Soldaten das Leben gerettet. Damals gerieten Einheiten mehrerer Brigaden unter ständigem russischem Artilleriebeschuss in eine Umkesselung in Iswaryne an der russischen Grenze. Drapatyj  übernahm die Führung über eine kampffähige Gruppe und anstatt eines vom Feind erwarteten Rückzugs führte er rund 260 Soldaten sowie mehr als 30 Militärfahrzeuge über drei Tage hinweg aus der Umklammerung. Diese Operation zeigte die Fähigkeit von Drapatyj zu einer asymmetrischen Kriegsführung und zu einem unkonventionellen Denken.   

Die weiteren Stationen in seiner Karriere: 

- von 2016 bis 2019: Kommandeur der 58. separaten motorisierten Schützenbrigade. Auf diesem Posten leitete er Einsätze in der sogenannten Zone der „Anti-Terror-Operation“, insbesondere an den am stärksten umkämpften Frontabschnitten in den Gebieten Donezk und Luhansk, wo er sich den Ruf eines Kommandeurs erwarb, für den Schutz der Soldaten stets Priorität hat;

- Weiterbildung:  2019 schloss er mit Auszeichnung die Nationale Iwan- Tschernjachiwskyj- Universität für Verteidigung ab;

- von 2019 bis 2021: stellvertretender Kommandeur der Vereinten Kräfte, wo er für operative Planung und Koordination verschiedener Truppengattungen verantwortlich war,

- Beginn der großangelegten Invasion (2022): Mychajlo Drapatyj übernimmt das Kommando über die operative Gruppierung „Cherson“. Er wurde zu einem der Hauptarchitekten der brillanten Gegenoffensive im Süden, die in der Befreiung des rechten Ufers des Flusses Dnipro im Gebiet Cherson und der Gebietshauptstadt resultierte.

Seit Anfang 2024 hat Drapatyj den inoffiziellen Ruf eines „Feuerwehrmanns der Front“. Während der russischen Offensive im Norden des Gebiets Charkiw wurde er zum Kommandeur der operativen Gruppierung „Charkiw“ ernannt. Es gelang ihm, die Front zu stabilisieren und eine effektive vielstufige Verteidigung zu organisieren. Damit wurde der strategische Plan des Kremls zur Eroberung der Region Charkiw vereitelt. Später zeigte er sein Organisationstalent auch als Kommandeur der operativen Gruppe „Luhansk“. Und im November 2024 übernahm er Kommando über die Landstreitkräfte.   

Die Tragödie auf dem Truppenübungsplatz der 239. Ausbildungseinheit im Gebiet Dnipropetrowsk, als am 1. Juni 2025 durch einen russischen Raketenangriff zwölf Soldaten getötet und sechzig weitere verletzt wurden, war für ihn ein Wendepunkt und gleichzeitig ein Ereignis, der seinen Ruf begründet. Er versuchte nicht, die Verantwortung dafür auf seine Untergebenen abzuwälzen, was im postsowjetischen System oft noch üblich ist, sondern reichte umgehend sein Rücktrittsgesuch ein. Der Präsident Selenskyj lehnte es ab. Damals hat der Kommandeur sein Motto formuliert: „Wir werden den Krieg nicht gewinnen können, wenn wir nicht eine Armee aufbauen, wo die Ehre nicht ein Wort, sondern eine Tat bedeutet. Wo die Verantwortung keine Strafe, sondern eine Grundlage für Vertrauen ist“. Gerade diese Philosophie hebt ihn von vielen seinen Kollegen – Generälen ab.  

MEINUNG VON EXPERTEN: WARUM HAT SICH DER PRÄSIDENT FÜR DIESE KANDIDATUR ENTSCHIEDEN?

Die Entscheidung, den Oberbefehlshaber zu ersetzen, fällt nie spontan. Dem Obersten Befehlshaber lag eine Liste angesehener Kandidaten vor. Fachanalysten und Medien diskutierten intensiv über die Kandidaten, darunter Andrij Bilezki, Jewhen Apostol, Ihor Obolenski und Ihor Horbatjuk. Die Wahl des Präsidenten fiel jedoch auf Drapatyj.

Der Politikwissenschaftler Wolodymyr Fesenko merkt an, dass sich die Auswahl im Laufe der Kandidatendiskussion höchstwahrscheinlich auf zwei Personen beschränkte: Mychajlo Drapatyj und Jewhen Apostol. Den Letzteren nahmen viele als Günstling von Oleksandr Syrskyj wahr, deshalb würde eine solche Personalentscheidung als rein kosmetische Veränderung gelten, die nicht den gewünschten politischen Effekt und eine grundlegende Umstrukturierung der Führungshierarchie bewirken würde. Andere Kandidaten wiesen ihre strukturellen Schwächen auf: Bilezki galt aufgrund seiner politischen Vergangenheit und seines schwierigen Rufs bei einigen internationalen Gebern als problematisch, während Horbatjuks Kompetenzen eher für die Arbeit im Generalstab als für strategische Führung relevant waren. Gleichzeitig fügt der Politikwissenschaftler hinzu: „Ich bewerte diese Ernennung positiv. Mychajlo Drapatyj erfüllt die meisten Kriterien für diese Position. Er genießt hohes Ansehen in der Armee und verfügt über Führungserfahrung sowohl an Frontabschnitten als auch auf zentraler Ebene... Als Selenskyj Drapatyj zum neuen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ernannte, setzte er auch darauf, dass dies zumindest teilweise zur Entschärfung der politischen Spannungen um Syrskyj und Fedorow beitragen würde.“

Der militärpolitische Experte Dmytro Snegirjow beschreibt den neuen Oberbefehlshaber als einen entschlossenen Krisenmanager mit außergewöhnlichen organisatorischen Fähigkeiten. Ihm zufolge war die Fähigkeit des Generals, kritische Situationen schnell zu stabilisieren, etwa bei der Abwehr eines gefährlichen russischen Durchbruchs in der Region Charkiw oder bei effektiven Gegenoffensiven, die den Vormarsch des Feindes in Richtung Pokrowsk erheblich verlangsamten, ein entscheidender Faktor für seinen beruflichen Aufstieg. Der Experte betont sein tiefes Verständnis des Systems von innen heraus: „Drapatyj ist eine willensstarke, energische Persönlichkeit, die keine Angst vor Verantwortung hat. Er versteht die ukrainischen Streitkräfte, ihre Struktur und ihre Stärken und Schwächen sehr genau.“

Der Militärbeobachter Denis Popowytsch stellt fest, dass einer der ausschlaggebenden Faktoren für die Personalentscheidung des Staatsoberhauptes die unbestrittene Unterstützung für Drapatyjs Kandidatur sowohl in der Gesellschaft im Allgemeinen als auch insbesondere unter den Berufssoldaten war. Seine Autorität wird durch jahrelange erfolgreiche Verteidigungsoperationen gestützt, wo die Verteidigung der Nordgrenzen der Region Charkiw im Jahr 2024 nur eines von vielen herausragenden Beispielen für die strategische Reife des Offiziers ist. Popowytsch betont: „Den Namen Mychajlo Drapatyj konnte man bei den Forderungen von Demonstranten und Militär am häufigsten hören. Offensichtlich war dies ausschlaggebend für die Wahl des Präsidenten.“

Oleksandr Kowalenko, ein Militärkolumnist der Gruppe „Informationswiderstand“, stimmt zu, dass der neue Oberbefehlshaber das Renommee des „Feuerwehrmanns“ verdient. Die oberste militärisch-politische Führung hat Drapatyj mehr als einmal an die gefährlichsten und kritischsten Abschnitte der Front geschickt, um taktische Krisen zu bewältigen. Der Analytiker erinnert an die Operationen in der Richtung Kupjansk, wo der General den russischen Vorstoß auf dem Brückenkopf bei Dworitschansk gestoppt hatte, indem er das Gebiet von feindlichen Sabotagegruppen isolierte, sowie an die Operationen im Raum Dobropillja, wo die von ihm befehligten Streitkräfte nicht nur den Vorstoß der 51. Armee der Russischen Föderation gestoppt, sondern den Feind auch zurückgedrängt und stellenweise eingekesselt haben. Bei der Bewertung des politischen Kontexts der Ernennung stellt Kowalenko fest: "Der Präsident hat auf die bekannteste, kompromissreichste und gleichzeitig eine der erfahrensten Kandidaten gesetzt. Michail Drapatyj ist ein Kampfoffizier mit großer praktischer Erfahrung, zu dem es praktisch keine ernsthaften Vorwürfe oder Kritik weder vom Militär noch von der Gesellschaft gibt... Genau aus diesem Grund bewerte ich diese Ernennung äußerst positiv. Drapatyj wird dem Maß der Verantwortung, das das Amt des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine mit sich bringt, voll und ganz gerecht.“

Der ehemalige Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) und Militärexperte Iwan Stupak stellt offen fest, dass die politische Führung des Staates die Krisensituation, die zum Wechsel des Oberbefehlshabers führte, weitgehend selbst herbeigeführt hat. Der Ausweg aus den politischen Turbulenzen durch Drapatyas Ernennung erwies sich jedoch als äußerst würdig und rechtzeitig. Gleichzeitig ruft Stupak zum Pragmatismus auf: „Ich bewerte die Entscheidung bezüglich Mykhailo Drapaty äußerst positiv. Er ist eine absolut geeignete Kandidatur. Gleichzeitig sollte man sich keine Idole schaffen. In der Ukraine neigt man sehr dazu, übertriebene Erwartungen an eine einzelne Person zu stellen: Man denkt, jetzt kommt ein neuer Befehlshaber – und alles wird sich schlagartig ändern. „Aber Drapatyj ist nur ein Mensch. Er verfügt weder über magische Fähigkeiten noch über Superkräfte. Dennoch ist es unsere Aufgabe, ihn so gut wie möglich zu unterstützen.“

ZENTRALE HERAUSFORDERUNGEN: REALITÄT AN DER FRON UND INSTITUTIONELLER SUMPF

Die „Flitterwochen“ nach der Ernennung sind traditionell kurz. Mychailo Drapatyj, wie zu seiner Zeit und Oleksandr Syrskyj, leitet die Streitkräfte in einer äußerst schwierigen Zeit. Syrskyj übernahm das Kommando nach der gescheiterten Sommer-Gegenoffensive im Jahr 2023, während Drapatyj sein Amt vor dem Hintergrund eines akuten Personalmangels in der Ukraine und einer erwarteten Verschärfung der Mobilisierungsmaßnahmen in Russland antrat.

Doch damit ist die Liste der Herausforderungen noch nicht zu Ende.

Oleksandr Kowalenko ist der Ansicht, dass der Widerstand des alten Systems, insbesondere seitens des Teams des früheren Oberbefehlshabers, der an andere Führungsstandards gewöhnt ist und eine Modernisierung möglicherweise nicht besonders begrüßt, ein ernsthaftes Hindernis für die Umsetzung neuer Ansätze darstellen könnte. Ebenso entscheidend ist die Abstimmung mit dem Verteidigungsministerium, da das Versorgungssystem das Kreislaufsystem der Armee ist. Was die unmittelbaren militärischen Bedrohungen angeht, achtet Kowalenko besonders auf die Situation in Slawjansk-Kramatorsk, wo der Feind eine schleichende Initiative beibehält und wo ein strategisches Umdenken in der Verteidigung erforderlich ist.

Dmytro Snehirjow betont zudem, dass der neue Armeechef vor der Aufgabe stehen wird, die am stärksten umkämpften Abschnitte an der Front bei Donezk zu stabilisieren. Der Experte prognostiziert zudem erheblichen Druck von außen in Form von Informationsangriffen, wie es bei seinen Vorgängern der Fall war, und betont die kritische Notwendigkeit, dass Drapatyj einen eigenen Führungskern ohne Einmischung von außen ins Leben ruft. Snehirjow weist direkt auf die Hauptbedingung für seine Wirksamkeit hin: „Der Schlüsselfaktor ist, ob der neue Chef ein eigenes Team bilden und die notwendigen Veränderungen im Generalstab, dem System der Planung und direkten Verwaltung von Kampfhandlungen durchführen kann“.

Denis Popowytsch stellt fest, dass die grundlegenden strategischen Bedrohungen unverändert bestehen: Es ist notwendig, eine starke, mehrstufige Verteidigung in der Region Donezk aufzubauen und sich auf mögliche Eskalation vorzubereiten. Popowytsch merkt an: „Die Herausforderungen sind dieselben wie damals für Oleksandr Syrskyj. Insbesondere müssen wir uns darauf vorbereiten, einen möglichen russischen Vorstoß im Norden der Region Tschernihiw abzuwehren … weiter die Richtung Kupjansk, unsere Angriffe auf Russland und die besetzten Gebiete sowie Offensivaktionen im Süden“.


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