Drapatyj übernimmt Kommando über Streitkräfte der Ukraine: Wichtigste Herausforderungen für neuen Oberbefehlshaber
Am 21. Juli gab Präsident Wolodymyr Selenskyj offiziell die Ernennung von Generalmajor Mykhailo Drapaty zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine bekannt.
In diesem äußerst verantwortungsvollen Posten trat er die Nachfolge von Oleksandr Syrskyj an, der seit Februar 2024 der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte war.
Mykhailo Drapatyj selbst zeigte die für ihn typische Zurückhaltung und seinen Respekt vor der institutionellen Kontinuität: „Es war mir immer eine Ehre, der Ukraine zu dienen, und während des Unabhängigkeitskrieges bedeutet es absolute Verantwortung. Ich bin dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, Oleksandr Syrskyj, für seinen konsequenten Einsatz zur Stärkung der ukrainischen Armee dankbar. Ich bin in dieser Armee groß geworden“.
Das Versprechen, verantwortungsvoll, maximal konzentriert und vor allem mit tiefem Respekt gegenüber den Menschen in Uniform zu arbeiten, war das Leitmotiv seiner ersten Ansprache. Die Gesellschaft und die Armee erwarten jedoch vom neuen Oberbefehlshaber nicht nur die richtigen Worte, sondern auch entschlossene, manchmal unpopuläre, aber notwendige Schritte für die Front und die Modernisierung der Truppen.

FRONTGENERAL: STATIONEN SEINER KARRIERE
Die militärische Karriere von Mychajlo Drapatyj ist ein Bespiel einer klassischen militärischen Karriere: in der Armee durchlief alle Offiziersränge von einem Kommandeur einer taktischen Gruppe bis zum Oberbefehlshaber. Geboren am 21. November 1982 in Kamjanez- Podislkyj im Gebiet Chmelnytskyj in einer Lehrerfamilie, schloss er seine Ausbildung 2004 am Charkiwer Institut der Panzertruppen ab und fing seine militärische Laufbahn als Leutnant in der 72. mechanisierten Brigade an.
Im Jahr 2014 verwandelt sich die hybride russische Aggression in eine richtige militärische Konfrontation - in einer Phase, in der sich die ukrainischen Streitkräfte in einer noch komplexeren Lage bewähren musste. Als Kommandeur des 2. Bataillons der 72. mechanisierten Brigade erlangte Drapatyj damals Berühmtheit, als er am 9. Mai 2014 mit einem gepanzerten Mannschaftstransporter eine Straßensperre prorussischer Kräfte in Mariupol durchbrechen ließ. Mitte Juni 2014 entscheidet die ukrainische Armee die wochenlangen Kämpfe um Mariupol letztlich für sich. Das war seine erste richtige Feuertaufe.
Wie Drapatyj selbst in einem Interview mit dem Sender „Armija FM“ sagte, habe er damals nicht gezögert. Als die Kolonne gepanzerter Fahrzeuge seines Bataillons vor einer massiven Barrikade aus Fahrzeugen und Trümmern zum Stehen kommt, befiehlt er dem Fahrer seines Schützenpanzers, voll zu beschleunigen. Die Bilder des mit einer ukrainischen Fahne auf dem Dach rasenden Fahrzeugs gehen anschließend um die Welt und werden zum Symbol der Ungebrochenheit der ukrainischen Streitkräfte.
Im Sommer 2014 hat sein militärisches Talent den Hunderten ukrainischen Soldaten das Leben gerettet. Damals gerieten Einheiten mehrerer Brigaden unter ständigem russischem Artilleriebeschuss in eine Umkesselung in Iswaryne an der russischen Grenze. Drapatyj übernahm die Führung über eine kampffähige Gruppe und anstatt eines vom Feind erwarteten Rückzugs führte er rund 260 Soldaten sowie mehr als 30 Militärfahrzeuge über drei Tage hinweg aus der Umklammerung. Diese Operation zeigte die Fähigkeit von Drapatyj zu einer asymmetrischen Kriegsführung und zu einem unkonventionellen Denken.

Die weiteren Stationen in seiner Karriere:
- von 2016 bis 2019: Kommandeur der 58. separaten motorisierten Schützenbrigade. Auf diesem Posten leitete er Einsätze in der sogenannten Zone der „Anti-Terror-Operation“, insbesondere an den am stärksten umkämpften Frontabschnitten in den Gebieten Donezk und Luhansk, wo er sich den Ruf eines Kommandeurs erwarb, für den Schutz der Soldaten stets Priorität hat;
- Weiterbildung: 2019 schloss er mit Auszeichnung die Nationale Iwan- Tschernjachiwskyj- Universität für Verteidigung ab;
- von 2019 bis 2021: stellvertretender Kommandeur der Vereinten Kräfte, wo er für operative Planung und Koordination verschiedener Truppengattungen verantwortlich war,
- Beginn der großangelegten Invasion (2022): Mychajlo Drapatyj übernimmt das Kommando über die operative Gruppierung „Cherson“. Er wurde zu einem der Hauptarchitekten der brillanten Gegenoffensive im Süden, die in der Befreiung des rechten Ufers des Flusses Dnipro im Gebiet Cherson und der Gebietshauptstadt resultierte.
Seit Anfang 2024 hat Drapatyj den inoffiziellen Ruf eines „Feuerwehrmanns der Front“. Während der russischen Offensive im Norden des Gebiets Charkiw wurde er zum Kommandeur der operativen Gruppierung „Charkiw“ ernannt. Es gelang ihm, die Front zu stabilisieren und eine effektive vielstufige Verteidigung zu organisieren. Damit wurde der strategische Plan des Kremls zur Eroberung der Region Charkiw vereitelt. Später zeigte er sein Organisationstalent auch als Kommandeur der operativen Gruppe „Luhansk“. Und im November 2024 übernahm er Kommando über die Landstreitkräfte.
Die Tragödie auf dem Truppenübungsplatz der 239. Ausbildungseinheit im Gebiet Dnipropetrowsk, als am 1. Juni 2025 durch einen russischen Raketenangriff zwölf Soldaten getötet und sechzig weitere verletzt wurden, war für ihn ein Wendepunkt und gleichzeitig ein Ereignis, der seinen Ruf begründet. Er versuchte nicht, die Verantwortung dafür auf seine Untergebenen abzuwälzen, was im postsowjetischen System oft noch üblich ist, sondern reichte umgehend sein Rücktrittsgesuch ein. Der Präsident Selenskyj lehnte es ab. Damals hat der Kommandeur sein Motto formuliert: „Wir werden den Krieg nicht gewinnen können, wenn wir nicht eine Armee aufbauen, wo die Ehre nicht ein Wort, sondern eine Tat bedeutet. Wo die Verantwortung keine Strafe, sondern eine Grundlage für Vertrauen ist“. Gerade diese Philosophie hebt ihn von vielen seinen Kollegen – Generälen ab.
MEINUNG VON EXPERTEN: WARUM HAT SICH DER PRÄSIDENT FÜR DIESE KANDIDATUR ENTSCHIEDEN?
Die Entscheidung, den Oberbefehlshaber zu ersetzen, fällt nie spontan. Dem Obersten Befehlshaber lag eine Liste angesehener Kandidaten vor. Fachanalysten und Medien diskutierten intensiv über die Kandidaten, darunter Andrij Bilezki, Jewhen Apostol, Ihor Obolenski und Ihor Horbatjuk. Die Wahl des Präsidenten fiel jedoch auf Drapatyj.
Der Politikwissenschaftler Wolodymyr Fesenko merkt an, dass sich die Auswahl im Laufe der Kandidatendiskussion höchstwahrscheinlich auf zwei Personen beschränkte: Mychajlo Drapatyj und Jewhen Apostol. Den Letzteren nahmen viele als Günstling von Oleksandr Syrskyj wahr, deshalb würde eine solche Personalentscheidung als rein kosmetische Veränderung gelten, die nicht den gewünschten politischen Effekt und eine grundlegende Umstrukturierung der Führungshierarchie bewirken würde. Andere Kandidaten wiesen ihre strukturellen Schwächen auf: Bilezki galt aufgrund seiner politischen Vergangenheit und seines schwierigen Rufs bei einigen internationalen Gebern als problematisch, während Horbatjuks Kompetenzen eher für die Arbeit im Generalstab als für strategische Führung relevant waren. Gleichzeitig fügt der Politikwissenschaftler hinzu: „Ich bewerte diese Ernennung positiv. Mychajlo Drapatyj erfüllt die meisten Kriterien für diese Position. Er genießt hohes Ansehen in der Armee und verfügt über Führungserfahrung sowohl an Frontabschnitten als auch auf zentraler Ebene... Als Selenskyj Drapatyj zum neuen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ernannte, setzte er auch darauf, dass dies zumindest teilweise zur Entschärfung der politischen Spannungen um Syrskyj und Fedorow beitragen würde.“
Der militärpolitische Experte Dmytro Snegirjow beschreibt den neuen Oberbefehlshaber als einen entschlossenen Krisenmanager mit außergewöhnlichen organisatorischen Fähigkeiten. Ihm zufolge war die Fähigkeit des Generals, kritische Situationen schnell zu stabilisieren, etwa bei der Abwehr eines gefährlichen russischen Durchbruchs in der Region Charkiw oder bei effektiven Gegenoffensiven, die den Vormarsch des Feindes in Richtung Pokrowsk erheblich verlangsamten, ein entscheidender Faktor für seinen beruflichen Aufstieg. Der Experte betont sein tiefes Verständnis des Systems von innen heraus: „Drapatyj ist eine willensstarke, energische Persönlichkeit, die keine Angst vor Verantwortung hat. Er versteht die ukrainischen Streitkräfte, ihre Struktur und ihre Stärken und Schwächen sehr genau.“

Der Militärbeobachter Denis Popowytsch stellt fest, dass einer der ausschlaggebenden Faktoren für die Personalentscheidung des Staatsoberhauptes die unbestrittene Unterstützung für Drapatyjs Kandidatur sowohl in der Gesellschaft im Allgemeinen als auch insbesondere unter den Berufssoldaten war. Seine Autorität wird durch jahrelange erfolgreiche Verteidigungsoperationen gestützt, wo die Verteidigung der Nordgrenzen der Region Charkiw im Jahr 2024 nur eines von vielen herausragenden Beispielen für die strategische Reife des Offiziers ist. Popowytsch betont: „Den Namen Mychajlo Drapatyj konnte man bei den Forderungen von Demonstranten und Militär am häufigsten hören. Offensichtlich war dies ausschlaggebend für die Wahl des Präsidenten.“
Oleksandr Kowalenko, ein Militärkolumnist der Gruppe „Informationswiderstand“, stimmt zu, dass der neue Oberbefehlshaber das Renommee des „Feuerwehrmanns“ verdient. Die oberste militärisch-politische Führung hat Drapatyj mehr als einmal an die gefährlichsten und kritischsten Abschnitte der Front geschickt, um taktische Krisen zu bewältigen. Der Analytiker erinnert an die Operationen in der Richtung Kupjansk, wo der General den russischen Vorstoß auf dem Brückenkopf bei Dworitschansk gestoppt hatte, indem er das Gebiet von feindlichen Sabotagegruppen isolierte, sowie an die Operationen im Raum Dobropillja, wo die von ihm befehligten Streitkräfte nicht nur den Vorstoß der 51. Armee der Russischen Föderation gestoppt, sondern den Feind auch zurückgedrängt und stellenweise eingekesselt haben. Bei der Bewertung des politischen Kontexts der Ernennung stellt Kowalenko fest: "Der Präsident hat auf die bekannteste, kompromissreichste und gleichzeitig eine der erfahrensten Kandidaten gesetzt. Michail Drapatyj ist ein Kampfoffizier mit großer praktischer Erfahrung, zu dem es praktisch keine ernsthaften Vorwürfe oder Kritik weder vom Militär noch von der Gesellschaft gibt... Genau aus diesem Grund bewerte ich diese Ernennung äußerst positiv. Drapatyj wird dem Maß der Verantwortung, das das Amt des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine mit sich bringt, voll und ganz gerecht.“

Der ehemalige Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) und Militärexperte Iwan Stupak stellt offen fest, dass die politische Führung des Staates die Krisensituation, die zum Wechsel des Oberbefehlshabers führte, weitgehend selbst herbeigeführt hat. Der Ausweg aus den politischen Turbulenzen durch Drapatyas Ernennung erwies sich jedoch als äußerst würdig und rechtzeitig. Gleichzeitig ruft Stupak zum Pragmatismus auf: „Ich bewerte die Entscheidung bezüglich Mykhailo Drapaty äußerst positiv. Er ist eine absolut geeignete Kandidatur. Gleichzeitig sollte man sich keine Idole schaffen. In der Ukraine neigt man sehr dazu, übertriebene Erwartungen an eine einzelne Person zu stellen: Man denkt, jetzt kommt ein neuer Befehlshaber – und alles wird sich schlagartig ändern. „Aber Drapatyj ist nur ein Mensch. Er verfügt weder über magische Fähigkeiten noch über Superkräfte. Dennoch ist es unsere Aufgabe, ihn so gut wie möglich zu unterstützen.“
ZENTRALE HERAUSFORDERUNGEN: REALITÄT AN DER FRON UND INSTITUTIONELLER SUMPF
Die „Flitterwochen“ nach der Ernennung sind traditionell kurz. Mychailo Drapatyj, wie zu seiner Zeit und Oleksandr Syrskyj, leitet die Streitkräfte in einer äußerst schwierigen Zeit. Syrskyj übernahm das Kommando nach der gescheiterten Sommer-Gegenoffensive im Jahr 2023, während Drapatyj sein Amt vor dem Hintergrund eines akuten Personalmangels in der Ukraine und einer erwarteten Verschärfung der Mobilisierungsmaßnahmen in Russland antrat.
Doch damit ist die Liste der Herausforderungen noch nicht zu Ende.
Oleksandr Kowalenko ist der Ansicht, dass der Widerstand des alten Systems, insbesondere seitens des Teams des früheren Oberbefehlshabers, der an andere Führungsstandards gewöhnt ist und eine Modernisierung möglicherweise nicht besonders begrüßt, ein ernsthaftes Hindernis für die Umsetzung neuer Ansätze darstellen könnte. Ebenso entscheidend ist die Abstimmung mit dem Verteidigungsministerium, da das Versorgungssystem das Kreislaufsystem der Armee ist. Was die unmittelbaren militärischen Bedrohungen angeht, achtet Kowalenko besonders auf die Situation in Slawjansk-Kramatorsk, wo der Feind eine schleichende Initiative beibehält und wo ein strategisches Umdenken in der Verteidigung erforderlich ist.
Dmytro Snehirjow betont zudem, dass der neue Armeechef vor der Aufgabe stehen wird, die am stärksten umkämpften Abschnitte an der Front bei Donezk zu stabilisieren. Der Experte prognostiziert zudem erheblichen Druck von außen in Form von Informationsangriffen, wie es bei seinen Vorgängern der Fall war, und betont die kritische Notwendigkeit, dass Drapatyj einen eigenen Führungskern ohne Einmischung von außen ins Leben ruft. Snehirjow weist direkt auf die Hauptbedingung für seine Wirksamkeit hin: „Der Schlüsselfaktor ist, ob der neue Chef ein eigenes Team bilden und die notwendigen Veränderungen im Generalstab, dem System der Planung und direkten Verwaltung von Kampfhandlungen durchführen kann“.

Denis Popowytsch stellt fest, dass die grundlegenden strategischen Bedrohungen unverändert bestehen: Es ist notwendig, eine starke, mehrstufige Verteidigung in der Region Donezk aufzubauen und sich auf mögliche Eskalation vorzubereiten. Popowytsch merkt an: „Die Herausforderungen sind dieselben wie damals für Oleksandr Syrskyj. Insbesondere müssen wir uns darauf vorbereiten, einen möglichen russischen Vorstoß im Norden der Region Tschernihiw abzuwehren … weiter die Richtung Kupjansk, unsere Angriffe auf Russland und die besetzten Gebiete sowie Offensivaktionen im Süden“.
Iwan Stupak ruft zur Objektivität auf und betont, dass der Vorgänger von Drapatyj trotz aller Kritik in den Medien alles andere als inkompetent war und positive Ergebnisse unter den vorgegebenen objektiven Umständen erzielte. Zugleich stimmt der Experte zu, dass der neue Oberbefehlshaber die interne korporative Kultur des Heeres radikal verändern soll. „Die erste Priorität für Drapatyj sind die Personalfragen. Ohne ein starkes Team wird sogar der beste Chef kaum etwas verändern können…Kommandeure, die Soldaten schlecht behandeln, müssen entlassen werden, und wenn es dazu entsprechende Gründe gibt, auch zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen werden. Dies würde helfen, die gesellschaftliche Spannung zumindest teilweise abzubauen“.
Eine ähnliche Meinung äußert auch Wolodymyr Fesenko. Er betont, dass die ukrainische Gesellschaft und internationale Partner eine scharfe Reaktion auf Skandale in der Armee, wie zum Beispiel der Vorfall im „Skelja- Regiment“, erwarten. „Die Skandale haben dem Ruf von Syrskyj geschadet und sollen sich unter Drapatyj nicht wiederholen. Es sollen viele interne Probleme, wegen derer Syrskyj oft unter Kritik stand, gelöst werden… Aber die größte Herausforderung sowohl für Drapatyj, als auch für den Präsidenten Selenskyj und das Land im Ganzen ist die Mobilisierung“, fügt Fesenko hinzu.
VORDRINGLICHE AUFGABEN UND ERWARTUNGEN: ZWISCHEN MILITÄRISCHEM PRAGMATISMUS UND HOFFNUNGEN DER GESELLSCHAFT
Wie Iwan Stupak betont, der Gesellschaft gehe es heutzutage in erster Linie um Minimierung der Verluste an der Front. Dies könne und müsse durch einen aktiven Einsatz neuester Technologien, vor allem unbemannter Systeme und autonomer Plattformen anstatt risikoreicher Infanterieangriffe erreicht werden. Nicht weniger dringend sei die Frage von Humanisierung der Mobilmachung. Nach der Meinung des Experten sollte man auf aggressives Vorgehen und illegale Methoden bei der Rekrutierung verzichten. Den Wehrpflichtigen solle hingegen eine Möglichkeit gewährt werden, innerhalb einer festen Frist (5 bis 7 Tage) alle Angelegenheiten zu erledigen, bevor man sie zu einem Trainigszentrum schickt.
Was die Armee selbst angehe, so stehe für die an erster Stelle die Überwindung der institutionellen Trägheit, insbesondere der übermäßigen Bürokratie. „Das ist eine der Probleme, die vom Militär ständig angesprochen wird… Gleichzeitig soll man sich im Klaren sein, dass die Umsetzung vieler von diesen Veränderungen nicht nur vom Oberbefehlshaber abhängt…. Gerade das Dreieck Präsident- Verteidigungsminister- Oberbefehlshaber muss als Team zusammenarbeiten“, betont Stupak.
Olexandr Kowalenko meint, dass der neuernannte Oberbefehlshaber in der nächsten Zeit vor einem schwierigen Problem der gesellschaftlichen Akzeptanz stehen werde. Obwohl die Mobilisierung und die Arbeit von Einberufungsämtern zu den Kompetenzen des Verteidigungsministeriums gehören, werde gerade Drapatyj mögliche Kritik in den Medien und negative Reaktionen hinnehmen müssen..
Angesichts der Entwicklungen an der Front befinde sich die Ukraine derzeit in einem gewissen „window of opportunity“ infolge einer Erschöpfung des russischen Offensivpotentials, was es den ukrainischen Streitkräften ermögliche, Gegenoffensiven zu starten. „Diese Gelegenheit muss man maximal effektiv nutzen, bevor Russland eine neue Mobilisierungswelle startet. Sollte es dazu kommen, werden derer Auswirkungen auf dem Schlachtfeld bereits Ende 2026 - Anfang 2027 spürbar sein. Deswegen ist es momentan sehr wichtig, das Potential des Feindes maximal zu schwächen“.
Nach der Meinung von Wolodymyr Fesenko verbinde die ukrainische Gesellschaft mit dem neuen Oberbefehlshaber vor allem Hoffnungen auf den Erhalt der Erfahrung, welche die ukrainische Armee in den vergangenen Jahren blutiger Kämpfe erworben habe, sowie eine Überwindung von Problemen, die unter seinem Vorgänger Syrskyj entstanden.
Denys Popowytsch ruft die Ukrainer dazu auf, Entwicklungen im militärischen Bereich realistisch und nüchtern zu betrachten. Die Armee sei demnach ein gigantischer Mechanismus, in dem Veränderungen nicht wie mit Zauberschlag stattfinden. Er macht dabei eine sehr nüchterne Prognose: „Uns erwartet eine neue Mobilisierung, Fortsetzung des Krieges und harte Arbeit. Drapatyj hat kein magisches Elixier, welches uns morgen einen Sieg herzaubern wird. Änderungen in der Armee, die von ihm erwartet werden, bedürfen Zeit, Geduld und Anstrengungen“.
DER FEIND SCHÄUMT: REAKTIONEN RUSSISCHER PROPAGANDISTEN
Die Professionalität der ukrainischen Militärführung lässt sich manchmal besser durch das Prisma russischer Medien bewerten. Die sogenennen „Militärblogger“ und offizielle, vom Kreml kontrollierte Medien reagierten auf die Ernennung von Drapatyj besorgt bis hysterisch. Den Besatzern ist es bewusst, dass an der Spitze der ukrainischen Streitkräfte nun ein Kommandeur steht, der derer Pläne auf dem Schlachtfeld seit Frühjahr 2014 systemisch ruiniert.
Es hat eine gewisse Ironie, dass das Untersuchungskomitee Russlands den ukrainischen General auf die Fahndungsliste gesetzt hat. Ihm wird vorgeworfen, sein souveränes Land gegen russische Aggression verteidigt zu haben. Das ist nicht nur ein sinnloser rechtlicher Akt des Aggressorstaates, sondern eher die höchste Anerkennung für militärisches Talent von Drapatyj. Die Nachrichtenagentur TASS hat sofort nach seiner Ernennung geschrieben: „Der neuernannte Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte Drapatyj ist in Russland zur Fahndung ausgeschrieben worden… Nach Angaben der Ermittlungsbehörden übte er in den Jahren 2017 und 2019 Oberkommando über die Operationen der ukrainischen Streitkräfte aus".
Eine überwiegende Mehrheit der russischen Militärblogger sieht die Zukunft pessimistisch. Der Z- Blogger „Wojewoda“ schreibt: „Das ist schlecht für uns. Er hasst uns, und er hasst uns offen“, ...diese Ansicht teilt auch der andere russische Propagandist Romanov Light: , „Selenskyj entlässt den Oberbefehlshaber Syrskyj. Das war ein Analog für unseren Gerassimow. Und das ist schlecht für uns“.
Ein weiteres Sprachrohr der russischen Propaganda, Jurij Podoljaka, weist auf die beeindruckende Karriere und den Hintergrund von Drapatyj sowie ruft dabei seine Kollegen dazu auf, möglichst weniger darüber zu schreiben, um keine Panik unter den russischen Soldaten zu schüren. „Drapatyj ist erst 43 Jahre alt. Und er hat diesen Krieg als Bataillonskommandeur begonnen!!! Das sind schlechte Nachrichten für uns. Ein General, der in Kriegszeiten aufgestiegen ist und den Krieg versteht, ist ein sehr ernstzunehmender Gegner“, bemerkte Podoljaka. Während die ukrainische Gesellschaft den neuen Armeechef begrüßt, gibt die russische Propaganda offen zu, das ihr Land mit einem strategischen Problem konfrontiert wird und prognostiziert, dass Russland „beschissene Zeiten“ bevorstehen.
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Mit der Ernennung von Generalmajor Mykhailo Drapatyj zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine setzte der Präsident auf einen Kampffeldoffizier der neuen Generation, der nicht von sowjetischen Traditionen belastet ist und seine Fähigkeit unter Beweis gestellt hat, Truppen in Krisensituationen effektiv zu führen. Seine Erfahrung, seine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und sein Respekt vor dem menschlichen Leben bieten jedoch eine Chance für einen Neustart des Armeesystems. Sein Erfolg in diesem Amt wird nicht nur von seinem militärischen Talent abhängen, sondern auch davon, wie sehr die politische Führung des Staates und die Gesellschaft als Ganzes bereit sein werden, schmerzhafte, aber notwendige Veränderungen in den Streitkräften zu unterstützen. Die Armee erwartet Gerechtigkeit und Innovationen, der Feind erwartet Probleme – und nun ist es die Aufgabe von Mykhailo Drapatyj, beide Erwartungen zu erfüllen.
Myroslav Liskovych. Kyjiw