Wie wir Deutschen plötzlich alle Ukrainer geworden sind

Wie wir Deutschen plötzlich alle Ukrainer geworden sind

Ukrinform Nachrichten
Russischer Angriffskrieg löst Schock in Deutschland aus

Berliner Politik- und Wirtschaftsjournalist, Sebastian Becker, hat einen Artikel extra für Ukrinform geschrieben

Der Angriff auf die Ukraine hat uns Deutsche vollkommen verändert. Auf einmal blicken wir nach Osten, wohin wir früher noch nie geschaut haben. Unsere Regierung macht innerhalb von Wochen gegenüber Russland eine historische Kehrtwende, die früher undenkbar schien. Und viele Deutschen leiden mit den Ukrainerinnen und Ukrainern mit und wollen ihnen unbedingt helfen.

Noch Anfang Februar hat in Deutschland niemand an die Ukraine gedacht. „Schreib doch nicht so viel über Osteuropa“, haben mir die Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen immer wieder gesagt. Artikel über Russland, Polen, die Ukraine und andere Länder aus dem Osten des Kontinents würden einfach kaum gelesen. Die Deutschen wollten halt nur Themen aus den USA, den westlichen Staaten oder aus China haben, so die lapidare Begründung. Die Ukraine liege für uns halt irgendwo weit weg im Osten. Niemand in Deutschland kenne das Land überhaupt, meinten die Kollegen.

Wie groß die Ignoranz schon immer gewesen ist, wird auch daran deutlich, dass die ARD - die größte deutsche TV-Station - bisher nur einen einzigen Korrespondenten hat, der sich mit ganz Osteuropa und Zentralasien beschäftigt. Und der Kollege sitzt in Moskau und berichtet überwiegend über Russland. Die Ukraine als einzelnes Land hat bei uns in den vergangenen 30 Jahren in der Berichterstattung nie eine besondere Rolle gespielt.

Doch seit dem 24. Februar 2022 ist das vollkommen anders. Russland hat mit seinem unerwarteten Angriffskrieg auf die Ukraine bei uns Deutschen einen Schock ausgelöst, der tief sitzt. Auf einmal interessieren sich alle für das Land – und das aus einem einfachen Grund: Fast die Hälfte der Deutschen hat Angst, dass die militärischen Auseinandersetzungen zu einem „dritten Weltkrieg“ führen könnten – und wir damit direkt hineingezogen werden. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der deutschen TV-Stationen RTL und n-tv hervor. Es ist das erste Mal nach dem Mauerfall, dass Deutsche befürchten, sie würden von Russland überfallen. Kaum jemand in Deutschland hat in den vergangenen drei Jahrzehnten gedacht, es könne zu ernsten Auseinandersetzungen zwischen der NATO und Russland kommen.

Doch auf einmal macht sich ein ungünstiges Gefühl und eine Angst breit, die wir in dieser Form noch nie so hatten. In den Talkshows analysieren unsere Experten die möglichen Ursachen für den Angriff von Putin. „Die Völker, die in der Nachbarschaft Russlands liegen, leben schon immer mit der Angst, sie könnten überfallen werden“, sagen sie. Es ist das erste Mal, dass ich dieses Verständnis für die Ukrainer, Polen und andere osteuropäische Völker so deutlich gehört habe.

Außenministerin attackiert Putin hart – und will russische Energielieferungen einstellen

Eine ganz wichtige Rolle spielt unsere neue Außenministerin Annalena Baerbock, die dem russische Präsidenten Wladimir Putin sehr harte Worte an den Kopf geschmissen hat. Sie wirft ihm „Lügen“ vor. Wenn man wie Putin bereit sei, das Leben „von Kindern, Frauen und Männern aufs Spiel zu setzen, um seine Wahnvorstellungen durchzusetzen, dann ist das menschenverachtend", sagte sie. Nun sei es wichtig, geschlossen zu sagen: „Wir akzeptieren das nicht als Weltgemeinschaft“, so Baerbock.

Solche scharfen Töne hat in den vergangenen 30 Jahren noch nie ein deutscher Außenminister gegenüber einem russischen Präsidenten angeschlagen. Aus historischen Gründen waren unsere Politiker gegenüber Russland immer sehr vorsichtig. Dabei spielen auch wirtschaftliche Interessen eine wichtige Rolle, weil unsere Regierung das Gas und das Erdöl aus Russland braucht.

Und auch dies soll sich nach dem Willen von Baerbock ändern: „Deutschland will den nationalen Komplett-Ausstieg aus fossiler russischer Energieabhängigkeit“, sagte die Ministerin auf einer Konferenz des Außenministeriums in Berlin. „Man kann das auch ein nationales schrittweises Öl-Embargo nennen“, so die Politikerin.

Unsere Politiker machen geschlossen gegenüber Russland eine Kehrtwendung in die andere Richtung. Und dabei spielen die Emotionen eine riesige Rolle.

Sogar die Linke, die alten Kommunisten als der DDR, verurteilen die Attacke auf die Ukraine als „verbrecherischen Angriff, ohne Wenn und Aber“. In der Vergangenheit haben sie sehr oft die EU und die NATO kritisiert, um sich bewusst gegenüber den anderen Parteien abzugrenzen, die oft von den westdeutschen Politikern dominiert werden. Doch sogar bei Ihnen ist jetzt ein Schock zu spüren, dass Putin auf einmal zu den Waffen greift.

Die Kehrtwendung in unserer Politik gegenüber Russland wird ausgerechnet von Baerbock eingeleitet. Sie ist eine zierliche Frau, die 41 Jahre alt und nur 1,60 Meter groß ist. Kein Mensch in Deutschland hat sie vorher gekannt. Viele meiner Journalistenkollegen haben sie früher belächelt und kritisiert, dass sie das Amt doch gar nicht führen könne. Dass ausgerechnet sie als erstes deutsche Regierungsmitglied den Mut hat, Russland verbal so hart anzugreifen, gibt dem Ganzen einen interessanten Beigeschmack.

Der russische Angriff auf die Ukraine ist ein direkter Angriff auf uns. Auf einmal spüren wir den Krieg direkt – etwas, was vorher kaum jemand so richtig empfunden hat. Ich habe auf dem Bahnhof zufällig Anna Szewczenko mit ihren beiden Töchtern getroffen. Sie waren gerade aus Charkiw geflüchtet und sind seit Tagen unterwegs. Ihr Ziel: Bekannte in Dortmund, die bereit waren, sie aufzunehmen.

„Um 5 Uhr morgens waren plötzlich die russischen Panzer vor der Stadt“, hat mir Anna gesagt, die als Krankenschwester arbeitet. Keiner habe damit gerechnet, erzählte sie. „Wir Frauen durften fliehen, doch mein Mann, ein Informatiker, musste bleiben, um das Land zu verteidigen“, so die 45jährige. „Und wie macht er das?“, fragte ich. „Kann er als Informatiker mit einem Gewehr umgehen?“ „Nein, das kann er nicht“, fügte sie hinzu. „Doch wir müssen uns gegen Putin verteidigen, der ist verrückt und will die ganze Welt erobern“, sagte sie. Ich tippte an meine Stirn und meinte: „Das ist ja crazy.“ „Ja, das ist crazy“, erklärte auch Anna.

Und da war der Krieg auch plötzlich bei mir. Und das habe ich auch sofort meiner Mutter erzählt, die in Berlin-Zehlendorf wohnt. „Stell dir mal vor, auf der Glienicker Brücke nach Potsdam stehen plötzlich russische Soldaten und du, die Frau meines Bruders und meine Nichten müssten nach Frankreich fliehen“, sagte ich. Der Bezirk liegt im Südwesten Berlins, hat 100.000 Einwohner und grenzt an Potsdam. Die Glienicker Brücke ist eine sehr wichtige Verbindung nach Brandenburg, die viele Zehlendorfer nutzen, wenn sie Ausflüge ins Umland mache. „Stell dir, dann ruft die Bundeswehr und an, gibt meinem Bruder Sven und mir eine Knarre in die Hand, um Deutschland zu verteidigen“, erzähle ich weiter. „Oje, das ist ein Irrsinn, den sich keiner vorstellen kann, doch er ist leider wahr.“

Und da wir den Konflikt in der Ukraine so am eigenen Leib spüren, haben unsere lokalen Politiker auch sofort reagiert. Der Bezirk Zehlendorf veranstaltet jetzt Anfang April in einer Kirche ein Konzert für die Stadt Charkiw, aus der Anna und ihre Töchter stammen. Im Januar hat kein Mensch in Zehlendorf an die Ukraine gedacht. Doch jetzt wird sogar Sonderveranstaltung für die Menschen aus Osteuropa organisiert, die derzeit so furchtbar leiden. Und wir Deutschen leiden mit ihnen. Die Einnahmen aus dem Konzert wird an die Opfer des Krieges gehen.

„Die ukrainischen Flüchtlinge sind sehr diszipliniert“

Überall hängen ukrainische Fahren aus den Häusern. Unsere Medien kennen rund um die Uhr nur das eine Thema. Und ständig werden auf den Bildschirmen die Schicksale von Ukrainerinnen und Ukrainern gezeigt, die versuchen, mit dem Irrsinn zu leben, der da auf sie hineingebrochen ist.

Dazu gehört Yasja Stepanenko, die ebenso aus Charkiw mit ihrer Mutter geflohen ist. Zuhause spielt sie Geige, wie „das Morgenmagazin“ von ARD und ZDF berichtet. Das Berliner Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium nimmt das Mädchen auf – eine Eliteschule für Hochbegabte. Die Sendung zählt populärsten Morgenmagazinen in Deutschland. Jeden Morgen wird eine Geschichte über die Ukraine erzählt.

„Die ukrainischen Flüchtlinge sind sehr diszipliniert“, finden viele Deutsche. „Sie sind sehr ruhig und benehmen sich einwandfrei“, höre ich immer wieder. „Die Kinder sind wohlerzogen und schreien überhaupt nicht“, hat mir mal ein Kollege gesagt.

Nachrichten auf Ukrainisch und Job-Portale für Flüchtlinge

Um den Flüchtlingen zu helfen, haben die Sender RTL und n-tv ein Kurznachrichtenformat namens "Ukraine Update" eingerichtet. In etwa zehn Minuten präsentiert die geflüchtete ukrainische TV-Moderatorin Karolina Ashion die wichtigsten Nachrichten des Tages. 

Darüber hinaus versuchen Privatpersonen, Politiker und Unternehmen, den Osteuropäern Arbeit zu geben. Die lokale Plattform „InFranken“ hat eine ganze Liste von Initiativen veröffentlicht, die den Flüchtlingen helfen sollen, im fremden Land einen Job zu finden. Es geht darum, den Ukrainern Perspektiven zu eröffnen. „Das Handwerk ist begeistert“, schreibt das Portal. Denn die Osteuropäer seien gut ausgebildet. Auch der Manager Marcus Diekmann hat eine eigene Plattform namens „Job Aid Ukraine“ gegründet. Er war einer der ersten, der sofort nach dem russischen Angriff die Initiative ergriffen hat.

In einem sehr bewegenden Post auf linkedin schrieb er folgendes: „So schlimm, Krieg in unserer Region, Krieg überhaupt, Menschen leiden, Menschen sterben. Wir alle konnten keine politische Lösung finden. Wir konnten nicht die Ukraine schützen. Und warum? Weil wir am Ende unseren eigenen Wohlstand nicht gefährden wollen, wir haben Ängste – Börse, Konjunktur, Wirtschaft, eigener Egoismus und lassen uns davon leiten. Daraus entstehen politische Kompromisse und Taktiken – statt einer konsequenten Handlung.“

Und genau das denken jetzt seit dem 24. Februar auch viele andere Deutsche. An diesem Tag hat Putin nicht nur die Ukraine überfallen, sondern uns alle. Wir haben Krieg in Europa – und der betrifft uns alle. Jetzt sind wir Deutschen alle Ukrainer geworden.

Sebastian Becker, Politik- und Wirtschaftsjournalist in Berlin

Erstes Foto: Kay Nietfeld/dpa


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