Ukraine-Kanada: Wie nah sind wir einander in 30 Jahren gekommen?

Ukraine-Kanada: Wie nah sind wir einander in 30 Jahren gekommen?

Ukrinform Nachrichten
Am 27. Januar 1992 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den Ländern offiziell hergestellt

Die Ukraine und Kanada feiern den 30. Jahrestag der der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen. Obwohl seit der Ankunft der ersten Migranten aus der Ukraine 1891 unsere beiden Länder enge Beziehungen verbinden, haben wir uns eben nach der Unabhängigkeit der Ukraine wirklich angenähert. Ukrinform beschloss, sich zu erinnern, was in den ukrainisch-kanadischen Beziehungen inzwischen erreicht wurde.

DEMOGRAPHISCHER ASPEKT

Nach der Volkszählung von 1991 in Kanada gab es im Land mit einer Gesamtbevölkerung von knapp 27 Millionen 406.645 Einwohner ukrainischen Ursprungs. Die Volkszählung 2016 ergab bereits 1.359.655 kanadische Ukrainer bei einer Gesamtbevölkerung von 34.460.065 Menschen. Das heißt, proportional die Zahl der Ukrainer stieg von 1,5% auf fast 4% der Gesamtbevölkerung. Natürlich ist der Grund für dieses erhebliche Wachstum nicht nur auf die Migration aber auch auf Anerkennung ihrer ukrainischen Herkunft durch die Kanadier selbst zurückzuführen. Unbestritten bleibt jedoch, dass es mehr Ukrainer in Kanada gibt.

Im Laufe der Zeit ist der 1940 gegründete Kongress der Ukrainer von Kanada nur stärker geworden. Er hat die meisten ukrainischen Organisationen Kanadas vereint und ist seit über 80 Jahren ein Sprachrohr der einflussreichen ukrainischen Gemeinschaft. Die Kongressleitung will mit der Zeit Schritt halten und junge Mitglieder der Gemeinschaft so gut wie möglich in ihre Aktivitäten einbeziehen.

MIGRATIONSPOLITIK

Nach der Erörterung der Demografie muss man auf Visaaspekte eingehen. Die Ukraine hat bereits 2005 Visapflicht für kanadische Staatsangehörige abgeschafft. Kanada hat jedoch noch nicht die gegenseitige Abschaffung der Visumpflicht beschlossen. Dennoch wird die kanadische Visumregelung allmählich immer liberaler. Derzeit bleibt das Touristenvisum für Ukrainer, die dadurch nach Kanada kommen wollen, gültig bei Ablauf des Reisepasses. Bei einer erneuten Visumausstellung innerhalb von zehn Jahren nach Beendigung der vorherigen Gültigkeit ist es nicht einmal notwendig, Finanzdokumente einzureichen. Obwohl das kanadische Visum recht teuer bleibt (ca. $150), kann die Visumpflicht nicht streng genannt werden.

Gleichzeitig ist zu erwähnen, dass trotz recht liberaler Forderungen fast jeder dritte Antrag auf Erteilung eines Visums abgelehnt wird. Im kanadischen Außenministerium wird über große Anzahl der abgelehnten Anträge geschwiegen. Man wird aber regelmäßig betont, dass alle Unterlagen zuverlässig sein müssten.

Die Ukraine bemüht sich, eine Visumfreiheit zu erreichen. Aber dafür ist jahrelange und hartnäckige Arbeit nötig. Die Unterzeichnung einer Absichtserklärung zur Wiederaufnahme des Programms für Mobilität junger Menschen war ein Schritt in die richtige Richtung. Nach Abschluss aller formalen Verfahren, die bis jetzt fortgesetzt werden, können junge Ukrainer unter legalen Bedingungen ein Jahr lang in Kanada arbeiten, studieren und reisen, um wertvolle Lebenserfahrungen zu sammeln.

Außerdem wurde 2018 der direkte Flugverkehr zwischen Kyjiw und Toronto wiederhergestellt. Obwohl die Covid-19-Pandemie die UIA (Ukraine International Airlines - Red.) gezwungen hat, deren Flugverkehr vorübergehend zu beschränken, sollen Linienflüge in diesem Sommer wieder aufgenommen.

DIPLOMATISCHE PRÄSENZ

Seit der Unabhängigkeit wurde gegenseitige diplomatische Präsenz erheblich ausgebaut. Außer der Botschaft in Kyjiw gibt es nun in Lwiw das kanadische Generalkonsulat. Interessen der Ukraine in Kanada werden mit der Botschaft in Ottawa und mit zwei Generalkonsulaten in Toronto und Edmonton vertreten. Wertvolle Arbeit leisten auch die Honorarkonsuln der Ukraine in Vancouver und Montreal.

Es ist wichtig zu bemerken, dass die lokale Diaspora einen großen Beitrag zum Ausbau des Netzwerks der ukrainischen diplomatischen Institutionen in Kanada geleistet hat. So hat der aus der Ukraine stammende kanadische Mäzen Erast R. Huculak das erste Gebäude für die ukrainische Botschaft in Kanada (damals diente es auch als Konsulat und Sitz des Botschafters) erworben. Späterhin sammelte die Diaspora Geld auch für die Residenz des Botschafters in der prestigeträchtigen Gegend von Ottawa neben der Wohnung des mexikanischen Botschafters. Auch das jetzige Gebäude für die ukrainische Botschaft in Kanada wurde mit finanzieller Unterstützung des Kongresses der Ukrainer in Kanada erworben.

MILITÄRISCHE UNTERSTÜTZUNG

Obwohl die kanadisch-ukrainische Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich lange Zeit alles andere als aktiv war, ist Kanada nach dem schändlichen Einmarsch Russlands in die Ukraine zu einem der wichtigsten Sicherheitspartner der Ukraine geworden. Seit 2015 bilden kanadische Militärangehörige im Rahmen der Trainingsmission UNIFIER die Militärs der Streitkräfte der Ukraine in Kampfführung aus. Mehr als 12.000 ukrainische Armeeangehörige nahmen an der Ausbildung teil. Sie äußern sich bezüglich deren praktischen Nutzens sehr gut aus. Die kanadische militärische Trainingsmission UNIFIER in der Ukraine, deren Mandat im März abläuft, wird fortgesetzt - kaum noch Zweifel an deren Verlängerung. Demnächst wird eine offizielle Erklärung der kanadischen Regierung dazu erwartet. Kanada war auch eines der ersten, wer der Ukraine militärische Ausrüstung im fernen Jahr 2014 zur Verfügung stellte, als den ukrainischen Verteidigern an der Front absolut alles fehlte.

Seit Beginn der russischen Verschärfung steht Kanada zu Recht in der Kritik wegen der Unwilligkeit, der Ukraine selbst Verteidigungswaffen zu liefern. Medienberichten zufolge beabsichtige die Regierung von Trudeau immer noch, die neu gebildeten territorialen Verteidigungsbataillone nicht nur mit Schutzwesten und Schießbrillen, sondern auch mit Kleinwaffen zu versorgen.

Es ist auch zu erwähnen, dass Kanada 2017 das Verbot des Verkaufs von Waffen an die Ukraine offiziell aufgehoben hat. Aber der Beschaffungsprozess bleibt entweder in einem bürokratischen oder finanziellen Sumpf stecken. Bisher hat die Ukraine keine kanadischen Waffen erhalten.

FINANZIELLE HILFE UND ENTWICKLUNGSFÖRDERUNG

Seit 2014 hat Kanada der Ukraine rund eine halbe Milliarde Dollar, Vorzugskredite bereitgestellt. Weitere 200 Millionen US-Dollar erhielt die Ukraine aus Kanada in Form von Zuschüssen für Reformen und Entwicklung der Zivilgesellschaft. Allein letzte Woche kündigte Kanada an, 120 Millionen kanadische Dollar für Unterstützung wirtschaftlicher Stabilität und die Reformen im Verwaltungsbereich zu gewähren. Aufgrund Prioritäten seiner Außenpolitik konzentriert sich Kanada bei der Hilfe an die Ukraine auf inklusive Verwaltung, die Stärkung der Rolle von Frauen, die Herstellung von Frieden und Wirtschaftswachstum.

Kanada hilft auch bei der Reform des ukrainischen Strafverfolgungssektors. Neben erheblichen Finanzspritzen teilen mehrere Dutzende kanadische Polizisten ihre Erfahrungen mit ukrainischen Kollegen.

HANDELSBEZIEHUNGEN

Die Annäherung unserer Länder ist auch im Handels- und Wirtschaftsbereich zu verzeichnen. Der Handel zwischen unseren Ländern  erreichte 2018 ein Rekordhoch von $300 Millionen. Das  Freihandelsabkommen, das 2017 in Kraft getreten ist, hat dazu einen großen Beitrag geleistet. Seit diesem Zeitpunkt haben die Ukraine und Kanada bereits eine Reihe von Verhandlungen über eine Ausweitung des Abkommens auf Dienstleistungen und Investitionen geführt. Da Kanada ein wichtiger Absatzmarkt für Dienstleistungen ukrainischer IT-Unternehmen ist, sollten diese Änderungen ihnen sehr helfen. Details der künftigen Vereinbarung sind noch nicht bekannt, aber dieses Abkommen sieht die vollständige Aufhebung von Einfuhrzöllen auf die meisten ukrainischen Waren seitens Kanadas vor.

Interessant, dass die Ukraine einer der größten Abnehmer kanadischer Meeresfrüchte ist. Etwa ein Viertel des in Kanada verkauften Apfelsaftes wurde in der Ukraine hergestellt. Dies deutet darauf hin, dass die günstigsten zwischenstaatlichen Handelsbereiche noch gefunden werden müssen.

KULTURELLER AUSTAUSCH

Ungeachtet der sprachlichen Barriere nimmt der kulturelle Austausch zwischen unseren Ländern ständig zu. Seit einigen Jahren nimmt die Ukraine regelmäßig am Toronto International Film Festival teil. Im vorletzten Jahr trat das Abkommen über audiovisuelle Gemeinschaftsproduktionen in Kraft. Ukrainische Filmproduzenten können nun kanadische Steuervergünstigungen und andere Präferenzen nutzen.

In Kanada gibt es mehrere Museen, die der Ukraine und Ukrainern gewidmet sind. Im Sommer finden Festivals der ukrainischen Kultur in fast allen größeren Städten statt. Während der Covid-19-Pandemie traten ukrainische Bands in Kanada regelmäßig auf. Der kanadische Violinvirtuose Wassyl Popadjuk kommt jedes Jahr in die Ukraine.

SANKTIONEN UND POLITISCHE UNTERSTÜTZUNG

Seit Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine verhängte Kanada Sanktionen gegen rund ein halbes Tausend damit verbundene russische und ukrainische natürliche und juristische Personen. Kanada hat auch das sogenannte Magnitski-Gesetz verabschiedet, das es ermöglicht, diejenigen weltweit zu sanktionieren, die für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind. Die kanadische Regierung führte Sanktionen gegen 30 russische Staatsbürger ein. Die kanadische Sanktionsliste im Zusammenhang mit der russischen Aggression ist somit eine der längsten der Welt.

Insgesamt sichert das kanadische Parlament der Ukraine parteiübergreifende Unterstützung im Sitzungssaal immer zu. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist die Anerkennung von Holodomor (Hungersnot – Red.) als Völkermords auf staatlicher Ebene im Jahr 2008. Seitdem gedenken die Kanadier jedes Jahr im November an die Opfer der Tragödie.

Ein weiterer Indikator für Kanadas beträchtliche Aufmerksamkeit gegenüber der Ukraine sind viele gegenseitige offizielle Besuche auf unterschiedlicher Ebene, die nicht zu zählen sind. Bezeichnenderweise ging Leonid Kutschmas erste Reise nach dem Wahlsieg nach Kanada. Und Leonid Krawtschuk, damals Vorsitzender der Werchowna Rada der Ukraine (Parlament – Red.), besuchte Kanada weniger als einen Monat nach der Unabhängigkeitserklärung.

WAHRE FREUNDSCHAFT UND GEMEINSAME WERTE

Bekanntlich hat Kanada am 2. Dezember 1991 als erster westlicher Staat die Unabhängigkeit der Ukraine anerkannt. Und am 27. Januar 1992 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen den Ländern offiziell hergestellt. In den vergangen drei Jahrzehnten haben unsere Staaten einen beachtlichen Weg eingeschlagen, sich erheblich angenähert zu haben. Es geht sowohl um militärische, diplomatische und Handelszusammenarbeit  als auch um kulturellen und zwischenmenschlichen Austausch - uns verbindet wirklich viel miteinander.

Ob wir näher bezüglich der Werte geworden sind - knapp 60 Prozent der Ukrainer unterstützen die NATO-Mitgliedschaft. Immer mehr Menschen halten Kanada für unseren engsten Partner auf der internationalen Bühne. Über verschiedene Aspekte der Zusammenarbeit zwischen Kanada und der Ukraine kann noch lange gesprochen werden. Aber selbst aus der weit unvollständigen Liste wird deutlich, wie wir vieles gemeinsam haben.

Als echte Freunde sollten wir aber auch offen über Widersprüche sprechen. Die Ukraine möchte in absehbarer Zeit gerne die Visumfreiheit erhalten und rechnet mit einer stärkeren Unterstützung im Krieg mit Russland. Gleichzeitig macht Kanada kein Geheimnis, dass es mit dem Tempo der Reformen in der Ukraine, dem Schutz von Investoren und Problemen bezüglich der Rechtsstaatlichkeit unzufrieden sei.

Diese Missverständnisse sollten uns jedoch nicht von der Hauptsache ablenken: die Ukraine und Kanada sind jetzt einander näher als je zuvor und gehen selbstbewusst in Richtung zum gegenseitigen Erfolg.

Maksym Nalywaiko, Ottawa

nj


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