Ich schrie „Vaterunser...“ und die Kinder sprachen das Gebet nach

Ich schrie „Vaterunser...“ und die Kinder sprachen das Gebet nach

Ukrinform Nachrichten
In Tschernihiw versteckten sich 30 Kinder mit der Erzieherin mehr als zwei Wochen lang in Kellern vor russischen Beschüssen

Kinder aus dem Zentrum für sozial-psychologische Rehabilitation von Tschernihiw wurden am 19. März beim Zugankunft in Iwano-Frankiwsk empfangen. Sie brachte die Erzieherin Natalja Pesozka. Derzeit befindet sich sie und 30 Schüler des Zentrums in einem der Sanatorien der Vorkarpatenregion. Nur hier konnten sich alle beruhigen, nachdem sie sich fast 20 Tage lang vor Beschüssen und russischen Raketen retteten.

Natalja Pesozka tritt vor Journalisten nicht allein: Ihre Schützlinge lassen sie einfach nicht los. Die Kinder drücken sich ständig an die Frau und halten sich in ihrer Nähe. Ihre gemeinsame Geschichte begann am 24. Februar, als Natalja Pesozka ihren Dienst im Tschernihiwer Zentrum für sozial-psychologische Rehabilitation antreten sollte, wo sie seit über 20 Jahren arbeitet. Dann sagte ihr ein Bekannter aus Kyjiw telefonisch, der Krieg habe begonnen. Natalja gibt zu, dass ihr Verstand sich der ganzen Gefahr bewusst war, aber ihr Herz weigerte sich, sie zu akzeptieren.

„Ich habe schnell gepackt, was ich konnte, meine beiden Kinder angezogen. Wir stiegen in einen Kleinbus. Auf den Straßen gab es zahlreiche Staus. Kolonnen von Militärfahrzeugen fuhren auf der Straße. Unsere Jungs streckten Militärhelme aus den Fenstern aus und riefen „Krieg!“ Gänsehaut lief uns über die Haut. Wir konnten nicht einmal zwei Haltestellen erreichen. Ich nahm die Kinder an den Armen fest und wir rannten zu meiner Schwester. Ich habe sie dort gelassen und bin selbst zur Arbeit gerannt“, erinnert sich Natalja Pesozka.

Als ihre Schicht zu Ende war, fuhr der Transport nicht mehr. Sie musste die Nacht bei ihrer Schwester verbringen.

Am Morgen des 1. März ging sie wieder zur Arbeit. Damals ahnte sie noch nicht, dass sie die nächsten 20 Tage auf den Beinen sein würde, um nicht nur ihre Kinder, sondern auch 30 Schützlinge des Rehabilitationszentrums zu retten.

Der jüngste von ihnen ist dreieinhalb Jahre alt. Diese Kinder, sagt Natalja, haben in ihrem kurzen Leben viel Leid gesehen, deshalb sind sie jetzt zurückhaltender und konzentriert. Manche von ihnen kennen ihre Eltern nicht, manche begannen ihr Leben unter schrecklichen Bedingungen.

„Gerade eben haben wir die Sirene gehört, wir gingen sofort in den Keller, wo wir Karotten und Rüben lagern … Aber wir haben kleine Kinder, und es war sehr schwierig, sie mehrmals in der Nacht zu wecken, anzuziehen und in den Keller zu bringen. In drei Tagen sind wir so viel gelaufen, dass wir keine Kraft mehr hatten. Deshalb haben wir einfach die Matratzen und die Bettwäsche in den Keller gebracht. Die älteren Kinder waren in einem Raum und die jüngeren in einem anderen“, erzählte die Erzieherin.

Das Schrecklichste begann, als russische Bomben das Rehabilitationszentrum trafen.

„Wir saßen im Keller, als wir von einer Rakete oder etwas anderem getroffen wurden… Dieses Entsetzen, wenn der Putz anfängt, von oben herunterzufallen, ist nicht auszudrücken… Ich dachte nur damals, dass auf uns im Keller nicht die mit der Glaswolle umwickelten Rohre fallen. Denn wie bekommt man dann Kinder raus? Ich schrie das Gebet der Mutter Gottes: „Vaterunser“, und die Kinder sprachen mir nach. Es traf die Wand, wo wir nicht waren. Da wo die Kinder saßen, blieb die Wand unbeschädigt… Die Hälfte des Zentrums ist jetzt zerstört. Fenster, Türen waren herausgeschlagen, der Speiseraum wurde zerstört… Und wir waren 20 Minuten vor dem Schlag da“, sagte Pesozka.

Dann überlegte Natalja schnell die Möglichkeiten, wo man die Kinder noch verstecken kann, ohne sie einer Gefahr auszusetzen. Der nächste Unterstand war die Dreifaltigkeitskirche, auf deren Territorium sich bereits etwa 600 Bewohner der umliegenden Dörfer versteckten.

„Wir waren elf Tage in der Kirche. Hin gingen wir mit Kindern zwischen den Beschüssen. Wir bekamen einen Raum von 16 Quadratmetern. Die Kinder schliefen zu zweit auf fünf Etagenbetten. Die Ältesten schliefen einfach auf dem Boden, der mit Matratzen bedeckt war. Da gab es keine Verbindung“, erinnert sich Pesozka.

Als das örtliche Kraftwerk und Wasserversorgungssystem durch Luftangriffe zerstört wurden, blieben alle ohne Wärme, Licht und Wasser. Es war nicht einfach, diese Tortur in der Kirche mit Kindern durchzumachen, die an Enurese litten. Es war unmöglich, das Baby rechtzeitig zu waschen oder zur Toilette zu bringen. Die Feuchttücher gingen schnell aus. Die Kinder wurden von Nicht-Gleichgültigen und Freiwilligen ernährt. Zweimal täglich wurden Suppen gebracht. Wenn es möglich war, wurden ihnen auch Äpfel und Kekse in den Unterstand gebracht.

„Vor den Toren der Kirche haben die Eindringlinge einen Panzer aufgestellt und daraus über unsere Köpfe geschossen. Granaten und Splitter flogen. Ein Mann kam am Morgen aus dem Unterstand der Kirche heraus und sein Bein wurde von einem Splitter zerschnitten. Wir haben verstanden, dass es gefährlich ist, rauszugehen“, erzählt die Erzieherin des Zentrums.

Die Tage schienen endlos zu sein. Der neunjährige Witali las zwei Bücher durch. Andere hörten Märchen, Heiligengeschichten, malten und beteten. In der Kirche drängten sich alle zusammen. Hier hat man gebeichtet und die Kommunion empfangen.

Zwei Soldaten brachten Rettung. Das Zusammenpacken dauerte 15 Minuten. Sie wurden mit Schulbussen abgeholt. Die Feinde gaben den versprochenen humanitären Korridor nicht ...

„Von den Erzieherinnen brach nur ich auf. Meine Kinder und mein Mann waren auch mit mir, also hatte ich keine Angst. Ich weiß nur, dass an dem Ort, den wir verlassen haben, nichts mehr übrig ist“, sagt Natalja.

Busse mit Kindern fuhren etwa 9 Stunden von Tschernihiw nach Kyjiw. Auf Umgehungsstraßen, über Felder und zerstörte Gebiete. Die Fahrer haben keinen Halt gemacht, weil sie befürchteten, unter Beschuss zu geraten.

Die Volontäre empfingen die Kinder mit der Erzieherin am Kyjiwer Bahnhof. Sie wurden gefragt, ob sie einverstanden seien, mit dem Zug in die Region Iwano-Frankiwsk zu fahren, der in 15 Minuten abfahren würde. Alle riefen einhellig: „Wir fahren!“

„Das Schwierigste für mich war nicht einmal im Keller, sondern als wir in den Zug stiegen, weil ich Angst hatte, Kinder zu verlieren. Am Bahnhof haben wir einige Sachen vergessen: alles ging sehr schnell, die Kinder haben erst angefangen etwas zu essen. Wir nahmen sie in die Hände und zählten ständig, ob alle an ihrem Platz sind ... Schon unterwegs wurden wir aus der Vorkarpatenregion angerufen. Wir wurden da erwartet. Wie es uns hier geht? Sehr gut. Wir fühlen uns wie zu Hause. Eine tiefe Verbeugung vor dem Direktor des Sanatoriums, vor den Mitarbeitern“, sagt die Erzieherin.

Sie gibt zu, erst jetzt bemerkt zu haben, dass sie auf einem Ohr nicht hören kann: ob sie eine Erkältung hatte oder nach den Explosionen ihr Gehör verloren hatte. Hier konnte sie sich erstmals umziehen, denn sie kam in ihrer Arbeitskleidung an, in der sie noch am 1. März ihre Schicht angetreten hatte.

Kinder müssen nachts noch beruhigt werden, denn nicht jeder kann ruhig einschlafen. Jetzt, versichert Pesozka, sind sie alle eine große Familie.

Es gibt keinen Ort, an den diese Familie zurückkehren kann. Das Hochhaus in Tschernihiw, in dem Natalja mit ihrem Mann und ihren Kindern lebte, wurde zerstört. Die Beschüsse ruinierten auch das Rehabilitationszentrum von Tschernihiw, das ein Zuhause für 30 Kinder ohne elterliche Fürsorge war ...

P.S. Seit Beginn des Krieges hat die Vorkarpatenregion 294 Kinder aus Internateinrichtungen der Regionen Luhansk, Donezk, Charkiw, Tschernihiw und Kyjiw aufgenommen.

Iryna Druschyk, Iwano-Frankiwsk

yv


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