Verhandlungen in Abu Dhabi: Wie Experten erste Runde bewerten und was sie für zweite erwarten

Verhandlungen in Abu Dhabi: Wie Experten erste Runde bewerten und was sie für zweite erwarten

Ukrinform Nachrichten
Treffen am 1. Februar wird zeigen, ob im Energie- und humanitären Bereich echte Fortschritte möglich sind

Ende letzter Woche, am 23. und 24. Januar, fand in Abu Dhabi (VAE) ein weiterer Versuch der US-Regierung statt, die festgefahrenen Verhandlungen zum Angriffskrieg gegen die Ukraine wieder in Gang zu bringen. Die trilateralen Konsultationen mit Beteiligung der Ukraine, der USA und Russlands demonstrierten die unterschiedlichen Herangehensweisen der Parteien: Kyjiw, vertreten durch Vertreter der Sicherheitskräfte und Diplomaten, bekräftigte die Verhandlungsbereitschaft, ohne die „roten Linien“ zu revidieren, während Moskau, mit einer neuaufgestellten Delegation, auf pragmatischere Taktiken anstelle der üblichen ideologischen Belehrungen setzte.

Die erste Runde verlief kontrovers: Das Militär versuchte, die technischen Parameter des Truppenabzugs zu skizzieren, doch die Diplomaten stießen auf die „Donbass-Mauer“. Das nächste Treffen ist für den 1. Februar geplant. Was ist wohl davon zu erwarten?

Russlands Delegations- und Taktikwechsel

Die Verhandlungen in Abu Dhabi am 23. und 24. Januar 2026 kennzeichneten das Ende der „Pendeldiplomatie“ und den Übergang zu einem direkten Dreierdialog. Die auffälligste Veränderung war die Neuausrichtung der russischen Vertretung. Anstelle von Ideologen und „Historikern“ wie Medinski stellte der Kreml professionelle Geheimdienstoffiziere auf.

Der Politikwissenschaftler Wolodymyr Fesenko betont die Bedeutung dieses Wandels: „Früher führten die USA Friedensverhandlungen im Format der „Pendeldiplomatie“ – getrennt und parallel zu Russland und der Ukraine. Es gab noch auch direkte Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine in Istanbul, doch von der russischen Seite war das eine inszenierte Propagandashow. Nun fanden erstmals direkte Friedensverhandlungen im trilateralen Format USA-Russland-Ukraine statt. Was hier sehr wichtig ist, nahmen auch hochrangige Vertreter der Militärs an diesen Verhandlungen teil.“ Nach der Ansicht des Experten ermöglichte das, den Vektor der Gespräche zu ändern. Er betont, dass die Parteien „technische Fragen des Truppenabzugs sowie die Feuereinstellung erörterten und nicht nur russische Ultimaten, allgemeine politische und sogar historische Fragen, wie es bei den Verhandlungen in Istanbul im Sommer 2025 der Fall war.“

Wolodymyr Fesenko
Wolodymyr Fesenko

Vergleicht man die früheren Anläufe, so verweist Fesenko auf die Person des Leiters der russischen Delegation: „Aktuell wird die russische Delegation von Vizeadmiral Igor Kostjukow, dem Chef der Hauptverwaltung des russischen Generalstabs (GRU), geleitet. Das ist eindeutig eine Status- und Funktionsanpassung an Kyrylo Budanow (den früheren Chef der Hauptverwaltung für Militärnachrichtendienst (HUR) des Verteidigungsministeriums der Ukraine – Red.), der inoffiziell der Leiter der ukrainischen Verhandlungsdelegation ist, was gleichzeitig von einer ernsthaften Wahrnehmung dieser Verhandlungen zeugt.“

Auch die Zusammensetzung der ukrainischen Delegation verdient Beachtung.

„Die Delegation hat einen hohen Status und ist gleichzeitig funktional vielfältig. Alle unsere Delegierten verfügen über umfangreiche Verhandlungserfahrung sowohl mit den USA als auch mit Russland. (...) Auch die amerikanische Delegation ist auf hohem Niveau: Witkoff, Kushner, Driscoll sowie Grynkewich, der Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa und des US-Europakommandos.

Eine solche Konfiguration zeugt davon, dass die Verhandlungen in den Emiraten, wie unser Experte es ausdrückte, „ganz sicher keine bloße Imitation des Verhandlungsprozesses oder ein Spektakel für Trump sein werden.“

„Das wird ein substanzieller Versuch sein, die Kernfragen im Zusammenhang mit dem Ende des russisch-ukrainischen Krieges zu lösen“, betonte Fesenko.

Der Politikwissenschaftler Ihor Rejterowytsch ergänzt diese Ansicht: „Tatsächlich war die Zusammensetzung der russischen Delegation schon vor Beginn der Verhandlungen der Hauptbezeichner: Würden der „Clown“ Medinski und Co. kommen oder nicht?... Dass Russland völlig andere Leute entsandte, war zumindest ein Signal für eine ernsthaftere Haltung gegenüber den Verhandlungen als vorher."

Rejterowytsch merkt ironisch an, dass Putin toxische Personen räumen musste: „Jetzt hören wir keinen blanken Unsinn mehr über „sechs“ oder „vier“ Regionen (Russen drohten der ukrainischen Delegationen bei letzten Verhandlungen in Istanbul, sie würden beim nächsten Mal nicht über vier, sondern schon über sechs Gebiete der Ukraine verhandeln – Red.), keine Rüpelei und pseudohistorische Monologe mehr. Und das ist ein sehr wichtiger, bezeichnender Moment – eine Abnahme des rhetorischen Lärms und eine Rückkehr der Gespräche in eine pragmatischere Richtung.“

Dieser Pragmatismus, so Rejterowytsch, habe es ermöglicht, zur Besprechung der entscheidenden Details überzugehen: „Abzugsmechanismen, Überwachung, technische Verfahren … Tatsächlich sind das diese Dinge, die von entscheidender Bedeutung sind. Sie hätten ohnehin früher oder später besprochen werden müssen, und jetzt sehen wir, dass diese Fragen systematisch angegangen werden.“ Der Experte glaubt, die Verhandlungsstrategie bestehe nun darin, „so viel wie möglich zu besprechen, alles Verhandelbare, und diese Fragen zu einem logischen Abschluss zu bringen.“

Bis auf die wichtigste und heikelste Frage – die Gebietsfrage

„Es gibt weiter zwei mögliche Szenarien. Das erste: Die Parteien erzielen in dieser Etappe doch einen Kompromiss in der Gebietsfrage und gehen dann zur letzten Etappe über – einer politischen Entscheidung und der Unterzeichnung von Abkommen. Das zweite: Alle anderen Fragen werden maximal vorbereitet, und in der Gebietsfrage wartet man einfach auf den Moment, in dem der Kreml begreift, dass das gewünschte Ergebnis nicht mit Gewalt erreicht werden kann. Dann wird es heißen: „Bei uns ist alles vorbereitet – unterschreiben Sie!‘“, fügte der Politikwissenschaftler hinzu.

Auch der Diplomat Wadym Trjuchan ist solidarisch damit, dass Moskau seine Taktik geändert hat. Er merkt an: „Diesmal beschränkte sich die russische Seite nicht auf die üblichen Ultimaten und Propagandathesen. Sie zeigte sich bereit zu einer praktischen Diskussion über die für die Beilegung des Konflikts relevanten Fragen und erklärte sich bereit, sowohl bilateral als auch trilateral zu arbeiten sowie sich der Arbeit gemeinsamer Arbeitsgruppen in Bereichen Militär und Politik anzuschließen. Das bedeutet zwar keinen Durchbruch, aber definitiv einen Taktikwechsel.“

Wadym Trjuchan
Wadym Trjuchan

Auf die Frage, warum die Russische Föderation die Zusammensetzung der Delegation geändert habe, räumte Trjuchan ein, dies sei auf eine direkte Empfehlung der Amerikaner zurückzuführen: „Dem Kreml ist die Toxizität von Persönlichkeiten wie Medinski oder Sluzkxj sehr wohl bewusst. Die Amerikaner hätten das sofort erkannt. Ich schließe nicht aus, dass Steve Witkoff über Uschakow Putin direkt oder indirekt empfohlen haben könnte, die Zusammensetzung der Delegation zu ändern, damit es zumindest formal nicht so aussähe, als sei Russland von Anfang an nicht dialogbereit.“

Territoriale Sackgasse und amerikanischer Druck

Trotz der militärischen Erfolge beruht der politische Teil der Verhandlungen auf einer fundamentalen Differenz hinsichtlich der Zukunft der ukrainischen Gebiete. Die Vereinigten Staaten, die eine schnelle Lösung suchten, gerieten in die schwierige Rolle eines Vermittlers, der mitunter dazu neigt, Zugeständnisse auf Kosten der Ukraine zu machen.

Wolodymyr Fesenko nennt direkt die größte Herausforderung: „Das Kernproblem der aktuellen Verhandlungen ist der Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbass. Der Kreml besteht darauf. Leider unterstützen die Amerikaner das teilweise.“ Der Experte betont, dass diese Forderung für Kyjiw absolut inakzeptabel sei und die Positionen der Parteien hier „direkt gegensätzlich sind und es unwahrscheinlich ist, dass sie sich in der von den Amerikanern angestrebten Kompromissformel vereinen lassen.“

Ein weiteres großes Problem ist laut Fesenko Putins Weigerung, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden: „Für Trump demonstriert Putin Verhandlungsbereitschaft, weshalb Verhandlungen in Abu Dhabi stattfinden. In Wirklichkeit will er aber den Krieg gegen die Ukraine fortsetzen, und das sehen wir jeden Tag. Er braucht die Verhandlungen für ein diplomatisches Spiel mit Trump und um die Ukraine zu zwingen, russische Bedingungen für ein Kriegsende zu akzeptieren.“

In diesem Kontext gewinnt die Figur Budanows, der den Feind „von innen“ kennt, besondere Bedeutung, was den Russen die Möglichkeit nimmt, einen Bluff auszuführen.

Ihor Rejterowytsch erläutert: „Budanow hat und hatte direkten Kontakt zu den Leuten, die heute die russische Seite vertreten. Sie haben bereits zuvor miteinander kommuniziert, und das ist für den Verhandlungsprozess stets wichtig. Zweitens wird er von den Amerikanern deutlich positiver wahrgenommen. Und das ist ein klarer Vorteil für uns. Hier gibt es nichts zu verbergen – diese Konfiguration hat der Ukraine genützt.“

Der Experte merkt ironisch an, dass Budanow die russische Propaganda buchstäblich „auslöst“. „Sie sind hysterisch. Daher gibt es Grund zu der Annahme, dass der Prozess selbst nicht so verläuft, wie Russland es sich wünscht.“

Wadym Trjuchan hingegen sieht in der aktuellen Konfiguration, die mit dem Fehlen europäischer Partner zusammenhängt, eine ernsthafte Bedrohung. Laut Trjuchan geriet die ukrainische Delegation praktisch in eine Situation, in der sie „eine gegen zwei ist“ – gegen die Russen und gegen die Amerikaner. Letztere beeilen sich heute offen: Sie haben von Trump eine klare politische Aufgabe erhalten, um jeden Preis eine Einigung zu erzielen, da im November Kongresswahlen anstehen und Trump laut den meisten Prognosen die Kontrolle über beide Kammern verlieren könnte. In dieser Logik übe Washington objektiv gesehen mehr Druck auf die Ukraine als auf Russland aus.

Trjuchan fügt hinzu, die Logik der Kompromisse erscheine nun einseitig. Die USA und Russland drängen die Ukraine praktisch zum Rückzug aus dem Donbass, was für Kyjiw völlig inakzeptabel sei: „Dabei bietet Moskau nichts an. Im russischen Sinne bedeutet ein Kompromiss „Sie stimmen unseren Bedingungen zu“, nicht gegenseitige Zugeständnisse.“

Ihor Rejterowytsch
Ihor Rejterowytsch

Erwartungen vom 1. Februar – der nächsten Verhandlungsrunde

Die für Sonntag geplante zweite Verhandlungsrunde soll insbesondere die Frage klären, ob eine sogenannte „Energie-Waffenruhe“ möglich ist. Das Vorgehen der Russischen Föderation zwischen den Treffen – massiver Beschuss – tragen jedoch nicht zum Optimismus bei.


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