Oleksandr Hryhorasch, Leiter der Betriebskontrollabteilung des Kernkraftwerks Tschornobyl
Tschornobyl blieb auch nach dem Unfall eine potenzielle Bedrohung
25.04.2026 12:00
Oleksandr Hryhorasch, Leiter der Betriebskontrollabteilung des Kernkraftwerks Tschornobyl
Tschornobyl blieb auch nach dem Unfall eine potenzielle Bedrohung
25.04.2026 12:00

Vierzig Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschornobyl spricht die Welt erneut über die nukleare Bedrohung – allerdings in einem anderen Kontext. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat gezeigt, dass das scheinbar Unmögliche Realität geworden ist. Die Einnahme von Atomanlagen, der Beschuss nuklearer Infrastruktur und der Einsatz von Atomkraftwerken als Erpressungsmittel stellen die Effektivität des internationalen Sicherheitssystems infrage. In der Ukrinform-Sendung „Es gibt ein Gespräch“ sprechen wir mit Oleksandr Hryhorasch, Leiter der Betriebskontrollabteilung des Kernkraftwerks Tschornobyl, über neue Risiken, die Erfahrung der Ukraine und die wichtigsten Lehren, die die Welt bisher nicht gezogen hat.

Herr Oleksandr, vierzig Jahre nach der Tschornobyl-Tragödie: Geht es um zwei unterschiedliche Geschichten oder um eine, die noch immer andauert?

Das ist natürlich die Fortsetzung der Geschichte, die 1986 begann. Das Format der Existenz der Station hat sich lediglich geändert. Wenn sie damals Strom erzeugte, so verbraucht sie ihn heute. Das bedeutet aber nicht, dass alles dort „vorbei“ ist. Nukleare Anlagen auf dem Platz sind weiterhin in Betrieb, die Objekte zur Lagerung radioaktiver Abfälle funktionieren weiter, und es bleibt ein Objekt „Schutz“ zusammen mit einem neuen Sicherheitsbehälter (Sarkophag – Red.). Die Prozesse laufen also weiter, und diese Geschichte ist noch lange nicht zu Ende.

Kann man heute sagen, dass Tschornobyl erneut eine potenzielle globale Bedrohung darstellt?

Tschornobyl ist seit dem Unfall stets eine potenzielle Gefahr geblieben. Solange sich im „Sarkophag“ brennbare Stoffe befinden, die nicht vollständig unter Kontrolle sind, bestehen die Risiken weiterhin. Sie können lediglich zu verschiedenen Zeitpunkten größer oder kleiner sein – abhängig von externen Faktoren, insbesondere militärischen.

Welche Risiken sind während der Besetzung des Kernkraftwerks Tschornobyl im Jahr 2022 entstanden?

Das war ein beispielloser Vorfall – praktisch ein Akt des Nuklearterrorismus. Es geht nicht nur um die Tatsache der Besetzung an sich. Es geht auch um die Stationierung von Militärtechnik auf dem Gelände des Kraftwerks, um Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften und um die Gefahr einer Beschädigung kritischer Infrastruktur. Und das Schlimmste ist: Die Weltgemeinschaft hat darauf sehr zurückhaltend reagiert, obwohl solche Handlungen einen direkten Verstoß gegen internationale  Übereinkommen darstellen.

Warum hat die internationale Gemeinschaft letztlich keine entschlossene Reaktion gezeigt?

Meiner Meinung nach liegt der Grund darin, dass die Welt einfach nicht auf ein solches Szenario vorbereitet war. Niemand hat in seinen Modellen berücksichtigt, dass jemand gezielt Nuklearanlagen erobern und für militärische Zwecke nutzen könnte. Und als das passierte, stellte sich heraus, dass es keine klare Antwort darauf gab, wie man vorgehen sollte.

Gibt es heute Mechanismen zum Schutz von Nuklearanlagen im Kriegsfall?

Wie die Praxis gezeigt hat, gibt es keine wirksamen Mechanismen. Selbst internationale Organisationen, insbesondere die IAEO (Internationalen Atomenergiebehörde – Anm. d. Red.), waren auf solche Herausforderungen nicht vorbereitet. Derzeit werden bestimmte Lösungen diskutiert. Aber das ist ein Prozess, der Zeit braucht, und bisher bringt er keine schnellen Ergebnisse.

Warum ist das Aggressorland nach wie vor in internationalen Gremien vertreten?

Das ist eine Frage der politischen Zweckmäßigkeit. Andere Erklärungen sehe ich nicht. Hier spielen viele Faktoren eine Rolle, aber entscheidend sind die politischen Entscheidungen, die auf globaler Ebene getroffen werden.

War das Kernkraftwerk Tschornobyl ein Instrument der Erpressung?

Ja, auf jeden Fall. Während der Besatzung nutzten die russischen Truppen das Kraftwerk als eine Art „Schutzschild“, da sie wussten, dass niemand es wagen würde, es zu beschießen. Eine ähnliche Situation ist derzeit auch im Kernkraftwerk Saporischschja zu beobachten.

Warum hat sich die Welt nicht so mobilisiert wie die Ukraine?

Weil die Welt es bis zuletzt nicht glauben wollte. Man hatte das Gefühl, dass es sich um etwas Vorübergehendes oder grundsätzlich Unmögliches handelte. Und während die Ukraine handelte, schaute die Welt größtenteils nur zu.

Welche Rolle kann die Ukraine für die nukleare Sicherheit weltweit spielen?

Die Ukraine verfügt über einzigartige Erfahrungen, über die sonst niemand verfügt. Und unsere Aufgabe ist es, diese so weit wie möglich weiterzugeben, die Risiken zu erläutern und aufzuzeigen, wozu solche Situationen führen können.

Wie erinnern Sie sich an den Beginn der Invasion?

Das ist ein sehr bewegender persönlicher Moment. Ich erfuhr vom Kriegsausbruch in der U-Bahn, als gleichzeitig Klingeltöne von Handys aller Fahrgäste lauteten. Danach gab es Arbeit ohne Unterbrechung, praktisch rund um die Uhr, ohne die Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren.

Gab es Momente, dass Sie befürchteten, dass sich die Ereignisse von 1986 wiederholen könnten?

Ja, und das nicht nur einmal. Besonders während der Beschießung von Nuklearanlagen und der Besetzung des Kernkraftwerks Saporischschja. Das sind Situationen, die man sich früher kaum vorstellen konnte.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Die Menschen. Ihre Ausdauer, ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre Bereitschaft, unter allen Umständen zu arbeiten. Ohne das hätte das System einfach nicht standgehalten.

Wie war die Situation im Kernkraftwerk Tschornobyl während der Okkupation?

Sehr schwierig. Die Station wurde eingenommen und dann vom Stromnetz abgeschaltet. Eine Zeit lang lief es mit Dieselgeneratoren. Die Mitarbeiter arbeiteten praktisch ohne Schichten und hunderte von Stunden am Stück.

Geht es bei Tschornobyl um Vergangenheit oder Zukunft?

Um beides. Die Arbeit dort wird noch Jahrzehnte andauern, und dieses Thema wird aktuell bleiben.

Welche Lehre hat die Welt noch nicht gezogen?

Dass selbst die unwahrscheinlichsten Szenarien in Betracht gezogen werden müssen. Denn nur weil etwas unmöglich erscheint, heißt das nicht, dass es nicht passieren kann.

Kann Krieg die globalen Regeln verändern?

Ich hoffe sehr darauf. Denn ohne das werden solche Risiken bestehen bleiben.

Welche Entscheidungen könnten effektiv sein?

Automatische Verantwortungsmechanismen: Sanktionen, Isolation, Ausschluss aus internationalen Organisationen. Ohne diese funktionieren die Regeln nicht.

Chrystja Rawljuk

Foto von Kyrylo Tschubotin

Foto von Kyrylo Tschubotin

Bei dem Zitieren und der Verwendung aller Inhalte im Internet sind für die Suchsysteme offene Links nicht tiefer als der erste Absatz auf „ukrinform.de“ obligatorisch, außerdem ist das Zitieren von übersetzten Texten aus ausländischen Medien nur mit dem Link auf die Webseite „ukrinform.de“ und auf die Webseite des ausländisches Mediums zulässig. Texte mit dem Vermerk „Werbung“ oder mit einem Disclaimer: „Das Material wird gemäß Teil 3 Artikel 9 des Gesetzes der Ukraine „Über Werbung“ Nr. 270/96-WR vom 3. Juli 1996 und dem Gesetz der Ukraine „Über Medien“ Nr. 2849-IX vom 31. März 2023 und auf der Grundlage des Vertrags/der Rechnung veröffentlicht.

Objekt im Bereich Onlinemedien; Medien-ID R40-01421.

© 2015-2026 Ukrinform. Alle Rechte sind geschützt.

erweiterte SucheWeitere Suchkriterien ausblenden
Period:
-