Vom 17. bis 19. April fand in Belek, im Süden der Türkei, das Antalya Diplomacy Forum statt. Es brachte 23 Staats- und Regierungschefs, 13 Vizepräsidenten und Vizepremierminister sowie 50 Minister, zumeist Außenminister, aus über 150 Ländern und 75 internationalen Organisationen zusammen. Das diesjährige Motto der Veranstaltung lautete: „Die Zukunft gestalten, Unsicherheit bewältigen“.
Die Ukraine auf dem Forum vertrat der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha. In einem Interview mit Ukrinform erzählte er über die Ergebnisse der Arbeit auf dem Forum, die Stärkung der Position der Ukraine in der Welt, insbesondere im Nahen Osten und im globalen Süden, aktuelle geopolitische Fragen, die Entwicklung der strategischen bilateralen Beziehungen zur Türkei und bewertete die Aussichten auf eine Rückkehr des Verhandlungsprozesses in dieses Land.
Herr Minister, Ihre Teilnahme am Diplomatie-Forum geht zu Ende. Sie haben soeben eine Veränderung in der Positionierung der Ukraine auf dieser Plattform festgestellt. Worin besteht diese Veränderung?
Ich glaube, dass die Ukraine heute wirklich anders wahrgenommen wird. Die Ukraine wird anders positioniert. Wir sind deutlich subjektiver geworden. Und dieses Mal erhielt ich zahlreiche Anfragen für Treffen und den Aufbau von Kontakten von Partnern, die die Ukraine zuvor gar nicht im Blick hatten. Und dabei geht es um die Anerkennung unserer Fähigkeiten, um die positiven Ergebnisse dieser proaktiven Politik, die jetzt getrieben wird. Es geht darum, dass wir trotz der Herausforderungen, denen sich unser Land stellen muss, den Willen, die Fähigkeiten finden, unsere Präsenz in verschiedenen Regionen der Welt, insbesondere im Nahen Osten, zu stärken. Wir finden die Fähigkeiten, Mitwirkende der Sicherheit zu sein. Das wird geschätzt.
In Regionen wie der Türkei und dem Nahen Osten wird Stärke respektiert. Ich glaube, dass die Ukraine im Vergleich zum letztjährigen Forum in Antalya an Stärke gewonnen hat. Das ist spürbar und das merken alle.
Und noch einmal: Für mich als Minister eines sich im Krieg befindenden Land ist dies eine Chance zur Entwicklung und zum Aufbau neuer Partnerschaften. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele Anfragen für ein Treffen im Rahmen multilateraler Plattformen erhalten zu haben. Ich würde sogar sagen, das ist ein gewisser Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Ukraine und um jene Möglichkeiten, die sich in der Zusammenarbeit mit der Ukraine eröffnen. Das macht uns attraktiv, wir bieten die Möglichkeit für eine für beide Seiten vorteilhafte Kooperation. Und diese Kooperation stärkt die Ukraine.
Wie wirken sich diese Veränderungen in der Positionierung der Ukraine auf der internationalen Bühne auf ihre strategischen Handlungen aus, insbesondere im Nahen Osten?
Die jüngste historische Reise von Präsident Selenskyj zielte darauf ab, zweifellos die Position der Ukraine in der Region zu stärken, um dort eine neue strategische Präsenz und Zusammenarbeit zu etablieren. Gleichzeitig sollte aber verhindert werden, dass Russland vom Anstieg der Ölpreise profitiert, die Situation ausnutzt und Sanktionen oder Sanktionsregime gegen sich selbst lockert. Auch sollte verhindert werden, dass sich die globale Medienaufmerksamkeit dorthin verlagert. Obwohl dies teilweise gelungen ist, sorgen solche Maßnahmen (Diplomatie-Forum – Anm. d. Red.) dafür, dass die Ukraine im Fokus bleibt, dass die für uns bestätigten Waffen innerhalb des vereinbarten Zeitrahmens an die Ukraine geliefert werden. Jede Verschärfung oder Verlängerung der Sicherheitslage im Nahen Osten hat direkte Sicherheitsfolgen für die Ukraine. Deshalb sind wir dort, agieren proaktiv und vorausschauend. All das wird langfristige Auswirkungen auf unsere Verteidigungsfähigkeit haben und sie stärken. Wir sammeln dort auch Kampferfahrung. Und all das muss unbedingt in konkrete Schritte für unseren Staat umgesetzt werden. Diese Aufgabe wurde vom Präsidenten der Ukraine gestellt, und so handeln und kämpfen wir alle dafür. Denn in vielen Fällen müssen wir kämpfen. Ich versichere Ihnen, dass nicht alle dort über das aktive Auftreten und die Präsenz der Ukraine sowie den Abschluss langfristiger Verträge glücklich sind.
Sie eröffneten das diesjährige Antalya-Forum mit einer öffentlichen Diskussion, informierten über die Lage an der Front, legten die Kernbotschaften der Ukraine zum Kriegsende dar und widerlegten die Narrative der russischen Propaganda, die sich weltweit, insbesondere auf die türkische Öffentlichkeit, verbreiten. Sie sprachen von Erfolgen der Türkei bei der Entwicklung des Militärindustriekomplexes, wo 80 Prozent der Verteidigungsindustrie aus Eigenentwicklungen und -produktion besteht. Glauben Sie, dass wir ein solches Niveau erreichen können, insbesondere wenn wir uns an den Erfahrungen der Türkei orientieren?
Ich denke, dass man ein solches Ziel unbedingt setzen muss. Wir können den Bedarf unserer Armee schon jetzt zu mehr als 40 Prozent decken. Aber wenn wir ein starker Staat sein und uns von Abhängigkeiten bei einigen kritischen Lieferungen befreien wollen, müssen wir unsere Kapazitäten maximal ausbauen. Das ist die Aufgabe, die der ukrainische Präsident gestellt hat: maximale Skalierung. Denn es geht um Subjektivität und eine starke Positionierung. Das wenn wir über die externe Dimension sprechen. Und für die interne Dimension gelten Auslöser und Motor des Wirtschaftswachstums. Die Verteidigungsindustrie bringt stets andere Wirtschaftssektoren in Bewegung. Sie hat einen Multiplikatoreffekt. Und sehr viele Länder haben ihre erfolgreichen Wirtschaftsmodelle gerade auf der Verteidigung aufgebaut. Daher wird sie definitiv skalieren. Und natürlich haben wir aus der russischen Aggression Lehren gezogen, als wir auf bestimmte Lieferungen warten mussten, als wir von ihnen abhängig waren. Das darf nicht wieder passieren. Wir müssen mehr Selbstversorgung erreichen. Besonders, ich wiederhole, bei kritischen Waffentypen. Dazu gehören Luftverteidigung, Artilleriemunition, Schießpulver und Sprengstoffe. Das heißt, die Ukraine muss autarker werden. Wir haben Ausbildungseinrichtungen, es gibt Möglichkeiten, all dies zu entwickeln. Andererseits entwickeln wir bereits viele eigene Technologien. Über 200 Unternehmen produzieren Drohnen verschiedenster Art. Über 200 Unternehmen ist wirklich eine „Explosion“ und bedeutet gleichzeitig starken Wettbewerb. Zudem haben diese Unternehmen die Möglichkeit, ihre Produkte direkt auf dem Schlachtfeld zu testen. Unsere Partner verstehen, dass das für hohe Qualität steht. Und genau darin liegt unser geopolitischer Vorteil.

Nicht nur Hersteller bestimmter Waffentypen, sondern auch führende Akteure des Militärindustriekomplexes sowohl in der Türkei als auch in anderen Ländern stellen die einzigartige Möglichkeit der Ukraine fest, neue Technologien auf dem Schlachtfeld zu erproben.
Generell habe ich immer gesagt, dass diese Kampferfahrung, die einzigartigen Technologien, die Fähigkeit, diese Prozesse selbst im Krieg umzusetzen und entsprechende Luftraumüberwachungssysteme zu entwickeln, die Ukraine jetzt auf der geopolitischen Landkarte der Welt und der Region erheblich stärken und uns zu einem wichtigen Sicherheitsakteur und einem unverzichtbaren Partner für viele machen. Das ist die Realität, und all das muss skaliert werden. Und natürlich sollten all diese Schritte in erster Linie unsere Verteidigung stärken und unseren nationalen Interessen dienen.
Die Türkei nimmt einen besonderen Platz auf Ihrem diplomatischen Weg ein. Und zu den Projekten, die Sie hier initiiert haben, gehören die Lieferung von Bayraktaren, der Bau von Fregatten für die Ukraine, der Erhalt von Tomos, der erstmalig Start von Direktflügen mit einigen türkischen Städten, insbesondere mit Ankara, und der Bau eines neuen Botschaftsgebäudes. In diesem Jahr fand der Ostergottesdienst in der Nähe der von Ihnen gestifteten neuen Kapelle statt. Während der Amtszeit haben Sie eine mächtige Grundlage für die Entwicklung einer strategischen Partnerschaft mit der Türkei geschaffen. Welche Bereiche der Zusammenarbeit mit der Türkei sind heute besonders relevant?
Natürlich nimmt die Türkei in unseren diplomatischen Beziehungen einen besonderen Platz ein, als strategischer Partner der Ukraine und als Nachbar am Meer. Denn wir stehen vor gemeinsamen Herausforderungen im Schwarzen Meer. Ich denke, dass die Ukraine nur mit der Türkei die Dominanz der russischen Marine balancieren kann.
Die Türkei ist ein Nato-Land und verfügt über eine der stärksten Armeen der Welt. Und auch die Ukraine besitzt mittlerweile eine der stärksten Armeen, nicht nur in Europa. All das schafft die Basis für eine wirklich enge Zusammenarbeit. Wichtig ist, dass wir keine Konkurrenten sind. Wir ergänzen uns in der Tat, auch im Verteidigungsbereich. In manchen Bereichen haben wir eine führende Position, in anderen ist uns die Unterstützung und die Zusammenarbeit mit der türkischen Seite wichtig, aber es geht stets um eine für beide Seiten vorteilhafte Partnerschaft, die nicht nur auf der früheren aktiven dynamischen Gegenwart, sondern auch auf großen Zukunftsperspektiven basiert. Angesichts ihrer Rolle in der Region und der wachsenden Bedeutung unseres Landes befürworte ich die Gründung von Allianzen mit der Türkei.
All das ermöglicht es uns, neue Interaktionsformate zu initiieren, wie es beispielsweise im Fall Syriens war, das trilaterale Format Ukraine-Türkei-Syrien.
Die Türkei gab schon früher und erklärt sich auch jetzt bereit, eine Plattform für Friedensgespräche zwischen der Ukraine und Russland zu bieten. Nun sieht es so aus, dass sie den Verhandlungsprozess nach Istanbul verlagern wollen. Sehen Sie da eine solche Möglichkeit?
Ich stimme nicht zu, dass das eine Verlagerung ist. Es geht um die gerechte Rolle der Türkei, die Fähigkeiten hat, in der Diplomatie mitunter wirklich beispiellose und einzigartige Erfolge zu erzielen. Ich möchte gar nicht ein Kompliment machen. Ich habe hier als Botschafter gearbeitet. Ich weiß, wie die türkische Diplomatie, die ich sehr hoch schätze, sowohl formell als auch hinter den Kulissen arbeitet. Sie sind sehr effektiv. Und das muss berücksichtigt und dieses Potenzial genutzt werden, denn auch die Türkei ist an einem Ende der russischen Aggression interessiert. Wir haben uns an die Türkei gewendet, die Möglichkeit eines Treffens auf Ebene von Präsident Selenskyj und Putin mit möglicher Teilnahme der Präsidenten Erdoğan und Trump zu prüfen. Wir sind zu diesem Treffen bereit. Das Einzige nur, dass sich Putin derzeit versteckt hält. Und der ukrainische Präsident ist zu einem solchen Treffen bereit. Wir wollen diesen Krieg beenden. Wir haben wirksame Vorschläge.
Wir hoffen auf die Rolle der Türkei, die den Friedensprozess beschleunigen kann.

Mit welchen drei Hauptschlussfolgerungen und weiteren Arbeitsbereichen kehrt der ukrainische Außenminister nach dem Antalya-Forum in die Ukraine zurück?
Natürlich geht es um die Stärkung der strategischen Präsenz der Ukraine in dieser Region und im Nahen Osten. Der Besuch von Präsident Selenskyj hat zusätzliche Möglichkeiten und Chancen eröffnet. Für uns geht es dabei auch um unsere Energiesicherheit, denn diese Länder sind reich an Energieressourcen. Es geht auch um eine für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit, nicht nur im Sicherheitsbereich, sondern auch im Finanzsektor. Daher ist das so wichtig. Auch aus der Sicht der künftigen umfassenden Beziehungen. Diese strategische Präsenz muss nun stattfinden und gestärkt werden. Das ist der erste Weg.
Der zweite Fall ist bilateral. Und hier geht es natürlich um den Globalen Süden, vor allem um Afrika. Ich sehe deutlich, dass diese Richtung sowohl in der Ukraine als auch in Afrika unterschätzt wurde. Das Potenzial der Ukraine ist noch nicht voll verstanden worden.
Es liegt noch viel Arbeit vor uns, um diese neue Positionierung der Ukraine, unsere neue, starke Subjektivität, zu festigen. Und wir müssen das umsetzen. Sie fragten nach einer weiteren Richtung, und sie ist für die ersten beiden Punkte relevant. Das ist die Umwandlung dieser diplomatischen Wege, Interaktionen und Treffen in konkrete ukrainische Errungenschaften. Für uns, für unser Land, für unsere Front, für unsere Armee.
An welcher Zusammenarbeit sind wir auf dem afrikanischen Kontinent interessiert?
Das betrifft den Agrarsektor, die Öffnung der Märkte dieser Länder für unsere Produkte, den IT-Bereich, Medizin, Bildung und die Sicherheitskooperation. Einige dieser Länder verfügen über wichtige Ressourcen, die für die ukrainische Industrie und Wirtschaft unerlässlich sind. All dies wurde ausführlich besprochen. Auf dem Antalya-Forum habe ich zahlreiche Treffen mit afrikanischen Kollegen geführt. Insgesamt mehr als zehn Treffen, und mit jedem Land besteht eine Perspektive für die Zusammenarbeit. Ich bin überzeugt, dass wir diese weiter ausbauen werden.
Mit jedem meiner afrikanischen Kollegen habe ich auch die Rekrutierung afrikanischer Söldner durch die Russen angesprochen.
Was sagen sie dazu?
Sie sind empört. Wir suchen nach Wegen, diese Söldneraktivitäten zu stoppen, da es verschiedene Ansätze gibt. Sie sind der Ukraine dankbar für die Bemühungen, die Russen daran zu hindern, Afrikaner für die sogenannten „Fleischstürme“ einzusetzen. Wir haben Angaben der Aufklärung, wir haben mehr als 300 Staatsbürger verschiedener Länder, insbesondere aus afrikanischen Staaten, die an der Seite Russlands gekämpft haben. Wir sehen, dass Russland bei enormen Verlusten an der Front diese durch Rekrutierung zu kompensieren versucht. Daher war das eines der Themen meiner Gespräche mit Kollegen vom afrikanischen Kontinent.
Naher Osten und Afrika. Welcher dritte Schwerpunkt ergibt sich aus der Teilnahme am Antalya-Forum?
Der dritte Schwerpunkt sind natürlich die bilateralen Beziehungen zur Türkei. Es geht um Energie, Sicherheitskooperation und Handel. Der Handelsumsatz mit der Türkei wächst. Für 2025 haben wir ein Wachstum von fast 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ich bin überzeugt, dass wir noch ungenutztes Potenzial haben, das wir weiterentwickeln müssen.
Während Ihrer Amtszeit war einer Ihrer wichtigsten Slogans und Arbeitsrichtungen: „Mehr Ukraine in der Türkei – mehr Türkei in der Ukraine“. Heute haben Sie diesen Slogan auf die globale Ebene gehoben: Mehr Ukraine in der Welt, mehr Welt für die Ukraine.
Fassen wir diese drei erwähnten Schwerpunkte zusammen, so gibt es eine Gemeinsamkeit: die Ukraine muss im Fokus stehen. Es muss mehr Ukraine, eine verständliche Ukraine, eine Ukraine mit Bedeutung geben, die alle bereits als ein Land wahrnehmen, dessen Rolle und Gewicht unterschätzt waren. Und ein Erkenntnis darüber, wie bedeutend die Rolle unseres Landes und unserer Leute ist.
Olha Budnyk, Antalya.
Foto: Autorin und Antalya Diplomacy Forum