Achtem Tschijgos, stellvertretender Vorsitzende von Medschlis des Krimtatarischen Volkes
Russischer Terror auf der Krim ist ein Versuch, an Ereignisse von 1944 zu erinnern
21.12.2017 17:27 887

Achtem Tschijgos verbrachte im Gefängnis 1000 und einen Tag. Weder Monate voller Einsamkeit, noch der psychologische Druck, noch die Unumgänglichkeit eines Urteils für die unbewiesene Schuld konnten ihn zwingen, die Treue seinen Prinzipien, seinem Volk und dem Land aufzugeben.

Nach der Freilassung hat Achtem eine aktive Stellung eingenommen, er versucht, der Weltgemeinschaft über die wahre Situation auf der Krim, über die Methoden der Besetzung der Halbinsel zu berichten. Darüber und über die Wochentage im Gefängnis, über das Angebot für den Verrat, und was ihm geholfen hat, in unglaublich schwierigen Bedingungen zu überleben, hat Achtem Tschijgos in einem exklusiven Interview mit der Korrespondentin von Ukrinform erzählt.

Achtem, wir sind sehr froh über Ihre Rückkehr und dankbar Ihnen dafür, dass Sie eine sehr aktive Stellung eingenommen haben. Sie haben sich mit dem Generalsekretär des Europarats getroffen. Worum ging es? Haben Sie über die Befreiung der Krim gesprochen?

Ja, genau darum ging es auch. Ich habe beim Treffen gesagt, dass man für die Befreiung der Krim alle möglichen Instrumente, außer dem Militär, entwickeln und annehmen muss. Ich meinte damit, dass die Priorität der Schutz der Bevölkerung durch internationale Institutionen, die Arbeit von Beobachtermissionen, Rechtsschutzorganisationen ist. Nur der wirksame Schutz, und nicht der Versuch, Russland die Möglichkeit zu geben, sein eigenes Bild auf der Krim darzustellen. Hier muss man sehr hart vorgehen. Und ich habe darüber beim Treffen gesprochen, dass diese Missionen langfristig sein und alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens auf der Krim umfassen sollen. Sowohl die Menschenrechte als auch die Repressionen gegen politische Gefangene. Das ist auch der Terror gegenüber den Bewohnern, als maskierte Banditen einbrechen und beginnen, Frauen und Kinder auf den Boden zu schmeißen, und die Kinder können vor lauter Angst gar nicht schreien, sie machen mit den Händen das Gesicht zu, weil das Ganze um 5.00 Uhr morgens, um 06.00 Uhr, passiert. Das ist Terror, ein Versuch, an die Ereignisse von 1944 zu erinnern.

Wie sind Ihre Worte empfunden worden? Welche Fragen sind noch diskutiert worden?

Ich habe auch über die Probleme des humanitären Aspekts gesprochen. Dort ist ein Genozid gegen die Bildung auf Ukrainisch, Krimtatarisch. Ich spreche davon, dass der Staat (Russische Föderation – Red.) formal ein Gesetz verabschiedet hat und es überall öffentlich macht, dass auf der Krim drei Landessprachen sind, aber in Wirklichkeit die Russifizierung voll im Gange ist, die Schulen werden geschlossen. Das einzige ukrainische Lyzeum ist umprofiliert worden. Die krimtatarische Sprache wird eine Unterrichtssprache in Form eines gesonderten Faches. All dies geschieht planmäßig. Dort werden die historischen Denkmäler zerstört. Das Ganze hängt wieder mal mit der Russifizierung der Krim zusammen. Wir haben darüber gesprochen. Auch darüber, dass man die Idee der Annahme des Status der Autonomen Republik Krim, des nationalen Status, unterstützen und fördern soll, weil das auch ein ernsthaftes Instrument, und übrigens auch für die internationale Gemeinschaft im Fall der Befreiung ist, wo die Rolle des Urvolkes laut internationalen Normen an erster Stelle ist. Und eine Reihe von anderen Dingen. Meiner Meinung nach hat man mir aufmerksam zugehört und mit Verständnis auf diese Vorschläge reagiert.

Sie haben keine Pause nach der Freilassung (auch zur Wiederherstellung der Gesundheit) genommen, Sie reisen viel. Wie fühlen Sie sich jetzt?

Ich bin davon überzeugt, dass alle Krankheiten eines Menschen von seinen Emotionen sind. Im Gefängnis gab es seine Emotionen, die den Gesundheitszustand bestimmten. Sie bestanden aus dem Verhalten zu mir in der Ukraine und in der Welt. Das hat mich inspiriert. Natürlich habe ich einige Wehwehchen.

Aber jetzt sind diese positiven Emotionen wichtig für mich. Derzeit reise ich, treffe mich mit Leuten. Reisen, sie sind anstrengend, aber das Ergebnis ist wichtiger.

Wohin planen Sie die Fahrt?

Jetzt steht die Frage über die Reise nach Amerika und in die Türkei. Und noch hat mich die Stadtverwaltung nach Tschernihiw eingeladen. Und wenn es eine Möglichkeit geben wird, werde ich Tschernihiw wählen.

Und wie haben Sie sich im Gefängnis gefühlt. Wenn Sie die medizinische Betreuung gebraucht haben, haben Sie sie bekommen? Welche Bedingungen hatten Sie?

Nein. In der Regel, wenn du im Gefängnis von einer Krankheit befallen wirst, bekommst du nichts außer Aspirin, denn es nichts gibt. Das ist schon immer ein heikles Thema gewesen.

Nur in den letzten 2-3 Monaten hat sich die Situation nach vielen Abmühen des Rechtsanwalts, der Erklärungen des Außenministeriums, des Besuchs von Walerija Lutkowska, irgendwie verändert. Auch Poroschenko hat eine Erklärung abgegeben, dafür danke ich ihm. Als Präsident war er anscheinend durchdrungen von meinem Kampf und hat das geschätzt.

Welche Haftbedingungen. Wenn man zum Beispiel rausfährt, treibt man am Morgen 30 bis 40 Mann in den „Darm“, einen langen Korridor, unter Gebäuden, wo du 2 bis 3 Stunden im Wasser stehst. Dann bringt man weiter in irgendwelche Gerichte, Untersuchungsausschüsse. Ich wurde beispielsweise überhaupt mehrere Monate in so genannten „Gläsern“ gehalten. Das ist ein Raum, 80 x 80 cm, in Menschenhöhe, man kann weder sitzen noch stehen, noch sich umdrehen. Und dort kann man drei bis vier Stunden stehen, und vor der Abfahrt und nach der Rückkehr, bevor man in die Zelle bringt. Es gibt größere „Gläser“, aber dahin stopft man 25 bis 30 Leute. Alle rauchen dort, es gibt natürlich keine Lüftung, die Menschen fallen in Ohnmacht. Aber es ist so zu sagen, der Alltag eines Knastbruders.

Waren es also Versuche, Sie zur Zusammenarbeit zu bewegen?

Und das auch. Mir hat man auch das Geld und Amtsstellungen angeboten und mit anderen Sachen gelockt. Zum Beispiel wurde mir erzählt, wie gut die Krimtataren bei Russland leben werden. Ich habe darauf gesagt, dass die Krimtataren, erstens, ein sehr gutes historisches Gedächtnis haben: was Russland anbietet, hat noch nie gut ausgegangen; zweitens, das krimtatarische Volk wuchs auf den Werten, und wir haben freiwillig die Staatsbürgerschaft der Ukraine angenommen und freiwillig ihre territoriale Integrität seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verteidigt. Deshalb können wir die Kappe nicht wechseln.

Welches Verhältnis hatten Sie von anderen Häftlingen?

Wissen Sie, oft zeigten sie Respekt, Unterstützung. Und sogar nicht so gegenüber mir, wie für die Position, die ich halte, und dafür, dass ich keine Angst habe, darüber zu sprechen. Und das war nicht ein Mal.

Haben Sie Briefe erhalten?

Nein, mir wurden keine Briefe gegeben… Ich habe zwei Monate vor meiner Entlassung von Polizisten, von Ausguckern, gehört, dass viele Briefe für mich kommen, aber sie wurden mir nicht gegeben. Sowohl die Frau als auch der Anwalt haben gesagt, dass Briefe für mich auf der ganzen Welt geschrieben werden… Ich konnte schließlich einige von ihnen lesen und die Seele freute sich. Mich hat das Ganze einfach inspiriert, dass von meinem Kampf, von meiner Position nicht einfach eines Achtem Tschijgos, sondern eines Bürgers, der sich so verhalten muss, die ganze Welt, in Australien, Amerika, Kanada und den europäischen Ländern weiß. Das letzte Mal hat man mir Briefe aus Russland gebracht: aus Saratow, Ural, Sibirien. Man hat mir geschrieben und um Vergebung gebeten: Verzeihen Sie uns, dass unser Land gegen die Ukraine kriegt, dass die Krimtataren terrorisiert werden, dass die Krim besetzt wurde. Und es stehen „geprüfte“ Stempel drauf.

Das heißt, die Menschen haben keine Angst gehabt, ihre Absenderadresse zu hinterlassen.

Ja. Die Tatsache, dass die Menschen keine Angst hatten, sagt schon aus, dass die Zeit gegen Russland arbeitet. Nicht alle Menschen sind bereit, in einer Watnik-Gestalt zu leben… Als man mir Briefe nicht gab, wusste ich trotzdem, dass man sie liest, und obwohl ich sie nicht bekomme, ist es schon wichtig, dass sie gelesen werden. Und als mir diese Briefe gebracht wurden, habe ich sogar Nikolaj Polosow (Anwalt) gebeten, zu kommen, ich gab ihm diese 5-6 Briefe zu lesen. Er hat sie gelesen. Ich fragte, was er darüber denkt. Er konnte die Frage nicht beantworten. Ich sagte: „Und mir scheint es, dass sie schon ihre Position zum Ausdruck bringen“.

Unser Korrespondent Roman Suschtschenko befindet sich jetzt in „Lefortowo“ in Moskau. Bei Erinnerung an Ihre Inhaftierung können Sie vielleicht ihm den Ratschlag geben, wie er durchhalten kann?

Nicht aufgeben, er muss bis zum Ende gehen. Und man sollte nicht auf die Tür schauen, das ist schwer. Ich habe selbst am Anfang geschaut und bin fast verrückt geworden. Du schaust, hoffst, dass diese Tür jeden Morgen aufgehen wird…

Dieser Druck ist nicht einfach zu ertragen, besonders im ersten Monat, wenn man ganz sperrt und niemanden zulässt. Zu mir wurde zum Beispiel sechs Monate lang niemand zugelassen. Und mir hat man auch angeboten, Vieles zu unterschreiben, um nur da raus zu kommen.

Wie konnten Sie standhalten?

Wenn man mich fragt, wovon ich mich damals leisten lassen habe, antworte ich, von der Scham. Wenn du dich schämst, dein Volk, dein Land, deine Freunde, deine Kinder zu blamieren, dann, wie schwer das auch sein würde, bekommst du die Kraft, keine widrigen Dinge zu machen. Ich habe das auch dort einigen gesagt. Wir haben kein Recht, hinter uns ist das Land, hinter uns ist das Volk. Aber einige haben, leider, im ersten Monat unterschrieben.

Hat man Sie gefoltert?

Wenn man nach Folter fragt, führe ich hier ein Beispiel an. Im Untersuchungsgefängnis gibt es bestimmte Gefängnisregeln. Dort sitzen Schlägertypen, Ausgucker, Vagabunden und auch Diebe. Und jeder der Polizisten versteht auch, welche Konsequenzen sein können. Dort passieren andere Dinge. Zum Beispiel habe ich eine Woche lang in einer Zelle für die lebenslänglich verurteilten Häftlinge verbracht. Früher habe ich die Zelle, in der ich war, für etwas Jesuitisches gegenüber den Menschen gehalten. Aber was ich in der Zelle für lebenslänglich Verurteilte gesehen habe, war ein Schock… Aber auch dann habe ich mich nicht an die Polizisten oder Vorgesetzte gewendet, denn ich wusste eins: wenn du dich mit der Forderung wendest, bedeutet das, dass ihre Methoden wirken.

Was haben Sie dort gesehen?

Ich möchte darüber nicht reden. Und außerdem hat das nicht geholfen, ich wurde in ein „Loch“ geworfen. Es ist noch schlimmer.

Was ist das?

Man wirft in einen Keller, wo sogar die Pritsche an der Wand befestigt wird…, d.h. man muss den ganzen Tag entweder auf dem Beton sitzen oder stehen. Und stehen in voller Lebensgröße kannst du nicht, weil die Decke dort so ist.

Die gefährlichste Folter ist die psychologische. Den körperlichen Schmerzen kann man ertragen, wenn diese Handschellen drücken, wenn man dir auf den Kopf einen Sack überzieht, stößt, dich demütigt. Und die Demütigung trifft sehr hart. Und den körperlichen Schmerzen, wenn du ein Mann bist, wirst du aushalten.

An welchem Moment haben Sie verstanden, dass Sie freigelassen werden?

Als wir über das Meer flogen, sah ich vom Flugzeug die Ziegeldächer, Minaretten, Moscheen, dann habe ich erkannt, dass wir in der Türkei sind. Ich dachte, dass man uns in die Türkei ohne Erlaubnis von Erdogan niemals lassen würde, und dann entspannte ich mich.

Hat man Ihnen nicht gesagt, wohin Sie fliegen?

Nein. Ich erhielt einen Beleg über die Freilassung, in dem stand, dass ich nach Hause begleitet werde…

Rubriken

Agentur

Beim Zitieren und bei der Verwendung der Texte im Internet sind für die Suchsysteme offene Links auf „ukrinform.ua“ nicht tiefer als der erste Absatz anzugeben. Das Zitieren und die Verwendung der Texte in Offline-Medien, Mobilgeräten, SmartTV sind nur mit der schriftlichen Erlaubnis von „ukrinform.ua“ möglich. Die Texte, die mit „Werbung“ markiert sind, werden mit dem Werbeschutzrecht veröffentlicht.

© 2015-2018 Ukrinform. Alle Rechte sind geschützt.

Design der Webseite — Studio «Laconica»
erweiterte SucheWeitere Suchkriterien ausblenden
Period:
-