Christopher Stokes, Nothilfekoordinator von Ärzte ohne Grenzen
Die humanitäre Lage in den zurückeroberten Gebieten der Region Cherson ist dramatisch
21.12.2022 22:30

Christopher Stokes, Nothilfekoordinator von Ärzte ohne Grenzen

Die humanitäre Lage in den zurückeroberten Gebieten der Region Cherson ist dramatisch

Die internationale Organisation für medizinische Nothilfe Ärzte ohne Grenzen (französische Bezeichnung Médecins Sans Frontières, MSF) ist seit einem halben Jahr in den von den russischen Besatzern befreiten Gebieten der Oblast Cherson tätig. In den Dörfern, die vor kurzem unter die Kontrolle der ukrainischen Regierung zurückgebracht wurden, funktionieren auch mobile Kliniken von Ärzte ohne Grenzen. Die Organisation betreibt die Kliniken in rund 30 Dörfern und konzentriert sich auf die medizinische Grundversorgung, die Behandlung von Infektionskrankheiten und die psychologische Betreuung. Die Rettungswagen von MSF bringen auch Patienten in Krankenhäuser und führen Krankentransporte zwischen den Krankenhäusern rund um die Stadt Krywyj Rih und in den Rajons der Oblast Cherson, die unter der ukrainischen Kontrolle sind. Vor kurze nahmen die MSF-Teams ihre Tätigkeit in der Ortschaft Snihuriwka in der Oblast Mykolajiw auf.

Womit beschäftigt sich das Team von Ärzte ohne Grenzen im Krieg in der Ukraine, wie ist die Lage in den zurückeroberten Gebieten der Region Cherson, wodurch unterscheidet sich dieser Krieg von den anderen aktuellen Kriegen – ein Korrespondent von Ukrinform spricht darüber mit dem Nothilfekoordinator von Ärzte ohne Grenzen in der Ukraine Christopher Stokes. Die Projektkoordinatorin der Organisation Kateryna Kytscha hilft beim Dolmetschen und der sprachlichen Verständigung.

Im Frontgebiet muss man Zahl internationaler Organisationen erhöht werden

 

Wie bewerten Sie die humanitäre Lage in den zurückeroberten Gebieten der Region Cherson? Was sehen die Teams Ärzte ohne Grenzen?

In der Region Cherson arbeiten wir in den befreiten Dörfern und Siedlungen des städtischen Typs wie z.B. Dawydiw Brid, Archanhelske und andere, dort arbeiten unsere Ärzteteams. Wie funktionieren wir? Wir haben 7 bis 8 mobile Kliniken, das sind die Teams, die in jedes Dorf fahren, so einmal pro Woche und Patienten empfangen, die in der Okkupation lebten (diese Menschen wurde sehr lange Zeit medizinisch nicht versorgt).

Die Lage ist sehr schlecht, die Lage ist dramatisch, so kann man sagen. Solche Ortschaften wie Wysokopillja, Welyka Olexandriwka – dort überall wurden medizinische Einrichtungen zerstört, deswegen können die Menschen nicht medizinisch versorgt werden. Die Ärzte, Fachärzte, das örtliche medizinische Personal wurden gezwungen, auszureisen, und niemand kann die medizinische Versorgung übernehmen. Wir sind über die Wintersaison sehr besorgt, weil die Wohnbedingungen sehr schlecht sind. Es gibt keine Heizung, keine Grunddienstleistungen, es gibt auch keine Apotheken, die dort ständig funktionieren können. Deswegen erwarten wir, dass die Menschen häufiger an Atemwegserkrankungen leiden werden.

 

Wieviel Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen arbeiten in der Region Cherson?

Lassen Sie uns zählen. 7-8 mobile Teams (wochenabhängig), jede dieser mobilen Kliniken hat einen Arzt, eine Krankenschwerster, einen Psychologen und natürlich Fahrer, weil sie mit mehreren Wagen fahren. Und wir sorgen dafür, dass die Menschen, die sich mit akuten Fragen, mit chronischen Krankheiten an den Arzt wenden, wissen, dass wir einmal pro Woche zurückkehren werden, um zu sehen, wie ihre Behandlung läuft.  

Das sind Fachleute aus dem Ausland oder aus der Ukraine?

Generell haben wir gemischte Teams, sehr viel Personal aus der Ukraine, es gibt auch aus dem Ausland.

Nach der Befreiung von Cherson hat die Organisation begonnen, in der Stadt an zwei Standorten zu arbeiten? Mit welchen Problemen suchten die Einwohner der Regionalhauptstadt, die unter Besatzung lebten, den Arzt auf? Das sind chronische Krankheiten oder sie baten um psychologische Hilfe? Ich will hier betonten, dass die Ukrainer nicht sehr daran gewönnt sind, um psychologische Hilfe zu bitten.

Gleich nach der Befreiung des Gebiets waren wir dort jeden Tag eine Woche lang und arbeiteten, wie Sie gesagt haben, am Freiheitsplatz, am Bahnhof. Wir haben rund 700 Menschen empfangen. Die meisten brauchten eine ärztliche Beratung wegen chronischer Krankheiten, die Menschen, die ihre persönlichen Medikamente nicht kaufen konnten und sie wollten ihre Vorräte auffüllen.

Was die psychologische Gesundheit betrifft, ist klar, dass wenn die Menschen gesehen haben, dass es Psychologen in unseren mobilen Kliniken gibt, dann begannen sie, nach und nach daran zu gewöhnen und die Zahl der Termine bei Psychologen allmählich bis Ende der Woche wuchs.

Was die medizinische Versorgung in Cherson betrifft, arbeiten wir eng mit dem Gesundheitsministerium der Ukraine mit. Wir haben unsere Tätigkeit dort begonnen, gleich nach der Befreiung, sie setzten an gleichen Standorten in Cherson fort, beraten die Patienten, geben Medikamente, die die Menschen brauchen, wir konzentrieren unsere Anstrengungen auf die Dörfer in der Region Cherson.

In der Stadt war unser Team am vergangenen Donnerstag und wir sprachen selbstverständlich mit Krankenhäusern. Jetzt bewerten wir die Lage, wie können wir die Ambulanzen am besten einrichten, angesichts der ständigen Angriffe und unter Berücksichtig der Sicherheit sowohl für die Patienten als auch für das Personal.

Ich möchte auch von meiner Seite betonen, dass in den Frontgebieten und in der Nähe der Front, wie wir während unserer Aufenthalt gesehen haben, ist die Präsenz der internationalen Organisationen sehr gering. Dort sind überwiegend örtliche Helfer tätig, die versuchen zu helfen, es wäre aber sehr nützlich, die Zahl der internationalen Organisationen gerade in diesen schwierigen Situationen, in den schwierigen Regionen zu erhöhen. 

Wandten sich an ihre Mitarbeiter die Menschen, die illegale Inhaftierungen, Foltern erlebten? Über welche Gefühle erzählen die Menschen, die unter Besatzung lebten?

Die Patienten, die sich an uns wenden, erzählen über ihre Erfahrungen, wie sie unter Besatzung lebten, erzählen über ihre Angehörige, Nachbarn, die misshandelt wurden. Es geht aber um keine direkten Beweise, wir selbst haben mit diesen Leuten (mit Menschen, die unter Misshandlungen litten – Red.) nicht direkt gesprochen…

Die Menschen in den besetzten Gebieten der Region Cherson war es schwierig, in der ständigen Atmosphäre von Angst und Druck zu leben. Sie wussten nie, was mit ihnen am nächsten Tag passieren kann, sie hatten Angst, inhaftiert zu werden, hatten Angst, dass etwas mit ihnen gemacht wird. Und dieser tägliche psychologische Druck, wir sind uns sicher, wird Spuren noch für längere Zeit hinterlassen.

Kann man sicher behaupten, dass die Bevölkerung wegen Kriegserlebnisse die psychologische Hilfe auch nach dem Sieg brauchen wird?

Ja klar, Sie haben Recht, das wird langfristige Folgen haben. Ich kann feststellen, dass in allen befreiten Gebieten der Region ein großer Bedarf an psychologischer Hilfe besteht.

Nie habe ich eine solche aktive Zivilgesellschaft erlebt

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie von diesem Krieg?

Ich kann diese Erfahrungen in einen positiven und einen negativen Teil aufteilen. Der positive Teil – ich habe nie so große Aktivität der Zivilgesellschaft erlebt. Die Menschen sind sehr einig, helfen sich gegenseitig und geben alles dafür, um die Hilfe dorthin zu bringen, wo sie fehlt. Und der negative Teil – ich will sagen, dass man nie weiß, wo sicher ist, weil es keinen sicheren Ort in der Ukraine gibt. Die Bombardements können stattfinden, egal wo du dich befindest, ob in der Oblast Donezk oder in Lwiw.

Ist der Evakuierungszug der Organisation in der Region Cherson im Einsatz?

Ja, wir haben unseren Evakuierungszug, der ein Unikat nicht nur in der Ukraine, sondern auch für Ärzte ohne Grenzen in der Welt ist. Er war mehrmals in Cherson, gleich nachdem die ukrainische Armee die Stadt unter ihre Kontrolle gebracht hat. Mit diesem Zug evakuierten wir 250 Patienten der psychiatrischen Klinik. Einige von ihnen wurden nach Odessa, die anderen in den Westen der Ukraine gebracht. Wir evakuierten auch schwer verwundete Menschen aus Cherson. Jetzt wird unser Zug nach Dnipro fahren. Wir stehen mit der Leitung der Region Cherson in Kontakt, um zu wissen und bereit zu sein, wenn es nötig sein wird, die verwundeten Menschen und anderen, die unsere Hilfe brauchen, zu evakuieren.

Man gewährt gewöhnlich während des Krieges beide Parteien den Zugang zu den Zivilisten, die Hilfe brauchen

Sie beteiligten sich an solchen Missionen in anderen Ländern, wo ein Krieg war. Ob das üblich im Krieg ist, wenn der Besatzer die internationale Hilfe, die internationale Mission für die Stadt verhindert, wie es in Cherson war?

Das ist war, wir haben versucht, den Ukrainern von allen Seiten zu helfen sowohl in Mariupol als auch in Melitopol und in Cherson, als die Stadt besetzt war. Der Zugang wurde aber uns nicht gewährt. Stimmt, ich habe eine große Erfahrung des Engagements in anderen Kriegen und in der Regel wird der Zugang immer von beiden Parteien gewährt, um den Zivilisten zu helfen. Hier gibt es so etwas nicht. Und es tut uns sehr leid, dass wir diesen Zugang in Mariupol, in der Oblast Luhansk nicht haben, wir erfahren von Leuten über einen großen Bedarf in den besetzten Gebieten. Leider können wir derzeit gar nicht den Menschen dort helfen.  

Haben sie derzeit keine Informationen von dem anderen Ufer des Flusses Dnipro, der unter Besatzung ist, wie ist die humanitäre Lage dort?

Leiden habe wir sehr wenige Informationen von dem anderen Ufer des Dnipro. Und das sind Informationen, die wir fast alle kennen. Wir können dorthin nicht gehen und helfen. Normalerweise stützen wir darauf, was wir selbst sehen, was unsere Teams sehen.

Welche Arzneimittel fehlen heute in der Region Cherson?

Das sind übliche Medikamente zur Grundversorgung, die einfach fehlen, die Medikamente für die Menschen mit chronischen Krankheiten wie Zuckerkrankheit, kardiovaskuläre Erkrankungen, hoher Blutdruck. Und wie ich schon erwähnte, gibt es in allen Ortschaften, wo wir waren, überhaupt keine Apotheken. Ich will betonen, dass alle Medikamente, die wir haben, die wir geben, kostenlos sind, weil die Menschen keine Möglichkeit haben, sie zu kaufen. Im Allgemeinen, wenn wir über Grundbedürfnisse sprechen, ist das erste, was die Menschen brauchen, Wärme, dann Wasser und das dritte Sicherheit. Dann werden sie sich in dieser Situation normaler fühlen können.

Ärzte ohne Grenzen ist eine demokratische Struktur, Führung wird gewählt

Soviel ich weiß werden Ärzte ohne Grenzen mit privaten Spenden finanziert, das sind keine staatlichen Mittel?

Das ist korrekt, das sind in erster Line private Spenden von vielen und vielen Menschen in der ganzen Welt, die unsere Organisation finanzieren, damit wir in solchen Konfliktgebieten, während der Naturkatastrophen helfen können. Wie es hier gibt – der Krieg, während des bewaffneten Konflikts ist die Lage besonders schwer. Wir müssen uns entscheiden, wofür wir unsere Mittel ausgeben können und für uns ist sehr wichtig, keine Spenden von den Regierungen, irgendwelchen Seiten zu erhalten. In der Organisation gehen wir davon aus, was wir vor Ort sehen und entscheiden, wohin fließt am besten die Finanzierung, nach Jemen, Afghanistan, in die Ukraine. Wir teilen die Finanzierung zwischen verschiedenen Gebieten, die sie brauchen, auf.

Wie wird Personal für die Teams rekrutiert, wie kann man bei MSF mitarbeiten, ob dafür besondere Qualifikation neben der medizinischen Berufsausbildung nötig sind?

Alle Stellenangebote unserer Organisation sind für alle zugänglich. Man kann einfach im Internet nach Ärzte ohne Grenzen in der Ukraine googeln und sie finden alle Stellen, für die man sich bewerben kann.

Ärzte ohne Grenzen ist so eine demokratische Struktur, bei uns wird auch die Führung gewählt. Wenn Sie in der Organisation wählen Sie Ihre Vorgesetzten. Und der Präsident von MSF wird so gewählt.

Keine Ausbildung, keinen Sonderkurs wird absolviert. Ich will betonen, dass wir sehr sorgfältig Risiken bewerten und die Sicherheit der Mitarbeiter nie gefährden. Wir wollen z. B. am rechten Ufer des Dnipro überall gehen wo die Hilfe gebraucht wird, aber können wir in mehrere Ortschaften gelangen, weil es dort viel geschossen wird. Wir dürfen unsere Mitarbeiter dorthin nicht schicken und werden das nie tun, weil wir uns um ihr Leben und Gesundheit kümmern.

K.K. Heute führte ich persönlich Vorstellungsgespräche für mehrere Ärzte für unser Projekt.  

Was genau machen Ärzte ohne Grenzen für einen Patienten. Das ist nur Erste Hilfe vor Ort, OPs, oder verfolgt die Organisation einige Fälle in irgendeiner Weise, vielleicht hilft sie dabei, weitere Behandlung zu organisieren?

Wie leisten Erste Hilfe, wir unterhalten viele Rettungswagen, wir fördern die Krankenhäuser in den Regionen Donezk, Dnipropetrowsk, Cherson. Die Förderung umfasst notwendiges Verbrauchsmaterial, Medikamente für andere ernsthaftere medizinische Prozeduren. Wir führen auch ab und zu Schulungen für den Fall von einer massenhaften Einlieferung von Patienten mit Kriegswunden durch. In der zweiten Versorgungstufe arbeiten wir in Kostjantyniwka, unsere Ärzte arbeiten in der Notaufnahme zusammen mit den Ukrainern, mit unserem Team zusammen.  

Also, die Teams funktionieren in verschiedenen Regionen der Ukraine anders?

Im März bis zum Mai leisteten wir viel Unterstützung für die Krankenhäuser in der Oblast Schytomyr, weil sie nicht geschult waren, die verwundeten Menschen unter Kriegsbedingungen zu empfangen. Deswegen hängt alles von der Region ab, vom Bedarf, und wir reagieren darauf, was in einem konkreten Ort notwendig ist, wir haben keine festen Regeln.

Sie haben Erfahrungen bei Hilfeleistungen unter Kriegsbedingungen. Sagen Sie, was sie hier sehen, kann man mit dem, was Sie früher gesehen haben, vergleichen?

Was ist schockierend in der Ukraine ist, das ist eine so lange Linie, sie kann man von Cherson bis Lyman, bis Kupjansk ziehen, sie ist sehr viel Kilometer lang mit zahlreichen Zerstörungen der zivilen Infrastruktur. Tausende Kilometer lang sind Zerstörungen.

Iryna Staroselez

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