Wolodymyr Mazokin, stellvertretender Stadtvorsitzender von Isjum
Russische Bombardierung war absolut barbarisch, zerstört wurde alles
05.04.2022 18:54

Die Stadt Isjum wurde Anfang März durch russische Invasoren blockiert. Es gibt keinen Strom, keine Wärme, kein Wasser. Der Wohnfonds ist praktisch zu 80 Prozent zerstört worden. Isjum war in der Region für riesige und schmackhafte Erdbeeren berühmt. Es gibt in der Stadt kein militärisches Objekt. Jetzt liegt sie in Trümmern. Die Einwohner sind Geiseln in den Händen des Feindes geworden. Er lässt nicht Fluchtkorridore errichten und Hilfsgüter (Lebensmittel und Medikamente) bringen. Wie lange die Menschen unter solchen Bedingungen überleben, kann man sehr ungefähr annehmen.

Ukrinform hat mit Wolodymyr Mazokin, dem stellvertretenden Stadtvorsitzenden von Isjum über die Blockade, die zum Genozid wird, und über das Überleben der Stadtbewohner gesprochen.

Nach Angriffen auf Schulen nur hoch Mauern geblieben

Seit wann ist die Stadt blockiert?

Am 6. März hat man mit massiven Bombardierungen begonnen. Wir wussten bereits, dass sich die Besatzungstruppen in Hortschariwka, Pisky (Stadtviertel – Reg.) befinden. Alle Brücken über Siwerskyj Donez wurden bereits gesprengt, außer einer Fußgängerbrücke. Wir (Stadtverwaltung – Red.) waren in der Stadtmitte, unter der ukrainischen Flagge. Man begann mit verheerender Bombardierung – aus der Luft, mit Raketen, Artillerie, Mörsern. Und das geschah Tag für Tag. 

Momentan spricht der Generalstab, dass um Isjum gekämpft werde. Die Gefechte dauern an. Ich darf nicht mehr etwas kommentieren.

Wie groß ist die Zerstörung nach Luftangriffen und Beschuss?

Diese Bombardierung war durchaus barbarisch und chaotisch. Es ist unklar, ob es darin eine Militärlogik geben könnte. Sie vernichteten alles: Denkmäler für den Zweiten Weltkrieg, Kindergärten, ein Lyzeum, medizinische und soziale Einrichtungen, die Fußgängerbrücke, die ich erwähnt habe, den Zentralplatz, den Zentralpark, architektonische Denkmäler. Apokalyptische Szene… 

Wohnhäuser…

Und es geht nicht um solche Zerstörungen, wenn wie etwa Fenster und Türen herausgesprengt wurden. Nein. Zerstört wurden Wohnhäuser. Ich bin kein Militär, ich weiß nicht, mit welchen Waffen solche Angriffe verübt werden. Es gab Angriffe auf Schulen - und nur noch Mauern sind erhalten geblieben.

Haben russische Truppen vor Luftangriffen, vor massiven Artillerieangriffen Kontakt aufgenommen, den Stadtbehörden angeboten, sich zu ergeben?

Sie traten mit dem Bürgermeister Isjum, Waleri Martschenko, in Verbindung. Das war ein Standardset von Phrasen, dass sie die Stadt passieren sollten, dass sie nichts tun würden. Sie verfolgen doch ihre phantastischen und Schizophrenie-„Ziele von Entmilitarisierung und Entnazifizierung“. Der Bürgermeister machte aber deutlich, er wurde in der Ukraine von Bürgern der Ukraine gewählt. Und er bleibt auch so. Ein Stadtvorsitzender könne keine strategischen Entscheidungen treffen. Sie sind Befugnisse der Streitkräfte der Ukraine, jemanden (durch die Stadt – Red.) zu lassen. Deshalb lehnte der Bürgermeister jede „Vorschläge“ für Provokationen, Propagandabilder für russische TV-Sender ab.

Wie viele Einwohner haben sich bis zum 6. März entschieden, die Stadt zu verlassen oder organisiert evakuiert zu werden?

Es gibt ungefähre Angaben. Durch die Fluchtkorridore, die die Stadtbehörden errichtet haben, wurden auf einmal 250 Menschen, zum zweiten Mal mit Bussen 2.500 bis 3.000 evakuiert. Viele Menschen haben die Stadt auf eigene Gefahr mit Privatautos verlassen. Wir  können sie nicht genau zählen. Wir vermuten, dass 15.000 bis 20.000 Menschen jetzt in Isjum, in naheliegenden Dörfern Kamjanka, Sucha Kamjanka, Topalske blockiert sind. Sie brauchen sofortige humanitäre Hilfe. Sie leiden wegen der Kampfhandlungen und sind in einer äußerst gefährlichen Situation.

Sie haben mitgeteilt, dass sich Menschen in den Kellern der zerstörten Häuser unter Trümmern befinden können.

Es gibt zwei solche Hochhäuser in der Chlibosawodska- und der Perschotrawnewa-Straße. Diese Häuser sind komplett zerstört. In den Kellern waren Menschen. Diese Keller sind keine speziellen Schutzräume. Die Kellerdecke ist in keiner Weise befestigt. Das mehrstöckige Haus stürzt ein und verschüttet Menschen unter sich im Keller. Es war unmöglich, dorthin zu kommen. Die Brücken waren bereits zerstört. Scharfschützen beschossen das Wohnviertel. Wir versuchten, zumindest irgendwelche Information zu erhalten. Sie war widersprüchlich. Bezüglich der Chlibosawodska-Straße hat man mitgeteilt, dass die Menschen retten haben können.  Bezüglich der Perschotrawnewa-Straße hat man Verschiedenes gesagt. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Menschen dort lebendig begraben wurden. Ich möchte mich wirklich irren. Es gibt keine endgültigen Informationen. Die Russen lassen aber niemanden zu, weil es Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind, eine Verletzung aller in der Welt existierenden humanitären Regeln.

OFFENE HASSER DER UKRAINE KOOPERIEREN MIT DEM FEIND

Verfügen Sie über Tatsachen bezüglich der Entführung von Aktivisten, lokalen Abgeordneten, im Allgemeinen über Aktionen der Invasoren in der eroberten Stadt?

Wir haben Informationen von den Menschen erhalten. Sie waren so verzweifelt, dass sie, riskierend, unter Beschuss, aus der Stadt 10 km zu Fuß gingen. Wir haben sie geholt und in Sicherheit gebracht. Sie haben erzählt, dass Eindringlinge Eigentum, Fahrzeuge beschlagnahmten. Sie erzählten auch über die Listen der Teilnehmer der Operation der Vereinigten Kräfte (im Donbass – Red.), der Teilnehmer der territorialen Verteidigung und ihrer Familienangehörigen, der Abgeordneten des Stadtrats, der Mitarbeiter der lokalen Selbstverwaltung, verschiedener Institutionen der Stadt. Die Invasoren verfügen also über diese Informationen.

Offensichtlich wissen sie das von Kollaborateuren.

Natürlich.

Es wurde berichtet, dass die Eindringlinge am 26. März Isjum betraten. Der wenig bekannte und ungeschützte Weg in die Stadt hat ihnen der Abgeordnete des Stadtrats aus der Partei  „Oppositionelle Plattform – Für das Leben“, Anatoli Fomytschewskyj, gezeigt. Hat man diesen Verrat von ihm erwartet?

Zu100%. Da es ein Mann mit offenen anti-ukrainischen Ansichten ist. Über die Aktivitäten solcher Menschen haben wir die ganze Zeit in den letzten Jahren gesprochen, auch mit den Strafverfolgungsbehörden. Noch 2014 hat sich Fomytschewskyj mit der Flagge der sogenannten „Volksrepublik DNR“ aufnehmen lassen. Dieses Foto „wandert“ im Internet. Er hat seine Einstellung zum Land nicht verheimlicht. Er führte provokante, politisierte Veranstaltungen für den 9. Mai durch. Und es gab eine Menge solcher Aktionen.

Und ist der Kreis geschlossen. Auf eine schreckliche und logische Weise. Die Stadtbehörden konnten ihn nicht stoppen, können diesbezügliche rechtliche Beurteilung nicht vorlegen. Und das liegt auf meinem Gewissen, ich muss damit leben. Es gibt leider viele solche Geschichten sowohl in Isjum, als auch in der Ukraine. Wir sehen also, wie phantastisch untere Verteidiger sind. Aber wir können nicht die Augen vor allen diesen schändlichen Fällen schließen. Meines Erachtens ist das nicht nur eine Lehre. Dies ist eine globale Warnung. Wenn wir wollen, dass keine Tragödien mehr mit unserem Land passieren, müssen wir alle diese fomatschewskyjs ausrotten, das Getreide überhaupt nicht keimen lassen, weil ihretwegen unsere Kinder jetzt sterben.

DIE LAGE VON ISJUM – SEIN RUHMREICHES UND SCHRECKLICHES SCHICKSAL

Gibt es zumindest eine geschätzte Zahl von Opfern in der Stadt?

Wir können weder zählen noch eine Beerdigung organisieren. Das Funktionieren von medizinischen Einrichtungen, Notfalldiensten, Registrierungsstellen, Rettungsdiensten ist unmöglich. Die Leite beerdigen selbst Menschen, wenn sie das tun können - in Gärten, in  Parks, direkt neben den Eingängen.

Noch vor unserem Gespräch hat mich eine Mitarbeiterin unseres Zentrums für Jugend und Familie angerufen. Sie hat erfahren, dass ihre toten Eltern seit dem 13. März in der Wohnung liegen…

Bei der ersten Bombardierung ist eine Familie mit zwei Kindern in der Ukrainska-Straße ums Leben gekommen. Eine Bombe getroffen. Wir können sie bisher nicht beerdigen. Sie sind in der Leichenhalle. Ihr Angehöriger ruft mich an, da er sie beerdigen will. Und ich weiß nicht, was ich ihm schon sagen soll... Es ist so ein Schmerz...

Es gibt Informationen, dass es im Teil der Stadt, wo es keine Invasoren gibt, Lebensmittel höchstens für zwei Wochen reicht.

Ich kann sagen, dass Hilfsgüter von ukrainischen Behörden zuletzt am 14. März gebracht wurden. Danach erlauben Eindringlinge dies nicht.

Der Krieg offenbart unterschiedliche Seiten eines Menschen. Ich möchte nicht über schlechte Menschen sprechen. Über die guten. Menschen weisen Energiereserven und gegenseitige Hilfe auf. Ich weiß, dass viele sich vereinigen, vorhandene Lebensmittel teilen.

Ich verstehe, dass es keine zentrale Wasserversorgung gibt (wie Strom, Gas und Kommunikation - Red.). Aber es gibt Brunnen. Gott geb', Wasser zu nehmen. Aber auf jeden Fall gehen alle Lebensmittel aus. Bei allem Verständnis für Mariupols Tragödie werde ich sagen, dass es in unserer Stadt nicht besser geht.

Die Invasoren brauchen einen Zugang zur Region Donezk: die nächste Stadt ist Slawjans und die Nachbarstadt Barwinkowe, woraus bereits ein großer Teil der Einwohner evakuiert wurde, grenzt an die Region Luhansk...

Unsere Region hat so was bereits 1942-1943 erlebt (Barwinkowskyj Kessel – Red.) erlebt. Dieselbe schreckliche Szene wegen der strategischen Lage. Der höchste Punkt der Region Charkiw ist der Kremenez (218 m über dem Meeresspiegel und 150 m über dem Fluss Siwerskyj Donez – Red.). Seit langem war hier ein Burg. Es ist unser herrliches und auch schreckliches Schicksal. Und jetzt auch – unsere Lage, und die Nähe zur Region Donezk, und dieser Berg, und der Fluss. Die Tragödie spielt sich in unserer Stadt ab...

Gibt es irgendeine Hoffnung auf einen humanitären Korridor?

Der Bürgermeister Waleri Martschenko, der Leiter der militärischen Gebietsverwaltung Oleh Synehubow, die Vizepremierministerin Iryna Wereschtschuk arbeite ständig, jeden Tag daran. Aber das hängt von beiden Kriegsparteien ab.

Angaben des Generalstabs zum Stand 12.00 Uhr, 12. April

„Richtung Isjum kontrolliert der Gegner weiter die Stadt Isjum. Er hält Pontonübergänge über den Fluss Siwerskyj Donez weiter fest, um eine Offensive zu gewährleisten. Binnen des Tages führte der Gegner Kämpfe Richtung Mala Kamyschuwacha. Er wurde gestoppt, hatte keinen Erfolg. Wahrscheinlich wird der Gegner die Besatzungstruppen Richtung Isjum durch Einheiten der 1. Panzerarmee und der 20. allgemeinen Armee stärken. Dem Leiter der regionalen Militäradministration Charkiw, Oleh Synehubo, zufolge sei es am 1. April aus dem Raum Isjum, wo die heftigen Kämpfe andauern, gelungen, weitere 1.500 Menschen zu evakuieren“.

Julia Bairatschna, Charkiw

Foto von Wolodymyr Mazokins Facebook-Seite

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