Stefann Hipp Chef von HiPP Group
Für Bio-Lebensmittel interessieren sich in der Ukraine nur junge Mütter, deshalb exportieren Hersteller ihre Produkte.
09.08.2017 17:34 177

Warum ist in dem Land mit den weltweit fruchtbarsten Schwarzerde-Böden der Markt der Bio-Lebensmittel so unterentwickelt, und die wenigen Produzenten in der Ukraine, die die ökologische Landwirtschaft betreiben, exportieren größtenteils ihre Produkte? Was kann heimische Unternehmen zwingen, nicht an kurzfristigen Gewinn sondern an die Zukunft der Nation denken? Darum geht es im Interview mit dem Chef einer der größten Herstellervon Babynahrung HiPP Group und Eigentümer eines Bio-Hofs in Polen (2000 Hektar) Stefan Hipp.

Er ist einer der Geschäftsführer des Familienunternehmens in der vierten Generation und weiß viel über biologischen Anbau und biologische Viehzucht. Er kann verständlich erklären, warum darf man den Boden nicht tiefer als 20 Zentimeter umgraben, ansonsten wird der Mutterboden mit dem unteren Sandboden zusammengemischt und der richtige Struktur wird dann lange erneuert. Und der Boden mit der richtigen und gestörten Struktur kann man dadurch erkennen, dass der erste das Regenwasser aufnimmt, im anderen Fall gibt es Wasseransammlungen auf dem Boden. Und dass es auch biologische Schutzmittel gegen Kartoffelschädlinge, wie Neemöl, gibt. Und dass man Felder nicht untertags mähen darf, nur am Morgen und am Abend, weil man dadurch bis 30 Prozent nützlicher Insekten töten kann, die für die Unterstützung des integralen Ökosystems bei der biologischen Landwirtschaft wichtig sind. Stefan Hipp kennt sich aber auch gut in der Außenpolitik und in der Wirtschaft aus. Es ist sehr erfreulich, dass er an die Zukunft der EU glaubt.

Das Familienunternehmen HiPP ist nicht nur ein erfolgreiches Geschäft. Das Unternehmen entwickelte mit der Zeit auch seine Philosophie und Ideologie. Es handelt sich hier nicht nur um gesunde Ernährung, sondern auch darum, was für eine Welt die heutige Generation an die nächsten Generationen weitergeben wird. In der Ukraine sind für die „Bio-Philosophie“ vor allem junge Mütter bereit. Die Popularität dieser Philosophie unter den Ukrainern ist aber nur eine Frage der Zeit. Das zeigt zumindest die europäische Erfahrung. 

Land mit großen Möglichkeiten und komplizierten Regelungen

Wann traf HiPP die Entscheidung, auf den ukrainischen Markt zu gehen und seit wann ist das Unternehmen in der Ukraine tätig?

Wir sind Anfang der 90-er Jahre auf den ukrainischen Markt gekommen, gleich nach der Unabhängigkeit. Zuerst haben wir über Händler gearbeitet, nach ein paar Jahren wurde das Unternehmen HiPP Ukraine gegründet, dass im vorigen Jahr das 20-jährige Jubiläum feierte.

In welchen postsowjetischen Ländern haben sie angefangen, nach dem Zerfall der Sowjetunion zu tätigen?

Wir sind in der Ukraine, Russland, Weißrussland, Moldawien, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Usbekistan, Litauen, Lettland, Estland vertreten.

War der Eintritt in diese Märkte gleichzeitig?

Nein, das war allmählich. Wir sind in diese Länder gereist. Ich erinnere mich, dass eine der ersten Reisen die Reise in die Ukraine war. Anfang der 90-er Jahre hatte mein Vater (Claus Hipp – Red.), er ist Maler, eine Ausstellung seiner Malerei in Kiew, und unsere Familie war mit ihm auf dieser Reise. Das war mein erster Besuch in Kiew. 

Wie waren ihre Erwartungen an den ukrainischen Markt? Wurden sie nach 20 Jahren erfüllt?

Wir haben die Ukraine als ein Land mit dem großen Markt betrachtet, wo es viele Kinder gibt. Wir hatten sehr große Erwartungen und ich kann sagen, dass sie erfüllt wurden. Klar, es gibt noch was zu erreichen. Wir wollen unser Geschäft auf den ukrainischen Markt ausbauen und verbessern. HiPP Ukraine ist ein sehr gutes Team, mehr als 250 Menschen. Derzeit sind unsere Ziele sehr klar. Wir wollen Marktführung auf dem Babynahrungsmarkt in der Ukraine zurückerobern. Wir waren schon Marktführer, bis zur Krise. Das ist klar, dass sie Auswirkungen hatte, weil unsere Produkte der Qualität wegen teuer sind. Außerdem herrscht auf dem ukrainischen Markt für Babynahrung eine große Konkurrenz, insbesondere durch Russland.

Wie ist ihre persönliche Einschätzung der Geschäftsbedingungen in der Ukraine?

Die Ukraine hat große Möglichkeiten und gute Leute. Die Regelungen und Verwaltung sind sehr kompliziert, und das ist nie gut für das Geschäft. 

Sehen Sie gewisse Verbesserungen der Geschäftsbedingungen in den letzten drei Jahren?

Es gibt Schritte in die richtige Richtung. Es gibt Reformen, sie sind aber zu langsam. Etwas schneller wäre gut, weil die weitere Entwicklung davon abhängt.

HiPP hat einen Produktionsstandort in Transkarpatien. Gibt es Pläne für die Eröffnung einer neuen Werkanlage oder eines Bio-Hofs?

Unser Geschäft in Uschhorod ist erfolgreich seit Jahren. Wir produzieren dort Tees für den ukrainischen Markt. Wir planen auch, sie in die GUS-Länder sowie in andere, in der Nähe liegende Länder wie Bulgarien und Ungarn, zu exportieren. Wir produzieren auch Babywasser in Uschhorod.

Es gibt keine Pläne zur Eröffnung des neuen Werks in der Ukraine. Wir planen aber, unsere Produktionskapazitäten in Uschhorod zu erhöhen.

Generell, hat die Ukraine ein großes Potential für organische Landwirtschaft. Wir verwenden organische Rohwaren aus der Ukraine seit 15-20 Jahren. Wir starteten vor vielen Jahren ein Apfel-Projekt in den Karpaten. Für unsere Produkte verwenden wir Heidelbeeren und Erdbeeren aus der Ukraine. Wir arbeiten auch mit einigen ukrainischen Getreideproduzenten zusammen. Wir interessieren auch besonders für Raps, Buchweizen und einige andere Getreidepflanzen.

Im Allgemeinen sehen wir, dass das Interesse an die biologische Landwirtschaft in der Ukraine zunimmt.

In der Zukunft könnten wir uns auch über Investitionen in die biologische Landwirtschaft in der Ukraine überlegen. Hier gibt es ausgezeichnete Bodenbedingungen, in der ukrainischen Schwarzerde beträgt die fruchtbare Bodenschicht ein Meter, während in den meisten Böden der Welt nur bis 20 Zentimeter. 

Welche Bedingungen für HiPP -Investitionen wichtig?

Eine der wichtigsten Bedingungen ist natürlich das Eigentum an Grund und Boden. Das ist sehr wichtig für Investitionen in den Landbau. Die Infrastrukturentwicklung ist auch wichtig. Wenn wir hier etwas produzieren, dann müssen wir auch das liefern. Die Ausfuhrbedingungen sind auch sehr wichtig für uns. Wir sind froh, dass die Exporte in die EU leichter werden.

Sie haben mehrmals betont, dass die traditionelle Landwirtschaft negativ auf die Natur, darunter auf Flüsse und Seen aus. Hat HiPP vielleicht Pläne, bei Reinigung von einigen Seen in der Ukraine zu helfen?

Wenn wir zum Beispiel die Landwirtschaft in der Ukraine betreiben werden, dann müssen alle Umweltparameter unseren Normen entsprechen. So wäre ein Bio-Hof für die Umwelt nützlich.

Deutschland als Bio-Pionier

Hipp ist in mehr als 30 Länder vertreten. In welchem Land ist der Marktanteil von Bio-Lebensmitteln am größten ist?

Deutschland ist der größte Biomarkt in Europa. Jährlich liegt der Bio-Umsatz dort bei mehr als 10 Milliarden Euro. HiPP verkauft etwa 50 Prozent seiner Produkte in Deutschland.

Kann man Deutschland als Bio-Pionier bezeichnen?

Ja. Deutschland hat eine sehr lange Tradition bei Bio. Die ersten organischen Lebensmittel wurden in Deutschland Anfang der 70-er Jahre verkauft. Anfang der 1990-er Jahre wurde die Esskultur der Deutschen besser, sie machten sich Gedanken über Qualität der Nahrungsmittel, wo diese angebaut und verarbeitet werden. Derzeit ist ein wesentlicher Teil der deutschen Gesellschaft überzeugt, dass

Bio-Lebensmittel nicht nur sicher und sauber sind, sondern auch die besten für die Umwelt sind.

Wo lag die Ursache des steigenden Interesses für organische Lebendmittel? Gab es irgendwelche Studien der deutschen Regierung zur Auswirkung von Bio-Lebensmitteln auf die Lebenserwartung oder Lebensqualität?

Die deutsche Presse viel berichtete, was Bio-Lebensmittel sind, und dass sie gut sind. Eine der wichtigsten Sachen besteht darin, dass die Verbraucher verstehen müssen, warum organische und nicht konventionelle Lebensmittel vorteilhaft sind. Heute gibt es in Deutschland auch Fachpresse zum Thema Bio-Lebensmittel.

Ich bin davon überzeugt, dass auch unsere Öffentlichkeitsarbeit und Werbung den Markt der Bio-Lebensmittel beeinflussten.

Die deutsche Regierung half den Landwirten und trieb die Bio-Idee voran.

Ein weiterer wichtiger Moment könnten zahlreiche Skandale wegen der Lebensmittelqualität in den letzten 20 Jahren in Deutschland sein. Die Denkweise der Menschen änderte sich allmählich, sie trauen nicht mehr den billigsten Nahrungsmitteln, denken mehr an die Qualität als an den Preis.

Trugen irgendwelche Erzeuger die Verantwortung nach diesen Skandalen?

Bestimmt, einige Betrieben wurden geschlossen, Produkte aus dem Markt genommen. Da es immer öfter passierte, fühlten sich die Menschen unsicher beim Kauf von Lebensmitteln und machten sich mehr Gedanken über ihre Herkunft. Die deutschen Verbraucher wollen heute auch wissen, von welchem Bio-Hof Lebensmittel kommen, wie werden sie produziert und kontrolliert. Was Bio-Lebensmittel betrifft, ist das mindestens klar, dass keine Chemikalien bei der Produktion angewendet wurden.

In welchem Land wächst derzeit die Nachfrage an Bio am schnellsten?

In Europa wuchs die Nachfrage voriges Jahr in Frankreich ernsthaft. Frankreich hat keine Traditionen bei Bio-Produkten, die Menschen haben sich aber wirklich geändert. Der Biomarkt in Frankreich ist um mehr als 20 Prozent gewachsen, was sehr viel ist.  

Mit der Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln wird es auch Produzenten geben.

Wie ist mit dem Bio-Lebensmittelmarkt in der Ukraine?

Leider ist der Biomarkt in der Ukraine sehr klein. Eine der Ursachen dafür ist das knappe Angebot auf dem Markt, nur wenige Bio-Lebensmittel kann man kaufen. Die Situation mit der Babynahrung ist natürlich anders, es gibt viel im Angebot. Ich glaube, 80 bis 85 Prozent der in der Ukraine verkauften Bio-Lebensmittel sind Babynahrung. Und das ist sehr wichtig, den Biomarkt in der Ukraine zu vergrößern. Darunter auch für ukrainische Produzenten, für Landwirte.

Was ist die Hauptursache für diese Situation in der Ukraine? Ein niedriges Einkommen oder die Philosophie der Menschen?

Ich bin der Meinung, dass es vor allem die Philosophie ist. Die Menschen wissen darüber sehr wenig. Viele junge Leute interessieren sich in der Ukraine aber für dieses Thema, sie achten darauf, was sie essen.

Es ist aber viel Aufklärungsarbeit nötig, damit die Menschen verstehen könnten, warum müssen sie diese Lebensmittel kaufen. Mit der Nachfrage für organische Lebensmittel wird automatisch auch das Wachstum beginnen. Immer mehr ukrainische Landwirte werden für den ukrainischen Markt produzieren. Derzeit exportieren die meisten Bio-Höfe ihre Produktion.

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Welchen Weg finden Sie am effektivsten, um Ukrainer über organische Lebensmitte besser zu informieren?

Ich meine, man muss Menschen über das Internet, alle Massenmedien über die Geschichte der Frage informieren, warum werden Bio-Lebensmittel produziert, warum sind sie unbelastet, und ihre Produktion schadet der Umwelt nicht und so weiter. Dann können die Menschen, darüber nachzudenken.

Eine der Ursachen für die Entwicklung der Bio-Lebensmittel ist die Gesundheit des Menschen. Die organischen Lebensmittel sind frei von Chemikalien, haben einen höheren Vitamingehalt.

Zweitens, die Kommunikation mit den Menschen über negative Auswirkungen der traditionellen Landwirtschaft für die Umwelt ist sehr wichtig. Alles, was die traditionelle Landwirtschaft zerstört, bedeutet in der langfristigen Perspektive enorme Verluste.

Die jungen Menschen denken schon jetzt über die nächste Generation: wir wollen, dass unsere Kinder in der Welt leben würden, die in Ordnung ist, und nicht in der Welt, wo alles zerstört wird. Wenn sie solche Länder wie China oder einige andere betrachten, wurde dort vieles zerstört. Hauptsächlich wegen kurzfristigen Denkens.

Ukrainische Unternehmer denken vor allem kurzfristig…

Ja, viele Geschäftsleute denken kurzfristig. Wenn die Verbrauchernachfrage aber geschaffen wird, werden diese Geschäftsleute der Nachfrage folgen. Die Verbraucher müssen überzeugt sein, dass es der richtige Weg ist. Das alles wird dann folgen.

Solche Situation war früher auch in Deutschland. Wenn die Bio-Nachfrage größer als Angebot wurde, sahen dabei viele Landwirte Geschäftsmöglichkeiten in der langfristigen Perspektive.

Was zeigt ihre Analyse in anderen Ländern, wie hängt die Nachfrage bei Bio von Durchschnittseinkommen ab? 

Die meisten Bio-Lebensmittel bleiben leider teuer. Wenn man aber einige Lebensmittel näher betrachtet, kann man sehen, dass es immer eine Frage gibt, wie wichtig sie für den Kunden sind. So ist zum Beispiel Babynahrung. Im ganzen Europa wollen die Mütter die besten Nahrungsmittel für ihre Babys. Um auch in den Ländern mit dem niedrigen Durchschnittseinkommen sind sie bereit, das Geld auszugeben. Klar, die Einkommen in Deutschland und Österreich sind höher als in den osteuropäischen Ländern. Wenn man aber sieht, wer die Bio-Lebensmittel kauft, das sind nicht nur Menschen mit dem hohen und mittleren Einkommen. Das sind auch die Menschen mit dem niedrigen Einkommen, weil das für sie die Philosophie ist, und sie mehr Geld für die Lebensmittel als für andere Sachen ausgeben.

Was mögliche ukrainische Markenbildung in der Bio-Branche betrifft, wie lange kann Schaffung des Vertrauens in die neue Marke dauern?

Das Vertrauen kann in ein paar Jahren geschaffen werden. Hier hängt aber viel von Kontrollsystemen und klaren Regelungen ab. Neben 90 Prozent der gewissenhaften Produzenten gibt es immer 10 Prozent derer, die die Kontrolle umgehen die Normen nicht einhalten wollen. Das beeinflusst auch das Vertrauen.

Ideologie der Familie

In der Ukraine gibt es ein Sprichwort „Moja chata s kraju“ (Meine Hütte steht am Rand – Red.). Das bedeutet vereinfacht, dass viele Ukrainer etwas Nützliches eher für sich selbst und ihre Familien als für das Land und die Welt tun werden. Das Unternehmen HiPP wurde auch deswegen gegründet, weil Ihr Urgroßvater das Leben ihrer Familie besser machen wollte. Wie war die Entwicklung des Unternehmens HiPP, von dem besseren Leben für die Familie bis zum Wunsch, das Leben im eigenen Land und in der Welt zu verbessern?

Ich bin der Meinung, dass dasselbe auch in der Ukraine passieren kann, wenn die entsprechenden Bedingungen geschaffen werden. Von Anfang an, als mein Urgroßvater das begann, war das für die Familie, damit seine Kinder überleben werden. Seit mein Vater die Leitung übernahm, strebte er an, die organische Idee in der ganzen Welt zu verbreiten.

Ich habe den Eindruck, dass Sie ihre eigene Welt in der globalen Welt geschaffen haben, wenn nicht ein Staat?

Das ist ein System, das in dem großen System funktioniert.

Hat ihre Familie eine Devise?

Ja. Seit Generationen lautet die Devise unsere Familie, nichts und niemand zu fürchten, nach oben auf die Vögel sehen, immer ehrlich sein.

Haben Sie genug Freizeit, um alles zu tun, was Sie wollen?

Wenn Sie ein Familienunternehmen leiten, würden Sie nie die absolute Freiheit genießen, um alles zu tun, was Sie wollen, weil Sie viel Verantwortung und viel Arbeit haben. Ich bin mit der Philosophie meines Vaters aufgewachsen, unabhängig davon, dass du das Unternehmen geerbt hat, du bist einfach ein Typ, dass es für eine Weile behalten und dann übergeben muss. Es gibt hier viel Verantwortung und wenig Freizeit. Ich mag, was ich tue. Und das ist sehr wichtig.

Natalija Kostina

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