Im Januar 2026 hat das Kabinett Anka Feldhusen zur neuen Leiterin der Wirtschaftsombudsstelle in der Ukraine ernannt. Dass die Wahl auf sie als Mediatorin zwischen dem Staat und dem privaten Sektor fiel, war kein Zufall – Frau Feldhusen hat eine langjährige Erfahrung von Arbeit in der Ukraine, insbesondere als Außerordentliche und Bevollmächtigte Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland, was ihr ermöglicht, den Stand der Dinge ohne rosarote Brille einzuschätzen.
In einem Interview mit der Ukrinform teilt Anka Feldhusen ihre ersten Eindrücke von ihrer neuen Funktion, erzählt, welche Vorteile ihr ihre vorherige Erfahrung von Zusammenarbeit mit den ukrainischen Machtorganen bringt sowie beschreibt ihre Aufgaben als Wirtschaftsombudsmann. Ja, so nennt sie sich - ohne Gendern. „So ist es einfacher- sonst müsste man viele Dokumente ändern“, sagt sie lachend mit Blick auf unsere Bürokratie.
Sie sind bereits der vierte Wirtschaftsombudsmann in de Ukraine seit der Gründung der WOST. Hat Ihr Vorgänger, Roman Waschtschuk Ihnen irgendwelche Anweisungen oder Empfehlungen gegeben? Hat er die Fragen genannt, die Priorität haben?
Ja, natürlich. Die Funktionsübergabe fand noch im Dezember statt. Einige ‘seiner Anweisungen waren, sozusagen, fundamental, einige- etwas konkreter. Er hat mich vor allem auf die Einmaligkeit unserer Institution fokussiert. Die Wirtschaftsombudsstelle ist tatsächlich ein unabhängiger Organ, der zu Unternehmen und zur Macht äquidistant ist.
Manchmal werden wir als ein weiterer Unternehmensverband wahrgenommen, welcher Unternehmen verteidigen soll. Wir sind aber keine Anwälte, sondern eine unabhängige Institution. Und das war ein sehr wichtiger Argument zugunsten meiner Entscheidung, genauso wie meine Unabhängigkeit als Leiterin der Wirtschaftsombudsstelle, wenn wir vom fundamentalen Aspekt reden.
Was konkrete Aufgaben angeht, so hat Roman ein Team an mich übertragen, welches wirklich gut funktioniert, worüber ich mich in den ersten zwei Monaten vergewissern konnte. Wir bekommen Beschwerden, die von meinen Kollegen bearbeitet, und dann von mir bestätigt werden. Ich glaube, mein Vorgänger soll wirklich stolz auf das sein, was zu seiner Amtszeit geleistet wurde. Dazu gehören positive Änderungen im Steuerbereich (Verbesserung des Risiko- Monitoringsystems, Änderung des Mechanismus zum Blockieren von Steuerrechnungen, eine Pilot- Initiative für eine Steuermediation, Erneuerung der Regeln für Preisbildung auf dem Markt für Baumaterialien.
Und er hat mich auch über einige andere Dinge unterrichtet, von denen er meinte, sie könnten mich interessieren. Erstens, ist die Wirtschaftsombudsstelle das Mitglied von Ernennungsausschüssen zur Bildung von Aufsichtsräten. Wir stimmen nicht ab, wir verfolgen und geben unsere Empfehlungen. Zweitens, ich werde an der Arbeit von Disziplinarausschüssen neugeründeter Institutionen teilnehmen, zum Beispiel des Büros für Wirtschaftssicherheit. Und das ist was ganz Neues für mich. Dank unserer Unabhängigkeit werde ich hoffentlich in diese Fragen tiefer eintauchen können. Die stellen für mich wirklich Interesse dar.

Welche von den Fragen, die von Ihren Vorgängen gelöst wurden, würden Sie als die nützlichste für Unternehmer bezeichnen? Welche Aufgaben stellen Sie sich an diesem Posten?
Eine der wichtigsten Fragen waren unsere Empfehlungen zur Aufhebung der Blockade von Steuerrechnungen im Risiko- Monitoringsystem. Ich kann Ihnen konkrete Zahlen als Beispiel nennen: die Zahl der Beschwerden über die Arbeit des Risiko- Monitoringssystems ist von fast 60% im I. Quartal 2024 auf 31% im IV. Quartal des vergangenen Jahres gesunken. Wir beobachten also nicht einen einmaligen Rückgang der Zahl der Beschwerden seitens der Unternehmen, sondern einen systemischen Trend. Roman beschrieb den Arbeitsstil mit der Steuerbehörde so: es soll „consult first“ sein – das heißt, erst eine Kommunikation und erst dann Strafmaßnahmen. Und ich glaube, das ist sehr wichtig, deswegen will ich die Zusammenarbeit in diesem Stil fortsetzen. Außerdem ist die derzeitige Führung der Staatlichen Steuerbehörde sehr offen für eine Kommunikation mit uns. Unsererseits rufen wir die auf, Unternehmen als Partner, und nicht als Gesetzesbrecher zu sehen.
Ein weiteres Thema, welches mich interessiert, ist die Arbeit der Zollbehörde. Vor kurzen wurde ein neuer Leiter der Staatlichen Zollbehörde ernannt. Wir bereiten uns auf ein Treffen mit ihm. Allerdings gibt es nicht so viel Beschwerden über Zollbeamten. Trotzdem gibt es einiges zu besprechen - Frage der Transparenz, umstrittene Fragen in Bezug auf die Arbeit an der ukrainisch- polnischen Grenze, insbesondere Einführung gemeinsamer Kontrollen nach dem Beispiel eine Pilotprojektes zwischen der Ukraine und Rumänien.
Was mich noch interessieren würde, ist die Fortsetzung der aktiven Zusammenarbeit mit dem Büro für Wirtschaftssicherheit. Ein neuer Leiter, der bereits seit sechs Monaten im Amt ist, hat gemeinsam mit der Steuerbehörde Maßnahmen zur Bekämpfung der Schattengeschäfte auf dem Markt für Elektronik initiiert. Ich glaube, das war ein erster Schritt, und dann werden sie auch andere Sektoren genauer unter die Lupe nehmen, wo es bekanntlicherweise auch vieles in dieser Hinsicht zu bekämpfen gibt. Und wir sind bereit, mit ihnen daran zu arbeiten.
Zudem steht die Frage der Rückerstattung der Mehrwertsteuer wieder auf der Agenda, und wir müssen klären, warum es so ist.
Haben Sie die kommissarische Leiterin des Staatlichen Steuerdienstes, Lesja Karnauch, bereits persönlich getroffen?
Nein, ich habe sie noch nicht persönlich getroffen. Wir haben uns auf Konferenzen und anderen Veranstaltungen getroffen. Ich fand es sehr interessant zu beobachten, wie sie mit der Wirtschaft kommuniziert. Es ist ein echter Dialog, kein Monolog wie früher. Die Botschaften darüber, was der Staatliche Steuerdienst tun kann und was nicht, sind sehr klar. Nach zwei Monaten Arbeit habe ich ein Gefühl, dass Unternehmen die Regeln kennen und Zeit haben sollten, sich daran anzupassen. Wenn es Regeln gibt, passen sich Unternehmen an, aber sie müssen sicher sein, dass sie sich nicht plötzlich ändern. Kommunikation und Vorhersehbarkeit der Regeln sind also das Wichtigste für Unternehmen.
Haben Sie sich in diesen zwei Monaten ein Bild von der tatsächlichen Lage der Wirtschaft in der Ukraine gemacht? Welche Probleme sind im Jahr 2026 aktuell?
Ich habe noch aus Deutschland beobachtet, wie die Ukraine während der umfassenden russischen Invasion lebt, daher habe ich mir ein ungefähres Bild gemacht. Alle Ausländer, und ich persönlich, sind begeistert davon, wie sich die Ukrainer und insbesondere die Wirtschaft an diese Bedingungen angepasst haben. Natürlich gibt es Dinge, die wir nicht ändern können – Beschuss, Zerstörungen, Tod von Menschen. Es ist ein Horror, und man muss weiter darüber reden. Ich bin positiv überrascht, dass diesem Krieg in Deutschland trotz des fünften Jahres seit seinem Beginn immer noch so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Und ich versuche, unter denen zu sein, die alles dafür tun, dass die Deutschen die Ukraine nicht vergessen.
Die ukrainischen Unternehmen haben sich sehr kreativ an diese Umstände angepasst. Sie machen konkrete Dinge. Sie schützen die Infrastruktur, kaufen Generatoren. Als ich im Dezember nach Kyjiw zurückkehrte, hörte ich so viel Summen von diesen Generatoren. Im ersten Winter, als ich in der deutschen Botschaft arbeitete, gab es sie noch nicht. Und jetzt verfügen die Unternehmen über all diese Geräte.
Vor kurzem habe ich die Regionen besucht. Ich war schon zweimal in der Region Kyjiw, habe Bila Zerkwa besucht, und auch Schytomyr und Winnyzja. Ich habe mit lokalen Unternehmern gesprochen. Wie sie sich um ihre Mitarbeiter kümmern! Das umfasst sowohl psychologische Unterstützung als auch die Organisation gemeinsamer Veranstaltungen für Teams. Und Schulungsprogramme für Frauen und ältere Menschen. Mir wurde von einem großen ausländischen Unternehmen erzählt, das die Ausbildung von tausend Lkw-Fahrerinnen abgeschlossen hat. Das zeigt also, wie viel die Wirtschaft unternimmt, nicht nur um zu überleben, sondern auch um sich weiterzuentwickeln!

Unsere Geschäftsleute, die die Rahmenbedingungen für ihre Tätigkeit im In- und Ausland vergleichen können, beklagen sich oft über das heimische System. Sind Ihrer Meinung nach in der Ukraine ausreichend Bedingungen für transparente und saubere Geschäfte geschaffen?
Meiner Ansicht nach ist in der Ukraine doch vieles dank der Digitalisierung getan worden. Heute kann man Genehmigungen und Lizenzen über „Dija“ (eine App mit staatlichen Dienstleistungen – Red.) erhalten, was eine deutliche Verbesserung darstellt. Gleichzeitig hören wir viele, und das sind die meisten, Beschwerden über die Steuerverwaltung und die Arbeit des Ordnungskräftesystems. Daran muss man arbeiten. Man muss die Ukraine als Investitionsstandort attraktiver machen. Für den Wiederaufbau wird die Ukraine ausländisches Kapital benötigen. Dabei dürfen es nicht nur öffentliche Investitionen sein. Es müssen auch private Investitionen herangezogen werden, und das ist nur möglich, wenn sich der Ruf des Landes verbessert. Ich verfolge die Entwicklung der Ukraine seit 1994 und möchte die enormen Fortschritte hervorheben. Generell wirken sich jedoch die immer wiederkehrenden Korruptionsskandale, wie beispielsweise im letzten Jahr, negativ auf das Investitionsklima aus.
Lassen Sie uns einen Rückblick auf die Arbeit des Rates des Wirtschaftsombudsmanns im Jahr 2025 werfen: Wie viele Beschwerden sind bei Ihnen eingegangen, wie viele davon konnten geprüft und zugunsten der Beschwerdeführer geklärt werden, und welche Themen stehen bei den Beschwerden an erster Stelle?
Ich habe bereits Zahlen nicht nur für das Jahr 2025, sondern auch für das erste Quartal 2026. Sie unterscheiden sich nicht wesentlich. An erster Stelle der Themen steht die Steuerfrage. Letztes Jahr machten sie 52 Prozent der Beschwerden aus, in diesem Jahr sind es bisher 50 Prozent. Deutlich weniger Beschwerden, 16 bzw. 13 %, betreffen das Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden. Beschwerden über die Arbeit staatlicher Regulierungsbehörden machen jeweils 8 Prozent aus, über die Zollbehörden jeweils 7 Prozent. Ebenfalls stabil ist der Anteil der Beschwerden über das Vorgehen lokaler Behörden – jeweils 5 Prozent.
Die Zahlen und die Verteilung der Beschwerden von einheimischen und ausländischen Unternehmen haben sich kaum verändert. Im vergangenen Jahr stammten 87 Prozent der Beschwerden von ukrainischen Unternehmen, in diesem Jahr sind es 89 Prozent. Den Löwenanteil machen kleine und mittlere Unternehmen aus: 67 Prozet im vergangenen Jahr und 75 Prozent im ersten Quartal 2026.
Nach Ihren Angaben, wenn es vor Gericht kommt, auf wessen Seite hält er sich häufiger, Unternehmer oder Regierungsbehörden?
Unsere Statistiken zeigen, dass die Gerichte in den allermeisten Fällen auf der Seite des Business stehen. Insbesondere die Steuerbehörde verliert sehr, sehr, sehr oft. Und das ist eines unserer Argumente im Dialog mit ihr: Lasst uns allen Zeit und Geld sparen und die Angelegenheit außergerichtlich klären.
Es gibt noch ein weiteres Thema, an dem unser Team arbeitet: Das neue Gesetz über Verwaltungsverfahren (in Kraft getreten am 15. Dezember 2023 – Anm. d. Red.), das die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Staat fast völlig abdeckt: Die Erteilung von Genehmigungen und Lizenzen, die Eintragung von Rechten sowie Kontrollen. Wir arbeiten jetzt aktiv mit Gemeinden zusammen, die Kommissionen zur Behandlung von Beschwerden von Unternehmen im Rahmen dieses Gesetzes ins Leben rufen wollen. So hat beispielsweise im vergangenen Jahr in Winnyzja eine solche Kommission bereits fünf Beschwerden bearbeitet. Allein die Tatsache, dass es solche regionalen Anlaufstellen gibt, bringt die Kommunikation mit den lokalen Behörden auf eine neue Ebene.

Was hält unsere Unternehmer davon ab, aktiver auf die „helle Seite“ zu wechseln, wie es der Vorsitzende des Steuerausschusses, Danylo Hetmanzew, gerne betont? Ist es für sie vielleicht tatsächlich vorteilhafter, im Schatten zu bleiben?
Ich bin überzeugt, dass jedes Unternehmen gerne „weiß“ sein möchte, denn so schläft man besser. Sehen Sie selbst: Während des Krieges können nur jene Unternehmen, die gewissenhaft Steuern und Löhne zahlen, ihre Mitarbeiter für unabkömmlich erklären. Nur so können Unternehmen während des Krieges ihre Fachkräfte behalten.
Es gibt jedoch auch ein Phänomen wie Zersplitterung. Ein schwieriges Thema, in dem viele Punkte geklärt werden müssen. Und die Kommunikation dazu ist meiner Meinung nach unklar. Wer kann an einem vereinfachten Steuersystem arbeiten, wer muss auf ein gemeinsames umsteigen? Man muss mehr darüber reden, damit die Leute keine Angst haben.
Und was ist die Stellungnahme des Rates des Ombudsmanns für die Einführung der Mehrwertsteuer für kleine und Mikrounternehmer?
Dies ist eine wichtige Frage und gehört zu den strategischen Leitlinien des IWF (der Internationale Währungsfonds - Anm. d. Red). Wir hoffen, dass eine Entscheidung zur Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze für das Jahreseinkommen auf vier Millionen Hrywnja (UAH) getroffen wird. Dies war übrigens eine unserer Empfehlungen, die wir dem Finanzministerium bereits zu Beginn des Jahres übermittelt hatten. Eine solche Grenze für die Mehrwertsteuer entspricht bereits den europäischen Normen. Denn ein Einkommen von bis zu vier Millionen UAH betrifft eher die Selbstständigkeit der Menschen. Dabei handelt es sich um kleine Unternehmen wie Friseurdienstleistungen, Cafés, den Verkauf von Kleinartikeln und Ähnliches. Aber die Gesellschaft muss darüber informiert werden, damit die Menschen keine Angst haben. Ich finde aber, dass solche Dinge im öffentlichen Raum selten vorkommen.
Gleichzeitig erleben wir alle Situationen. Ich bin da auch keine Ausnahme, wenn man im Restaurant zwei Rechnungen bezahlen muss. Es gibt Juweliergeschäfte oder Boutiquen, die als Einzelunternehmen registriert sind, aber eigentlich ein einziges Geschäft darstellen Ehrlich gesagt ist das verwunderlich, und dagegen muss etwas unternommen werden.
Das Hauptargument der Befürworter eines vereinfachten Systems ist die Komplexität der Mehrwertsteuerverwaltung. Ich denke, das ist ein richtiges Argument. Daher müssen Regierung und Steuerdienst an einer Vereinfachung der Regeln arbeiten. Die Ukraine hat jedoch einen Vorteil, den ich bereits erwähnt habe: einen hohen Digitalisierungsgrad. Wenn Deutschland die Umstellung auf ein digitales Steuererklärungssystem geschafft hat, kann die Ukraine das auch. Das erste Jahr wird schwierig sein, dann deutlich einfacher. Und natürlich eine richtige Kommunikationskampagne des Steuerdienstes.
Ich möchte noch einen weiteren Aspekt ansprechen: die Einkommensteuer und die Alleinsteuer, die für die lokalen Haushalte erhoben werden. Die Mehrwertsteuer hingegen wird in den allgemeinen Haushalt überführt. Auch darüber sollte man nachdenken, um die Gemeinden nicht unnötig zu demotivieren, neue Unternehmen anzusiedeln.
Darüber hinaus ist eine Übergangsfrist für die Umsetzung der Änderungen notwendig. Neulich sprach ich mit einem Beschwerdeführer, der Batterien importiert. Und plötzlich wurden die Lizenzanforderungen geändert. Er hatte keine Zeit, sich darüber zu informieren, und die Waren befanden sich bereits beim Zoll. Wir werden ihm selbstverständlich helfen. Diese Situation hätte es doch nicht gegeben, wenn die neuen Regeln nicht sofort in Kraft getreten wären, sondern eine Übergangsfrist hätten. Auch Einzelunternehmer benötigen eine angemessene Anpassungsphase.
Sie haben erwähnt, dass der Großteil der Anfragen an den Rat von kleinen und mittleren Unternehmen stammt. Worauf lässt sich das zurückführen?
Ganz einfach: Unsere Dienstleistungen sind kostenlos. Wir helfen den Beschwerdeführern, die unserer Meinung nach unsere Unterstützung verdienen, unentgeltlich. Denn wir nehmen nicht jeden Antrag an. Nach unserer Due-Diligence-Prüfung (Überprüfung des Beschwerdeführers) bleiben mehr als 50 Prozent der Beschwerden übrig, die wir bearbeiten. Kleine und mittlere Unternehmen haben im Gegensatz zu großen Firmen nicht nur weniger Geld für Anwälte, sondern auch weniger Zeit für Rechtsstreitigkeiten. Deshalb ist es verständlich, warum sie sich an uns wenden.

In der Ukraine gilt Business standardmäßig als potenzieller Rechtsverletzer und nicht als Partner des Staates. Aus diesem Grund wurde ein Beratungsgremium ins Leben gerufen, das die Einhaltung der gesetzlichen Rechte und Interessen der Unternehmen überwachen soll. Gibt es etwas Ähnliches wie Ihre Position in Deutschland?
Nein, so etwas gibt es bei uns nicht. Der Begriff „Ombudsmann“ existiert zwar in fast allen Ländern, hat aber sehr unterschiedliche Bedeutungen. In Deutschland gibt es die German Ombudsman Association, doch diese Institution vereint Juristen, die sich auf Compliance-Verstöße und Due Diligence spezialisieren.
Ähnliche Institutionen wie unser Rat gibt es in Ländern Mitteleuropas und Zentralasiens – in Georgien, Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan. Das ist nicht verwunderlich, denn sie wurden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in jenen Ländern gegründet, die sich den Standards der OECD annähern wollen. (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. d. h. international anerkannte Grundsätze und Empfehlungen zur Gewährleistung von Transparenz, effektivem Management, Korruptionsbekämpfung und verantwortungsvollem Geschäftsgebaren– Anm. d. Red.).
In der Ukraine besteht Bedarf an einer unvoreingenommenen Herangehensweise gegenüber Unternehmern, die mit unlauteren Praktiken der Behörden konfrontiert sind. Und dabei können wir ihnen helfen.
Ist es in Deutschland eine Situation von tatsächlicher steuerlicher Konfrontation zwischen Business und Staat grundsätzlich möglich?
Das ist der wesentliche Unterschied zwischen der Ukraine und Deutschland, von dem ich schon gesprochen habe, als ich noch Botschafterin war. wir unterscheiden uns hinsichtlich des Vertrauens in die Institutionen. In Deutschland, insbesondere in Berlin, beschweren sich alle über die lokalen Behörden. Dennoch vertrauen ihnen mehr als 90 Prozent der Deutschen. In der Ukraine ist das Vertrauen tatsächlich sehr gering. Um es wiederherzustellen, muss kontinuierlich und schrittweise daran gearbeitet werden, wobei alle Behörden einbezogen werden müssen.
Deshalb war ich, wie gesagt, positiv beeindruckt von der Kommunikationsfähigkeit der Leiterin der Steuerbehörde, die zwei Stunden lang Geschäftsleuten zuhörte und einen Dialog mit ihnen führte. So etwas habe ich bisher noch nicht erlebt. Solche Schritte tragen dazu bei, das Vertrauen zu stärken. Aber es wird ein langer Weg sein. Ich glaube, dass dies eine Frage von Generationen ist.
Gab es bereits Beschwerden während ihrer Amtszeit? Und wenn ja, bezüglich welcher Fragen?
- Im ersten Quartal 2026 sind bei uns 226 Beschwerden eingegangen, und wir haben bereits 120 Fälle abgeschlossen. Nach den Worten meiner Kollegen steige die Zahl der Fälle. Das Team fragt mich: „Anka, ist das schlecht oder gut? Was wäre besser für uns - wenn sich die Zahl erhöht oder zurückgeht? Einige sagen, die Zahl der Beschwerden hat sich erhöht, weil ich der neue Ombudsmann bin. Ich merke auch dieses erhöhte Interesse sowohl in den Regionen, als auch in Kyjiw. Und ich bin damit, ehrlich gesagt, sehr zufrieden, weil ich das für einen meiner Vorteile halte. Die Regierungsmitglieder kennen mich schon lange und ich kenne fast alle Kabinettmitglieder persönlich und kann einen schnellen Zugang zu den Ministern haben. Ich hoffe, also, dass das mir helfen wird.
Aber ich glaube, es wäre trotzdem besser, wenn die Zahl der Beschwerden steigen würde, damit wir systemische Probleme erkennen und angehen könnten, wie es, zum Beispiel, mit dem Risiko- Monitoringsystem der Fall war. Ich habe, zum Beispiel, mit dem Generalstaatsanwalt Strafverfahren besprochen, die seit Jahren dauern. Nach seinen Angaben sind von den 23 Tausenden Verfahren in Bezug auf Unternehmen 9 Tausend eingestellt worden. Das ist gut, aber es bleiben noch viele. Daran müssen wir arbeiten.

Aus welchen Regionen kommen die meisten Beschwerden?
- in erster Linie aus Kyjiw. 2025 stammten 30% aller Beschwerden von Unternehmern aus der Hauptstadt, die weiteren 10% – aus der Oblast Kyjiw. Dann folgen die Oblaste Lwiw. Odessa, Dnipro - also große Industriezentren. Aber andererseits weiß man über uns in den Regionen weniger. Wie Vertreter der regionalen Militärverwaltungen in Winnyzja und Zhytomyr scherzten: „Wenn man von Ihnen nichts weiß, heißt es, dass bei unseren Unternehmern alles in Ordnung ist“. Und ich habe darauf geantwortet, dass es besser wäre, wenn Unternehmen über die Tätigkeit der Wirtschaftsombudsstelle als ein Schutzinstrument wissen würden. Deswegen ist eine der Motivationen bei meinen Reisen durch die Ukraine - einem möglichst breiterem Auditoriun in den Regionen über uns zu erzählen, denn in der Hauptstadt weißt man von uns sowieso.
Haben Sie ihrer Meinung nach genug Befugnisse, um Verbesserungen im Bereich der unternehmerischen Tätigkeit in der Ukraine wirklich zu fördern? Welche Hebel oder Instrumente fehlen Ihnen noch?
- Ich habe bereits vom Zugang zu den Machtorganen gesprochen. Das ist wirklich unser Hauptvorteil- unsere „soft power“, die wir täglich einsetzen. Und die funktioniert. Außerdem genießen wir Vertrauen sowohl seitens der Macht, als auch der Unternehmen. Man liest unsere systemischen Empfehlungen, die auf konkreten Fällen basieren - wir merken das.
Ein weiterer Hebel ist es - „name and shame“. Als Botschafterin habe ich erlebt, dass dieses Instrument wirksam ist. Ein Tweet kann manchmal Wunder bewirken. Es gab zwei oder drei Posts der G7- Gruppe über die Dezentralisierung, dank denen es gelungen war, bestimmte Errungenschaften in diesem Bereich zu bewahren. Diese Instrumente sollte man aber nur sehr vorsichtig verwenden. Die Ukraine steht heutzutage vor so vielen Herausforderungen, und ich bin begeistert davon, wie viel schon geleistet wurde. Es werden immer Wirtschaftssektoren geben, mit denen die Leute unzufrieden sein werden. Aber die Eurointegration wird schließlich auch Möglichkeiten zum Schutz von Unternehmen erweitern. Euer Land wird Teil eines größeren Raums, dessen Mitglieder kooperieren und einander helfen wollen.
Julia Abakumowa, Kyjiw
Foto von Julia Owsjannikowa