Die Ukraine hat sich in mehr als vier Jahren des großangelegten Krieges nicht nur zum wichtigsten Labor moderner Kriegsführung entwickelt, sondern auch zu einem der weltweit führenden Zentren für die Entwicklung unbemannter Technologien. Hier werden täglich neue Konzepte für den Einsatz von Drohnen, elektronischer Kampfführung, Gefechtsführungssystemen und autonomen Plattformen erprobt, die schon heute die militärtechnologische Entwicklung weit über die Grenzen der Ukraine hinaus beeinflussen.
Einer derjenigen, die diesen Wandel aus nächster Nähe beobachten und aktiv mitgestalten, ist Matthias Lehna – Vizepräsident des deutschen Drohnenherstellers Quantum Systems sowie Geschäftsführer des deutsch-ukrainischen Unternehmens Quantum Frontline Industries. Sein Unternehmen liefert inzwischen nicht nur eigene Systeme an die ukrainischen Streitkräfte, sondern baut auch gezielt ein Netzwerk gemeinsamer Unternehmen mit ukrainischen Partnern auf.
Lehna, ehemaliger Offizier der Bundeswehr mit Einsatzerfahrung in der UN-Mission in Mali, ist überzeugt, dass sich das eigentliche Zentrum militärischer Innovationen heute nicht mehr im Silicon Valley befindet. Wer die Kriegsführung der Zukunft verstehen will, müsse in die Ukraine kommen und dort lernen.
Über die Lehren des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine für die globale Verteidigungsindustrie, die Entwicklung ukrainischer Drohnentechnologien, die gemeinsame Produktion von Drohnen, die Perspektiven maritimer und bodengebundener Robotiksysteme sowie die Rolle der Ukraine in der künftigen europäischen Sicherheitsarchitektur sprach Matthias Lehna im Interview mit Ukrinform.

Herr Lehna, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat das Verständnis von moderner Kriegsführung und modernen Militärtechnologien verändert. Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Lehre dieses Krieges?
Eine zentrale Lehre ist, dass unbemannte Systeme einen enormen Einfluss auf die Kriegsführung haben – in der Luft, am Boden und auf dem Wasser. Zudem hat die Geschwindigkeit der Entwicklung deutlich zugenommen. Die Fähigkeit zur Anpassung ist am Ende entscheidend, um auf dem Gefechtsfeld überhaupt zu überleben.
Die Ukrainer zeigen sehr deutlich, wie wichtig Anpassungsfähigkeit ist.
Sie haben einmal gesagt, dass die Entwicklung von Drohnentechnologien heute nicht mehr im Silicon Valley, sondern an der ukrainischen Front stattfindet. Inwieweit ist die Ukraine inzwischen zu einem globalen Zentrum für die Entwicklung unbemannter Systeme geworden?
Ich glaube, die eigentliche Entwicklung und vor allem die „Lessons Learned“ finden derzeit in der Ukraine statt. Entwicklungen, die außerhalb stattfinden, sind oft nicht an die Anforderungen moderner Kriegsführung angepasst. Wer sich auf moderne Kriegsführung vorbereiten will, muss in die Ukraine gehen und dort von den Ukrainerinnen und Ukrainern lernen.
Dort werden Systeme getestet, angepasst und weiterentwickelt. Man sieht außerdem, wie stark die Skalierungsfähigkeit in der Ukraine geworden ist: Die ukrainische Drohnenindustrie ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, und das ist auf jeden Fall bemerkenswert.
Was hat Sie am meisten an der ukrainischen Innovations- und Verteidigungsindustrie -beeindruckt?
Die Geschwindigkeit, mit der skaliert wird. Auch die dezentrale Skalierung ist bemerkenswert. Selbst wenn Werke angegriffen werden, kann die Produktion schnell an anderen Orten hochgefahren werden.
Dazu kommt die hohe Adaptionsfähigkeit und die schnelle Integration neuer Lösungen – auch solcher, die zunächst ungewöhnlich wirken, aber effektiv sind.
Warum gelingt es ukrainischen Ingenieuren und Soldaten Ihrer Meinung nach, neue Lösungen so schnell anzupassen und weiterzuentwickeln – oft deutlich schneller als in vielen NATO-Ländern?
Ein Krieg ist immer ein Katalysator für Innovationen. Wir erleben hier den größten Landkrieg seit Jahrzehnten, und das entfesselt enorme Innovationskräfte.
Die ukrainische Armee hat gezeigt, dass sie Innovationen zulässt und ihre Strukturen anpasst. Das wurde außerhalb der Ukraine lange unterschätzt.
Die ukrainischen Streitkräfte sind organisatorisch in der Lage, sich darauf einzustellen – etwa durch die Einführung eines eigenen Kommandos für unbemannte Systeme, die Etablierung einer eigenen Teilstreitkraft sowie die konsequente Implementierung unbemannter Systeme bis hinunter auf die unterste taktische Ebene und auch auf strategischer Ebene.
Kann man den Krieg in der Ukraine bereits als den ersten großen Drohnenkrieg des 21. Jahrhunderts bezeichnen? Und welche Technologien werden die Zukunft der Drohnenkriegsführung bestimmen?
Ob es der erste große Drohnenkrieg ist, kann ich nicht abschließend beurteilen. Der Konflikt um Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbaidschan hat bereits gezeigt, welchen massiven Einfluss Drohnen auf die Kriegsführung haben können – damals vor allem zugunsten einer Seite.
In der Ukraine sehen wir nun, dass beide Seiten in bisher nicht gekannter Masse Drohnensysteme einsetzen.
Die Zukunft wird vor allem von der Vernetzung verschiedener Drohnenlösungen geprägt sein. Die entscheidende Frage lautet: Wie entlastet man die Operatoren, sodass ein Bediener mehrere Drohnen gleichzeitig steuern kann? Hier werden insbesondere auf der Softwareseite noch große Fortschritte notwendig sein.

Gute Technologien allein reichen nicht aus – man braucht auch Massenproduktion. Quantum Systems hat sich entschieden, gemeinsam mit ukrainischen Partnern Joint Ventures aufzubauen. Warum haben Sie diesen Weg gewählt?
Die Präsenz in der Ukraine war zunächst wichtig, um zu verstehen, welchen Einfluss die ukrainische Drohnentechnologie auf die Entwicklung moderner Systeme hat. Mit unseren Joint Ventures produzieren wir Lösungen, die komplementär zu unseren eigenen Produkten sind.
Wir haben früh entschieden, nicht in den Quadrocopter- oder Logistikdrohnenbereich zu gehen. Mit Frontline Industries – in das wir auch investiert haben – haben wir einen Partner gefunden, der genau solche ergänzenden Lösungen entwickelt.
Gleichzeitig bot sich mit Unterstützung der ukrainischen und deutschen Regierung die Chance, als Erstes im Rahmen der Defense Industry Cooperation – erst mit 'Build with Ukraine', dann mit den Drohnendeals jetzt – einfach ein Vorzeigeprojekt aufzubauen. Wir haben diese Gelegenheit genutzt und umgesetzt.
Ihre Systeme arbeiten im digitalen Ökosystem der ukrainischen Lageführungsplattform Delta. Wie bewerten Sie Delta als technologische Lösung? Gibt es vergleichbare Systeme in europäischen Streitkräften oder in der Bundeswehr?
Delta hat aus unserer Sicht massiv zum Erfolg der ukrainischen Drohnenkriegsführung beigetragen.
Für uns war früh klar, dass wir unsere Systeme daran anbinden wollen. Die ukrainische Armee gewinnt viele Informationen aus diesem Battle-Management-System. Westliche Armeen beobachten sehr genau, wie effektiv Delta ist, und in bestimmten Bereichen hat es durchaus Vorbildcharakter.
Bei Quantum Systems verfügen wir selbst mit Mosaic UXS über eine Softwarelösung zur Integration verschiedener Plattformen, die sich wiederum in Delta einbinden lässt.
Joint Venture Quantum Frontline Industries produziert im Rahmen eines Großauftrags 10.000 Aufklärungs- und Angriffsdrohnen des Typs Linza 3.0 für die ukrainischen Streitkräfte. Wie hoch ist aktuell die Produktionsrate, und wann rechnen Sie mit der vollständigen Auslieferung?
Ich möchte keine detaillierten Lieferzahlen nennen. Aber seit Produktionsbeginn konnten wir die Produktion Monat für Monat verdoppeln. Wir befinden uns mitten in der Ramp-up-Phase. Aktuell bauen wir die Kapazitäten weiter aus.
Die dritte Lieferung wurde bereits ausgeliefert, und die Produktionssteigerung setzt sich fort.
Ein weiteres Joint Venture, Quantum WIY Industries, produziert Abfangdrohnen des Typs Strila. Berichten zufolge wurde ein Vertrag über 15.000 Systeme geschlossen. Werden diese Drohnen bereits gegen Shahed-Drohnen eingesetzt?
Der von Ihnen angesprochene Vertrag bezieht sich auf eine Produktion in der Ukraine. Wir planen tatsächlich weitere Joint Ventures, die unterschiedliche Drohnenlösungen am Boden, in der Luft und im Interceptor-Bereich entwickeln sollen. Zu konkreten Details möchte ich derzeit aber noch nichts sagen.
Abfangdrohnen sind für die Ukraine sehr wichtig – und wahrscheinlich auch für die Zukunft Europas? Gibt es heute überhaupt ein europäisches Land, das auf tägliche Angriffe mit Hunderten von Kamikaze-Drohnen vorbereitet wäre?
Aktuell gibt es in Europa kein anderes Land, das wie die Ukraine täglich massiven Drohnen- und Raketenangriffen standhält.
Die Ukraine ist bei der integrierten Luftverteidigung führend – mit verschiedenen Ebenen und unterschiedlichen Lösungen. Von diesen Erfahrungen sollte Europa unbedingt profitieren.
Sie haben bereits bodengestützte Systeme erwähnt. Quantum Systems ist mit dem Robotersystem MANDRILL und der Partnerschaft mit Daimler Truck auch in den Bereich bodengebundener Systeme eingestiegen. Warum dieser Schritt? Und wann könnten wir autonome Logistikkonvois oder MANDRILL-Systeme erstmals in der Ukraine im Einsatz sehen?
Wir führen sind von der Bundeswehr beauftragt worden, unbemannte Militärkonvois zu entwickeln und zu erproben im Rahmen des Forschungsvorhabens „Interoperable Robotic Convoy (InterRoC)“. Hierfür werden unsere KI- und Autonomielösungen auf militärischen Fahrzeugplattformen von Daimler Truck integriert.
Auch für andere unserer unbemannten Landsysteme, sind wir bereits in Verhandlungen und stehen vor dem Abschluss der ersten Lieferverträge. Wir sind zuversichtlich, dass wir noch in diesem Jahr solche Systeme in die Ukraine liefern können.
Bei UGVs steht die Industrie noch am Anfang, in diesem Bereich wird sich technologisch in nächster Zeit noch viel tun.
Prüft Quantum Systems auch einen Einstieg in den maritimen Bereich? Wie bewerten Sie die ukrainischen Entwicklungen in diesem Bereich?
Ja. Quantum Systems hat ein eigenes Entwicklungszentrum für maritime Systeme aufgebaut, entwickelt und testet derzeit eigene Lösungen. Gleichzeitig sehen wir die hohe Effektivität ukrainischer Lösungen und stehen in engem Austausch mit den Partnern vor Ort.
Dann noch zur Anpassungsfähigkeit der russischen Industrie – wie bewerten Sie die?
Auf Grundlage öffentlich verfügbarer Informationen sehe ich, dass die russische Kriegsindustrie in der Lage ist, einzelne Produkte in großer Stückzahl herzustellen. Im Bereich Innovationsfähigkeit erscheint die Leistungsfähigkeit aus unserer Sicht geringer als auf ukrainischer Seite. Gleichzeitig verfügt Russland aber zweifellos über eine starke und weiterentwickelte Drohnenindustrie.
Und wie steht es um Europas Anpassungsfähigkeit?
Europa muss erst noch beweisen, dass es ausreichend anpassungsfähig ist. Es gibt erste positive Entwicklungen.
Deutschland gehört in diesem Bereich außerhalb der Ukraine zu den führenden Akteuren. Im Raum München hat sich inzwischen eine sehr leistungsfähige Drohnenindustrie etabliert, und wir sind Teil davon.
Abschließend: Welche Rolle wird die ukrainische Verteidigungs- und Technologiebranche Ihrer Meinung nach in der europäischen Sicherheitsarchitektur spielen – sowohl heute als auch nach dem Ende des Krieges?
Es wäre aus meiner Sicht fahrlässig, die ukrainische Verteidigungs- und Technologiebranche nicht zu integrieren. Die Gespräche darüber laufen intensiv mit verschiedenen Partnerländern. Das Interesse ist groß, und aus unserer Bewertung heraus wird es ohne die Ukrainer nicht gehen.
Vasyl Korotkyi, BERLIN.