Stefan Meister, deutscher Politikwissenschaftler
Das Wichtigste ist, der Ukraine so schnell wie möglich beim Aufbau eigener Luftverteidigungssysteme zu helfen
17.10.2026 09:35
Stefan Meister, deutscher Politikwissenschaftler
Das Wichtigste ist, der Ukraine so schnell wie möglich beim Aufbau eigener Luftverteidigungssysteme zu helfen
17.10.2026 09:35

Die Landtagswahlen im September in Deutschland haben den deutlichen Machtzuwachs der rechtsextremen und prorussischen Alternative für Deutschland (AfD), insbesondere im Osten des Landes, verdeutlicht und zugleich einen schweren Rückschlag für die Christlich Demokratische Union (CDU) von Bundeskanzler Friedrich Merz bedeutet. Diese Ergebnisse erhöhen den innenpolitischen Druck auf den Regierungschef und werfen die Frage auf, inwieweit er künftig noch in der Lage sein wird, seinen politischen Kurs durchzusetzen, insbesondere bei der aktiven Unterstützung der Ukraine.

Dies ist von besonderer Bedeutung, da Deutschland inzwischen zum größten bilateralen Geber der Ukraine geworden ist und eine der Schlüsselrollen bei der Deckung ihres militärischen Bedarfs spielt.

Zusätzlich erschwert wird die Situation durch die jüngsten Entscheidungen von US-Präsident Donald Trump. Nach Vereinbarungen mit Putin über russische Diesellieferungen lockerte er die entsprechenden Sanktionen, forderte die Ukraine auf, ihre Angriffe auf russische Ölraffinerien einzustellen, und sorgte mit neuen Äußerungen über die ukrainische Führung für Aufsehen.

Wie verlässlich wird die deutsche Unterstützung für die Ukraine unter diesen Umständen bleiben? Wie sollte Europa auf Trumps Politik und seinen Druck auf Kyjiw reagieren, insbesondere angesichts der Abhängigkeit der Ukraine von amerikanischen Geheimdienstinformationen? Und was könnte Putin tatsächlich dazu bewegen, seine Kalkulation zu ändern und den Krieg zu beenden?

Darüber sprach Ukrinform mit dem deutschen Politikwissenschaftler Stefan Meister, Leiter des Zentrums für Ordnung und Governance in Osteuropa, Russland und Zentralasien der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Im Interview bewertete der Experte die Folgen des Erstarkens der Rechtsextremen für die Regierung Merz und die weitere Unterstützung der Ukraine. Er erläuterte, warum Deutschland bislang keine neue Russlandstrategie entwickelt hat und wie Trumps jüngste Entscheidungen die Position der Ukraine schwächen und die Kalkulation des Kremls beeinflussen könnten. Weitere Themen des Gesprächs waren der amerikanische Druck auf die ukrainische Führung, die Angriffe auf russische Ölraffinerien, die Risiken einer Einschränkung der geheimdienstlichen Unterstützung durch die USA, die Aussichten auf eine Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern an die Ukraine sowie die Notwendigkeit, dass Europa von einer Strategie zur Verhinderung einer ukrainischen Niederlage zu einer Strategie für einen Sieg der Ukraine übergeht.

- Herr Meister, die jüngsten Landtagswahlen haben gezeigt, wie stark die AfD vor allem in Ostdeutschland geworden ist. Gleichzeitig hat die CDU erhebliche Verluste erlitten. Welche Folgen hat diese Entwicklung für Bundeskanzler Friedrich Merz und insbesondere für seine Politik gegenüber der Ukraine und Russland?

- Man muss tatsächlich sagen, dass Merz ein Kanzler auf Abruf ist. Die Frage ist, wie viele Landtagswahlen, bei denen seine Partei so stark verliert, er politisch noch überstehen kann. Im nächsten Frühjahr stehen wichtige Wahlen an, unter anderem in Nordrhein-Westfalen, dem größten Bundesland von der Bevölkerung. Es kann sein, dass es danach sogar einen Kanzlerwechsel gibt. Das muss man als Hintergrund verstehen.

Merz ist aus meiner Sicht von den Bundeskanzlern, die wir bisher hatten, der stärkste Unterstützer der Ukraine – rhetorisch, aber eben nicht nur rhetorisch, sondern auch mit Blick darauf, was Deutschland tatsächlich für die Ukraine tut. Die innenpolitische Entwicklung wird seine Handlungsfähigkeit jedoch beeinträchtigen. Es wird für ihn schwieriger werden, bestimmte Entscheidungen durchzusetzen. Das kann auch die Unterstützung der Ukraine betreffen. In der deutschen Politik und Gesellschaft gibt es darüber keine breite Einigkeit; die Gesellschaft ist in der Frage gespalten, wie sie mit diesem Krieg umgehen soll.

Der Druck auf Merz wird wachsen, gegenüber Russland möglicherweise größere Kompromissbereitschaft zu zeigen – auch wegen der Wirtschaftskrise und der schwierigen politischen Situation. Dazu kommt eine AfD, die in den Landtagen, möglicherweise auch in Landesregierungen, deutlich stärker vertreten sein wird. Diese Partei ist stark prorussisch, verbreitet zum Teil russische Desinformation und spricht mit russischen Vertretern über Gaslieferungen, obwohl sie auf diesem Gebiet derzeit gar keine Entscheidungskompetenz hat. Der Beschluss gemeinsam mit dem BSW in Sachsen-Anhalt mit der Forderung, keine Waffen mehr zu liefern und die Sanktionen zu beenden, zeigt, wie der öffentliche Druck auf die Bundesregierung in den nächsten Monaten wachsen wird. Solche innenpolitischen Faktoren können die Unterstützung der Ukraine und damit auch Merz als ihren derzeit stärksten Unterstützer im politischen System schwächen.

- Sehen Sie die Gefahr, dass Merz die Unterstützung der Ukraine unter diesem Druck irgendwann einschränken muss?

- Ja, diese Gefahr besteht. Solange die Bundesregierung und die Koalition an diesem Kurs festhalten, ist es zunächst relativ unerheblich, was im Landtag von Sachsen-Anhalt oder vom dortigen Ministerpräsidenten gesagt wird. Die Ukraine-Unterstützung ist Bundespolitik und wird aus Bundesmitteln finanziert.

Allerdings könnte auch der Druck auf die SPD wachsen. Die SPD ist in der Russlandpolitik stärker gespalten; sie hat eine entsprechende Geschichte, und dort könnte der Wunsch wieder größer werden, auf Russland zuzugehen. Gleichzeitig tut Putin derzeit alles, um einen solchen Schritt unmöglich zu machen mit seiner hybriden Kriegsführung und brutalen Angriffe auf ukrainische Städte. Mit ihm ist gegenwärtig kaum ein Kompromiss vorstellbar, weil er zu keinen Kompromissen bereit ist.

Ich sehe die Gefahr vor allem im öffentlichen Druck: Die politische Debatte wird weiter vergiftet werden, die Polarisierung nimmt zu, und die AfD spielt dabei eine zentrale Rolle. Das kann die Koalition auch bei anderen Themen spalten und letztlich die Unterstützung für die Ukraine schwächen.

- Und wie dauerhaft ist die deutsche Unterstützung für die Ukraine mit Blick auf die nächste Bundestagswahl?

- Das wird von der künftigen politischen Konstellation abhängen. CDU, SPD und Grüne stehen grundsätzlich für die Unterstützung der Ukraine. Sie haben verstanden, dass die Ukraine auch Deutschland verteidigt. Zugleich bleibt die deutsche Gesellschaft im Verhältnis zu Russland und zur Ukraine gespalten. Es hat noch keinen wirklichen strukturellen Wandel gegeben – auch nicht bei Fragen wie der Verringerung der Gasabhängigkeit.

Wir müssten außerdem ganz anders über die Integration der Ukraine in die EU und in europäische Sicherheitsstrukturen nachdenken und sie vorantreiben. Das würde auch das Verhältnis zu Russland grundlegend verändern. Bislang geschieht das alles eher halbherzig.

Die AfD könnte bei der nächsten Bundestagswahl stärkste Kraft werden. Vielleicht würde sie nicht den Kanzler oder die Kanzlerin stellen können; sie könnte aber eine sehr große Oppositionspartei werden, die noch stärker den Diskurs bestimmen wird oder auch Entscheidungen der Regierung blockieren kann. Die anderen Parteien müssten sich dann zusammenschließen, um überhaupt eine Regierung zu bilden. Eine solche Bundesregierung wäre geschwächt und stünde unter starkem Druck, anders mit Russland und der Ukraine umzugehen. Da lässt sich nichts ausschließen, auch nicht eine größere Bereitschaft zu Kompromissen.

Es gibt zudem in den etablierten Parteien Menschen, die ein anderes Verhältnis zu Russland pflegen. Wir haben Gerhard Schröder gerade wieder mit Putin gesehen. Während in der Ukraine Menschen sterben, mit Putin Geburtstag zu feiern – das ist aus meiner Sicht ein moralischer Bankrott. Das zeigt auch einen gewissen Zynismus. Deshalb kann ich nicht sagen, dass die deutsche Unterstützung für die Ukraine auf Dauer gesichert ist. Unter politischem Druck kann es wieder zu einem Bruch oder zu einer größeren Kompromissbereitschaft gegenüber Russland kommen.

- Sie haben Anfang des Jahres geschrieben, Deutschland müsse seine Rolle in Europa und seine Russlandpolitik grundlegend neu definieren. Hat Friedrich Merz diesen Kurswechsel inzwischen vollzogen?

- Nein. Es gibt keine neue Russlandpolitik. Es gibt auch keine Ukrainepolitik, die über die Unterstützung der Ukraine und Krisenmanagement hinausgeht. Nach dem Bankrott der traditionellen Ostpolitik und angesichts des Endes der bisherigen transatlantischen Beziehungen – mit Trump stehen wir an einem Scheidepunkt – müsste Deutschland seinen politischen Kompass und seine Rolle in Europa neu bestimmen. Friedrich Merz hat das nicht getan. Weder Merkel noch Scholz noch Merz haben diese Neuausrichtung strategisch vollzogen. Dabei haben wir Trump schon einmal erlebt, und der Krieg gegen die Ukraine dauert seit 2014 an.

Statt einer neuen Strategie sehen wir Krisenmanagement und eine kurzfristige, reaktive Politik. Russland besitzt weiterhin die Eskalationsdominanz und dominiert unsere Debatten. Wir haben keine Strategie, die auf langfristige Veränderungen in Russland abzielt. Dabei wird es keinen Frieden in Europa geben, solange sich das russische Regime und seine Politik nicht verändern. Für die Förderung eines solchen Wandels gibt es keine Politik. Auch Friedrich Merz hat dafür keine Strategie.

- Ein aktueller Test für diese deutsche und europäische Russlandpolitik sind die jüngsten Entscheidungen Donald Trumps. Nach einem Gespräch mit Putin hat er russische Diesellieferungen angekündigt und entsprechende Sanktionen gelockert. Zugleich fordert er von der Ukraine, ihre Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen. Geht es Trump vor allem darum, vor den amerikanischen Zwischenwahlen die Energiepreise zu senken, oder sehen Sie darin eine grundsätzliche Annäherung an Russland?

- Ich glaube, bei Trump ist alles kurzfristig. Da ist wenig langfristig durchdacht oder strategisch angelegt. Deshalb gehe ich davon aus, dass er vor allem an die Midterms denkt. Er will kurzfristig die Diesel- und Benzinpreise senken und geht dafür auf Russland zu. Mit wem er das macht, ist ihm relativ egal – Hauptsache, er gewinnt die Wahlen. Insofern ist das eine Ad-hoc-Entscheidung.

Gleichzeitig hat Trump überhaupt kein Problem mit Putin. Er kann mit ihm jeden Deal machen; die Ukraine ist ihm relativ egal. Ich sage das einmal ganz offen. In dieser Hinsicht erleben wir tatsächlich einen strukturellen Wandel, es gibt keinerlei wertegeleitete Politik unter diesem Präsidenten. Es steckt keine ausgearbeitete Strategie dahinter, aber diese interessen- und wirtschaftsorientierte, transaktionale Politik bedeutet, dass Trump mit praktisch jedem Autokraten Geschäfte machen würde, auch mit Putin. Wenn er für sich einen Vorteil sieht, ist er zu jedem Deal bereit. Das ist eine grundlegende Veränderung amerikanischer Politik.

- Trump hat sogar öffentlich gefordert, dass die Ukraine einen neuen Präsidenten bekommen solle, der eine Vereinbarung mit Russland erzielen könne. Wie interpretieren Sie diese Forderung? Geht es um Druck auf Selenskyj oder um eine grundsätzlich andere Vorstellung davon, wie der Krieg beendet werden soll?

- Auch hier sehe ich keine konkrete Vorstellung davon, wie der Krieg beendet werden soll. Leute wie Witkoff und Kushner sind meiner Ansicht nach in Fragen der Diplomatie und der Verhandlungsführung inkompetent. Sie haben keine klare Idee, wie sie diesen Krieg beenden wollen. Trump will einfach, dass der Krieg irgendwie endet. Dafür ist er bereit, bestimmte Kompromisse einzugehen.

Er betrachtet Selenskyj als Problem, weil dieser solchen Kompromissen nicht zustimmt. Deshalb will er ihn loswerden und lieber jemanden haben, der den Krieg nach Trumps Vorstellungen beendet. Dahinter steht aus meiner Sicht kein tiefes strategisches Ziel. Hinzu kommt wohl eine persönliche Antipathie gegenüber Selenskyj. Bei Trump spielt das Persönliche häufig eine große Rolle.

Ich könnte mir zudem vorstellen, dass Putin Trump irgendwann gesagt hat, er wolle Selenskyj loswerden, und Trump das dann aufgreift. Das ist aber ausdrücklich nur meine subjektive Vermutung.

- Was bedeutet das für die Verhandlungsposition der Ukraine? Und wie sollten Europa und Deutschland auf solchen Druck aus Washington reagieren?

- Für die Ukraine bedeutet es, dass sie mit noch weniger Unterstützung aus den USA rechnen muss. Die Vereinigten Staaten sind vor allem wegen ihrer Geheimdienstinformationen, wegen Starlink und bestimmter Waffensysteme wichtig. Es ist frustrierend, wie gering das amerikanische Interesse an einer Unterstützung der Ukraine offenbar ist.

Ich denke, Europa und die Ukraine sollten solche Äußerungen zunächst ignorieren und aussitzen. Trump kann sagen, was er will: Selenskyj ist der gewählte Präsident der Ukraine. Über die ukrainische Führung entscheidet das ukrainische Volk – nicht Donald Trump und erst recht nicht Wladimir Putin.

Umso wichtiger wird die Rolle Europas. Letztlich betrifft dieser Krieg auch uns. Wir brauchen endlich eine Strategie für einen Sieg der Ukraine und nicht nur eine Strategie, mit der sie nicht verliert. Das müssen wir möglicherweise irgendwann auch ohne die USA gemeinsam mit der Ukraine schaffen. Die Ukraine wird daraus den Schluss ziehen, noch stärker eigene Waffen- und Abwehrsysteme entwickeln zu müssen. Dafür braucht sie Geld und Know-how. Europa könnte und müsste dabei viel schneller helfen. Die grundlegenden Ziele dürfen wir nicht davon abhängig machen, was Trump gerade sagt.

- Trump hat eine sofortige Energie-Waffenruhe angekündigt. Die Ukraine hat ihre Bereitschaft erklärt, sich daran zu halten, sofern Russland dasselbe tut. Moskau setzt jedoch seine Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur fort. Wie bewerten Sie diese Initiative, und was sagt sie über Trumps tatsächlichen Einfluss auf den Kreml aus?

- Trump sagt viel, und es passiert nichts. Das hat letztlich kaum Bedeutung. Der Kreml hat kein Interesse an einer solchen Energie-Waffenruhe. Er sieht derzeit ein Zeitfenster, um in der Ukraine möglichst viel Infrastruktur zu zerstören. Putin wird sich von Trump kaum dazu bewegen lassen, diese Angriffe zu beenden.

Trump hat überhaupt keinen Einfluss auf Putin. Ich glaube sogar, dass Trumps erratische Politik und seine Annäherungsversuche bei Putin vor allem Verachtung auslösen. Für Putin ist das ein Zeichen von Schwäche. Das motiviert ihn eher, noch mehr zu zerstören, weil er keine Konsequenzen befürchten muss. Hier geht es um harte Interessen- und Machtpolitik. Wer gegenüber Putin so auftritt, ohne Konsequenzen folgen zu lassen, wird von ihm als schwach wahrgenommen.

- Wie sollte die Ukraine darauf reagieren? Sollte sie russische Ölraffinerien weiter angreifen, solange Russland die ukrainische Energieinfrastruktur angreift? Und wie groß ist das Risiko, dadurch die verbleibende amerikanische Unterstützung zu gefährden?

- Das ist eine sehr sensible Situation für die Ukraine. Ich hatte heute Morgen nach einem Austausch mit einem Kollegen den Eindruck, dass bestimmte Geheimdienstinformationen aus den USA möglicherweise nicht wie gewohnt zur Verfügung standen und das hat sich dann bestätigt. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass die Amerikaner die noch bestehende Unterstützung – gerade Geheimdienst- und Zielinformationen – einschränken oder nicht mehr teilen.

Deshalb muss die Ukraine in engem Kontakt mit Washington stehen, auch über ihren Botschafter und auf Regierungsebene, und sehr genau ausloten, wie weit sie gehen kann und welche Konsequenzen drohen. Ein Verlust dieser Informationen wäre für die Ukraine verheerend.

Grundsätzlich sehe ich keinen Grund, warum die Ukraine ihre Angriffe einstellen sollte. Allerdings befinden wir uns in einer Eskalationsspirale, und das darf man nicht unterschätzen. Je stärker die Ukraine angreift, desto härter wird Russland zurückschlagen. Dessen muss man sich bewusst sein. Russland wird aber auch dann nicht aufhören, wenn die Ukraine ihre Angriffe einstellt. Das ist das Dilemma. Entscheidend ist, die möglichen Konsequenzen in Washington sehr genau einzuschätzen, damit die Ukraine nicht die amerikanischen Geheimdienstinformationen verliert.

- Könnte Europa einen möglichen Ausfall amerikanischer Geheimdienstinformationen ausgleichen?

- Frankreich und Großbritannien können das teilweise. Sie tun es bereits und haben die Ukraine auch mit Informationen über bestimmte Ziele unterstützt. Aber weder in der Dimension noch in der Qualität kann irgendein anderer Nachrichtendienst leisten, was die Amerikaner leisten können.

Wir müssen uns möglicherweise darauf vorbereiten, irgendwann nur noch auf europäische und eigene ukrainische Geheimdienstinformationen zurückgreifen zu können. Einen amerikanischen Ausfall könnte Europa aber nicht zu hundert Prozent ausgleichen.

- Bundeskanzler Merz hat sich gegen Trumps Diesel-Abkommen mit Putin gestellt und ein weiteres Treffen der Koalition der Willigen angekündigt. Welche konkrete Antwort sollte Europa auf den amerikanischen Druck geben, und wie weit sollte Deutschland bei der Unterstützung der Ukraine gehen?

- Europa muss Trump widersprechen und deutlich machen, dass es die Ukraine und Selenskyj als gewählten Präsidenten weiter unterstützt. Dieser Kurs muss konsequent fortgesetzt werden.

Merz versucht aus meiner Sicht bereits, im Rahmen der deutschen Möglichkeiten möglichst viel zu liefern. Über Taurus kann man natürlich wieder sprechen, aber zwischen CDU und SPD gibt es dazu eine Vereinbarung, die Merz nicht einfach brechen kann. Das hängt mit der Haltung des Koalitionspartners zusammen.

Deutschland bemüht sich sehr, insbesondere bei Patriot-Systemen und Abfangraketen. Berlin telefoniert mit Athen und Madrid, um weitere Systeme für die Ukraine zu bekommen. Was ich allerdings nicht verstehe, ist, warum bestimmte Produktionskapazitäten noch immer nicht in ausreichendem Umfang hochgefahren wurden und warum entsprechende staatliche Garantien fehlen. Wir reden seit Jahren darüber. Auch Patriot-Abfangraketen sollen inzwischen in Deutschland hergestellt werden. Warum dauert das alles so lange, und warum lässt sich das nicht beschleunigen? Da fehlt doch auch der politische Wille.

Genau das wären für mich angemessene Antworten. Hinzu kommen weitere Sanktionen, Maßnahmen gegen die russische Schattenflotte und robustere Reaktionen auf hybride Angriffe – möglicherweise auch Gegenmaßnahmen im Cyberbereich oder im Handel, die Russland tatsächlich treffen. Europa könnte hier mehr tun und müsste diese Maßnahmen konsequenter umsetzen, auch wenn das bedeutet, den Amerikanern zu widersprechen.

- Was den Taurus betrifft: Sollte die Bundesregierung diese Raketen Ihrer Meinung nach an die Ukraine liefern?

- Sie würden der Ukraine auf jeden Fall helfen, weil sie damit auch Infrastruktur in großer Entfernung treffen könnte. Insofern: ja. Aber es gibt innerhalb der Bundesregierung keinen Konsens. Deshalb wird eine Lieferung meiner Einschätzung nach nicht stattfinden. Selbst Merz kann das gegenüber der SPD nicht durchsetzen. Das ist eine Tatsache der deutschen Innenpolitik.

- Hat Putin angesichts der jüngsten Entscheidungen und Aussagen Trumps überhaupt noch einen Grund, ernsthaft über ein Ende des Krieges zu verhandeln? Und was könnte seine Kalkulation verändern?

- Putin hat im Moment kein Interesse daran, diesen Krieg zu beenden. Er sieht sich im Vorteil, auch technologisch, und glaubt, dass er die Ukraine so stark zerstören kann, bis sie irgendwann zu Kompromissen bereit ist, die sie bisher abgelehnt hat.

Nur eine bestimmte Form von Härte kann ihn zu Kompromissen bewegen. Mit Angeboten wird man ihn nicht überzeugen. Er will die Ukraine kontrollieren. Dieses Ziel hat er nicht aufgegeben und wird es auch nicht aufgeben, solange er nicht dazu gezwungen wird.

Man kann ihn nur davon überzeugen, indem man die Ukraine militärisch so stark macht, dass der Krieg für Russland zu teuer wird. Russland kommt an der Front kaum voran; deshalb greift es verstärkt das ukrainische Hinterland an. Die Ukraine müsste viel umfassender und dauerhaft militärisch unterstützt werden, insbesondere bei der Luftverteidigung. Putin muss begreifen, dass es unmöglich sein wird, die Ukraine zu erobern. Davon ist er offenbar noch nicht überzeugt.

Dafür braucht es wirtschaftliche Sanktionen, militärische Stärkung und eine dauerhaft leistungsfähigere Luftverteidigung. Ich sehe kein Angebot, das Putin akzeptieren würde, solange sein Ziel die Kontrolle über die Ukraine bleibt.

Wir reden seit Jahren über viele dieser Maßnahmen, und noch immer ist nicht genug passiert. Das kostet jeden Tag Menschenleben. Nötig wäre ein wirklicher Sprung bei Umfang und Qualität der militärischen Unterstützung und die klare Politik auf allen Ebenen, dass es keinen russischen Sieg geben darf. Europa und die NATO könnten das leisten, auch wenn es teuer wäre und nicht überall gesellschaftliche Zustimmung fände. Dafür fehlt letztlich der politische Wille.

- Sie haben früher geschrieben, dass mit einem Scheitern der Ukraine auch Europa scheitern würde. Wenn Sie auf die nächsten sechs Monate blicken: Was ist die größte Gefahr für die Ukraine, und welche Entscheidung müssten Deutschland und Europa treffen, um diese Entwicklung zu verhindern?

- Der Winter wird sehr hart werden. Es wird so viel an Städten und Infrastruktur zerstört, dass Menschen diese Städte verlassen müssen. Wir werden Evakuierungen ukrainischer Städte sehen. Ich erwarte keinen entscheidenden Durchbruch an der Front. Aber ich befürchte sehr viele Opfer und Städte, die unbewohnbar werden könnten. Möglicherweise wird sogar Kyjiw so stark getroffen und von der Energieversorgung abgeschnitten, dass die Stadt in ihrer heutigen Form und mit so vielen Menschen nicht mehr überlebensfähig wäre. Darin sehe ich die größte Gefahr dieses Winters.

Ich sehe derzeit kaum Möglichkeiten, das kurzfristig zu verhindern. Es fehlen Patriot-Systeme und andere Luftverteidigungssysteme in der nötigen Zahl. Was gebraucht wird, steht kurzfristig schlicht nicht in ausreichendem Umfang zur Verfügung. Deshalb wird die Ukraine vor allem auf sich selbst und auf die weitere finanzielle und militärische Unterstützung Europas angewiesen sein.

Entscheidend ist, die Ukraine so schnell wie möglich beim Aufbau eigener Luftverteidigungssysteme zu unterstützen, insbesondere bei der Entwicklung und Massenproduktion von Abfangdrohnen. Wir müssen uns im Moment wieder stärker auf kurzfristig erreichbare Ziele konzentrieren, um langfristige Ziele überhaupt erreichen zu können: die militärische Stärkung der Ukraine und die wirtschaftliche Schwächung Russlands.

Vasyl Korotkyi, BERLIN.

Vasyl Korotkyi, BERLIN.

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