Andrij Sybiha, Außenminister der Ukraine
Durch russische Seeblockade kann Schwarzes Meer zur zweiten „Straße von Hormus“ werden 
20.10.2026 14:00
Andrij Sybiha, Außenminister der Ukraine
Durch russische Seeblockade kann Schwarzes Meer zur zweiten „Straße von Hormus“ werden 
20.10.2026 14:00

Am 12. und 13. Oktober 2026 fand das Warschauer Sicherheitsforum (Warsaw Security Forum WSF) statt, an dem der Präsident der Ukraine Wolodymyr Selenskyj (per Video) und der Außenminister Andrij Sybiha teilnahmen.

In einem Interview mit Ukrinform spricht der Chefdiplomat über Ergebnisse der Verhandlungen mit europäischen Kollegen in Luxemburg und seiner Teilnahme am Sicherheitsforum in Warschau, Zusammenarbeit mit Polen, Erwartungen an die amerikanischen Partner und Perspektiven der Beziehungen zu Peking.

UKRAINE VERHANDELT MIT LITAUISCHER EU- RATSPRÄSIDENTSCHAFT ÜBER WEITERE SCHRITTE AUF DEM WEG IN DIE EU

Herr Minister, die Europäische Union hat die Gespräche mit der Ukraine zum zweiten und dritten Verhandlungskapitel aufgenommen. Wie bewerten Sie diesen Schritt und wann kann man mit der Eröffnung der nächsten Verhandlungskapitel rechnen?

Die Eröffnung dieser beiden Verhandlungskapitel ist ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur Mitgliedschaft der Ukraine in der EU. Insgesamt wurden bereits vier Verhandlungskapitel eröffnet. Unser Ziel ist es, dass bis Jahresende des alle sechs eröffnet werden. Wir haben unsere Beziehungen zu Ungarn geregelt, und Ungarn hat sein Veto gegen die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine aufgehoben. Von daher gibt es derzeit keine weiteren politischen Hindernisse dafür. Alle unseren Partner sowie die irische EU- Ratspräsidentschaft sehen das genauso. 

Wir haben bereits Verhandlungen mit der litauischen Ratspräsidentschaft über die nächsten Schritte auf dem Weg  in die EU begonnen. Trotz des Krieges werden in der  Ukraine Reformen umgesetzt. Wir sind bereit, unsere Gesetzgebung so reformieren, dass sie mit dem EU-Recht in Einklang steht. Ich denke, dass unser Parlament eine Rekordzahl an entsprechenden Gesetzten verabschieden wird.

Mein persönlicher Traum ist, dass die Frage der europäischen Integration nicht mehr als außenpolitische, sondern als innenpolitische Angelegenheit betrachtet wird.  Das [Integration in die EU] ist unsere Wahl, und wir zahlen dafür den höchsten Preis. Es ist sehr wichtig, dass die Bewegung auf diesem Weg aktiv fortgesetzt wird und wir entsprechend faire Bewertungen für unsere Hausaufgaben erhalten.

Welche Erwartungen hat die Ukraine an die litauische EU- Ratspräsidentschaft?

Nach der Eröffnung der Cluster beginnen die entsprechenden Verhandlungen, und wir haben bereits mit dem Schließen der Verhandllungskapitel begonnnen. Bis zum Ende der litauischen Präsidentschaft (bis Ende Juni 2027, Anm. d. Red.) werden wir versuchen, möglichst viel Verhandlungskapitel zu schließen.

Vor kurzem  wurde während einer Sitzung des EU - Rates in Luxemburg das bisher größte Sanktionspaket beschlossen. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung? 

Putin versteht nur die Stärke. Um ihn an den Verhandlungstisch zu zwingen, ist Druck notwendig. Der Preis für seine militärischen Aktionen muss weiter erhöht werden. Das kann man mit konkreten Mitteln erreichen: Sanktionen, Nutzung eingefrorener Vermögenswerte, Isolierung, Einschränkung des Zugangs zu wichtigen Technologien. 

Deshalb wurde in Luxemburg während der Sitzung der Außenminister der EU-Länder das größte Sanktionspaket verabschiedet, welches vorsieht, rund 1600 Personen und Unternehmen auf die Sanktionsliste zu setzen.    

Das ist sehr wichtig, da die Maßnahmen Auswirkungen auf die russische Wirtschaft haben werden. Aber vor allem die russische Rüstungsindustrie stand im Fokus des Beschlusses.  Sogar während der jüngsten russischen Angriffe, unter anderem in Pryluky, bei denen 22 Zivilisten, darunter fünf Kinder, getötet wurden, wurden in russischen Waffen Baulemente aus westlicher Produktion gefunden. Darüber muss man reden sowie die Wege, auf denen Russland die Sanktionen umgeht,  zurückverfolgen.

Es wird keine Pause in den nächsten Schritten geben: sie Ukraine hat ihre Sichtweise auf die weiteren Maßnahmen vorgestellt. Ich habe deutlich gemacht: die Streichung von zwei russischen Oligarchen – Usmanow und Fridman – von der Sanktionsliste ist eine beschämende Entscheidung. Dementsprechend ist unsere Position sehr proaktiv: wir werden zusätzlich mehr als zehn weitere Oligarchen auf die Sanktionsliste setzten sowie weiterhin dafür kämpfen, dass diese beiden Personen wieder sanktioniert werden. 

Großbritannien hat uns zugesichert, dass es seine Sanktionen nicht aufheben wird. Wir werden weiterhin kämpfen und mit anderen Ländern zusammenarbeiten, die die Ukraine in der Sanktionspolitik unterstützen, um erstens, diese Personen wieder auf die Liste zu setzen und zweitens, damit  zusätzliche Sanktionen gegen zehn weitere russische Oligarchen, die im Zusammenhang  mit der russischen Rüstungsbranche und Putins Umfeld stehen, verhängt weden. Wir verstehen ganz genau, worauf wir uns bei den nächsten Schritten konzentrieren sollen.

WAS AUCH IMMER RUSSLAND BEHAUPTET – SANKTIONEN ZEIGEN WIRKUNG UND WIR WISSEN DAS

Was sind die nächsten Schritte?

Das sind ein vollständiger Verbot von maritimen Dienstleistungen sowie die Verhängung von Sanktionen gegen die Kapitäne der Schiffe der Schattenflotte. Das ist ein sehr heikles Thema. Wir wissen, dass mehrere Kapitäne es ablehnen, auf Tankern der Schattenflotte zu arbeiten, da dies ein seriöses Reputationsrisiko bringt.  Wir arbeiten weiter in diese Richtung.

Es geht auch um das EU-Einfuhrverbot für russisches Getreide und andere landwirtschaftliche Produkte durch Europa, einschließlich der  Nutzung baltischer Häfen. Russland nutzt das SWIFT-System bislang weiter aus, es ist jedoch notwendig, russische Banken weitestgehend aus diesem System auszuschließen. Es ist wichtig, weiterhin Druck auf Russland auszuüben, damit diese Sanktionen Schock- und Zerstörungseffekt haben. Es gibt dafür noch Potenzial.

Es ist auch wichtig, bei der Sanktionspolitik keine Pausen zu machen: nicht auf neue Pakete zu warten, sondern ständig, punktpräzise, zielgerichtet und sektoral Sanktionen zu verhängen, da dies Resultate bringt.

Was Russland auch immer sagen mag, die Sanktionen gelten, und das wissen wir. Allmählich werden sie einen kritischen Einfluss auf die russische Wirtschaft haben. Selbst wenn die Russen die Sanktionen umgehen und sich sogar an sie anpassen, ist das auf jeden Fall schmerzhaft für jede Wirtschaft, um so mehr für die Wirtschaft eines Landes, das als Aggressor auftritt.   

Also nach unserer Kalkulation kostet ein Tag Krieg Russland ca. eine Milliarde Dollar. Statt dieses Geld für die Entwicklung auszugeben, geben sie es für Blut und Zerstörung aus. In der Tat bieten die Sanktionen für Russland auch eine Chance, diesen Krieg zu beenden. Deshalb hoffen wir darauf, dass konsequente Schritte Ergebnisse bringen und unsere Bemühungen bezüglich eines dauerhaften Friedens beschleunigen.

Das Thema der eingefrorenen russischen Vermögenswerte ist auch wichtig

Wir haben die Frage der eingefrorenen russischen Vermögenswerte mit unseren europäischen Kollegen erörtert. Es ist an der Zeit, wieder eine sachliche Diskussion über die vollständige Nutzung dieser Vermögenswerte zu führen und nicht nur über die Zinsen aus ihrer Verwahrung.

Vier Länder – Schweden, Polen, die Niederlande und Spanien – haben sich unter der Führung Stockholms der Initiative angeschlossen, diese Diskussion innerhalb der Europäischen Union wieder aufzugreifen, und dies in einem entsprechenden gemeinsamen Schreiben an die Europäische Kommission formalisiert. Ich habe dies während des Treffens der Außenminister erörtert. Der Präsident der Ukraine bringt dieses Thema immer wieder zur Sprache.

Gibt es eine Chance, die Haltung Belgiens zu ändern?

Es geht eigentlich nicht um eine Änderung, sondern darum, eine Lösung zu finden. Ich glaube, wir haben heute bereits politischen Willen. Nach unserem Verständnis aus den Gesprächen mit unseren Partnern geht es um eine rechtliche Lösung, kollegiale Verantwortung und gemeinsame Verpflichtungen, damit im Falle von Klagen oder anderen Fällen höherer Gewalt nicht die gesamte Verantwortung ausschließlich auf Belgien lastet, sondern wir uns gemeinsam und einhellig gegen solche Maßnahmen der russischen Seite verteidigen können.

Vor einigen Tagen habe ich bei Politico einen Artikel über eingefrorene Vermögenswerte geschrieben. Auch die schwedische Außenministerin führt diesbezüglich eine eigene Kampagne. Sie führte ein Beispiel an: Der Gesamtbetrag der EU-Hilfe für die Ukraine seit Beginn der groß angelegten Invasion ist geringer als der Betrag der in der Europäischen Union eingefrorenen russischen Vermögenswerte. Deshalb werden wir kämpfen, weil es gerecht ist! Warum sollten die europäischen Steuerzahler für Russland zahlen? Die eingefrorenen Vermögenswerte der Russischen Föderation müssen verwendet werden.

RUSSLAND KLOPFT NICHT MEHR NUR - ES BRICHT AN DEN TÜREN EUROPAS

Welche weiteren Fragen haben Sie mit europäischen Kollegen in Luxemburg erörtert?

Ich habe den europäischen Kollegen die Informationen über die Bedürfnisse der Ukraine übermittelt. Wir sprachen über eine neue Realität: Russland greift unsere Rechenzentren, die Brücken in Kyjiw an. Wir haben bestimmte Ideen, wie wir in diesem Zusammenhang die Risiken für die Ukraine minimieren können.

Wir haben auch darüber gesprochen, russische Sportler von internationalen Sportveranstaltungen und Kulturprogrammen auszuschließen. Schließlich hat sich nichts geändert, und plötzlich haben sich die Türen für die Teilnahme der Russen an internationalen Wettbewerben geöffnet. Dies dürfte finanzielle Konsequenzen für internationale Verbände und Wettkämpfe haben, die russische Teilnehmer zulassen. Diese Veranstaltungen sollten boykottiert werden; wir müssen die Rückkehr russischer Sportler verhindern.

Die Gespräche betrafen auch die Deckung des Haushaltsdefizits der Ukraine und unsere makrofinanzielle Stabilität.

Es gibt unterschiedliche Meinungen – vom Frontloading (Vorziehen der wichtigsten Mittel in die Anfangsphase des Projekts – Anm. d. Red.) des zweiten Teils des Kredits vom nächsten Jahr auf das laufende Jahr bis hin zur Ausweitung der Anzahl der Länder, die Kredite gewähren, damit nicht nur EU-Länder, sondern auch Staaten außerhalb der EU daran teilnehmen können.

Wir brauchen die Umsetzung der Verpflichtungen, die die Länder während des NATO-Gipfels in Ankara eingegangen sind, sowie zahlreiche bilaterale Lösungen und Hilfspakete. Russland klopft nicht mehr nur an die Tür, es drängt sich gewaltsam herein, und wenn man ihm nicht öffnet,  bricht es die Wand ein. In dieser Hinsicht muss man sich keine Illusionen machen. Man kann sich zwar mit Illusionen erfreuen, sich selbst täuschen, aber die Bedrohung verschwindet nicht.

Mit unseren Partnern haben wir auch die Freiheit der Schifffahrt im Schwarzen Meer besprochen, denn es ist von entscheidender Bedeutung, sie wiederherzustellen. Wir diskutierten auch zusätzliche Unterstützungspakete für die Ukraine.

Kann man in der nächsten Zeit Hilfspakete von den Partnern erwarten?

Ich bin mir sicher, dass es weitere Energie-, humanitäre und Unterstützungspakete geben wird.

Von konkreten Ländern?

Ja, ich habe Bestätigungen über neue Hilfspakete aus mindestens fünf Ländern erhalten. Wir wissen bereits, von wem sie kommen werden. Momentan wird der genaue Umfang geklärt. Und wir werden zusätzliche Hilfe erhalten.

EUROPA IST SICH RISIKEN DER WEITEREN RUSSISCHEN ESKALATION BEWUSST 

Herr Minister, Sie haben am Warschauer Sicherheitsforum teilgenommen, dort auf dem Podium diskutiert und hinter den Kulissen Gespräche mit Partnern geführt. Wie bewerten Sie die Verhandlungen в Warschau?

Ich nehme seitens der Partner ein tieferes Verständnis für die Situation in der Ukraine wahr. Ich stelle fest, dass das Verständnis für die Notwendigkeit, eine neue Rolle Europas in den internationalen Diskussionen zu definieren, zunimmt. Die europäischen Kollegen sind sich der Risiken einer weiteren Eskalation seitens Russlands bewusst.

Ich erkenne bei ihnen das Bewusstsein, dass Russlands Vorgehen in Europa längst kein hybrider Krieg mehr ist. Ich habe von ihnen sogar den Begriff „Shadow War“ („Schattenkrieg“ – Anm. d. Red.) gehört, den Russland gegen Europa führt, und die Einsicht, dass man dem entgegenwirken muss.

Wir müssen diese neue Realität berücksichtigen und die Wahrnehmung der Ukraine nicht nur unter dem politischen Establishment und dem Militär, sondern auch in den Gesellschaften der europäischen Länder ändern. Übrigens ist es das Militär, das sich der Rolle und Bedeutung der Ukraine in Bezug auf die Sicherheit am meisten bewusst ist. Sie verstehen, dass die Ukraine mit ihrer Armee, Wirtschaft und Erfahrung strategische Vorteile für Europa bietet, und unsere Zusammenarbeit ist ein Weg in beide Richtungen.

Das Bewusstsein für die neue Rolle der Ukraine kam bei meinen Kollegen sowohl während meiner bilateralen Treffen als auch bei privaten Treffen in Warschau klar zum Ausdruck. Jeder erkennt unsere Leistungen in der Verteidigungsindustrie und auf dem Schlachtfeld an. Ich sehe eine entschlossene und beständige Unterstützung seitens unserer europäischen Freunde, die zunehmend verstehen, dass diese Unterstützung für sie von Vorteil ist, denn wie dieser Krieg endet, wird von der weiteren Entwicklung praktisch jeder europäischen Familie abhängen. Die Kollegen sprechen offen über die Bedeutung der Ukraine, des ukrainischen Faktors und der ukrainischen Streitkräfte sowohl auf europäischer als auch auf globaler Ebene. Sie erkennen unseren Heldenmut und unsere Standhaftigkeit. Und jetzt wollen sie von uns konkrete Vorschläge hören, die die Ukraine stärken, weil alle die Risiken des Krieges verstehen

In Warschau wurde der Energie und der Bedeutung des Fortschritts der Ukraine auf dem Weg zur europäischen Integration viel Aufmerksamkeit gewidmet. Die europäischen Kollegen sind sich der Wichtigkeit der transatlantischen Zusammenarbeit und der Teilnahme der Ukraine daran als eines untrennbaren Bestandteils der Sicherheit auch bewusst. Dieses Forum unterscheidet sich von anderen dadurch, dass hier immer offene und tiefgründige Diskussionen mit einem Verständnis für die Besonderheiten unserer Region stattfinden.

Deswegen  bin ich mit Resultaten der Treffen, dem Diskussionsniveau und auch damit zufrieden, dass die Ukraine im Mittelpunkt eines der wichtigen Themen stand.

Sie haben deutlich gemacht, dass das westliche Militär die Ukraine besser versteht und mehr auf die Zusammenarbeit mit Kyjiw eingestellt ist. Vielleicht sollte das Militär in ihren Ländern die Politiker aktiver davon überzeugen, den Fokus zu ändern, die bestehenden Risiken und das Ausmaß der Bedrohungen besser zu verstehen, was sich positiv auf die Unterstützung der Ukraine auswirken wird?

Ich denke, das wird passieren, weil das Militär die Bedrohung durch Russland und den verdeckten Krieg, den es gegen den Westen führt, wirklich sieht. Sie verstehen, was ohne die Ukraine passieren kann.

Diese Prozesse finden statt, müssen aber einen Punkt erreichen, an dem die Gesellschaften in diesen Ländern dies auch verstehen werden. Wir stehen vor einer sehr schwierigen Phase: Mehr als 50% der europäischen Bevölkerung werden im nächsten Jahr an den Wahlen teilnehmen. Wir sehen eine Ära des Populismus, eine Zunahme des Einflusses radikaler Kräfte, die versuchen, antiukrainische und migrationsfeindliche  Rhetorik zu verwenden. Jedes Land hat seine eigenen Besonderheiten, doch diese Rhetorik beruht auf Manipulationen.

Irgendwo sagt jemand, dass aufgrund der Ukraine-Hilfe die Mittel für bestimmte Sozialprogramme gekürzt werden. Solche primitiven Manipulationen funktionieren leider. Deshalb müssen wir gemeinsam mit unseren Partnern handeln.

UKRAINE UND POLEN DISKUTIEREN FINALISIERUNG DES KREDITS FÜR DEN KAUF POLNISCHER WAFFEN

Kommen wir nun zu den ukrainisch-polnischen Beziehungen. In Warschau haben Sie sich auch mit Ihrem polnischen Amtskollegen Radosław Sikorski getroffen.

Ja, wir haben alle Aspekte der bilateralen Beziehungen besprochen, insbesondere gemeinsame Verteidigungsprojekte. Ich habe bereits darauf hingewiesen: Es ist uns gelungen, die bilateralen Beziehungen nach den bekannten Schwierigkeiten wieder zu normalisieren. So sollte es zwischen den strategischen Partnern sein, denn man muss in der Lage sein, die Freude an gemeinsamen Errungenschaften zu teilen, aber auch die Schwierigkeiten gemeinsam zu überwinden.

Derzeit besprechen wir konkrete Sicherheitsprojekte und sind bereit, einen „Drone Deal“ mit Polen abzuschließen.

Wann kann der Deal mit Warschau unterzeichnet werden?

Sobald beide Seiten ihn abgestimmt haben. Entscheidend ist hier der Inhalt, nicht der Zeitrahmen, aber wir sind bereit. Wichtig ist auch die gemeinsame Produktion, zu der wir auch bereit sind. Polen ist einer der größten Empfänger von Kreditkosten aus dem EU-Rüstungsfonds SAFE (Security Action for Europe). Auch hier sind wir für eine für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit bereit.

Polen muss der Ukraine ein Darlehen für den Kauf polnischer Waffen gewähren. Auf welcher Etappe befindet sich die Umsetzung dieses Projekts?

Die polnische Seite hat die Bereitstellung eines Darlehens in Höhe von 125 Millionen Euro angekündigt. Das hat Minister Sikorski bestätigt, darüber haben auch Präsident Selenskyj und Ministerpräsident Tusk gesprochen. Es geht um den Kauf von Waffen bei einem polnischen Hersteller.

Wir wissen, dass zum Beispiel das MANPADS Piorun eine äußerst effektive Waffe ist. Die Ukraine ist daran interessiert, diese Waffen auf Kosten des Darlehens zu kaufen. Im Moment wird besprochen, wie man diese Vereinbarung finalisieren kann. Ich hoffe, dass dies schon bald passiert wird – noch vor dem Jahresende, denn es gibt den politischen Willen dafür und im polnischen Haushalt sind entsprechende Mittel vorgesehen.

Derzeit wird diese Frage auf der Ebene der Finanz- und Verteidigungsministerien beider Länder geklärt, insbesondere wird festgelegt, welche Waffen wir in Polen kaufen werden. Das ist auch gut für Polen, da die Mittel zur Unterstützung ihres Verteidigungsindustriekreises verwendet werden, und die in die Ukraine gelieferten Produkte werden auf dem Schlachtfeld erprobt. Das bedeutet, dass sie vervollkommnet werden. Dank den positiven Rückmeldungen aus der Ukraine wird dies für polnische Hersteller  zweifellos eine Expansion in internationale Märkte bedeuten.

Die antiukrainische Rhetorik in Polen, die durch Desinformationskampagnen und einige politische Parteien vor den Wahlen 2027 angeheizt wird, wird höchstwahrscheinlich zunehmen. Hat Kyjiw eine Gegenstrategie?

Natürlich verfolgen wir die Situation genau und versuchen zu verhindern, dass der ukrainische Faktor Gegenstand innenpolitischer Auseinandersetzungen wird oder dass die antiukrainische Rhetorik bei der Wahlkampagne instrumentalisiert wird. Das Beispiel des ungarischen Ex-Premiers Orbán hat gezeigt, dass solche Rhetorik zu nur einer politischen Niederlage führen kann.   

Ja, es bestehen solche Risiken. Ja, Russland ist in dieser Hinsicht effektiv, und nicht nur Russland. Die  Wahlen in Moldau, Rumänien und Georgien waren massiver Einflussnahme ausgesetzt. Deshalb reagiert die Ukraine auf die entsprechenden Anfragen der Partner und baut konkrete Zusammenarbeit zur Bekämpfung russischer Desinformation aus, denn das ist ebenfalls ein Bestandteil russischer Aggression.

Dort, wo Russland mit militärischen Mitteln keine Ergebnisse erzielen kann, versucht es, über Informations- und Cyberangriffe vorzugehen. Diese Cyberangriffe nehmen bereits zu, was eine Bedrohung für die Integrität der Systeme zahlreicher europäischer Staaten darstellt. Und sie werden nur noch zunehmen — da sind wir uns sicher.

Deshalb arbeiten Geheimdienste mehrerer Länder zusammen, um gemeinsam diesen Bedrohungen entgegenzuwirken. Hier geht es nicht nur um Kooperation, sondern um gemeinsame Abwehr.

Westliche Partner erkennen die Effektivität russischer Aktionen, insbesondere die Aktivitäten der sogenannten ‚Russischen Häuser‘. Das sind bekannte Spionagezentren, Netzwerke der Informationspropaganda, Koordinierungszentren zur Durchführung von Sabotageaktionen.   

Die sollen in ganz Europa geschlossen werden, da sie eine direkte Bedrohung für die Sicherheit darstellen. Deshalb versuchen wir, ein Einreiseverbot in die EU für alle Teilnehmer der militärischen Aggression gegen die Ukraine sowie deren Familienmitglieder durchzusetzen. Den Russen soll es klar sein: wenn sie einen Vertrag für einen Einsatz an der Front unterschreiben, gilt für sie ein Einreiseverbot in die EU. Diese sogenannten russischen „Veteranen“,  die in Wirklichkeit Kriegsverbrecher sind, werden  später Vergnügungsreisen nach Europa machen. Ihnen muss dieses Recht entzogen werden, da sie eine direkte Bedrohung darstellen. Es wurden bereits entsprechende Schritte unternommen -  härtere Einreise-Bedingungen, Einschränkung von Visa für russische Staatsbürger  usw. Wir werden weiter daran arbeiten. Es gibt auch andere kreative Ideen. Eins steht fest: russische Staatsbürger müssen für die Unterstützung dieses Krieges zahlen.

Russland attackiert in letzter Zeit verstärkt Schiffe, die ukrainisches Getreide und andere Agrarprodukte transportieren. Welche Strategie verfolgt die Ukraine, um Länder, insbesondere jene des Globalen Südens, von der Bedeutung ukrainischer Agrarprodukte zu überzeugen und Russland zu zwingen, diese Angriffe einzustellen? Ist das realistisch?

Russland setzt Nahrungsmittel als Waffe ein. Das sehen wir, ebenso wie die Migrationspolitik. Russland spürt sehr gut die Anfälligkeit einzelner Länder in Bezug auf solche Schritte, insbesondere bei der Gefährdung der globalen Ernährungssicherheit.

Es geht nicht nur um die Blockade des Schwarzen Meeres, sondern um die Untergrabung der globalen Ernährungssicherheit und die Provokation neuer Migrationswellen nach Europa aufgrund von Nahrungsmittelknappheit in einzelnen afrikanischen Ländern. Das ist eine durchdachte und klare Strategie.

Wir brauchen unsere eigene Strategie: Wie wir die Schifffahrtsfreiheit im Schwarzen Meer wiederherstellen, die Blockade aufheben und eine Waffenruhe sowohl im Energiesektor als auch auf See erreichen können. Wir haben konkrete Vorschläge und neue Teilnehmer, die sich diesem Prozess erstmals angeschlossen haben. Dies sind insbesondere Indien und Ägypten.

Ich möchte daran erinnern, dass die weltweiten Lebensmittelpreise 2022 um 25 Prozent stiegen, als die Schifffahrt im Schwarzen Meer blockiert war. Nun stehen wir erneut kurz vor einem solchen Anstieg. Die Ernährungssicherheit vieler Länder weltweit hängt von ukrainischem Getreide ab, und es geht nicht nur um Getreide. Wegen der russischen Blockade des Schwarzen Meeres erhalten sie ihre Produkte nicht rechtzeitig.

Darüber hinaus könnten aufgrund der von Russland ausgehenden Risiken bestimmte landwirtschaftliche Flächen ungesät bleiben. Auch dies wird sich im nächsten Jahr auf die Preise auswirken. Die Folgen sind also bereits jetzt spürbar, werden sich aber in Zukunft noch verschärfen.

Das Schwarze Meer könnte eine zweite Straße von Hormus werden, diesmal im Lebensmittelsinne. Doch wir arbeiten weiter. Derzeit warten alle aktiv in diesen Prozess eingebundenen Vermittler auf eine Antwort von russischer Seite.

Gleichzeitig arbeiten wir mit allen europäischen Partnern zusammen, um den Transit ukrainischen Getreides durch ihre Länder zu den vorgesehenen Bestimmungsorten zu maximieren. Das wird schwierig, denn die Ukraine ist einer der größten Agrarproduzenten der Welt: Wir könnten bis zu 400 Millionen Menschen ernähren. Daher ist gemeinsamer Druck nötig, um Russland zur Freigabe des Schwarzen Meeres zu bewegen.

Kann China in diese Prozesse einbezogen werden? Planen Sie eigentlich in naher Zukunft einen Besuch in China?

Wir setzen auf eine aktivere Rolle Chinas. Wir glauben, dass Peking sehr effektiv sein könnte. Ich habe eine Einladung erhalten, aber der Termin steht noch nicht fest. Wir hoffen, dass der Besuch stattfinden wird, denn wir haben mit China viel zu besprechen, von Friedensbemühungen bis hin zu unserem gegenseitigen Handel. China ist heute unser Handelspartner Nummer Eins, gemessen am Handelsvolumen.

Die EU bereitet derzeit Vorschläge für künftige Mitglieder der Gemeinschaft vor, die eine erhebliche Einschränkung ihrer Rechte vorsehen. Wie steht die Ukraine dazu?

Wir akzeptieren keine diskriminierenden Vorschläge und gehen davon aus, dass die Ukraine Vollmitglied der Europäischen Union sein sollte. Das ist meine Position.

EU-Kommissar Andrius Kubilius erklärte kürzlich, es sei an der Zeit, dass die EU und die Ukraine eine eigene, unabhängige Friedensstrategie entwickeln und umsetzen. Was sagen Sie dazu?

Die Ukraine ist bereit, sich an allen europäischen Projekten zu beteiligen und einen Beitrag zur Sicherheit zu leisten. Ich bin überzeugt, dass das europäische Projekt ohne die Ukraine niemals vollständig sein wird und eine umfassende europäische Sicherheit ohne die Ukraine unmöglich ist.

Deshalb sind wir bereit, uns anzuschließen und zu beteiligen. Es ist von größter Wichtigkeit, dass alle weiteren europäischen Strategien unter Berücksichtigung unserer Rolle, unseres Platzes und des entsprechenden Maßes an Beteiligung entwickelt werden, wobei die Ukraine bereits Teil dieses Raumes ist.

Amerikanische Partner haben kürzlich den Wunsch geäußert, dass die Ukraine keine russischen Raffinerien angreift. Wie wird die Ukraine in dieser Situation handeln?

Der ukrainische Präsident hat berichtet, dass wir seit mehreren Tagen keine russische Energieinfrastruktur angreifen. Sollte Russland unsere Objekte angreifen, werden wir angemessen reagieren. Wir sind zu einem Waffenstillstand bereit, aber Russland muss dazu gezwungen werden.

Herr Minister, die Ukraine braucht eine Verstärkung für ihre Luftverteidigung und erwartet dabei Unterstützung von westlichen Partnern. Worauf kann Kyjiw zählen?

Wir arbeiten daran. Natürlich benötigen wir eine eigene ballistische Rakete und eine Lizenz für deren Produktion. An all diesen Bereichen wird gearbeitet. Wir suchen auch nach vielen anderen Lösungen.

Der entscheidende Faktor für die Lieferung von Abfangraketen für ballistische Raketen ist die US-amerikanische Beteiligung. Wir haben ein PURL-Programm und sind bereit, diese Waffensysteme zu erwerben und die Kaufsumme zu erhöhen. Die Entscheidung über zusätzliche Abfangraketen liegt daher bei der amerikanischen Seite.

Herr Minister, wann werden neue ukrainische Botschafter in wichtigen Ländern, beispielsweise in Polen oder Tschechien, ernannt, da die derzeitigen Botschafter in diesen Ländern zu stellvertretenden Außenministern ernannt werden sollen?

Dies wird synchron erfolgen, da es sich um wichtige Länder für uns handelt. Der Präsident sieht das so, dass die Amtswechsel in diesen Ländern gleichzeitig stattfinden. Das heißt, sobald der jeweilige Botschafter zurückkehrt, soll bereits ein Kandidat für seine Nachfolge bestimmt sein. Die Amtswechsel erfolgen, sobald die Kandidaten ausgewählt und die entsprechenden bürokratischen Verfahren abgeschlossen sind.

Und in welchen Ländern werden in naher Zukunft neue ukrainische Botschafter ernannt?

Dieser Prozess ist im Gange. In vielen Ländern werden nach Erhalt von Agrément und Abschluss von internen Verfahren neue Botschafter ernannt. Dies betrifft derzeit vor allem die Länder Zentralasiens und der Indopazifikregion.

Juri Banachewitsch, Warschau

Foto: Warschauer Sicherheitsforum und Außenministerium der Ukraine

Bei dem Zitieren und der Verwendung aller Inhalte im Internet sind für die Suchsysteme offene Links nicht tiefer als der erste Absatz auf „ukrinform.de“ obligatorisch, außerdem ist das Zitieren von übersetzten Texten aus ausländischen Medien nur mit dem Link auf die Webseite „ukrinform.de“ und auf die Webseite des ausländisches Mediums zulässig. Texte mit dem Vermerk „Werbung“ oder mit einem Disclaimer: „Das Material wird gemäß Teil 3 Artikel 9 des Gesetzes der Ukraine „Über Werbung“ Nr. 270/96-WR vom 3. Juli 1996 und dem Gesetz der Ukraine „Über Medien“ Nr. 2849-IX vom 31. März 2023 und auf der Grundlage des Vertrags/der Rechnung veröffentlicht.

Objekt im Bereich Onlinemedien; Medien-ID R40-01421.

© 2015-2026 Ukrinform. Alle Rechte sind geschützt.

erweiterte SucheWeitere Suchkriterien ausblenden
Period:
-