Klaus Wittmann, Brigadegeneral a. D. der Bundeswehr
Der Krieg wird enden, wenn Putin in den Abgrund der Niederlage blickt
12.08.2026 15:00
Klaus Wittmann, Brigadegeneral a. D. der Bundeswehr
Der Krieg wird enden, wenn Putin in den Abgrund der Niederlage blickt
12.08.2026 15:00

Nach dem Einsatz bewaffneter Drohnen am Flughafen Leipzig erreicht der russische hybride Krieg gegen den Westen eine neue Stufe. Das verlangt von Berlin und der NATO nicht nur, den Schutz des eigenen Territoriums zu verstärken, sondern auch von einer Praxis abzurücken, bei der Moskau faktisch die „Eskalationsdominanz“ behält. Die Verbündeten müssen selbst mögliche Konsequenzen für Russland bestimmen, diese klar ankündigen und bereit sein, sie bei Bedarf auch umzusetzen. Ein Bestandteil einer solchen Antwort muss eine deutlich entschlossenere Unterstützung der Ukraine sein.

Das sagte der Brigadegeneral a. D. und Lehrbeauftragte für Zeitgeschichte an der Universität Potsdam Klaus Wittmann in einem Interview mit Ukrinform. Seinen Worten zufolge hat der Westen die Ukraine zu lange „mit angezogener Handbremse“ unterstützt. Das Mantra, der Ukraine „as long as it takes – so lange wie nötig“ zu helfen, hätte längst um die Formulierungen „mit allem, was sie braucht“ und „zeitgerecht“ ergänzt werden müssen.

Als eines der zentralen Probleme bezeichnet Wittmann die weiterhin bestehende Fähigkeit Russlands, Angriffe mit ballistischen Raketen durchzuführen, während die Möglichkeiten zu deren Abwehr begrenzt bleiben. Unter diesen Bedingungen müsse die Ukraine in der Lage sein, systematisch die Abschussrampen selbst, Militärflugplätze, Logistik und Rüstungsindustrie in der Tiefe Russlands anzugreifen.

Weitere Themen des Gesprächs sind die Frage, wo die Grenze zwischen einem hybriden Angriff und einem offenen bewaffneten Angriff verläuft; ob Deutschland und Europa inzwischen wirklich „aufgewacht“ sind; wie realistisch ein Schutz eines Teils des ukrainischen Luftraums durch die Verbündeten wäre; wer derzeit die strategische Initiative an der Front hat und welche Wirkung die ukrainischen „Langstrecken-Sanktionen“ entfalten; sowie die Frage, was sich auf dem Schlachtfeld und in Russland selbst verändern muss, damit dieser Krieg enden kann.

Herr General, in Leipzig ist nur durch glückliche Umstände eine Katastrophe verhindert worden. Eine mit Sprengstoff bestückte Drohne griff eine Antonov-Maschine an. Ein weiteres Frachtflugzeug kollidierte offenbar ebenfalls mit einer Drohne, konnte aber sicher landen. Wie bewerten Sie diesen Vorfall? Was war das aus Ihrer Sicht?

Fangen wir mit dem Wort „Vorfall“ an. Das ist the understatement of the day, die Untertreibung par excellence. Denn es war ein Angriff – ein Angriff im Rahmen hybrider Kriegführung.

Nur ein offenbar loses Zünderkabel hat verhindert, dass diese relativ mächtige Drohnenbombe in der Nähe einer Antonov-Maschine explodiert ist.

Über das zweite Flugzeug weiß man noch weniger. Dort, wo offenbar ein Zusammenprall passiert ist, wurden am Boden bislang keine Teile gefunden. Sie könnten allerdings in einem größeren Radius heruntergefallen sein. Dazu kann man also noch nichts Sicheres sagen.

Aber diese Drohne bedeutet im Vergleich zu dem, was wir bisher an Sabotage in Deutschland erlebt haben, eine neue Stufe der Bedrohung.

Wer steht Ihrer Meinung nach hinter dem Angriff?

Das zu beweisen, ist immer schwer. Attribution, also die Zurechenbarkeit bei Cyberangriffen und auch bei Drohnenangriffen, ist immer kompliziert.

Aber Experten sind der Meinung – und in diesem Fall zähle ich mich auch dazu –, dass drei Faktoren dafür sprechen, dass die Aktion von Russland initiiert wurde. Die Drohne muss nicht aus Russland hierher geflogen worden sein. Sie könnte von sogenannten Wegwerfagenten oder anderen Leuten, die hier im russischen Interesse und Auftrag handeln, dorthin gebracht worden sein.

Drei Faktoren sprechen dafür. Erstens das Ziel: Der Flughafen Leipzig/Halle ist von besonderer Bedeutung für den Transport militärischer Unterstützung für die Ukraine.

Zweitens die Methode: eine mit Sprengstoff beladene Drohne. Auch wenn noch nicht abschließend geklärt ist, welcher Sprengstoff verwendet wurde, ist offenbar von Semtex die Rede. Wenn sich das bestätigt, deutet das auf einen staatlichen Akteur hin. So etwas haben normale Leute nicht, sondern staatliche Akteure oder Menschen, die im Auftrag eines Staates handeln und von dort auch das Material bekommen.

Und das dritte Indiz ist die russische Strategie. Putin hat oft genug gesagt, dass er sich nicht auf die Ukraine beschränken wird, sondern auch das Hinterland im Visier hat. Und Hinterland wäre in diesem Fall sicher auch Deutschland. Denn sein ganzes Narrativ besteht ja darin, dass er in der Ukraine Russland gegen den „aggressiven Westen“ verteidigt.

Vor zwei Jahren hat es ebenfalls in Leipzig/Halle einen Vorfall mit einem Paket gegeben, das gebrannt hat und nur wegen der Verspätung des DHL-Flugzeugs nicht im Flugzeug in Brand geraten ist. Da stehen jetzt schon russische Agenten beziehungsweise von Russland beauftragte Leute vor Gericht, die Untersuchungen laufen. Und viele andere Vorfälle der letzten Zeit kann man Russland sehr gut zurechnen. Also: Es passt ins Bild.

Und dann will ich Ihnen noch etwas sagen, das kann ich auch auf Englisch tun: If something looks like a duck and it quacks like a duck and it walks like a duck, then we can be pretty sure that it is a duck.

Sie haben früher gesagt, dass jeder Angriff auf NATO-Territorium für Putin „unvorhersehbare und unerträgliche Konsequenzen“ haben müsse. Was bedeutet das bei Sabotageakten, die unterhalb der formalen Schwelle eines offenen bewaffneten Angriffs bleiben?

Das ist ja ein Element des hybriden Krieges: dass er unterhalb der Schwelle zum richtigen Krieg bleibt. Deshalb hat unser Bundeskanzler Merz auch früher schon gesagt: Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr wirklich im Frieden.

Alles, was Putin gegen NATO-Staaten unternehmen will, würde er mit dem Ziel tun, dass im NATO-Rat Uneinigkeit darüber besteht: Ist das schon ein militärischer Angriff nach Artikel 5 des NATO-Vertrags?

Insofern bin ich der Meinung: Man sollte einigermaßen sicher sein, dass es Russland ist. Dafür braucht es nicht den letzten gerichtsverwertbaren Beweis. Aber durch Nachdenken und vielleicht mit weiteren Indizien, die man noch findet, müsste man eigentlich innerhalb weniger Tage so weit sein, dass man sagt: Dies ist ein Fall für Artikel 4 des NATO-Vertrags – für Konsultationen im NATO-Rahmen und auch für eine Behandlung in der Europäischen Union.

Und es wäre ein Anlass dafür, Sanktionen, die eigentlich schon lange im Gespräch sind, nun endlich ernsthaft umzusetzen und gegenüber Putin „andere Saiten aufzuziehen“. Nicht in rein militärischer Hinsicht, denn wir als NATO wollen keinen Krieg gegen Russland führen.

Aber bei der Schattenflotte, bei den eingefrorenen Geldern, mit viel mehr Naming and Shaming, mit dem Anprangern seines verbrecherischen Krieges. Das müsste nach meiner Überzeugung eigentlich ständig Thema im UN-Sicherheitsrat sein – besonders das, was in den letzten Wochen passiert: dieser hemmungslose Bomben- und Raketenkrieg gegen die Zivilbevölkerung und ihre Häuser.

Und Taurus würde auch dazugehören.

Also abschließend: nicht immer nur Putin die Eskalationsdominanz überlassen, sondern überlegen, wie man ihm Konsequenzen demonstrieren und androhen und sie notfalls auch umsetzen kann.

Sie haben Taurus bereits erwähnt. Könnte die Lieferung von diesen Marschflugkörpern Teil einer solchen Antwort sein – als Signal an Moskau, dass russische Sabotage auf deutschem Boden die Unterstützung für die Ukraine nicht schwächt, sondern im Gegenteil verstärkt?

Im Augenblick ist es so, dass wegen der Nachschublage bei Patriot-Raketen, die fast als Einzige ballistische Raketen abfangen können, die ukrainischen Städte seit Wochen und vielleicht auf längere Zeit den russischen ballistischen Raketen weitgehend schutzlos ausgeliefert sind.

Ich persönlich meine – und Präsident Selenskyj hat solche Ankündigungen auch gemacht und sie zunehmend umgesetzt –, dass die ukrainische Strategie sich insofern wieder ändern muss, als viel stärker Ziele in der Tiefe angegriffen werden: Logistik, Rüstungsindustrie, Abschussrampen und Militärflugplätze.

Und dazu wäre Taurus genau das Mittel gewesen. Denn im Bereich von einigen hundert Kilometern Reichweite gibt es sehr viele stationäre militärische und rüstungsindustrielle Ziele. Außerdem hat Taurus als eines der wenigen derartigen Systeme eine große Durchschlagskraft.

Und ich will es einmal etwas dramatisch sagen: Jeder Tag, an dem wir im Westen der Ukraine militärische Unterstützung nur mit angezogener Handbremse gewährt haben, hat Menschenleben gekostet.

Das ewige Mantra „Wir helfen der Ukraine as long as it takes – so lange wie nötig“ hätte schon vor Jahren ergänzt werden müssen um: „mit allem, was sie braucht“, und „zeitgerecht“. Und an beidem hat es gefehlt.

Ich habe auch öffentlich gesagt und geschrieben, es wäre gut, wenn der Bundeskanzler seine Ankündigungen aus der Oppositionszeit wahrmachen würde. Noch am Tag vor der Wahl hat er gesagt, er würde als Bundeskanzler Taurus liefern. Und ein paar Tage später: Nein, doch nicht.

Experten wie der Abgeordnete Kiesewetter, aber auch ich, haben oft genug gesagt: Man müsste zumindest den Auftrag geben, ukrainisches Personal an Taurus zu schulen, und Putin das bekannt geben. Man könnte sagen: Wenn sich dies oder jenes fortsetzt oder Russland dies oder jenes tut, dann werden wir Taurus liefern.

Ich persönlich finde es fast beschämend, dass wir jetzt, beispielsweise in Gestalt von Verteidigungsminister Pistorius, sagen: Jetzt braucht die Ukraine Taurus ja nicht mehr, jetzt kann sie das selber.

Drei Jahre lang konnte sie es nicht selber und hätte Taurus gebraucht. Und wenn sie jetzt den Flamingo hat, dann ist der immer noch in der Entwicklungs- und Testphase. Er ersetzt noch lange nicht die nicht gelieferten Taurus.

Aber das ist Schnee von gestern, wie wir sagen. Trotzdem muss man daran erinnern, dass wir hier etwas versäumt haben und daraus lernen müssen.

Was den Mangel an Patriot-Abfangraketen betrifft: Welche realistische Lösung gibt es für die kommenden Monate? Gibt es Ihrer Einschätzung nach bei den Verbündeten noch Bestände, aus denen zusätzliche Raketen an die Ukraine abgegeben werden könnten?

Eine Reihe von Ländern in Europa, unter anderem Spanien und Griechenland, haben noch Vorräte an Patriot-Raketen.

Es hat schon im vergangenen oder vorvergangenen Jahr Versuche von deutscher Seite gegeben – das muss man zugeben –, beispielsweise von Pistorius und vom Außenminister, diese Länder davon zu überzeugen, dass die Ukraine zunächst einmal die vorderste Front ist.

So wie Dänemark, das in vieler Hinsicht seine militärischen Mittel an die Ukraine abgegeben hat, weil die Ministerpräsidentin gesagt hat: Wenn die Front in der Ukraine nicht gehalten wird, dann sind wir dran.

Die Ukraine ist die vorderste Front, und sie kauft uns Zeit. Etwas pathetisch sage ich immer: Die Ukraine führt den Krieg, den wir - noch! - nicht zu führen brauchen.

Eine kurzfristige Möglichkeit wäre also, dass diese Länder Patriot-Raketen abgeben. Wir selbst haben ja ebenfalls bereits sehr weitgehend Raketen abgegeben.

Dann gibt es auch neue ukrainische Entwicklungen und das gemeinsam mit europäischen Partnern vorangetriebene FREYJA-Programm zur Abwehr ballistischer Raketen. Aber all das braucht Zeit und ist keine Lösung für heute oder morgen.

Auch die amerikanischen Patriot-Bestände sind offenbar stark beansprucht. Im Iran-Krieg wurde viel verbraucht, und die Nachproduktion braucht Zeit.

Deshalb komme ich zu dem Gedanken zurück, dass so viel wie möglich getan werden muss, um bereits die Abschüsse zu verhindern – und nicht erst zu reagieren, wenn die Raketen ankommen.

Und außerdem muss durch viel stärkeres Naming and Shaming der öffentliche Druck auf Russland wegen dieser verbrecherischen Art der Kriegführung deutlich erhöht werden.

Wenn Trump immer meint, er hätte Einfluss auf Putin, dann sollte er das einmal zeigen und sagen: Stop it. Das hat er ja schon einmal gesagt, dann aber sofort wieder zurückgenommen.

Hinzu kommt, dass das amerikanische Entgegenkommen, der Ukraine eine Lizenz für die Produktion von Patriot zu ermöglichen, offenbar ebenfalls wieder infrage gestellt wird.

Eine andere theoretische Option wäre, dass die Verbündeten zumindest den Schutz eines Teils des Luftraums im Westen der Ukraine übernehmen. Wie realistisch wäre das?

Ich glaube, das ist unrealistisch, weil wir dafür keinen Konsens in der NATO finden.

Eine solche aufwendige Aktion würde im Grunde einer No-Fly-Zone entsprechen und einen auch materiell zum Kriegsteilnehmer machen. Dafür wird es meiner Einschätzung nach keine Mehrheit und keinen Konsens in der NATO oder in der EU geben.

Deshalb sehe ich, obwohl ich das von Anfang an für eine richtige Idee gehalten habe, keine Aussicht darauf, dass es zustande kommt.

Aber je mehr jetzt in Polen und Rumänien entweder absichtlich oder unabsichtlich russische Raketen oder Drohnen einschlagen oder in Lettland, Estland und Litauen ukrainische Drohnen auftauchen, die von Russland abgelenkt worden sind, desto stärker muss man natürlich darüber nachdenken: Was tun wir für unseren eigenen Luftraum – zumindest an der Grenze und vielleicht ein bisschen über die Grenze hinaus?

Die Ukraine trägt den Krieg inzwischen nach Russland – aber weitgehend ohne unsere Hilfe. Wir hätten ihr schon vor langer Zeit die Mittel dazu geben müssen, Taurus zum Beispiel, und vor allen Dingen die Befugnis, diese gegen militärisch relevante Ziele in Russland einzusetzen.

Ich komme wieder auf den Nachschub zurück. Vor knapp zwei Jahren hat Russland erneut einen Angriff über die Grenze bei Charkiw versucht. Damals hat der immer sehr vorsichtige Präsident Biden erlaubt, dass HIMARS-Artilleriesysteme in einem lokal sehr begrenzten Bereich über die Grenze hinweg gegen Ziele in Russland wirken dürfen.

Wenige Tage später hat man Funksprüche russischer Soldaten aufgefangen, die sich darüber beschwerten, dass kein Nachschub mehr kam – Verpflegung, Sprit und so weiter.

Und ich habe immer gedacht: Wenn das schon in einem kleinen lokalen Bereich eine solche Wirkung hat, wie könnte es dann sein, wenn man es großflächig zulässt?

Diese Beschränkung, russisches Gebiet nicht mit westlichen Waffen zu beschießen, hat der russischen Kriegführung sehr geholfen.

Aber zurück zu Leipzig: Der Fall zeigt, dass der von Russland entfesselte Krieg nicht auf die ukrainische Front beschränkt ist. Entschieden wird sein Ausgang aber weiterhin in der Ukraine. Wie bewerten Sie die derzeitige Lage auf dem Schlachtfeld? Und bei wem liegt aus Ihrer Sicht insgesamt die strategische Initiative?

Ich glaube, keine Seite hat derzeit wirklich die Initiative. Die Ukraine verteidigt sich und hat das in letzter Zeit weitgehend erfolgreich getan. Allerdings scheint es wieder ein geringes russisches Vorankommen zu geben – weiterhin unter horrenden Verlusten.

Es muss alles getan werden, um eine Einkreisung des sogenannten Festungsgürtels zu verhindern. Was General Syrskyj zumindest auf taktischer Ebene nicht falsch gemacht hat, ist das, was wir auf Deutsch „Verzögerung“ nennen: etwas Gelände aufgeben, um die Truppen zu ordnen und eigene Leben zu schonen. Das geht aber nicht unbegrenzt.

Das Gefecht dort vorne ist relativ statisch. Die strategische Initiative liegt weiterhin bei Russland, weil Russland der Angreifer ist. Dass die Ukraine weiterhin erfolgreich verzögert und verteidigt, hätte vor vier Jahren kaum jemand geglaubt.

Das große Problem der Ukraine ist das Personal. Technologisch, vor allem bei Drohnen, finde ich sie weiterhin sehr beeindruckend, ebenso wie die Tapferkeit ihrer Soldaten. Aber wenn es immer schwieriger wird, die Kräfte vorne durch ausgebildete Truppen abzulösen, kann das auf Dauer nicht so weitergehen.

Die russische Initiative besteht im Grunde darin, immer wieder Soldaten ins Verderben zu schicken, ohne viel Gelände zu gewinnen. Das ist ein kaum fassbarer Zynismus. Und auch hier gilt: Jeder Tote geht auf Putins Konto.

Wie bewerten Sie die ukrainischen „Langstrecken-Sanktionen“ – die Angriffe auf russische Ölraffinerien, Militärflugplätze und andere Ziele in der strategischen Tiefe?

Das ist absolut notwendig: den Krieg nach Russland tragen und sich, soweit es irgend geht, auf militärisch relevante Ziele konzentrieren. Gleichzeitig muss die Ukraine vermeiden, sich dem Vorwurf auszusetzen, die Zivilbevölkerung zu bekämpfen – so, wie Russland es jeden Tag tut. Bisher sehe ich keinen Anlass für einen solchen Vorwurf.

Die Lagerhallen von Wildberries, dem sogenannten „russischen Amazon“, scheinen aus meiner Sicht ein legitimes Ziel zu sein, weil dort auch militärische Dinge verkauft und beworben werden. Ölraffinerien sind natürlich ebenfalls geeignete Ziele.

Auch der Nachschub muss stärker bekämpft werden, wie schon jetzt Tanklastwagen auf den Verbindungsstrraßen zur Krim. Dabei sehe ich einen klaren Unterschied zu den russischen Angriffen auf ukrainische Tankstellen, die der Zivilbevölkerung dienen.

Und ich wiederhole mich: Abschussrampen und Militärflugplätze müssen, soweit es irgend geht, ins Visier genommen werden.

Und ich sage Ihnen ganz ehrlich: Sobald man herausbekommt, wo diese neue nordkoreanische Einheit mit ballistischen Raketen stationiert wird – konzentriertes Feuer dorthin!

Getroffen wird inzwischen nicht nur die Ölverarbeitung in Russland, sondern auch die Exportinfrastruktur. Sollte die Ukraine den Druck zunehmend auf russische Exportrouten und die Schattenflotte verlagern, um auch die Einnahmen zu treffen, mit denen Russland diesen Krieg finanziert?

Das hat die Ukraine selbst schon in starkem Maße gemacht. Und einzelne westliche Länder sind couragiert genug, ebenfalls gegen die Schattenflotte vorzugehen, andere nicht so sehr.

Man kann die Schiffe entern, Versicherungsunterlagen überprüfen sowie Umweltstandards und technische Voraussetzungen kontrollieren. Allein dadurch kann man einen großen Teil der Schattenflotte lahmlegen, ohne sie alle versenken zu müssen.

Wir sprechen über Energieinfrastruktur als eine der wichtigen Ressourcen der russischen Kriegsmaschinerie. Und damit kommen wir zu einer besonders komplexen Frage: Nord Stream. Wenn wir annehmen, dass sich die Version der deutschen Ermittler über eine ukrainische Beteiligung bestätigt und das Ziel der Operation tatsächlich darin bestand, Moskau Einnahmen zur Finanzierung des Krieges zu entziehen: Konnte Nord Stream aus militärstrategischer Sicht ein gerechtfertigtes Ziel sein?

Ich will so weit gehen zu sagen: Es ist aus militärstrategischer und aus moralischer Sicht ein gerechtfertigtes Ziel.

Ich bin kein Jurist und will die Unabhängigkeit der Justiz nicht infrage stellen. Aber wenn ich auf die Vorgeschichte schaue: Ich war einer von denen, die absolut gegen Nord Stream 2 waren.

Nord Stream 2 wurde beschlossen, als die Krim schon längst besetzt war. Trotzdem glaubte man weiter, mit Russland als zuverlässigem Lieferanten billigen Gases rechnen zu können, und bezeichnete das als rein wirtschaftliches Projekt.

Dabei verschloss man die Augen vor dem, was die Balten, die Polen und natürlich die Ukrainer immer gesagt haben: Aus russischer Sicht war das ein geopolitisches Projekt.

Insofern möchte ich den polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk zitieren, der gesagt hat: Der Bau von Nord Stream 2 war das Problem, nicht die Zerstörung.

Natürlich ist die Zerstörung fremden Eigentums gravierend. Aber man muss die Sache auch politisch und psychologisch betrachten und fragen, ob es im deutschen Interesse ist, dass die erste Verurteilung eines „Kriegsverbrechens“ im Ukraine-Krieg sich gegen einen Ukrainer richtet – und dann auch noch in Deutschland.

Ich weiß nicht, wie viel Spielraum die Bundesanwaltschaft hatte und ob sie die Auslieferung verlangen musste.

Aber angesichts der Masse und Monstrosität der russischen Kriegsverbrechen halte ich es nicht für wünschenswert, dass sich die deutsche Justiz als Erstes auf ein „ukrainisches Kriegsverbrechen“ fokussiert. Wenn es zu einer Verurteilung kommt, sehe ich schon die Schlagzeilen in der ukrainischen Presse und auch in anderen Ländern.

Nord Stream war zugleich ein Symbol jener Russlandpolitik, die heute in Deutschland weitgehend als Fehler betrachtet wird. Viereinhalb Jahre nach Beginn des russischen Großangriffs: Hat Deutschland aus diesen Fehlern tatsächlich strategische Konsequenzen gezogen? Sind Deutschland und Europa inzwischen wirklich aufgewacht?

Ja, das glaube ich schon. Aber die Konsequenzen werden nicht schnell genug gezogen. Ich habe mir die Sentenz zu eigen gemacht: Zeit ist für uns zu einer Schicksalsfrage geworden.

Das gilt für die Landes- und Bündnisverteidigung genauso wie für Ausrüstung, Ausbildung, Verteidigungsplanung und den Aufbau zusätzlicher Streitkräfte. Deutschland ist einerseits eine logistische Drehscheibe der NATO, andererseits aber auch selbst potenziell bedroht.

Ich glaube, die politische Klasse ist weitgehend aufgewacht. Aber wir brauchen deutlich mehr Tempo.

Nordkorea verfügt über wirtschaftliche Möglichkeiten, die mit denen Europas kaum vergleichbar sind. Dennoch konnte es Russland mit Millionen Artilleriegeschossen, ballistischen Raketen und inzwischen auch durch direkte militärische Beteiligung unterstützen. Was sagt das über die Fähigkeit Europas aus, sein enormes wirtschaftliches Potenzial tatsächlich in militärische Stärke umzusetzen?

Das ist natürlich auch der Unterschied zwischen Kommandowirtschaft und Marktwirtschaft. In einer Demokratie und Marktwirtschaft kann man nicht so vorgehen wie Russland oder Nordkorea. Aber das darf keine Entschuldigung dafür sein, dass wir zu langsam sind.

Russland nimmt enorme wirtschaftliche Kosten in Kauf, um diesen Krieg weiterzuführen. Deshalb war der Gedanke, den Krieg nach Russland zu tragen, richtig: Die Auswirkungen dieses Krieges müssen auch dort spürbar werden – selbstverständlich durch Angriffe auf militärisch relevante Ziele.

Gleichzeitig hat auch Russland zunehmend Schwierigkeiten bei der Rekrutierung. Bei den hohen Verlusten kommt es mit ausgebildeten Soldaten kaum hinterher.

Sehen Sie vor diesem Hintergrund heute eine reale Möglichkeit, die strategische Dynamik des Krieges zugunsten der Ukraine zu verändern? Oder werden wir erleben, dass sich der Krieg zunehmend als langwieriger Abnutzungskrieg verfestigt?

Die Krieg wird nur enden, wenn Putin wirklich vor der Gefahr steht, ihn zu verlieren – wenn er in den Abgrund der Niederlage blickt.

Dafür sind die weitreichenden Wirkungen von Waffen hinter der Front, Angriffe auf militärisch relevante Ziele und all die Dinge, die wir besprochen haben, mindestens genauso wichtig wie das Halten der Front vorne.

Schauen Sie sich die Krim an. Sie ist ja schon beinahe abgeriegelt.

Ich muss an Selenskyj denken, der vor anderthalb oder zwei Jahren einmal zu den Menschen auf der Krim sagte: Haut ab, solange ihr noch könnt.

Das wurde damals ein bisschen wie ein Scherz aufgefasst, aber teilweise ist das geschafft worden. Und mit weitreichenden Waffen, mit Deep Strike, kann man noch sehr viel erreichen.

Ich wiederhole meine seit Jahren bestehende Überzeugung, dass dieser Krieg nicht dadurch beendet werden, dass auch der letzte ukrainische Quadratkilometer physisch zurückerobert wird, sondern dadurch, dass die Generäle zu Putin gehen und sagen: Wir können den Krieg nicht weiter durchhalten. Dann muss die Invasion beendet und müssen die Ivasionstruppen zurückgezogen werden.

Die Leute sagen: Das wird Putin niemals machen. Das weiß ich nicht. Aber man muss alles dafür tun.

Und wenn das zu seinem Sturz führt – ich bin kein Prophet. Aber vielleicht erzähle ich Ihnen zum Schluss noch eine Anekdote.

Vor etwas mehr als vier Jahren, nämlich vier Wochen nach der Invasion, waren meine Frau und ich in Griechenland auf einer Konferenz in Delphi.

Und wissen Sie, wen wir dort besucht haben? Das Orakel von Delphi. Das war eine Dame namens Pythia. Sie saß dort in ihrer Höhle, und Staatsmänner und Generäle kamen zu ihr und fragten sie über die Zukunft. Man sagt, sie sei immer high gewesen, weshalb ihre Antworten immer sehr ungenau und mehrdeutig waren.

Wir haben sie auch besucht. Uns hat sie natürlich ebenfalls keine klare Antwort gegeben. Aber sie hat uns an die Antwort erinnert, die das Orakel vor knapp 2.700 Jahren dem lydischen König Krösus gegeben haben soll, als dieser Persien unter Kyros II. angreifen wollte.

Das Orakel sagte:: Wenn du den Grenzfluss Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören. Und so kam es auch – aber es war sein eigenes Reich, das zerstört wurde.

Das sollte einem Mut geben.

Oder eine zweite Anekdote. Ein paar Monate später waren wir auf einer Konferenz in Karpacz in Polen. Dort wurde der russische Dissident Illarionov auf der Bühne befragt. Er schien alle Hoffnungen darauf zu zerstören, dass sich an der Spitze Russlands irgendetwas ändern könnte.

Er sagte: Das Volk? Die Generäle? Die Oligarchen? Ein neuer Gorbatschow? Ein Stauffenberg? Forget it!“

Der Moderator fragte beinahe verzweifelt und fragte: Gibt es denn gar nichts, was für eine Veränderung an der Spitze Russlands sorgen kann? Illarionov: Doch. Das ukrainische Militär!

Vasyl Korotkyi, BERLIN.

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