Markus Reisner, österreichischer Militärexperte
Die Ukraine hat derzeit die strategische Initiative im Krieg
25.07.2026 13:00
Markus Reisner, österreichischer Militärexperte
Die Ukraine hat derzeit die strategische Initiative im Krieg
25.07.2026 13:00

Der russische Krieg gegen die Ukraine ist nach Einschätzung des österreichischen Militärexperten Markus Reisner in seine zehnte Phase eingetreten – und zugleich, um seine Boxmetapher aufzugreifen, in die zehnte Runde eines zermürbenden Kampfes. Der größere und vermeintlich stärkere russische Gegner versucht, die Ukraine in den „Clinch“ zu zwingen, ihr einen traditionellen Abnutzungskrieg aufzuzwingen und seinen Ressourcenvorteil auszuspielen. Die Ukraine ist hingegen dann erfolgreich, wenn sie auf Distanz bleibt, unkonventionell vorgeht und dort zuschlägt, wo der Gegner es nicht erwartet.

Derzeit liegt die strategische Initiative Reisners Einschätzung zufolge bei der Ukraine. Sie hat den schwierigen Winter überstanden und es geschafft, die Entfaltung der groß angelegten russischen Sommeroffensive zu verhindern. Gleichzeitig hat sie ihre Angriffe auf die russische Logistik, die Energieinfrastruktur und die strategische Tiefe verstärkt. Die Raketenabwehr bleibt jedoch ihre größte Schwachstelle, und die kommenden Monate bis zum Winter könnten entscheidend werden.

Im Interview mit Ukrinform äußerte sich der Leiter des Instituts für Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie, Oberst des österreichischen Bundesheeres Markus Reisner, zur aktuellen Phase des Krieges und zum Ringen um die strategische Initiative, zur Rolle von Drohnen und weitreichenden Angriffen, zu den Aussichten der russischen Offensive sowie zu den Bedingungen, unter denen Moskau zu einem Waffenstillstand gezwungen werden könnte.

Herr Obers, Sie analysieren den russischen Krieg gegen die Ukraine anhand aufeinanderfolgender Phasen. In welcher Phase befinden wir uns derzeit nach Ihrer Einschätzung, und was ist ihr entscheidendes Merkmal?

Aus meiner Einschätzung heraus befinden wir uns jetzt in Phase 10 dieses Krieges. Eingeleitet wurde diese Phase vor allem durch die massiven und schweren ukrainischen Angriffe mit Drohnen und Marschflugkörpern auf die Energieinfrastruktur Russlands. Sie begann im Mai dieses Jahres und dauert jetzt bis in den Sommer an.

Es ist auch jene Phase, in der wir erstmals ganz konkrete Drohungen Russlands gegenüber Europa gesehen haben. Russland droht europäischen Unternehmen, die in das ukrainische Langstreckendrohnenprogramm involviert sind. Außerdem haben wir in dieser Phase – bereits im Mai – erstmals den Versuch der USA gesehen, eine Art Waffenstillstand zu vermitteln. Dieser Versuch ist bis jetzt allerdings gescheitert.

Die Front selbst ist erstarrt. Die Russen greifen zwar an, können aber nicht wirklich vormarschieren. Die Ukrainer verteidigen, können aber selbst ebenfalls keine Gebiete in nennenswertem Umfang zurückerobern.

Auf der operativ-strategischen Ebene kommt es zu weiteren Eskalationen. Der Luftkrieg verlagert den Konflikt zunehmend auf die strategische Ebene, während die Ukraine auf der operativen Ebene versucht, die russische Frontlogistik anzugreifen.

Wir haben in dieser Phase auch wieder ganz konkrete russische Drohungen gesehen: zum Beispiel den Test einer Sarmat-Atomrakete am 12. Mai, eine große Nuklearübung und den dritten Einsatz einer Mittelstreckenrakete vom Typ Oreschnik – ebenfalls im Mai, als Botschaft an Europa.

Interessant ist außerdem, wie stark die sogenannten Tech-Bros – also die Chefs führender amerikanischer Technologieunternehmen – die Ukraine unterstützen. Palantir spielt mit den Systemen MAVEN und PRISMA eine wichtige Rolle: MAVEN hilft der Ukraine, mithilfe von Zieldaten gezielte Angriffe in Russland durchzuführen; PRISMA ermöglicht es, die begrenzten Luftabwehrfähigkeiten möglichst wirksam einzusetzen. Hinzu kommt Elon Musk mit Starlink.

Für diese Phase ist aus meiner Sicht auch interessant, dass Peskow am 5. Juli die „Spezialoperation“ erstmals öffentlich als Krieg bezeichnet hat. In der bekannten russischen Eskalationsstufenleiter ist das aus meiner Sicht ein weiterer Schritt – vom lokalen Krieg in Richtung des sogenannten regionalen Krieges.

Der letzte Höhepunkt, wenn man das so sagen darf, war die Abberufung des ukrainischen Verteidigungsministers. Aus meiner Sicht war er ein wesentlicher Treiber innovativer Ideen und ihrer Umsetzung auf operativ-strategischer Ebene, was die Langstreckendrohnenangriffe betrifft. Er war auch jemand, der versucht hat, den Aderlass der ukrainischen Streitkräfte zu verringern, indem nicht immer wieder neue Soldaten an der Front eingesetzt werden, sondern verstärkt unbemannte Systeme anstelle von Soldaten.

Es gibt unterschiedliche Theorien darüber, was der Hintergrund dieser Ablöse gewesen sein soll. Wir werden aber erst in den nächsten Wochen und Monaten sehen, ob sie einen Einfluss auf die ukrainische Kriegsführung hat oder nicht.

Was müsste an der Front, im Luftkrieg oder in der internationalen Politik geschehen, damit Sie vom Beginn einer neuen Phase sprechen würden?

Der Beginn einer neuen Phase wäre aus meiner Sicht dann gegeben, wenn es zum Beispiel auf russischer Seite eindeutig zu einer weiteren Eskalation kommt. Denken Sie daran: Im September haben wir die Parlamentswahl in Russland. Es könnte sein, dass Putin diese Wahl abwartet, um danach in eine neue Mobilisierungswelle zu gehen, wie wir das bereits 2022 erlebt haben. Eine weitere Mobilisierungswelle würde mit einem weiteren Anstieg der Angriffe einhergehen und eine Eskalation darstellen.

Eine weitere Eskalation könnte darin bestehen, dass Russland – wie erwartbar – im beginnenden Herbst und Winter wieder mit schweren Angriffen auf die kritische Infrastruktur beginnt. Das ist auch einer der Gründe, warum Selenskyj gesagt hat, dass die neue Regierung die Aufgabe habe, die Ukraine auf den Winter vorzubereiten – also die Abwehrmaßnahmen zu steigern.

Eine neue Phase könnte aber auch dadurch eingeleitet werden, dass die Ukraine selbst die Initiative ergreift: etwa wenn ihre Angriffe auf strategischer oder operativer Ebene durchschlagen und Russland dadurch gezwungen wird, in Waffenstillstandsverhandlungen einzutreten. Auch das könnte eine neue Phase einleiten.

Wer hat derzeit die strategische Initiative?

Aus meiner Sicht hat im Moment die Ukraine die strategische Initiative. Sie ist aus einem sehr schweren Winter gekommen und hat es im Frühjahr geschafft, vorbereitende Maßnahmen zu treffen, um die russische Sommeroffensive nicht zur Entfaltung kommen zu lassen.

Man konnte gut sehen, dass die Ukraine die erwartbare russische Sommeroffensive so weit gestört hat, dass die Russen nicht in der Lage sind, massiv vorzumarschieren. Sie tun es zwar auf taktischer Ebene punktuell, aber nicht in der Form, wie sie es erwartet hatten.

Aus meiner Sicht sehen wir außerdem erstmals, dass der Putin nicht mehr leugnen kann, dass die ukrainischen Angriffe auf der operativen und vor allem auf der strategischen Ebene massiven Schaden verursachen.

Und das ist das Entscheidende, worauf ich immer wieder hinweise: Egal, welche Seite etwas tut – es muss im Ergebnis messbar sein. Wenn Putin eine Krisensitzung einberuft und sagt, es gebe Probleme mit der Treibstoffversorgung, dann ist das messbar. Es zeigt den Erfolg der ukrainischen Kräfte auf der operativ-strategischen Ebene.

Was ist aus Ihrer Sicht der entscheidende Faktor für den bisherigen Erfolg der ukrainischen Verteidigung?

Ich vergleiche diesen Krieg immer mit einem Boxkampf. Wir befinden uns im Prinzip in der zehnten Runde: Auf der einen Seite steht der vermeintlich überlegene russische Gegner, vergleichbar mit dem Boxer Nikolai Walujew; auf der anderen der flink kämpfende ukrainische Underdog, vergleichbar mit David Haye, der Walujew besiegt hat.

Die Ukraine ist immer dann erfolgreich, wenn sie unkonventionell kämpft und in einer Weise vorgeht, die der Gegner nicht erwartet. Die Russen sind hingegen immer dann erfolgreich, wenn sie es schaffen, die Ukraine in traditionelle Formen des Kampfes zu zwingen – also zum Beispiel in einen Abnützungskampf.

Beim Boxen gehen erschöpfte Kämpfer oft in den Clinch. Das begünstigt den größeren Boxer, der sein Gewicht auf den kleineren legt, sich kurz erholen und neue Kraft sammeln kann.

Die Ukraine muss verhindern, in diesen Clinch zu geraten – also in diese traditionelle Art der Kriegsführung. Die vielseitigen Fähigkeiten und Verfahren der Drohnenkriegsführung können dabei helfen auf Distanz zu wirken. Die Ukraine war immer dann erfolgreich, wenn sie etwa in den Raum Kursk vorgestoßen ist, die Operation „Spiderweb“ durchgeführt hat, überraschend mit HIMARS-Systemen die russische Logistik disruptiv zerstört hat oder mit Hornet-Drohnen – in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Google-CEO Eric Schmidt – begonnen hat, die Treibstoffversorgung zu unterbrechen.

Das waren die Momente, in denen die Ukraine erfolgreich war. Der neue Verteidigungsminister muss aus meiner Sicht diesen Weg fortsetzen. Wenn er wieder ausschließlich in die traditionelle Art der Kriegsführung eintaucht, wird das zu wenig sein.

Was ist Ihrer Meinung nach das tatsächliche operative Ziel der russischen Kampagne in diesem Sommer?

Das operative Ziel der Russen ist eindeutig: Sie versuchen, den Festungsgürtel aus Kostjantyniwka, Druschkiwka, Kramatorsk und Slowjansk in Besitz zu nehmen und damit auf operativer Ebene den Hauptteil des Donbass herauszubrechen.

Auf der strategischen Ebene besteht das russische Ziel nach wie vor darin, die Ukraine zu umklammern – also in den Clinch zu gehen, sie strategisch abzunützen und sie faktisch in einem Abnützungskrieg zum Zusammenbruch zu bringen.

Kann Russland aus Ihrer Sicht mit den derzeit verfügbaren Kräften noch einen entscheidenden Durchbruch erzielen? Und wovon wird der weitere Kriegsverlauf abhängen?

Ich denke, dass das bloße Heranführen weiterer Soldaten zu wenig ist. Die Kriegsführung hat sich so verändert, dass vor allem der Einsatz von speziellen Waffensystemen den Unterschied macht. Denken Sie etwa an die Drohnen.

Auf der taktischen Ebene haben wir deshalb eine Patt-Situation, weil beide Seiten ein gläsernes Gefechtsfeld geschaffen haben. Durch den Einsatz von vielen Zehntausenden Drohnen ist es kaum möglich, dieses Gefechtsfeld zu überwinden. Würde Russland einfach weitere 300.000 Mann heranführen, wäre das aus meiner Sicht zu wenig, denn sie würden sich am ukrainischen Drohnenwall totlaufen.

Es sei denn, Russland nähme weiterhin extrem hohe Verluste bewusst in Kauf und schickte Soldaten so lange vor, bis der Ukraine die Drohnen ausgehen. Ich glaube aber, dass selbst die russische Führung erkannt hat, dass dies keinen nachhaltigen Erfolg bringt.

Die Kunst auf russischer Seite besteht nun darin, jene Lücken zu finden, die die Achillesfersen der Ukraine darstellen. Diese müssten sie angreifen, um dann mit dem Mobilisierungsschwung einen Durchbruch zu schaffen. Diese Lücken und Achillesfersen haben sie aber noch nicht erkannt. Sie suchen danach, haben jedoch noch keinen wirklichen Durchbruch erzielt. Es gibt unterschiedliche technologische und taktische Ansätze, aber einen wirklichen Erfolg hat man bisher nicht erreicht.

Das kann sich ändern. Es kann aber auch so bleiben – und dann würde Russland die strategische Initiative nachhaltig verlieren.

Das Entscheidende wäre dann, dass Russland aufgrund der ukrainischen Schläge in die Tiefe bereits so schwere Schäden an seinem industriellen Komplex erleidet, dass diese irreparabel werden. Wenn Russland zugleich keinen Erfolg an der Front hat, könnte es gezwungen sein, dennoch einem Waffenstillstand zuzustimmen, weil die Schäden sonst zu nachhaltig werden.

Man sieht sehr gut, dass beide Seiten versuchen, vor dem Winter eine Entscheidung herbeizuführen – unabhängig davon, ob das gelingt. Das ist im Moment noch offen.

Die Ukraine weiß, dass sie noch bis zum Herbst Zeit hat, Russland zu einem Waffenstillstand zu zwingen. Danach beginnt wieder die schwierige Phase des Winters mit den erwartbaren schweren russischen Angriffen auf die kritische Infrastruktur der Ukraine, die noch immer beschädigt oder zum Teil zerstört ist und vom vergangenen Winter schwere Schäden davongetragen hat.

Selenskyj sagt immer wieder, dass er zumindest einen Waffenstillstand auf strategischer Ebene anbietet – also ein Ende der gegenseitigen Angriffe in der Tiefe. Auf der anderen Seite versuchen auch die Russen, so rasch wie möglich zu einem Ergebnis zu kommen. Sie wissen, dass auch ihnen die Zeit davonläuft, weil die ukrainischen Angriffe auf die strategische Tiefe Russlands immer mehr zunehmen. In dieser Zuspitzung geht es um einen Kampf der Willen und um die Frage, wer stärker ist.

Begünstigend wirkt aus meiner Sicht die Situation im Iran. Die Amerikaner sehen, dass sie dort trotz der Luftangriffe keinen entscheidenden Erfolg erzielen und dass der Iran weiterhin Druck über die Straße von Hormus ausüben kann.

Ich glaube, dass Trump sich deshalb wieder stärker der Ukraine zuwendet. Dort erhofft er sich ein Ergebnis, das er innenpolitisch verkaufen und für die Midterms nutzen kann. Auch beim NATO-Gipfel waren wieder deutlich versöhnlichere Töne gegenüber der Ukraine zu hören.

Sie haben das gläserne Gefechtsfeld erwähnt. Bedeutet das, dass ein klassischer, groß angelegter mechanisierter Durchbruch in diesem Krieg nahezu unmöglich geworden ist? Und wie könnte eine Antwort auf dieses gläserne Gefechtsfeld aussehen?

Darüber zerbrechen sich derzeit Hunderte Militärtheoretiker und Militärstrategen den Kopf. Es gibt unterschiedliche Erklärungsmodelle und Ansätze. Ich kann nur kurz und auszugsweise einige Trends darstellen.

Grundsätzlich schließt man nicht aus, dass eine mechanisierte von großen Verbänden vorgetragenen Operationsführung in Zukunft wieder möglich sein wird – sofern es gelingt, das gläserne Gefechtsfeld zu überwinden oder zumindest zeitlich zu neutralisieren. In der militärtheoretischen Debatte besteht Einigkeit darüber, dass dies nur durch eine Kombination unterschiedlicher Maßnahmen funktionieren kann.

Das könnte bedeuten, an einer vorgesehenen Durchbruchstelle einen Schwerpunkt aus Drohnenabwehr- und Drohnenangriffssystemen zu bilden und dort einen Korridor zu schaffen. Durch diesen könnte ein Verband rasch vorstoßen und das gegnerische Momentum brechen. Ob das gelingt, bleibt offen. Entscheidend ist jener Moment, in dem die Lage auf die eine oder andere Seite kippt – der sogenannte „hinge factor“.

Lassen Sie uns gesondert über die ukrainischen „Langstreckensanktionen“ gegen die russische Ölindustrie sprechen. Sie haben früher gesagt, dass solche Angriffe nur dann strategische Wirkung entfalten, wenn sie systematisch erfolgen und sich kumulieren. Inzwischen ist ein erheblicher Teil der russischen Raffineriekapazitäten außer Betrieb, die Benzinproduktion deckt die Nachfrage nicht mehr, und in mehreren Regionen gibt es Engpässe und Warteschlangen. Zeigt sich diese kumulative Wirkung bereits? Und wie stark könnte sie Russlands Fähigkeit beeinflussen, den Krieg fortzusetzen?

Auch hier muss man zwei Dinge unterscheiden: unraffinierte und raffinierte Produkte, also Rohöl einerseits sowie Benzin und Diesel andererseits.

Das Rohöl ermöglicht Russland weiterhin, auf den Weltmärkten zu verkaufen. Begünstigt wird das unter anderem durch die Iran-Krise, die die Ölpreise steigen ließ. Die Ukraine hat sich zwar auf Belade- und Entladehäfen wie Ust-Luga konzentriert und dort schwere Schäden verursacht, Russland kann aber weiterhin Öl exportieren. Solange daraus Geld in die russischen Kassen fließt, stehen Mittel für die Kriegswirtschaft zur Verfügung.

Der zweite Bereich sind Diesel und Benzin. Diese werden im Alltag gebraucht, aber auch von den Streitkräften an der Front. Dabei gibt es eine paradoxe Situation: Weil derzeit keine mechanisierten Angriffe in großem Stil stattfinden, ist auch der Treibstoffbedarf zurückgegangen. Es fahren zwar „Schigulis“ und „Buchankas“, aber nicht in großer Zahl schwere Panzer mit massivem Verbrauch.

Wir sehen aber in der Bevölkerung Engpässe, lange Schlangen und vereinzelt auch Handgreiflichkeiten. Eine breite Protestbewegung ist daraus bislang aber nicht entstanden. Der entscheidende Hebel ist deshalb meines Erachtens weniger der Druck auf die Treibstoffversorgung der Bevölkerung. Wichtiger ist der Druck auf die Versorgung der Kriegswirtschaft mit Ressourcen und Geld. Dazu muss man vor allem die Schattenflotte eindämmen und den Export, auch von Rohöl, unterbinden.

Was den Umfang der Schäden betrifft, zitiere ich eine Zahl des ukrainischen Generalstabs, die aus meiner Sicht plausibel ist. Demnach sind zwischen 43 und 45 Prozent der russischen Raffinerieanlagen zerstört oder beschädigt. Das ist massiv. Auch die Bilder aus den sozialen Netzwerken zeigen, dass die ukrainischen „Langstreckensanktionen“, wie sie diese Angriffe selbst nennen, durchaus Wirkung entfalten.

Russland versucht inzwischen, alte dezentrale Produktionsstätten zu reaktivieren. Dadurch entstehen für die Ukraine mehr Ziele, zugleich muss die russische Luftverteidigung deutlich mehr Standorte schützen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Wirkung amerikanischer Aufklärung und künstlicher Intelligenz, Stichwort MAVEN von Palantir. Das ermöglicht es der Ukraine, ihre begrenzten Ressourcen sehr gezielt einzusetzen, neue Angriffskorridore zu wählen und neue Ziele auszuwählen. Das macht den Erfolg möglich, den wir sehen.

Im Juli haben die ukrainischen Kräfte ihre Angriffe auf Schiffe der sogenannten russischen Schattenflotte im Asowschen Meer deutlich ausgeweitet, in den vergangenen Tagen auch im Schwarzen Meer. Wie bewerten Sie diese Kampagne gegen diese russische „Feeder-Flotte“ und ihre möglichen militärischen und wirtschaftlichen Auswirkungen?

Es ist aus meiner Sicht erstaunlich, dass diese Kampagne erst relativ spät begonnen wurde. Auch in der Expertenszene wurde immer wieder darüber gerätselt, warum die Ukraine vor allem die Landkorridore und Landversorgungskorridore angreift, aber nicht die Schiffe der Schattenflotte im Asowschen Meer.

Nun hat die Ukraine damit begonnen. Es gibt unterschiedliche Berichte, wonach bis 150 Schiffe getroffen worden sein sollen. Dabei bleibt unklar, ob zum Teil immer wieder dieselben Schiffe getroffen wurden. Ebenso ist unklar, wie viele dieser Schiffe tatsächlich massive Beschädigungen erlitten haben oder sogar versenkt wurden.

Entscheidend ist, dass auch das Asowsche Meer für Russland zunehmend zu einem Raum wird, in dem es sich nicht mehr frei bewegen kann. Selbst wenn manche Schiffe mehrfach angegriffen wurden, zeigen die ukrainischen Zahlen und die regelmäßig veröffentlichten Videos einen signifikanten Effekt und ein wachsendes Problem für Russland.

Warum liegt ein Schwerpunkt auf dem Asowschen Meer? Erinnern Sie sich an die gescheiterte ukrainische Sommeroffensive 2023. Damals wollte die Ukraine mit einem raschen Vorstoß in der Region Saporischschja das Asowsche Meer erreichen, die Landverbindungen abschneiden und dies mit einem Angriff auf die Brücke über die Straße von Kertsch verbinden. Die operative Idee bestand darin, die Krim von der Versorgung abzuschneiden und für Russland eine logistische Albtraumsituation zu schaffen.

Die Ukraine versucht jetzt, mit Drohnen dieselbe Situation herbeizuführen, die sie 2023 mit einer Bodenoffensive erreichen wollte: die Isolierung der Krim. Das Kalkül ist, die damals erhoffte logistische Albtraumsituation zu schaffen, die Russland faktisch zu Verhandlungen zwingen könnte. Das ist der Plan, der derzeit verfolgt wird.

Korrekterweise muss man hier aber darauf hinweisen, dass Russland Ähnliches versucht. Es greift weiter die kritische Infrastruktur der Ukraine an und führt auf operativer Ebene gezielte Angriffe in den frontnahen Oblasten durch. Dazu gehören Tankstellen bis zu 100 oder 160 Kilometer hinter der Front, Eisenbahnverbindungen und vor allem Diesel- und Elektrolokomotiven. Von der Krim aus wurden auch ukrainische Getreidefrachter im Schwarzen Meer angegriffen.

Ich verweise deshalb auf General Saluschnyj, den heutigen Botschafter in Großbritannien. Er hat zu Recht darauf hingewiesen, dass man Russland nicht unterschätzen darf und der Krieg noch nicht vorbei ist. Russland ist weiterhin in der Lage, neue Überraschungen bereitzuhalten.

Die Ukraine und ihre europäischen Partner haben angekündigt, ein gemeinsames System zur Abwehr ballistischer Raketen aufzubauen. Die USA haben außerdem die Lizenzproduktion von Raketen für Patriot-Systemen für die Ukraine genehmigt. Die Umsetzung dieser Projekte wird jedoch Jahre dauern. Was kann die ukrainischen Städte bereits jetzt schützen?

Die Frage ist zunächst, ob es tatsächlich Jahre dauern wird. Die Ukraine hat in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, dass sie in sehr kurzer Zeit Unglaubliches leisten kann. Wenn von einer Lizenzproduktion die Rede ist, gehe ich zumindest davon aus, dass im Hintergrund bereits entsprechende Vorarbeiten und Vorabsprachen begonnen haben.

Schlimm wäre es, wenn es wirklich nur eine Laune von Präsident Trump gewesen wäre, der das Thema am Rande des Gipfels völlig überraschend aufgebracht hat, und man jetzt erst überlegen müsste, wie es umgesetzt werden kann. Im Raum steht auch, ob Patriot-Raketen zunächst in Europa produziert und dann an die Ukraine geliefert werden könnten.

Es ist entscheidend, dass dies schnell geschieht. Der Ukraine läuft die Zeit davon – das muss man klar sagen. Die Luftverteidigung der strategischen Tiefe ist ihre Achillesferse. Hinzu kommen die verheerenden Gleitbombeneinsätze auf operativ-taktischer Ebene.

Ich komme jetzt zu einer Einschätzung, die Sie vielleicht für pessimistisch halten. Ich habe zuvor erklärt, dass der Krieg gegen den Iran aus Sicht der Amerikaner nicht so verläuft, wie sie es sich wünschen. Sie suchen beinahe verzweifelt nach einer Möglichkeit, einen Erfolg zu verkaufen.

Trump versucht aus meiner Sicht, durch die erneute Zuwendung zur Ukraine mit zweierlei Druck ein Ergebnis zu erreichen: einerseits mit Druck auf Russland durch die Unterstützung der Ukraine, andererseits aber möglicherweise auch mit Druck auf die Ukraine selbst.

Die Ukraine könnte von den USA über die nächsten Monate mit Patriot-Raketen beliefert werden, um diese Fähigkeitslücke zu überbrücken, bis sie in der Lage ist, Patriot-Raketen selbst zu fertigen. Das ist derzeit aber kein Thema. Man kann sich fragen, warum. Es scheint als möchte Trump sich die Option offenhalten, dass der russische Druck auf die Ukraine bestehen bleibt, damit beide Seiten in diesem Krieg faktisch zu Verhandlungen gezwungen werden.

Ich betone ausdrücklich: Das ist Spekulation. Für mich ergibt sich aber dieses Fragezeichen, wenn ich höre, dass eine Lizenzfertigung möglich ist, aber Zeit braucht. Dann stelle ich mir die Frage: Was passiert bis dahin?

Die ukrainischen Städte müssen sich erneut auf einen sehr schweren Winter vorbereiten. Die ukrainische Luftabwehr ist zwar erfolgreich: Die Abschussrate bei russischen Drohnen – vor allem Geran-2 und Geran-3 – liegt bei 80 bis 90 Prozent. Die Russen haben aber neue Modelle, Geran-4 und Geran-5, die mit Raketentriebwerken fliegen und mit bis zu 500 km/h wesentlich schneller als die Abfangdrohnen sind.

Hinzu kommen ballistische Raketen und Marschflugkörper, die eine große Bedrohung darstellen. Bei diesen Waffensystemen haben sich die Abschussraten bei Weitem nicht in der Form verbessert, wie wir es gerne glauben würden.

Wenn die Europäer von einem gemeinsamen Projekt sprechen, kann es nur erfolgreich sein, wenn es in kurzer Zeit konkrete Ergebnisse zeigt. Wenn es wieder ein Projekt ist, an dem jahrelang gearbeitet wird, ohne dass ein Ergebnis vorliegt, wird es für die Ukraine zu spät sein.

Könnten NATO-Verbündete von polnischem oder rumänischem Territorium aus zumindest einen Teil des ukrainischen Luftraums schützen?

Diese Frage diskutieren wir seit Jahren. Dabei geht es um die Frage einer Kriegsbeteiligung. Es geht darum, ob die jeweiligen Staaten, ihre Bevölkerungen und ihre Politiker bereit sind, einen solchen Schritt zu setzen. Und es geht um die Frage: Was bedeutet das im Rahmen der NATO?

Bis jetzt wurde die Frage immer wieder diskutiert, aber es kam zu keiner abschließenden Antwort. Man sieht, dass die betroffenen Staaten durchaus bereit sind, ihren eigenen Luftraum zu schützen und zu verteidigen. Nicht erkennbar ist jedoch die Bereitschaft, diesen Schutz über den eigenen Luftraum hinaus auf den ukrainischen Luftraum auszudehnen.

Auch Trump hat das vor Kurzem zum Thema gemacht. Er sagte, nach einer möglichen Einigung könnte die US-Luftwaffe zum Beispiel den Luftraum über der Ukraine schützen – aber eben erst unter der Voraussetzung einer solchen Einigung.

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat erklärt, die multinationalen Kräfte für die Ukraine im Rahmen der „Koalition der Willigen“ seien bereits bereit, nach der Einstellung der Kampfhandlungen tätig zu werden. In den kommenden Monaten sollen außerdem Übungen stattfinden, um die Pläne für ihre Stationierung zu überprüfen. Wie überzeugend ist dieser Mechanismus aus militärischer Sicht? Können solche Kräfte Russland tatsächlich von einem erneuten Angriff abschrecken?

Auch darüber haben wir in der Vergangenheit immer wieder diskutiert. Die Gretchenfrage lautet: Diese Kräfte müssen so aufgestellt und ausgestattet sein, dass sie – falls Russland sie auf ukrainischem Territorium angreift – sicher sein können, dass es zu einem effektiven Gegenschlag kommt, der Russland sofort in die Schranken weist.

Oder die Kräfte müssen so abschreckend aufgestellt sein, dass es überhaupt nicht zu einem solchen Angriff kommt. Der einzige Partner, der dies garantieren kann, sind die Vereinigten Staaten von Amerika mit ihren Streitkräften, die immer noch die mächtigsten der Welt sind.

Das ist auch der Grund, warum die Ukraine zu Recht darauf hinweist, dass Waffenstillstandsverhandlungen nur dann Sinn ergeben, wenn sie Garantien dafür erhält, dass Russland nicht erneut angreift. Präsident Selenskyj hat im vergangenen Jahr klar zum Ausdruck gebracht, dass die Ukraine versteht, dass sie einen Teil der besetzten Gebiete derzeit möglicherweise nicht zurückgewinnen kann. Sie will aber einen fairen Waffenstillstand und die Garantie, dass Russland nicht noch einmal angreift.

Darum kämpft die Ukraine so erbittert. Denn wenn sie jetzt nachgibt oder sogar den Donbass aufgeben würde und die Russen weiter vormarschieren könnten – wer würde garantieren, dass Russland nicht in einem halben Jahr oder in einem Jahr, nachdem es sich konsolidiert und aufgerüstet hat, erneut angreift?

Wir reden uns die Dinge oft schön. Ich sage seit Jahren, dass die Amerikaner und Europa erkennen und akzeptieren müssen, dass Russland diesen Krieg nicht allein führt, sondern vor allem mit chinesischer Unterstützung.

Inzwischen wird auch öffentlich über die enge militärische Kooperation zwischen Russland und China berichtet. China profitiert davon erheblich: Es kann die Erfahrungen des Krieges in der Ukraine auswerten, ohne selbst kämpfen zu müssen. Während Russland über aktuelle Kampferfahrung verfügt, hat China seit Jahrzehnten keinen Krieg mehr geführt. Die militärische Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern wird dabei immer enger.

Welches Szenario für den Krieg halten Sie in den kommenden sechs Monaten für am wahrscheinlichsten?

Das Paradoxe ist: Obwohl wir gerade eine Eskalation des Konflikts sehen, steigt aus meiner Sicht durchaus die Chance auf einen Waffenstillstand. Wie gesagt, beide Seiten verstehen, dass ihnen die Zeit davonläuft.

Die Ukraine muss versuchen, einen weiteren schweren Winter zu vermeiden. Russland muss versuchen, den Schaden für die eigene Wirtschaft so gering wie möglich zu halten. Man sieht, dass die ukrainischen Angriffe Wirkung zeigen. Außerdem erkennen wir, dass der amerikanische Präsident Druck macht, weil er vor den Midterms ein Ergebnis vorweisen möchte.

Wenn es tatsächlich so ist, wie ich es projiziert habe, könnte ein Historiker im Rückblick sagen: Das war jener Moment, in dem beide Seiten in diesem Clinch so erschöpft waren, dass eine Einigung möglich wurde. Es können aber auch neue Faktoren auftreten, die wir noch nicht berücksichtigt haben und die den Krieg in die eine oder andere Richtung verändern – oder verlängern.

Wenn Sie nur drei Fähigkeiten nennen könnten, welche sollten die Partner der Ukraine in den kommenden Monaten bereitstellen oder finanzieren?

Erstens die Fliegerabwehr der Ukraine. Das ist entscheidend. Die Ukraine muss in der Lage sein, die russischen strategischen Angriffe abzuwehren, damit die russische Ermattungsstrategie – wie Swetschin sie beschrieben hat – nicht erfolgreich ist.

Zweitens die Fähigkeit, strategische Ziele tief in Russland angreifen zu können. Dazu gehören die Unterstützung mit Zielaufklärungsdaten sowie alle Programme und Fähigkeiten, die solche Angriffe ermöglichen.

Drittens die Fähigkeiten, die verhindern, dass die Front auf taktisch/operativer zusammenbricht. Wenn diese drei Faktoren zusammenwirken, kann die Ukraine weiter durchhalten.

Vasyl Korotkyi, Berlin-Wien.

V

Bei dem Zitieren und der Verwendung aller Inhalte im Internet sind für die Suchsysteme offene Links nicht tiefer als der erste Absatz auf „ukrinform.de“ obligatorisch, außerdem ist das Zitieren von übersetzten Texten aus ausländischen Medien nur mit dem Link auf die Webseite „ukrinform.de“ und auf die Webseite des ausländisches Mediums zulässig. Texte mit dem Vermerk „Werbung“ oder mit einem Disclaimer: „Das Material wird gemäß Teil 3 Artikel 9 des Gesetzes der Ukraine „Über Werbung“ Nr. 270/96-WR vom 3. Juli 1996 und dem Gesetz der Ukraine „Über Medien“ Nr. 2849-IX vom 31. März 2023 und auf der Grundlage des Vertrags/der Rechnung veröffentlicht.

Objekt im Bereich Onlinemedien; Medien-ID R40-01421.

© 2015-2026 Ukrinform. Alle Rechte sind geschützt.

erweiterte SucheWeitere Suchkriterien ausblenden
Period:
-