Wolf-Jürgen Stahl, Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS)
Russland bleibt auf absehbare Zeit die größte Bedrohung für die Sicherheit in Europa
09.05.2026 20:00
Wolf-Jürgen Stahl, Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS)
Russland bleibt auf absehbare Zeit die größte Bedrohung für die Sicherheit in Europa
09.05.2026 20:00

Wolf-Jürgen Stahl ist der erste aktive Berufsoffizier an der Spitze der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) – jener zentralen Institution, die das strategische Denken der politischen, militärischen und administrativen Eliten Deutschlands prägt. Der Generalmajor der Bundeswehr mit langjähriger Erfahrung in NATO-Strukturen übernahm die Leitung der Akademie in einer Zeit, in der Berlin seine sicherheitspolitischen Ansätze und die Rolle Deutschlands in Europa angesichts der Bedrohung durch Russland neu bewertet.

Der Ukrinform-Korrespondent sprach mit Generalmajor Stahl darüber, ob die nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine ausgerufene „Zeitenwende“ tatsächlich zu einem grundlegenden Wandel in der deutschen Sicherheitspolitik geführt hat – oder ob sie weitgehend Rhetorik geblieben ist. Der Präsident der BAKS erläuterte zudem, wie Berlin auf Russlands hybride Kriegsführung reagiert und warum Deutschland der Ukraine weiterhin keine Taurus-Marschflugkörper liefert.

Außerdem ging es um das Risiko eines Übergangs Moskaus von hybrider Aggression zu einem direkten Angriff auf die NATO, um die Verringerung der amerikanischen Militärpräsenz in Europa sowie um die Rolle der Ukraine in der neuen europäischen Sicherheitsarchitektur.

Herr Generalmajor, Sie sind der erste Berufsoffizier an der Spitze der Bundesakademie für Sicherheitspolitik. Kann Ihre Ernennung als Signal dafür verstanden werden, dass die deutsche Sicherheitspolitik im positiven Sinne stärker militarisiert wird? Bedeutet dies auch, dass die Expertise der Bundeswehr mehr Gewicht bei politischen Entscheidungen in Berlin erhält?

Ich bin der erste aktive Offizier, der das Privileg hat, Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik zu sein. Die Führung dieser Akademie rotiert zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Bundesministerium der Verteidigung. Dieses Mal hat mein Minister entschieden, dass ein aktiver General diese Funktion übernehmen kann.

Die Expertise ist eigentlich keine neue – auch ein pensionierter Admiral oder General hat militärische Expertise in seiner Funktion als Präsident eingebracht. Das gleich gilt für zivile Beamte aus dem Verteidigungsministerium, die an die Bundesakademie entsendet wurden.

Was sich allerdings verändert hat, ist die Wahrnehmung von Begriffen wie Wehrhaftigkeit, Verteidigungsfähigkeit oder – ein Begriff, den unser Minister geprägt hat – „Kriegstüchtigkeit“. Diese Themen stehen heute deutlich stärker im Fokus.

In diesem Zusammenhang: Ist die sogenannte „Zeitenwende“ inzwischen in den Köpfen von Politik und Gesellschaft in Deutschland angekommen, oder gibt es weiterhin Tendenzen zum „Status quo ante“?

Zunächst stellt sich die Frage, ob alle unter „Zeitenwende“ dasselbe verstehen. Wenn wir die Worte des damaligen Bundeskanzlers aufgreifen – „Wir leben seitdem in einer anderen Welt“ –, dann ist klar: Die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen haben sich, insbesondere in Europa, grundlegend verändert. Ich glaube, das wird breit wahrgenommen und verstanden.

Der Bundesregierung ist auch klar: Wir müssen resilienter werden, wir müssen insbesondere die hybriden Angriffe, die stattfinden, aushalten. Und wir müssen wehrhaft werden, damit wir durch Verteidigungsfähigkeit verhindern, dass es zu einem offenen militärischen Konflikt kommt – insbesondere mit Russland. Denn auf absehbare Zeit ist Russland die größte Bedrohung für die Sicherheit in Europa, und die Ukraine erlebt dies am eigenen Leib, wenn man das so sagen kann.

Inwieweit hat der Krieg Russlands gegen die Ukraine die strategische Kultur in Deutschland verändert?

Es ist ein Auftrag der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, strategisches Denken und strategische Vorausschau zu fördern.

Ich bin überzeugt: Der Krieg hat die sicherheitspolitische Schwerpunktsetzung in Deutschland verändert. Das macht sich zum Beispiel daran fest, dass man an die Ukraine erstmals Rüstungsgüter in ein Kriegsgebiet geliefert hat. Das kann man als konkretes Beispiel für Veränderung der strategischen Kultur bezeichnen.

Wird an der BAKS die Erfahrung des ukrainischen totalen Widerstands gegen die russische Aggression analysiert? Und wenn ja, welche Lehren sind bereits in das Bildungsprogramm eingeflossen?

Was verstehen Sie unter "totalem Widerstand?

Darunter verstehe ich die Gesamtheit aus zivilem, militärischem sowie geistigem bzw. gesellschaftlichem Widerstand.

Es ist bemerkenswert, mit welcher Entschlossenheit es der Ukraine gelingt, den Widerstand ihrer Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Dass das ukrainische Volk seit über vier Jahren diesem völkerrechtswidrigen und menschenverachtenden Angriff standhält, verdient höchste Wertschätzung. Und es ist wichtig zu betonen: Die Ukraine kämpft damit auch für unsere Sicherheit.

In unserer Nationalen Sicherheitsstrategie aus dem Jahr 2023 – dem ersten Mal, dass die Bundesrepublik Deutschland eine solche Strategie schriftlich niedergelegt hat – wird das Leitmotiv "Integrierte Sicherheit" eingeführt.

Dieses Konzept bedeutet, dass Sicherheit ganzheitlich gedacht und gesamtstaatlich wie gesamtgesellschaftlich gestaltet werden muss. Es geht also nicht nur um militärische Aspekte, sondern ebenso um Wirtschaft, Entwicklungspolitik, innere und äußere Sicherheit, wirtschaftliche, digitale und auch mentale Dimensionen von Sicherheit.

Dabei denken wir Sicherheit entlang eines Kontinuums von Frieden, Krise und Krieg. Maßnahmen müssen bereits im Frieden vorbereitet werden, um in Krise und Krieg bestehen zu können.

An dieser Stelle möchte ich Sie zur Lage auf dem Schlachtfeld befragen. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage an der Front, und wie würden Sie die gegenwärtige Phase des Krieges charakterisieren?

Als Soldat muss man „den Blick ins Gelände“ haben, um die Lage richtig beurteilen zu können. Diesen unmittelbaren Blick habe ich nicht.

Was ich jedoch sagen kann: Ich bin beeindruckt von der Leistung der ukrainischen Nation insgesamt. Es handelt sich nicht nur um eine militärische Aufgabe, sondern um eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung – einschließlich staatlicher Strukturen wie dem Zivilschutz.

Die Ukraine greift immer aktiver strategische Objekte im russischen Hinterland an – Logistik, Energie und Rüstungsindustrie. Wie bewerten Sie diese Angriffe? Können sie den Kriegsverlauf spürbar beeinflussen?

Wenn es nicht gelingt, die gegnerischen Kräfte an der Front unmittelbar zu neutralisieren, versucht man, ihre Handlungsfähigkeit einzuschränken – etwa durch Angriffe auf Logistik, Versorgung und industrielle Kapazitäten.

Das entspricht klassischen militärischen Grundsätzen: in der Tiefe des Raumes wirken, Druck auf das Gesamtsystem ausüben und dessen Funktionsfähigkeit an seine Grenzen bringen. Wenn an der Front gerade keine entscheidenden Durchbrüche erzielt werden können, ist ein solches Vorgehen für die Ukraine völlig legitim.

Deutschland investiert massiv in den Ausbau der ukrainischen Langstreckenfähigkeiten, hat sich aber bisher nicht getraut, eigene Taurus-Marschflugkörper zu liefern. Können Sie erklären, warum diese Entscheidung bislang ausgeblieben ist?

Das ist eine politische Entscheidung, die von den jeweiligen Regierungsparteien getroffen wird. Über die konkreten Beweggründe kann ich nicht spekulieren, da ich nicht in diese Entscheidungsprozesse eingebunden bin.

In der politischen Debatte gibt es unterschiedliche Einschätzungen – etwa zur Frage, ob bestimmte Lieferungen eskalierend wirken könnten oder nicht.

Aus militärischer Sicht kann ich sagen: Solche Systeme hätten einen Effekt. Ob man bereit ist, diesen militärischen Effekt politisch zu tragen, ist jedoch eine Entscheidung, die ausschließlich die Politik treffen muss.

Wie soll Deutschland auf russische Einschüchterungsversuche reagieren, ohne die eigene Handlungsfähigkeit durch Selbstabschreckung einzuschränken?

Entscheidend ist, sich nicht einschüchtern zu lassen. Maßnahmen sollten danach bewertet werden, ob sie sinnvoll sind, einen klaren Effekt erzielen und politisch vertretbar und akzeptabel sind.

Man darf sich in seinem eigenen Handeln nicht durch den anderen einschränken lassen. Wenn man davon überzeugt ist, dass bestimmte Maßnahmen richtig sind, dann muss man sie auch zur Wirkung bringen.

Neben Drohungen führt Russland aktive Operationen gegen europäische Länder – darunter die Bundesrepublik. Würden Sie das als hybriden Krieg klassifizieren?

Ich zitiere hier den Bundeskanzler: Russland führt einen hybriden Krieg gegen uns. Dazu gehören die sogenannten „3S“: Spionage, Sabotage und Subversion. Diese Phänomene sind nicht neu, aber sie haben heute – insbesondere im Cyber- und Informationsraum – eine neue Dimension erreicht.

Spionage sehen wir regelmäßig, auch durch aufgedeckte Fälle in Deutschland. Sabotage umfasst Angriffe auf Infrastruktur wie Bahnnetze oder Leitungen. Subversion zielt über Desinformation und Einflussnahme auf das Denken und den Willen von Gesellschaften.

Hinzu kommen Cyberangriffe auf staatliche Institutionen und Unternehmen, auch im Rüstungsbereich.

Es ist allgemein schwer, solche Aktionen jemandem zuzuordnen Aber es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Nachweisen, dass insbesondere auch Russland dahintersteckt, gerade im Cyber- und Informationsraum.

Auch Drohnen tauchen in diesem Zusammenhang auf – „unbekannte Drohnen“ über Deutschland.

Ja, das sind ebenfalls Ausdrucksformen hybrider Aktivitäten. Ich vermeide bewusst den Begriff „Bedrohung", weil tatsächlich Angriffe stattfinden. Wenn Angriffe stattfinden, geht es nicht mehr nur um Bedrohung, sondern um Verteidigung.

Dazu zählen auch Drohnen, aber ebenso einfache Mittel – etwa sogenannte „Wegwerf-Agenten“ oder niedrigschwellige Sabotageakte. Die Bandbreite ist groß, und der Kreativität sind hier kaum Grenzen gesetzt.

Wir müssen davon ausgehen, dass diese Aktivitäten nicht abnehmen, sondern eher zunehmen werden – sowohl in Intensität als auch in Vielfalt. Sie werden unser System zunehmend stören und stressen. Dagegen müssen wir uns härten, dagegen müssen wir resilient werden.

Ist es nicht an der Zeit, dass Deutschland deutlich entschlossener auf diese hybriden Angriffe reagiert – damit Moskau endlich die Konsequenzen für sein Handeln spürt?

Die zentrale Frage ist: Wie begegnet man hybriden Angriffen effektiv? Wie verhindert man Spionage, Sabotage und Subversion?

Im hybriden Bereich sehe ich offensive Gegenmöglichkeiten nur begrenzt. Das bedeutet: Im Wesentlichen müssen wir uns gegen diese hybriden Angriffe härten, sie aushalten – und in den begrenzten Möglichkeiten, die wir haben, versuchen zu verhindern, dass Russland so etwas tut.

Vollständig verhindern lassen sich solche Aktivitäten kaum. Man kann verhindern, dass Spionage erfolgreich ist – aber nicht unbedingt, dass sie versucht wird.

Und diese Aktivitäten mit „unbekannten Drohnen“…

Ich weiß ja oft noch nicht einmal mit Sicherheit, ob es wirklich russische Drohnen sind. Die eindeutige Zuschreibung nannte ich bereits als grundlegendes Problem.

Man kann immer die Fähigkeit im Blick behalten, mit gleichen Mitteln zu reagieren, aber für mich stellt sich grundsätzlich die Frage: Wenn jemand gegen Regeln verstößt – rechtfertigt das, dass ich selbst ebenfalls gegen Regeln verstoße? Das entspricht nicht meinem Verständnis.

Ich hatte auch ein Interview mit Prof. Tim Stuchtey, der fragte: Warum sehen wir keine unbekannten Drohnen über Kaliningrad? Wäre das eine mögliche Antwort?

Würde das Putin davon abhalten, weiterhin Drohnen hierher zu schicken?

Das ist wie mit der Spionage: Agenten haben wir immer schon gegenseitig geschickt. Hält das den anderen davon ab, keine Agenten mehr zu schicken, weil ich selbst welche schicke?

Es hört sich sehr einfach an – ich bin da differenzierter und sage: Das ist kein Automatismus.

Verfügt Deutschland derzeit überhaupt über ausreichende Fähigkeiten für ein solches proaktives Vorgehen?

Gemäß unserer Gesetzeslage sind wir zurzeit tatsächlich sehr eingeschränkt. Deshalb werden gerade Gesetzesnovellen auf den Weg gebracht – zum Beispiel, um dem Bundesnachrichtendienst mehr Möglichkeiten zu geben.

Das ist eine aktuelle Diskussion, entsprechende Gesetzentwürfe sind in Arbeit, weil man erkannt hat, dass man durch entsprechenden rechtlichen Spielraum zusätzliche Maßnahmen ermöglichen kann. Das ist erkannt und wird gerade angegangen.

Besteht Ihrer Meinung nach die Gefahr, dass Russland von hybriden Mitteln zu einer kinetischen Phase gegen ein NATO-Mitglied übergeht? Und welche Indikatoren könnten darauf hindeuten?

Was wir tun müssen, ist sicherzustellen, dass die Rahmenbedingungen für einen militärischen Angriff nicht günstig sind Putin rüstet seine Streitkräfte auf, hat die Strukturen umgestellt und richtet entlang der NATO-Grenze neue Stützpunkte und Kasernen ein. Er baut also die Fähigkeit zum militärischen Angriff auf – und unter bestimmten Umständen traue ich ihm auch den Willen zu, diese Fähigkeiten zu nutzen.

Wenn wir ihm zeigen, dass es sehr schmerzhaft wäre, dass er dafür einen sehr hohen Preis zahlen würde – Stichwort Abschreckung, Verteidigungsfähigkeit –, dann glaube ich, dass dies einen Eindruck nicht verfehlen wird. Denn er ist kein Hasardeur, sondern in gewisser Weise auch Realist, der dann zu dem Schluss kommen kann: Das Risiko, offen militärisch gegen NATO-Territorium vorzugehen, ist mir zu hoch.

Der amerikanische Präsident hat die NATO als „Papiertiger" bezeichnet und angedeutet, dass auch Putin sie so sieht. Sie haben selbst in NATO-Strukturen gearbeitet. Wie bewerten Sie solche Aussagen? Ist eine geschlossene und entschlossene Reaktion des Bündnisses im Ernstfall wirklich garantiert?

Ich habe die NATO als absolut funktionierendes Bündnis erlebt.

Die NATO verfügt über integrierte Kommandostrukturen, etablierte Verfahren und Entscheidungsmechanismen, in denen jede Nation gehört wird. Insofern sehe ich die NATO als ein funktionierendes Bündnis.

Und jetzt, mit der neuen Verteidigungsplanung, insbesondere entlang der Nordostflanke, sehe ich die NATO auch wieder gut aufgestellt.

Jetzt kommt meistens die Frage: Aber die Amerikaner? Meine Antwort: Ja, die Amerikaner haben militärisch einen neuen Schwerpunkt gesetzt – nicht mehr ausschließlich Europa, sondern der Indo-Pazifik. Das ist deren Entscheidung.

Das bedeutet aber nicht, dass sie sich vollständig aus Europa zurückziehen. Schwerpunkt heißt: Da liegen die Hauptkräfte – aber in Europa bleiben weiterhin Kräfte.

Und die Europäer selbst haben meiner Einschätzung nach das Potenzial, wesentliche Lücken zu schließen. Das kostet Zeit, das dauert – aber ich bin fest in meiner Bewertung: Die Europäer sind in der Lage, mehr Verantwortung für die Sicherheit in Europa zu übernehmen. Und man darf nicht vergessen: Ein stabiles und sicheres Europa liegt auch im Interesse der Vereinigten Staaten.

Wie viel Zeit brauchen die Europäer, um diese Lücken zu schließen?

Das hängt stark davon ab, wie schnell sich die europäischen Staaten politisch einigen und entsprechende Maßnahmen umsetzen.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt jedoch: Der Aufbau umfassender militärischer Fähigkeiten dauert Jahre, oft sogar Jahrzehnte.

Wie bewerten Sie die angekündigte Reduzierung der US-Truppen in Deutschland, und halten Sie es für realistisch, dass dieser Teilabzug nur der erste Schritt hin zu einem vollständigen Abzug der US-Streitkräfte aus Deutschland ist? Welches geopolitische Signal sendet Washington mit dieser Truppenreduzierung an die europäischen Verbündeten sowie an Moskau?

Die Ankündigung kommt aufgrund der US-amerikanischen Schwerpunktsetzung auf die indopazifische Region grundsätzlich nicht überraschend, der Zeitpunkt ist sicherlich politisch gewählt.

Vor diesem Hintergrund muss Europa seine Verteidigung gegen die unmittelbare Bedrohung Russlands noch stärker selbst in die Hand nehmen. Dazu ist Europa auch in der Lage und zunehmend gewillt auf dem Weg zu mehr Eigenständigkeit. Dabei mehr Initiative zu entfalten, ist sowohl im europäischen wie auch amerikanischen Interesse.

Ich erwarte aber nicht, dass sich die USA gänzlich aus Europa zurückziehen. Stabilität sowohl an der pazifischen wie auch der atlantischen Gegenküste ist ein vitales amerikanisches Interesse und eine Herausforderung gemeinsam mit regionalen Partnern.

Und wie stehen Sie zur Idee einer europäischen Verteidigungsunion?

Ich weiß nicht, ob wir neben der NATO noch ein rein europäisches Bündnis brauchen. Aus meiner Sicht geht es vielmehr darum, die NATO stärker zu „europäisieren“, also die Rolle der Europäer innerhalb des bestehenden Bündnisses deutlich auszubauen.

Das lässt sich innerhalb der etablierten und bewährten NATO-Strukturen erreichen – dafür muss man nichts völlig Neues schaffen. Wenn man das politisch als „europäische Verteidigungsunion“ bezeichnet, ist das eine Frage der Terminologie. Entscheidend ist: Die Europäer müssen mehr Verantwortung und mehr Ressourcen in die gemeinsame Verteidigung einbringen.

Zum europäischen nuklearen Schutzschirm: Es gibt Diskussionen zwischen Deutschland und Frankreich. Wie realistisch ist dieses Vorhaben in der Praxis?

Zunächst einmal sehe ich keinerlei Anzeichen dafür, dass die USA ihren nuklearen Schutzschirm aus Europa zurückziehen oder dass die erweiterte Abschreckung infrage gestellt wird. Ich halte es auch nicht für wahrscheinlich, dass dies im amerikanischen Interesse wäre – nicht zuletzt, weil ein solcher Schritt möglicherweise weitere Nuklearmächte hervorbringen würde.

Vor diesem Hintergrund geht es beim gegenwärtigen Dialog, um die Frage, ob und in welchem Umfang europäische Beiträge im nuklearen Bereich innerhalb der NATO gestärkt werden können.

Das Signal der Europäer dabei ist: Wir sind bereit, gemeinsam mit den Amerikanern unseren Beitrag zu leisten.

Klar ist aber auch: Was die Europäer – also Frankreich und Großbritannien – nuklear haben, ersetzt niemals das amerikanische Arsenal. Das eine ersetzt das andere nicht. Aber man kann das europäische Potenzial stärker nutzen und damit die amerikanischen Kapazitäten ergänzen – gemeinsam mit den USA, nicht an deren Stelle.

Die Ukraine verfügt heute über eine einzigartige Erfahrung in der groß angelegten konventionellen Kriegsführung, die kein anderes NATO-Land hat. Welche Rolle sollte die Ukraine Ihrer Meinung nach in der neuen europäischen Sicherheitsarchitektur spielen?

Rein militärisch gesprochen spielt die Ukraine bereits heute eine sehr prominente Rolle. Die NATO hat einen Prozess aufgelegt, um von den Erfahrungen zu zehren, die Ihr Land so schmerzhaft erleben muss – um daraus Folgerungen für die eigenen Fähigkeiten und die eigene Aufstellung zu ziehen.

Auch im zivilen Bereich weiß ich, dass viele Institutionen – etwa das Bundesamt für Bevölkerungsschutz nd Katastrophenhilfe – in intensivem Dialog mit entsprechenden Stellen in der Ukraine stehen, um zu verstehen, wie Zivilschutz in einem solchen Kontext funktioniert.

Die Ukraine leistet also bereits heute einen Beitrag, von dem andere Länder profitieren.

Insofern ist da bereits vieles im Gange. Am liebsten wäre mir, Sie müssten diese Erfahrungen nicht machen und wir müssten nicht von ihnen zehren wollen – das wäre die ideale Welt. Die haben wir nicht.

Langfristig ist für mich klar: Die Ukraine ist ein souveräner Staat, dessen territoriale Integrität respektiert werden muss – ohne Wenn und Aber. Dieses Prinzip ist Grundlage jeder stabilen internationalen Ordnung.

In einer zukünftigen europäischen Sicherheitsarchitektur sehe ich die Ukraine als integralen Bestandteil Europas. Fragen einer möglichen Mitgliedschaft in EU oder NATO unterliegen formalen Prozessen, aber politisch ist für mich klar: Die Ukraine gehört zur europäischen Staatengemeinschaft.

Im Rahmen der „Koalition der Willigen“ werden verbindliche Sicherheitsgarantien für die Ukraine diskutiert, einschließlich gemeinsamer Truppenkontingente. Bundeskanzler Merz hat die Stationierung der Bundeswehr auf benachbartem Nato-Gebiet nicht ausgeschlossen. Wie realistisch schätzen Sie eine solche Mission und die Beteiligung deutscher Soldaten ein?

Die zentrale Voraussetzung ist zunächst, dass die Kampfhandlungen enden. Der Präsident der Ukaine hat sinngemäß gesagt, er sei bereit, an den jetzigen Frontlinien einen Waffenstillstand zu akzeptieren. Also hängt es ganz wesentlich von Putin ab, ob er sagt: Ende mit dem Kämpfen.

Und dann stellt sich die zweite Frage: Wie stelle ich sicher, dass es nicht wieder aufflammt?

Aus meiner Sicht gelingt das nur durch glaubwürdige Abschreckung. Russland muss klar vor Augen geführt werden, dass ein erneuter Angriff mit sehr hohen Kosten verbunden wäre.

Wie genau solche Sicherheitsgarantien ausgestaltet werden könnten, ist Gegenstand politischer Verhandlungen, an denen ich nicht beteiligt bin.

Ein wesentlicher Faktor wird jedoch sein, dass die Ukraine selbst – mit ihren kampferfahrenen Streitkräften – weiterhin in der Lage ist, sich wirksam zu verteidigen, und im Hintergrund klar zu machen, dass andere Staaten einen erneuten russischen Angriff als Angriff gegen sich selbst verstehen würden.

Abschließend, Herr Generalmajor: Wenn Sie je einen Rat an den ukrainischen Generalstab und an die deutsche Bundesregierung für dieses Jahr geben könnten – wie würde dieser aussehen?

Ich bin grundsätzlich zurückhaltend mit Ratschlägen.

Was ich zur Ukraine sagen kann: Es ist beeindruckend, mit welcher inneren Haltung, welchem Mindset, welcher Entschlossenheit die Ukraine – das Volk, die Wirtschaft, der Staat – diesen existenziellen Kampf aufnimmt. Dafür wünsche ich weiterhin Durchhaltekraft.

Und an meine eigene Regierung sage ich: An diesem Geist und dieser Haltung sollten wir uns ein Stück weit ein Beispiel nehmen.

Vasyl Korotkyi, BERLIN.

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