Franziska Davies, deutsche Historikerin
Das heutige Russland ist eine faschistoide Gesellschaft
09.05.2026 17:00
Franziska Davies, deutsche Historikerin
Das heutige Russland ist eine faschistoide Gesellschaft
09.05.2026 17:00

Der russische Großangriff auf die Ukraine wurde für Deutschland nicht nur zur größten sicherheitspolitischen Herausforderung der vergangenen Jahrzehnte, sondern auch zu einer tiefen weltanschaulichen Erschütterung, die die Grundfesten der deutschen Nachkriegserinnerungskultur infrage stellte. Jahrzehntelang setzte Berlin auf einen „Dialog mit Russland“, getragen von einem besonderen Gefühl historischer Verantwortung gegenüber Moskau – einer Verantwortung, die jene aus dem Blick verdrängte, die unter der nationalsozialistischen Aggression am meisten gelitten hatten: Ukrainer, Polen und Belarussen. Heute wird dieser Ansatz schrittweise revidiert: Deutschland ist gezwungen, seine Sicht auf Osteuropa, die Rolle Russlands und den Platz der Ukraine in der europäischen Geschichte neu zu überdenken.

Im Vorfeld des Jahrestages des Gedenkens und des Sieges über den Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg sprach der Ukrinform-Korrespondent mit Franziska Davies, Dozentin für die Geschichte Osteuropas und Ostmitteleuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München, über diese Themen. Die Historikerin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Erinnerungspolitik sowie mit der Geschichte der Ukraine, Polens und Russlands und ist seit 2022 zu einer der sichtbarsten und einflussreichsten Stimmen in der deutschen Debatte über den russischen Krieg gegen die Ukraine geworden.

Im Mittelpunkt des Gesprächs standen zentrale Fragen: Warum Deutschland die Ukraine so lange als einen der Hauptschauplätze des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges und des Holocaust ignorierte; wie das sowjetische Narrativ vom „Großen Vaterländischen Krieg“ Erinnerung in eine Waffe verwandelte – und warum dies in Berlin so lange übersehen wurde; wie die Begriffe „Faschismus“ und „Entnazifizierung“ im heutigen Russland ihren historischen Inhalt verloren haben und zu Instrumenten der Propaganda geworden sind; ob Deutschland den Übergang von einer „Kultur der Schuld“ zu einer „Kultur der Verantwortung durch Handeln“ schaffen kann; und was eine Dekolonisierung der Erinnerung bedeutet – insbesondere im Hinblick auf sowjetische Denkmäler im Herzen deutscher Städte.

Nach Ansicht der Historikerin ist die historische „koloniale Komplizenschaft“ Berlins und Moskaus auf Kosten der Völker zwischen ihnen nicht nur ein Kapitel der Vergangenheit, sondern auch ein wichtiger analytischer Rahmen zum Verständnis gegenwärtiger Politik. Und solange Deutschland nicht vollständig begreife, dass es in der Ukraine nicht ein „fremdes Land“, sondern die eigene Sicherheit und die eigenen Werte verteidige, werde seine Unterstützung nicht entschlossen genug sein.

Wie die Historikerin betont, blieb die Ukraine über Jahre hinweg ein „blinder Fleck“ für große Teile der deutschen Gesellschaft und der politischen Klasse. Dies zu überwinden sei längst nicht mehr nur eine Frage der Erinnerungskultur, sondern auch eine Frage der europäischen Sicherheit.

Frau Davies, wie klingt der 8. Mai für Sie im Schatten des aktuellen Krieges Russlands gegen die Ukraine? Hat sich Ihr eigenes Empfinden seit dem 24. Februar 2022 verändert?

Ich glaube, nicht grundlegend bei mir. Aber ich sehe die Veränderungen sehr deutlich – insbesondere mit Blick auf die Ukraine.

Und ich sehe heute noch klarer, dass Russland von sämtlichen Erinnerungsveranstaltungen in Deutschland ausgeschlossen werden muss. Es darf kein offizieller Vertreter der russischen Botschaft anwesend sein. Das empfinde ich jetzt schon stärker – auch wenn man sagen könnte, dass das eigentlich schon seit 2014 hätte gelten sollen.

Und heute ist für mich sehr klar: Jede Form gemeinsamer Erinnerung mit Russland ist derzeit unmöglich – und muss es auch sein.

Hat dieser Krieg die Wahrnehmung in der deutschen Gesellschaft und in der Politik verändert?

Es hat sich schon ein bisschen verändert – in dem Sinne, dass bis zum 24. Februar 2022 die sowjetischen Opfer des Zweiten Weltkriegs in der deutschen Wahrnehmung sehr stark ausschließlich Russland zugerechnet wurden.

Wir hatten zudem die absurde Situation, dass es sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft weit verbreitet war, die Nichtlieferung von Waffen bis zur Vollinvasion mit einer besonderen Verantwortung gegenüber Russland aufgrund des Zweiten Weltkriegs zu begründen. Das ist natürlich absurd.

Warum begründen wir die Nicht-Solidarität mit einem angegriffenen Land – oder mit einem Land, bei dem sich bereits abzeichnet, dass es Opfer eines noch viel größeren Angriffs wird? Ausgerechnet dies mit dem Zweiten Weltkrieg und einer Verantwortung gegenüber Russland zu legitimieren, führt die Lehren des Zweiten Weltkriegs ad absurdum.

Das hängt mit dem zusammen, was ich bereits gesagt habe: Die Ukraine, aber auch Belarus, wurden als zentrale Schauplätze und Opfer des Zweiten Weltkriegs in der deutschen Wahrnehmung lange ausgeblendet. Dabei waren diese Länder, die damals zur Sowjetunion gehörten, vollständig besetzt, und dort lagen die Hauptschauplätze – sowohl des Besatzungskrieges als auch des Holocaust.

Das wurde in der deutschen Erinnerung stark marginalisiert.

Und das hat nicht nur mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, sondern auch mit einer längeren historischen Linie: einer Tradition gemeinsamen imperialen Handelns Deutschlands und Russlands auf Kosten von Ländern in Mittel- und Osteuropa.

Es geht also nicht nur um Naivität oder den Versuch, die „richtigen“ Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg zu ziehen – auch wenn diese dann falsch interpretiert werden. Man muss auch sehen, dass es hier eine Form imperialer Komplizenschaft gibt. In der Forschung sprechen wir von „colonial complicity“.

Diese Dimension reicht weit zurück – bis zu den Teilungen Polen-Litauens am Ende des 18. Jahrhunderts. Man kann aber auch den mörderischen Höhepunkt zwischen 1939 und 1941 betrachten, den Hitler-Stalin-Pakt. Diese gemeinsame imperiale Aufteilung Osteuropas ist in der deutschen Gesellschaft bis heute nicht besonders präsent.

Das zeigt, wie selbstbezogen die deutsche Erinnerungskultur noch immer ist. Für Polen etwa ist die Erfahrung, von zwei totalitären Regimen besetzt gewesen zu sein, zentral für das Verständnis des Zweiten Weltkriegs. In Deutschland spielt diese Dimension weiterhin eine vergleichsweise geringe Rolle.

Sie ist zwar stärker geworden – ebenso wie das Bewusstsein, dass die Ukraine ein Hauptschauplatz und ein Opfer war – natürlich von Deutschland, aber nicht nur von Deutschland, sondern auch von der Sowjetunion. Aber dieses alte Denken ist noch nicht verschwunden

Sie haben die besondere Verantwortung Deutschlands gegenüber Russland angesprochen. Warum war sie so prägend? Und war sie auch ein Hindernis für eine entschlossene Unterstützung der Ukraine zu Beginn des Krieges?

Das ist sicher ein Faktor. Aber ich glaube nicht, dass es der einzige oder unbedingt der wichtigste war.

Wir sprechen hier über Erinnerungskultur, und das ist wichtig. Aber wir wissen auch, dass es enge Verbindungen zwischen Politik und Wirtschaft gab – man denke etwa an Nord Stream 2. Es gab also auch ein strukturell problematisches Verhältnis zu Russland.

Ein weiterer Punkt ist, dass es vielen in der Politik schwergefallen ist, einzugestehen, wie desaströs die eigene Russlandpolitik vor 2022 war. Eine entschlossenere Unterstützung der Ukraine hätte auch eine viel tiefere Selbstkritik erfordert. Und dazu gab es einen deutlichen Unwillen.

Hinzu kommt, dass viele weiterhin alten Denkmustern verhaftet sind. Dazu gehört etwa der Topos vom „unbesiegbaren Russland“. Als Historikerin kann ich sagen: Das ist eindeutig falsch. Wir haben Beispiele von russischen Niederlagen in der Geschichte, und zwar nicht zu wenige

Auch die Angst vor einer atomaren Eskalation spielte eine große Rolle – eine Angst, die Russland gezielt angesprochen und instrumentalisiert hat. Putin kennt Deutschland sehr gut und weiß um diese tief verankerte atomare Angst – manche würden sogar von einer Art Hysterie sprechen.

Insgesamt war es eine Kombination aus einem nach wie vor problematischen Bild von Russland, dem Unwillen, die eigene Politik in all ihrer Konsequenz aufzuarbeiten, und – im Kontext der Erinnerungskultur – dieser Vorstellung, dass man doch irgendwie, vielleicht ohne eine so entschlossene militärische Unterstützung, wie sie nötig gewesen wäre, zu irgendeiner Verständigung mit Russland kommt. Dass man sich nicht zu sehr zur Kriegspartei macht, nicht zu entschieden.

Putin nutzt die Symbolik von 1945, um den Angriff auf die Ukraine zu rechtfertigen, und stellt die Ukraine als „nazistisch“ dar. Wie erklären Sie als Historikerin dieses Phänomen?

Die Begriffe „Faschismus“ und „Nazi“ haben sich in Russland weitgehend von ihrem ursprünglichen politischen Inhalt gelöst. „Faschist“ oder „Nazi“ ist heute einfach, wer gegen Russland ist.

Und da haben wir natürlich diesen Widerspruch, dass Russland selber eine faschistoide Gesellschaft ist und eine Demokratie beschuldigt, faschistisch zu sein. Also das hat nichts mehr mit dem Inhalt dieser Begriffe zu tun.

Diese Begriffe sind eng verbunden mit der sowjetischen Erzählung vom „Großen Vaterländischen Krieg“, die sehr erfolgreich war – wobei die Jahre 1939 bis 1941 systematisch ausgeblendet wurden. Dieser Krieg beginnt in dieser Erzählung erst 1941.

Diese Narrative wurden in den letzten Jahrzehnten zunehmend zu politischen Kampfbegriffen – und schon früh gezielt gegen die Ukraine eingesetzt.

Es gibt auch eine historische Kontinuität: Bereits in der Sowjetunion wurden ukrainische Dissidenten als „bourgeoise Nationalisten“ verfolgt und kriminalisiert. Daraus ergibt sich eine bis heute wirkende Logik: Wer gegen Moskau ist, ist Nationalist, ist „Nazi“, ist „Faschist“.

Diese Dämonisierung der Ukraine – als angeblich von radikalen Nationalisten und Antisemiten geprägtes Land – wurde besonders 2014 im Kontext des Maidan gezielt als Propagandastrategie eingesetzt. Sie diente dazu, Desinformation zu verbreiten, Solidarität mit der Ukraine zu untergraben und von der eigenen Aggression – der Annexion der Krim und der Besetzung von Teilen des Donbas – abzulenken.

Gleichzeitig existiert in Russland eine alte Erzählung: Einerseits wird behauptet, Russland und die Ukraine seien „ein Volk“. Andererseits wird argumentiert, dass äußere Feinde dieses „Brudervolk“ spalten.

Das sieht man sehr deutlich in dem Text, der im Juni 2021 unter Putins Namen veröffentlicht wurde. Darin wird immer wieder behauptet, äußere Mächte hätten diese angebliche Einheit zerstört – im 19. Jahrhundert etwa Polen und die Habsburger, im 20. Jahrhundert dann Deutschland und angebliche „ukrainische Nazis“.

Heute ist es in dieser Logik das „Kiewer Regime“, unterstützt von NATO, USA und dem Westen.

Diese Erzählung erfüllt eine klare Funktion: Sie konstruiert einen permanenten äußeren Feind, der die Einheit dieses angeblich einen Volkes bedroht.

Der Slogan „Nie wieder“ hat sich im heutigen Russland faktisch in ein „Wir können es wiederholen“ verwandelt. Wann ist dieser Umschlag passiert, und warum wurde er im Westen – auch in Deutschland – so lange übersehen?

Diese Instrumentalisierung des Zweiten Weltkriegs – insbesondere im Hinblick auf die Ukraine – begann bereits vor 2014. Der Angriff 2014 wurde auch propagandistisch vorbereitet.

Das Bild der „ukrainischen Nazis“ ist ein altes Zerrbild, das bis in die sowjetische Tradition zurückreicht und 2014 stark reaktiviert wurde. In den Monaten vor Februar 2022 kam es dann zu einer weiteren Radikalisierung.

Ich würde aber sagen: Es handelt sich um eine Radikalisierung, nicht um einen grundlegenden Wandel. Dieser Missbrauch des Zweiten Weltkriegs ist seit über einem Jahrzehnt in Russland zu beobachten.

Warum wurde das in Deutschland so lange nicht wahrgenommen? Das ist eine berechtigte Frage – denn eigentlich war es offensichtlich.

Ein Grund ist eine ausgeprägte Selbstbezogenheit. Man projiziert eigene Vorstellungen – etwa den Glauben, dass sich Konflikte durch Dialog und Diplomatie lösen lassen – auf andere.

Dieses „Vorbeidenken an der Realität“ war schon 2014 sichtbar. Auch eine koloniale Attitüde gegenüber der Ukraine spielte dabei eine Rolle.

Zudem konnten sich viele nicht vorstellen, dass ein Staat auf Grundlage einer pseudohistorischen, nationalistisch-imperialen Ideologie ein anderes Land angreift. Es lag außerhalb der eigenen Vorstellungskraft – obwohl es sichtbar war.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Spannung innerhalb der deutschen Erinnerungskultur zwischen „Nie wieder Krieg“ und „Nie wieder Genozid“.

„Nie wieder Krieg“ wurde häufig als „nie wieder Waffengewalt“ interpretiert – und diente so sogar als Argument gegen die Unterstützung eines angegriffenen Landes.

Aber im Fall eines Aggressors kann „Nie wieder Genozid“ bedeuten, dass man Waffen liefern muss, um den Angegriffenen zu verteidigen. Andernfalls macht man sich mitschuldig.

Dass dies lange schwer zu akzeptieren war, hängt auch mit historischen Erfahrungen zusammen: Deutschland kennt vor allem die Rolle des Aggressors, nicht die eines existenziell bedrohten Opfers. Länder wie Polen haben diese Erfahrung – daher war das Verständnis dort deutlich größer.

Deswegen hatten wir diese ganzen absurden offenen Briefe nach der russischen Vollinvasion, die sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen haben.

Wie kann Deutschland diesen Übergang von einer Kultur der Schuld zu einer Kultur der Verantwortung durch Handeln schaffen – gerade mit Blick auf die Unterstützung der Ukraine?

Ein gewisser Wandel hat bereits stattgefunden – auch wenn er aus meiner Sicht nicht ausreichend und nicht entschlossen genug ist.

Bis Februar 2022 gab es in allen Parteien einen Konsens gegen Waffenlieferungen/ Und selbst eine sehr pro-ukrainische Partei schon seit langem, wie die Grünen, wollte keine Waffenlieferung. Das heißt, es hat schon wirklich ein Wandel stattgefunden.

Ein Teil der Gesellschaft hat diese Verantwortung heute klarer verstanden, und die Unterstützung der Ukraine ist weiterhin mehrheitsfähig.

Aber ich bin mir nicht sicher, ob ausreichend verstanden wird, dass es hier nicht um Großzügigkeit oder bloße Hilfe geht, sondern um die Sicherheit Europas – und damit auch Deutschlands.

Es geht in der Ukraine um die Verteidigung der europäischen Sicherheitsordnung, die darauf basiert, dass kein Staat die Grenzen eines anderen gewaltsam verändern darf. Wenn diese Ordnung nicht verteidigt wird, wird ganz Europa unsicherer.

Da würde ich mir eine viel klarere Kommunikation auch aus der deutschen Politik wünschen und auch ein höheres Bewusstsein dafür, dass es etwas zu verteidigen gibt, auch in Deutschland. Demokratie und Freiheit sind nicht selbstverständlich. Ich glaube, das ist etwas, was die Deutschen lernen müssen.

Sehen Sie heute in der deutschen Politik die Bereitschaft, die Ukraine konsequent und ohne Vorbehalte zu unterstützen? Oder wirken historische Prägungen im Verhältnis zu Russland weiterhin bremsend?

Ich glaube, die Unterstützung ist weiterhin nicht konsequent genug.

In der SPD – insbesondere unter Bundeskanzler Scholz – konnte man sehr deutlich sehen, wie stark alte Denkmuster noch wirkten. Auch aktuelle Forderungen nach Abrüstungsgesprächen mit Russland zeigen das.

Bei der CDU fällt es mir schwerer, die Gründe genau zu benennen. Rhetorisch ist die Unterstützung vorhanden, aber faktisch wurden einige Versprechen nach der Regierungsübernahme nicht umgesetzt.

Ich vermute, dass derzeit für die CDU innenpolitische Themen Priorität haben – insbesondere Migration. Gerade dieses Thema wird von der Regierung auf unverantwortliche Weise aufgebauscht. Die Unterstützung der Ukraine, obwohl strategisch für Deutschland und Europa so wichtig, droht unter den Tisch zu fallen.

Dabei wird auch mit populistischen und problematischen Narrativen gearbeitet – in der Hoffnung, Wähler von der AfD zurückzugewinnen. Die Umfragen zeigen jedoch, dass diese Strategie nicht funktioniert.

Gleichzeitig führt diese Fokussierung dazu, dass zentrale Herausforderungen – die Unterstützung der Ukraine und die Stärkung der eigenen Demokratie – nicht ausreichend adressiert werden.

Es gibt in Deutschland auch Stimmen, die unter Verweis auf die Geschichte „Frieden um jeden Preis“ fordern. Was entgegnen Sie solchen Argumenten als Historikerin?

Erstens: Wir haben es mit einem Russland zu tun, das keinen Frieden will.

Und keiner derjenigen, die in den letzten Jahren solche Forderungen erhoben haben, konnte auf einer faktischen Ebene nie erklären, wie dieser Frieden konkret erreicht werden soll. Das waren sehr leere Formulierungen, Floskeln, die mit der Realität wenig zu tun haben.

Worüber soll die Ukraine denn verhandeln, wenn sie gleichzeitig vernichtet werden soll? Was wäre die Grundlage solcher Verhandlungen?

Zweitens: Besatzung bedeutet keinen Frieden. Besatzung in der Ukraine bedeutet Genozid an den Ukrainerinnen und Ukrainern. Das ist kein Frieden.

Das hat wiederum auch mit historischen Erfahrungen zu tun. Die Deutschen haben im Zweiten Weltkrieg praktisch keine eigene Besatzungserfahrung gemacht. Sie waren die Besatzer, aber sie haben nicht erlebt, was es bedeutet, von einem genozidalen Besatzungsregime unterdrückt zu werden – einem Regime, das darauf abzielt, Sprache, Kultur, Identität und die eigene Staatlichkeit auszulöschen.

Diese Erfahrung haben Länder wie Polen oder die Ukraine gemacht.

Wir wissen aus der Forschung, dass in vielen dieser Länder während des Zweiten Weltkriegs mehr Menschen unter der Besatzung gestorben sind als durch direkte Kampfhandlungen.

Die Vorstellung, dass mit dem Ende militärischer Kämpfe auch das Sterben endet, ist also falsch.

Wir sehen heute sehr genau, was in der Ukraine passiert. Und dabei geht es noch nicht einmal „nur“ um den Verlust von Freiheit – sondern auch um die Bedrohung von Leben und körperlicher Unversehrtheit.

Und ein weiterer Punkt: Russland sieht sich selbst im Krieg mit ganz Europa, auch mit Deutschland. Deshalb verteidigt die Ukraine nicht nur sich selbst, sondern auch die europäische Sicherheit.

Und das soll man den Menschen klarmachen. Ich versuche das oft so zu sagen: Es geht auch um dich – und um deine Kinder.

In der Ukraine läuft seit Jahren ein Prozess der Dekolonisierung, auch in der Erinnerungskultur. Braucht es einen ähnlichen – wenn auch anderen – Prozess in Deutschland, etwa im Umgang mit sowjetischen Denkmälern? Sollte man die vielleicht auch dekolonisieren, da Russland sie auch als Instrument der Propaganda und Machtdemonstration nutzt?

Absolut. Aber ich glaube, dass vielen Menschen in Deutschland das noch nicht ausreichend bewusst ist.

Die Sowjetunion war ein russisches Kolonialreich. Für viele Ukrainerinnen und Ukrainer ist das heute offensichtlich – in Deutschland fehlt dieses Bewusstsein weitgehend.

Das hängt auch mit einer sehr erfolgreichen sowjetischen Propaganda zusammen: „kolonial“ waren immer die anderen – der Westen, die USA. Die Sowjetunion präsentierte sich selbst als antikolonial, als Vielvölkerstaat der „Völkerfreundschaft“.

In der Realität aber war sie klar hierarchisch organisiert: Die Macht lag in Moskau, die russische Sprache und Kultur waren strukturell privilegiert, und Russifizierung bedeutete faktisch Sowjetisierung.

Dieses Verständnis fehlt in Deutschland noch häufig. Deshalb wird auch nicht ausreichend gesehen, dass die Neubewertung sowjetischer Denkmäler Teil eines Dekolonisierungsprozesses ist.

Das gilt übrigens auch für die Wissenschaft: Selbst unter Historikerinnen und Historikern gibt es noch Widerstände gegen die Einordnung der Sowjetunion als russisches Kolonialreich.

Es braucht hier noch viel analytische Arbeit.

Gleichzeitig ist auf politischer Ebene zumindest ein gewisses Bewusstsein entstanden, dass man der Instrumentalisierung des Zweiten Weltkriegs durch Russland etwas entgegensetzen muss.

Können wir sagen, dass dieser Prozess bereits begonnen hat? Etwa mit der Umbenennung des deutsch-russischen Museums in Berlin-Karlshorst nach dem 24. Februar 2022?

Ja, ich würde sagen: Er hat begonnen.

Heute werden Dinge problematisiert, die früher kaum hinterfragt wurden – in der Wissenschaft, in der Politik und auch in der Gesellschaft.

Aber solche Veränderungen brauchen Zeit. Viele Menschen haben sich über Jahre hinweg ein bestimmtes Russlandbild aufgebaut. Dieses zu hinterfragen bedeutet auch, eigene Fehler und blinde Flecken einzugestehen.

Das betrifft auch mich selbst. Als ich begonnen habe, osteuropäische Geschichte zu studieren, habe ich zunächst Russisch gelernt und vieles nicht grundsätzlich hinterfragt.

Heute ist klar: Um Russland historisch und politisch zu verstehen, muss man den Aspekt des russischen Kolonialismus viel stärker in den Mittelpunkt stellen.

Dieser Prozess hat etwa 2022 deutlich an Dynamik gewonnen, ist aber noch längst nicht abgeschlossen.

Die rote Siegesflagge war lange ein Symbol der Befreiung vom Nationalsozialismus. Heute wird sie von russischen Truppen auf besetzten ukrainischen Gebäuden gehisst. Wie sollte man damit umgehen?

Ich glaube, diese Symbole müssen stärker kontextualisiert werden.

Zum Beispiel wird in Deutschland oft gesagt, der 8. Mai 1945 sei der Beginn von Freiheit und Demokratie in Europa gewesen. Das stimmt aber nicht für ganz Europa.

Für viele Länder in Ostmittel- und Osteuropa bedeutete dieser Tag den Beginn einer neuen Form der Unfreiheit. Polen verlor seine Souveränität, ebenso die baltischen Staaten, und die Ukraine war – bis auf die Westukraine - bereits vor dem Zweiten Weltkrieg unter sowjetischer Kontrolle.

Diese Ambivalenz muss stärker sichtbar gemacht werden – in der politischen Kommunikation ebenso wie in Museen und Gedenkstätten.

Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen: Für die jüdische Bevölkerung war das Vorrücken der Roten Armee tatsächlich eine Befreiung vom nationalsozialistischen Vernichtungsregime.

Und es ist ebenso wichtig zu sagen: Diese Befreiung wurde nicht nur von Russen getragen, sondern auch von Ukrainern, Belarussen, Kasachen und vielen anderen.

Heute wird dieser Sieg oft ausschließlich Russland zugeschrieben – das verzerrt die historische Realität.

Man muss also beides gleichzeitig sehen können: Dankbarkeit für den Sieg über den Nationalsozialismus – und die Erkenntnis, dass für viele Länder danach eine neue Form der Besatzung begann.

Diese Ambivalenz lässt sich nicht in einfache politische Botschaften fassen, aber sie muss thematisiert werden.

Wie könnte eine neue europäische Erinnerungskultur nach dem Krieg Russlands gegen die Ukraine aussehen? Und welche Rolle wird die Ukraine darin spielen?

Die Ukraine muss in dieser Erinnerungskultur sichtbar werden.

Es geht um die Anerkennung dessen, was in der Ukraine geschehen ist – als zentraler Schauplatz des Holocaust, als Ort massiver Gewalt und von Zwangsarbeit. Viele Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Deutschland kamen aus der Ukraine.

Diese Dimension muss stärker in das europäische Gedächtnis integriert werden – gesellschaftlich, politisch und wissenschaftlich.

Russland kann in eine solche gemeinsame Erinnerung erst dann wieder einbezogen werden, wenn der Krieg beendet ist, alle russischen Truppen die Ukraine verlassen haben und es eine klare Verantwortungsübernahme für die begangenen Verbrechen gibt.

Bis dahin ist eine gemeinsame Erinnerung mit Russland nicht möglich.

Vasyl Korotkyi, BERLIN.

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