Die russische umfassende Aggression gegen die Ukraine hat bereits die Vierjahresmarke überschritten und entwickelt sich zunehmend zu einem Abnutzungskrieg, in dem die Ressourcen der Kriegsparteien eine entscheidende Rolle spielen. Weit verbreitet ist die Vorstellung, dass das deutlich „ressourcenstärkere“ Russland in einer solchen Konfrontation einen unbestreitbaren Vorteil habe.
Der österreichische Militärexperte Gustav Gressel warnt jedoch davor, diesen Pessimismus als alternativloses Szenario zu betrachten. Seiner Ansicht nach ist die Behauptung, dass die Ukraine in einem Abnutzungskrieg keine Chance habe zu bestehen, keineswegs ein Axiom.
Der Experte weist auf eine Reihe systemischer Probleme hin, mit denen die russische Armee nach Jahren intensiver Kampfhandlungen konfrontiert ist. Dazu gehören sowohl erhebliche Verluste und die Erschöpfung militärischer Einheiten als auch eine allmähliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Russland. Laut Gressel könnte der kommende Sommer eine Schlüsselphase darstellen. Wenn es den ukrainischen Streitkräften gelingt, die Verluste der russischen Armee weiter zu erhöhen, könnten sich die Probleme für Moskau rasch verschärfen.
In einem Interview mit Ukrinform bewertete Gustav Gressel, der derzeit an der Landesverteidigungsakademie Österreichs – dem wichtigsten intellektuellen Zentrum der Streitkräfte des Landes – tätig ist, die Ergebnisse der Winterkampagne der russischen Truppen sowie mögliche Pläne Moskaus für den Sommer. Er teilte außerdem seine Einschätzung zu den Perspektiven von Friedensverhandlungen und möglichen Sicherheitsgarantien für die Ukraine und kommentierte, wie eine neue Eskalation im Nahen Osten den Krieg Russlands gegen die Ukraine beeinflussen könnte.
Die USA und Israel führen eine Militäroperation gegen den Iran durch, der Iran schlägt zurück – unter anderem mit Angriffen auf Länder in der Region. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung der Lage ein?
Das ist schwer zu sagen, weil die politischen Ziele der USA nicht klar definiert sind. Für Israel ist es einfach, man will das iranische Militärpotential so weit wie möglich schädigen, damit der Iran für längere Zeit keine Bedrohung für Israel ist.
Aber was die USA will ist weniger klar. Das Mullah Regime zu stürzen ist ohne Bodentruppe nicht möglich. Die vollständige Aufgabe des Atomprogramms zu verifizieren ist ohne zumindest zeitlich begrenzte Präsenz am Boden nicht möglich. Doch wer soll die stellen? Für wie lange? Oder wird das überhaupt?
Auch die iranische Strategie ist etwas dubios. Das man amerikanische Stützpunkte am Golf angreift, damit war zu rechnen. Aber britische und französischen Stützpunkte auf Zypern und den Emiraten, die Türkei, Aserbaidschan, Oman? Der Oman war geduldiger Vermittler, auch die Türkei war neutral. Der Iran versammelt damit anfängliche Kritiker der amerikanisch-israelischen Aktion hinter den Reihen Washingtons.
Und wie wird sich diese Eskalation im Nahen Osten auf den russischen Krieg gegen die Ukraine auswirken?
Das kommt sehr darauf an, wie lange sie anhält. Die hohen Ölpreise kommen Putin zu gute. Die erste Welle russischer Aufrüstung wurde durch die hohen Energiepreise nach der Irak Invasion 2003 finanziert, leider konnten wir mit der Epoche hoher Energiepreise nie richtig brechen. Putin fängt schon an die Energiekarte politisch auszuspielen. China und Indien bezogen das meiste Öl aus dem Golf, beide werden sich jetzt an Russland wenden. Das ist keine gute Entwicklung.
Dann freilich wird die Beschaffung von Patriots schwieriger. Erstens weil einiges verschossen wurde, zweitens weil angesichts dauerhaft unsicherer Lage am Golf der langfristige Bedarf der Kunden in der Region steigen wird. Das wird ein Problem im nächsten Kriegswinter. Weder die USA können ihre Produktionskapazität für Patriot schnell genug ausbauen, noch die Europäer mit Aster30.
Die Ukraine ist auch mit FP-5, FP-7 und Hrim-2 noch nicht so weit. Ohnehin, um den nächsten Kriegswinter zu bestehen, hätte die Ukraine etwa ein Viertel der russischen Raketen vor dem Abschuss zerstören müssen. Dieser Prozentsatz wird sich nochmal erhöhen. Das ist ein Problem, erstens wegen der knappen Mittel an Angriffswaffen, zweitens der schnellen Zielaufklärung. Die TEL von Iskandern zu erwischen ist nicht einfach. Die USA und Israel haben im Iran auch zwei Tage gebraucht, um die iranische Fliegerabwehr komplett auszuschalten. Dann konnte man mit Drohnen aus großer Höhe die Fahrzeuge aufklären und eine 24/7 Überwachung sicherstellen. Aber die russische Fliegerabwehr ist leider qualitativ und quantitativ eine andere Nummer, das wird nicht so funktionieren.
Die bewerten Sie die Situation an der Front in der Ukraine? Haben die Russen ihre Winterziele erreicht?
Nein. Die russischen Ziele für den Winter waren, eine gute Ausgangsposition für die Einkesselung von Slowjansk, Kramatorsk und Kostjantyniwka zu bekommen. Da sind sie nicht wirklich weitergekommen. Ein bisschen, aber nicht viel.
Was sich in Kupjansk gezeigt hat, aber jetzt auch im Bereich der 36. Armee, ist, dass die russischen Kräfte bereits stark abgekämpft sind. Dazu kommen eigene organisatorische Probleme. Aus politischen Gründen muss die russische Armee natürlich immer siegreich sein und nach vorne rücken – auch wenn sie das zum Teil nicht tut. In den Lageberichten wird das dann entsprechend geschönt.
Hinzu kommt Korruption: Das Einkassieren von Sold gefallener Soldaten durch höhere Offiziere ist Teil dieses Systems. Deshalb wird auch nie wirklich zugegeben, wie hoch die Personalverluste tatsächlich sind.
Sowohl bei Kupjansk als auch bei den letzten Gegenangriffen im Süden – in der Saporischschja Oblast – zeigte sich, dass die russische Armee dort weniger Personal hatte, als in ihren eigenen Frontberichten angegeben. Eigentlich hätten sie sich dort nicht weiter angreifen, sondern verteidigen sollen. Aber die Befehle lauteten: weiter nach vorne, weiter angreifen. Dadurch wurden sie verwundbar und gerieten in diese Gegenangriffe.
Das ist noch keine Trendwende. Aber es zeigt, dass es bei den Russen eine personelle Obergrenze gibt, die man nicht einfach überschreiten kann. Es zeigt auch, dass Korruption und das Prinzip, immer nur das zu melden, was Putin hören will, und nicht das, was an der Front tatsächlich passiert, Konsequenzen haben.
Wenn es der Ukraine gelingt, über den Sommer die russischen Verluste weiter zu erhöhen, dann wird dieses Problem größer. Dann wird sich im Herbst zeigen, ob die Russen noch Momentum haben oder nicht.
Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptziele der russischen Armee für den Sommer?
Langfristig bleibt das Ziel die Unterwerfung der gesamten Ukraine. Man will die ukrainische Armee so lange erodieren, bis sie zusammenbricht, um dem Land dann einen „Friedensvertrag“ aufzuzwingen, der faktisch eine Kapitulation ist.
Um das zu erreichen, führt Russland einen Abnützungskrieg. In einem solchen Krieg muss die Leistungsfähigkeit der eigenen Armee langsamer abnehmen als die des Gegners. Auch auf ukrainischer Seite ist nach vier Jahren Krieg nicht alles gut – es gibt Verluste, Materialverschleiß, erfahrene Soldaten sind gefallen.
Die entscheidende Frage in einem Abnutzungskrieg lautet: Wer zerbröselt schneller? Der oft geäußerte Pessimismus, die Ukraine habe keine Chance durchzuhalten, ist nicht apodiktisch richtig. Es ist weiterhin offen.
Einige Probleme der ukrainischen Armee könnten über den Sommer gelöst werden, während sich die strukturellen Probleme auf russischer Seite stärker bemerkbar machen. Ich bin vorsichtig optimistisch. Die russische Armee wird weiter angreifen und versuchen, den sogenannten „Festungsgürtel“ im Donbass einzukesseln. Aber das ist ein Jahresprojekt. Das geht nicht schnell.
Die noch offensivfähigen Verbände, die Russland hat, werden eingesetzt. Es wird immer schwieriger, sie wieder zu regenerieren und neu aufzustellen.

Aber die Initiative an der Front liegt weiterhin bei Russland?
Ja, die Initiative ist noch an der russischen Seite, und das wird vermutlich bis zum nächsten Winter so bleiben. Entscheidend wird das Verlustverhältnis sein.
"Bis zum nächsten Winter" – Sie glauben also nicht an Friedensverhandlungen?
Nein, ich glaube nicht an ernsthafte Friedensverhandlungen. Es wird irgendwann Verhandlungen geben, aber die jetzigen sind nicht ernst. Wenn die Russen Medinski schicken, dann braucht man nichts zu erwarten. Wenn sie jemanden anderen schicken, weiß man, dass sie es ernst meinen.
Aber das Grundproblem ist: Putin glaubt, dass er den Krieg noch militärisch gewinnen kann. Solange er das glaubt, wird er keinem substanziellen Frieden zustimmen. Erst wenn ihm die Frontberichte diesen Glauben nehmen, wird sich seine Haltung ändern.
Wie lange wird der Krieg noch dauern?
Ich sehe nicht, dass es in diesem Jahr zu einer grundlegenden Veränderung kommt. Die amerikanische Verhandlungslinie ist nicht konsistent, Russland ist nicht ernsthaft interessiert.
Die Entwicklungen in der ukrainischen Seite und der europäischen Seite, um die Ukraine besser auszustatten, die passieren alle über dieses Jahr.
Zum Beispiel, 2025 produzierte die Ukraine 12.000 Landdrohnen, 2026 werden es 50.000 sein. Interceptor-Drohnen gegen Aufklärungs- und Shaheddrohnen werden effektiver integriert. Diese Entwicklungen wirken sich zunehmend auf das Kräfteverhältnis aus.
Die wirtschaftliche Lage Russlands verschlechtert sich. Es gibt noch Spielräume – Goldreserven, Kredite aus China. Aber wenn diese Optionen erschöpft sind, stellt sich die Frage, wie lange Putin improvisieren kann.
Solange er glaubt, militärisch gewinnen zu können, wird er Ressourcen mobilisieren. Erst wenn dieser Glaube bricht, entsteht echte Verhandlungsbereitschaft.
Um Putins Glauben an einen Axiom schneller zu brechen, braucht die Ukraine auch stärkere Langstreckenfähigkeiten. Ist die Taurus-Frage inzwischen abgeschlossen, oder könnte sich da doch noch etwas bewegen?
Das größte Problem bei Taurus-Lieferungen ist, dass Merz als Kanzlerkandidat sie groß angekündigt hat. Aus russischer Sicht kann das so wirken, als habe man durch Drohungen die deutsche Stimmung verändert. Das schadet der Glaubwürdigkeit.
Taurus ist ein Marschflugkörper und würde der Ukraine helfen. Aber er ist letztlich vergleichbar mit Storm Shadow oder SCALP. Wenn Deutschland einen Ringtausch mit Großbritannien macht und die Ukraine mehr Storm Shadow bekommt, ist das ebenfalls hilfreich.
Das Wichtige für die Ukraine ist, sie braucht verlässliche Munition für Schläge in die russische Tiefe. Die beste Chance, durch die russische Flugabwehr zu kommen, haben ballistische Raketen. Eigentlich wäre es sinnvoll, der Ukraine beim Aufbau eigener ballistischer Fähigkeiten zu helfen und diese in Masse zu produzieren.
In Europa baut faktisch nur die Türkei ballistische Raketen in kurzer Reichweite, Großbritannien hat ein Projekt begonnen. Hier gibt es eine massive Fähigkeitslücke. Man sollte gemeinsam mit der Ukraine diese Lücke schließen und nach dem Krieg solche Raketen auch in Europa bauen – als Abschreckung und als Gegenstück zu „Iskander“.
Und wie sind die Einschätzungen zu „Flamingo“?
Es ist im Grunde ein Marschflugkörper, und das hat Vor- und Nachteile.
Der Vorteil ist natürlich die große Reichweite und ein großer Sprengkopf. Das Problem ist jedoch, dass er sehr groß und schwer ist. Das heißt, er muss relativ hoch fliegen und ist deshalb verwundbar gegenüber Luftverteidigung oder Jagdpatrouillen, etwa MiG-31 oder Su-35.
Es gibt nur wenige Fotoaufnahmen von tatsächlich getroffenen Zielen. Bei manchen Aufnahmen sieht man Treffer im Umland, wo „Flamingo“ anscheinend nicht exakt getroffen hat. Außerdem werden häufig Ziele angegriffen, die sich nicht in Städten befinden – also relativ große Industrieanlagen außerhalb von Städten.
Das hat vermutlich auch einen politischen Grund: damit Putin nicht zu Trump gehen und sagen kann, die Ukrainer bombardieren russische Städte, falls ein Flugkörper daneben geht. Das heißt, es scheint gewisse Probleme mit der Genauigkeit zu geben.
Da stellt sich die Frage, ob die Europäer nicht helfen könnten – etwa durch bessere Steuerungssysteme, die „Flamingo“ präziser machen würden. Denn viele Forschungsinstitute und Rüstungsbetriebe befinden sich in Städten. Und um solche Ziele zu zerstören, muss man sehr präzise treffen.
Noch eine Frage zu Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Glauben Sie, dass Europäer Truppen in die Ukraine schicken werden?
Ich glaube, das ist inzwischen fast eine akademische Diskussion geworden. Denn die sogenannten Backstop-Garantien der Amerikaner gibt es nicht. Ohne diese sind viele Konzepte wenig wert.
Die wichtigste Sicherheitsgarantie für die Ukraine ist derzeit, dass die Europäer die ukrainische Armee unterstützen, diesen Krieg so erfolgreich wie möglich zu führen.
Und nach dem Krieg muss man schauen, wie man gemeinsam Abschreckung organisiert.
Ja, möglicherweise auch durch sogenannte Tripwire-Forces, aber vor allem durch eine gemeinsame verteidigungsindustrielle Zusammenarbeit, eine stärkere Integration von Drohnen und durch nukleares Sharing unter den Europäern – möglicherweise auch mit Beteiligung der Ukraine.
Denn viele Sicherheitskonzepte beruhen noch immer auf der Annahme einer verlässlichen USA als Sicherheitsgarant. Diese Voraussetzung gibt es aber nicht mehr.
Einige Politiker in Europa sagen, Russland müsse solche Garantien zusagen.Das ist eigentlich irrelevant.
Russland hat auch zugesagt, die Ukraine nicht anzugreifen.
Russland hat zugesagt, dass es die NATO-Osterweiterung akzeptiert.
Russland hat zugesagt, seine Truppen aus Moldawien und Georgien abzuziehen.
Russland hat vieles zugesagt. Wenn wir in einer Welt leben würden, in der russische Zusagen eingehalten werden, wäre diese Welt ziemlich friedlich.
Aber das ist nicht die Realität.
Sie haben vorhin Abschreckung erwähnt – aktuell gibt es ja Gespräche über einen gemeinsamen europäischen nuklearen Schutzschirm, Deutschland und Frankreich diskutieren darüber. Wie realistisch halten Sie das?
Technisch wäre das durchaus möglich. Aber politisch ist es in Deutschland schwer durchsetzbar.
Der Grund, warum Macron manchmal so „gamblerhaft“ wirkt, ist, dass er die Russen davon überzeugen muss, dass er im Ernstfall tatsächlich den Knopf drücken würde. So nach dem Motto: I'm crazy enough.
Das Problem ist: In Deutschland – gerade bei nuklearen Fragen – gehen viele sofort einen Schritt zurück und sagen: „Oh nein, bloß nicht eskalieren.“
Bei nuklearer Abschreckung muss man aber tatsächlich bereit sein, mit wenigen Atomwaffen sehr deutlich zu signalisieren, dass man im Ernstfall handeln würde. Der Gegner muss das Gefühl haben: He is crazy enough, er könnte tatsächlich den Knopf drücken.
Und genau das ist mit der deutschen politischen Kultur schwer vereinbar. Technisch oder finanziell wäre so etwas möglich, auch militärisch. Aber politisch ist es schwierig.
Ein deutscher Kanzler, der sich vollständig hinter die französische Nuklearstrategie stellt und diese Kommunikation mitträgt, würde innenpolitisch massive Probleme bekommen – da würde die AfD sofort stark davon profitieren.
Sollten die Europäer auch eigene Gespräche mit Russland für Beendigung des Krieges führen? Die Franzosen haben ja bereits ein Gesandter geschickt.
Ich glaube nicht, dass dabei viel herauskommt.
Im Moment ist eher interessant zu sehen, dass sich die Amerikaner mit diesen Scheingesprächen ein Stück weit lächerlich machen.
Ich würde zunächst militärisch stärker unterstützen und erst dann Gespräche führen, wenn Putin tatsächlich unter Druck gerät und nicht mehr weiterkann.
Dann bekommt man auch Resultate.
Und dann wäre es auch sinnvoll, wenn die Europäer diesen Prozess stärker kontrollieren – und nicht Trump den Russen einfach etwas schenkt. Dann muss man hart bleiben und hart verhandeln.
Aber eben erst dann, wenn der Zeitpunkt sinnvoll ist.
Vor Kurzem war der vierte Jahrestag des Krieges. Was würden Sie den Ukrainern zu diesem Anlass sagen?
Danke.
Vasyl Korotkyi, BERLIN.