Pawlo Palisa, stellvertretender Leiter des Präsidialamtes
Sieg bedeutet, wenn Russland unsere Leute nicht länger töten und unsere Zukunft nicht diktieren kann
25.02.2026 11:00
Pawlo Palisa, stellvertretender Leiter des Präsidialamtes
Sieg bedeutet, wenn Russland unsere Leute nicht länger töten und unsere Zukunft nicht diktieren kann
25.02.2026 11:00

Am 24. Februar jährt sich der Beginn des umfassenden russischen Einmarsches in die Ukraine zum vierten Mal – ein Krieg, der das Land, Europa und die globale Sicherheitsordnung verändert hat. In dieser Zeit hat die Ukraine standgehalten, die Staatlichkeit bewahrt, die internationale Unterstützungskoalition gestärkt und kämpft weiter für die Wiederherstellung der territorialen Integrität und einen gerechten Frieden.

In dem Interview mit Ukrinform betont der stellvertretende Leiter des Präsidialamtes, Pawlo Palisa, dass Russland trotz massiver Angriffe und Anpassung des Feindes keinen Durchbruch hat, der die Konfiguration des Krieges verändern würde. Zu den wichtigsten Antworten der Ukraine gehören die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft und der Streitkräfte, die Modernisierung der Armee, der Ausbau des eigenen Verteidigungsindustriekomplexes und die Stärkung der Partnerschaften.

Ukrinform sprach mit dem stellvertretenden Leiter des Präsidialamtes auch über die Herausforderungen an der Front im Jahr 2026, notwendige Veränderungen in der Armee, Sanktionen gegen Russland und die Rolle von Belarus im russisch-ukrainischen Krieg.

Herr Pawlo, ich schlage vor, Sie beginnen unser Gespräch mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse am Vorabend des 24. Februar. Seit vier Jahren leistet der Ukrainische Staat nach dem großangelegten Einmarsch Russlands Widerstand gegen die russische Aggression. Es war für die Ukraine unerlässlich, solche Streitkräfte aufzubauen, die dank ihrer hochentwickelten Technologie in der Lage wären, den Feind aufzuhalten und zu besiegen. Welche fünf Maßnahmen der militärischen Oberführung waren Ihrer Meinung nach in den vier Kriegsjahren die wirksamsten?

Ehrlich gesagt, würde ich nicht alles auf „fünf Entscheidungen“ begrenzen. Diese Konfrontation ist nicht über Entscheidungen und auch nicht über ein Datum. Es ist ein komplexer, oft schmerzhafter Prozess der ständigen Suche nach Antworten auf Herausforderungen, zu denen man in der modernen Kriegsführung nicht vollständig bereit sein kann. Wir haben standgehalten und kämpfen weiter. Daher würde ich nicht von „fünf Entscheidungen“ sprechen, sondern von einigen zentralen Antworten auf die Herausforderungen des Krieges.

Die erste ist die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft. Der Feind hatte auf einen schnellen Bruch gehofft. Doch die Ukrainer, sowohl Militär als auch Zivilbevölkerung, haben demonstriert, dass sie lange Distanz halten können. Vier Jahre des umfassenden Krieges sind eine beispiellose Herausforderung für jeden Staat. Aber das ukrainische Militär hält nicht nur durch, es passt sich an, lernt, ändert die Taktiken und behält die Initiative. Das lässt sich nicht an einer einzelnen Entscheidung messen, aber das ist eine strategische Antwort auf die Aggression.

Zweitens: die Technologisierung des Krieges. Die Ukraine konnte unbemannte Systeme, digitale Steuerung und Elemente künstlicher Intelligenz sehr schnell in die Kampfprozesse integrieren. Drohnen sind nicht mehr nur eine Ergänzung, sondern ein System geworden. Das hat das Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld verändert und es ermöglicht, die zahlenmäßige Überlegenheit des Gegners auszugleichen.

Drittens: die Fähigkeit unseres Rüstungsindustriekomplexes, unter schwierigen Kriegsbedingungen standzuhalten und die Produktion zu steigern. Trotz Angriffen auf Betriebe, Energieversorgung und Logistik haben wir unsere Kapazitäten nicht nur erhalten, sondern ausgebaut. Zum Stand vom Ende 2025 deckt die Ukraine etwa die Hälfte des Bedarfs der Front in Schlüsselbereichen selbstständig. Das ist ein grundlegender Wandel: Wir sind nicht länger nur Empfänger von Hilfe, sondern entwickeln uns zu einem Hersteller moderner Waffen.

Viertens: Bildung einer stabilen internationalen Unterstützungskoalition. Und hier ist, ohne Übertreibung, der große Verdienst des ukrainischen Präsidenten und des gesamten diplomatischen Korps. Anfang 2022 konnte niemand garantieren, dass die Hilfe systematisch und langfristig sein wird. Heute haben wir ein Format, in dem die Unterstützung nicht episodisch, sondern strukturiert ist: Waffenlieferungen, Finanzierung, Sanktionspolitik.

Es ist die Kombination dieser Faktoren – internationale Unterstützung, heimische Produktion, technologische Kapazitäten und menschliche Widerstandsfähigkeit –, die die Antwort der Ukraine auf die Herausforderung der umfassenden Aggression sind.

Was sind die größten Herausforderungen für das ukrainische Militär im Jahr 2026? Welche Bedrohungen und Trends sind zu erwarten?

Der Gegner setzt auf Masse, auf ständigen Druck und auf Anpassung. Wir sehen, wie schnell sich die Natur der Kriegsführung verändert: Kampfdrohnen, FPV-Drohnen, gelenkte Fliegerbomben, die massiven Luftangriffe. Doch wichtig ist anderes: Trotz dieses Tempos hat der Gegner auf dem Schlachtfeld keine entscheidenden strategischen Erfolge erzielt. Ihm ist kein Durchbruch gelungen, der die Konfiguration des Krieges verändern würde. Und genau das stellt ihn vor ein Dilemma. Wenn es keine Fortschritte im politischen Bereich oder bei den Friedensverhandlungen geben wird, wird Russland wahrscheinlich gezwungen sein, erneut Ressourcen durch Mobilisierung zu beschaffen. Das heißt, der Satz auf Quantität statt Qualität könnte sich verstärken. Für uns bedeutet dies, dass der Krieg intensiv bleiben wird.

Die nächste zentrale Herausforderung ist der Erhalt der Leute. Erschöpfung ist keine Abstraktion. Vier Jahre eines groß angelegten Krieges sind eine enorme Belastung für das Personal. Und die Frage der Rotation und Ausbildung ist entscheidend für die Kampffähigkeit.

Ich möchte den Informationsdruck gesondert hervorheben. Russland arbeitet weiterhin gegen unsere Einheit, gegen die Gesellschaft und gegen die Einheit der Partner. Es versteht, dass die Front nicht nur eine Kontaktlinie ist, sondern auch Vertrauen innerhalb des Staates und zwischen den Verbündeten. Daher bleibt die Informationsdimension ein vollwertiger Bestandteil der Kriegsführung.

Zweifellos hat die Russische Föderation in den vier Jahren des umfassenden Einmarsches bereits einen hohen Preis für jeden Kilometer ukrainischen Bodens bezahlt. Können Sie uns dazu Zahlen teilen?

Offen gesagt, hat Russland einen sehr hohen Preis bezahlt und zahlt ihn weiter jeden Tag. Dabei ist es wichtig, nicht nur die Anzahl der Verluste zu verstehen, sondern auch deren Inhalt.

Russlands Gesamtverluste an Soldaten belaufen sich bereits auf 1,26 Millionen (die größten Verluste seit dem Zweiten Weltkrieg), und die Eroberung eines Kilometers im Jahr 2025 kostete sie 120 Mann. Das sind nicht nur Zahlen. Russland hat seinen Ruf als „zweite Armee der Welt“ verloren. Es hat einen erheblichen Teil seines professionellen Militärpersonals verloren. Es ist von externen Komponentenlieferungen und der Unterstützung anderer autoritärer Regime abhängig geworden. Auch das ist ein Preis.

Was die Wirtschaft betrifft, weist Russland formal noch gewisse makroökonomische Indikatoren auf, doch diese basieren auf der Militarisierung des Haushalts. De facto haben sie die Wirtschaft auf militärische Mobilmachung umgestellt. Das bedeutet steigende Verteidigungsausgaben, sinkende Investitionen im zivilen Sektor und technologische Isolation. Ein solches Modell mag eine Zeit lang funktionieren, schafft aber keine langfristige Stabilität.

Doch wir müssen ehrlich sagen: Trotz dieser Verluste hat Russland nicht aufgegeben. Es passt sich an. Es ändert die Taktik. Es ist bereit, einen hohen Preis für seine imperialen Ambitionen zu zahlen.

Deshalb ist es unsere Aufgabe, nicht einfach nur ihre Verluste zu konstatieren, sondern ihr militärisches Potenzial systematisch so weit auszuschöpfen, bis die Fortsetzung des Krieges für sie strategisch sinnlos wird. Ich möchte jedoch betonen, dass jede noch so kleine Chance, den Krieg auf diplomatischem Wege zu beenden, genutzt werden muss.

Nach dem ersten Arbeitstreffen mit dem neuen Verteidigungsminister Mychyjlo Fedorow stellten Sie fest, dass die wichtigsten Prioritäten vereinbart worden sind und die Grundlage für neue Entscheidungen geschaffen wird, die das gewünschte Ergebnis sichern sollen. Die Ideen des Verteidigungsministers sind von der obersten militärischen Führung des Landes positiv aufgenommen worden. Wie sind sie von den unteren Ebenen des Militärs aufgenommen worden? Gibt es Feedback von den Kommandeuren, und halten sie diese Ideen für zu unrealistisch?

Um den besprochenen Herausforderungen entgegenzuwirken, dürfen wir nicht nachlassen. Umso mehr sind mutige Veränderungen notwendig, um zu siegen. Die Bereitschaft zu unpopulären, aber dringend notwendigen Reformen ist sogar unerlässlich – eine Forderung, die wir heute von den Kämpfern an der Front hören. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber ich denke, wir werden in Kürze von Mychyjlo mehr Details darüber erfahren, wie die neuen Ideen umgesetzt werden sollen.

Was halten Sie von dem Vorschlag, ein Ranking der Kommandeure hinsichtlich ihrer Effektivität einzuführen und Personalveränderungen vorzunehmen? Ist dafür ausreichend Personal vorhanden?

Ob ausreichend Personal vorhanden ist? Ja, es gibt. In der Ukraine ist eine Generation von Militärangehörigen herangewachsen, die seit vier Jahren kämpft und über unschätzbare Erfahrung verfügt. Unsere Aufgabe ist es, sie nicht zu verlieren, sondern ihre Erfahrung richtig einzusetzen.

Die Idee, Effektivität zu messen, ist richtig, doch ein „Ranking“ sollte ein professionelles und kein mediales Instrument sein. Es bedarf klarer Kriterien, die effektive Kommandeure in ihrer Entwicklung fördern und sicherstellen werden, dass Kommandeure verschiedener Ebenen nicht nach subjektiven Kriterien und persönlicher Loyalität (wer wen mag oder nicht), sondern anhand vorhandener Kompetenzen ernannt werden.

Der Minister erklärte, er sei bereit zu unpopulären Maßnahmen. Welche unpopulären Maßnahmen sollten Ihrer Meinung nach zuerst ergriffen werden?

Ehrlich gesagt sind die unpopulärsten Entscheidungen im Krieg stets mit der Mobilmachung und den Grundsätzen der Gerechtigkeit verbunden.

Die Gesellschaft erwartet klare Regeln. Daher sollte die Erneuerung des Dienstverständnisses, die Einführung verständlicher Vertragsmodelle mit festgelegten Dienstzeiten, ein zentraler Punkt sein. Das ist ein komplexes Thema, da es die Interessen verschiedener Bevölkerungsgruppen berührt. Doch gerade Vorhersehbarkeit und Chancengleichheit schaffen ein Gefühl der Gerechtigkeit.

Der Krieg dauert schon lange an. Und wir müssen von Notentscheidungen zu einem systematischen Modell für die Auffüllung der Armee übergehen. Das erfordert Veränderungen.

Ich respektiere die Bereitschaft des neuen Ministers, Verantwortung für diese Schritte zu übernehmen. Ich möchte wiedermal nichts vorwegnehmen, aber ich denke, er wird bald neue Ansätze präsentieren.

Angesichts der Probleme, mit denen die Ukraine im vergangenen Jahr bei Waffenlieferungen und militärischer Ausrüstung aus den USA konfrontiert war, wäre es da nicht ratsam, die Käufe in Europa allmählich zu erhöhen?

Diversifizierung ist ein Stabilitätsfaktor. Ja, wir sehen in der Tat in letzter Zeit ein allmähliches „Erwachen“ Europas hinsichtlich Investitionen in die eigene Produktionskapazität. Und was wir noch nicht selbst produzieren können, bekommen wir besser von unseren engsten Partnern. Je mehr Produktion in Europa, je mehr gemeinsame Projekte, desto weniger anfällig sind wir für politische Schwankungen. Trotz allem bleiben die USA ein wichtiger Partner, sowohl was die Waffensysteme als auch den Umfang der Lieferungen bestimmter Waffentypen, insbesondere von Luftverteidigungssystemen, betrifft.

Warum wagen es unsere Partner Ihrer Meinung nach immer noch nicht, den Luftraum zumindest über der Westukraine zu schließen? Würde die Russische Föderation, abgesehen von politischen Erklärungen, tatsächlich einen Nato-Staat angreifen?

Eine schwierige Frage, die man den Partnern stellen sollte. Ehrlich gesagt fürchten viele Partner einen direkten Kriegseintritt. Meine Position ist einfach: Der beste Weg, das Risiko eines großen Krieges in Europa zu verringern, ist, Russlands Niederlage offenkundig zu machen.

Wann wird es möglich sein, die „Kill Zone“ so zu vergrößern, dass der Feind nicht mehr so leicht in kleinen Angriffsgruppen infiltrieren kann?

Es ist wichtig hier, den Begriff richtig zu verstehen. Eine „Kill Zone“ ist nicht nur ein einzelner Bereich in einem bestimmten Gebiet, sondern ein ganzes Ökosystem: Aufklärung, Erkennung, schnelle Entscheidungsfindung, Vernichtung und Kontrolle der Folgen.

Sie dehnt sich stetig aus. Vor allem dank der Fähigkeiten von unbemannten Systemen. Geht das schnell genug? Wenn der Feind sich anpasst, auf kleine Angriffsgruppen, auf Konzentration oder Infiltration umstellt, dann bedeutet das nicht genug. Und hier gibt es noch viel zu tun. Meiner Meinung nach muss man, um am „kleinen“ Himmel zu dominieren, aktiver gegen feindliche Piloten vorgehen. Lösungen werden bereits entwickelt, aber konkrete Parameter und Fristen werden nicht öffentlich diskutiert.

Wie beurteilen Sie die Wirksamkeit von Informations- (Desinformations-)Operationen auf feindlichem Gebiet?

Die Wirkung ist vorhanden, aber sie führt nicht sofort zu Ergebnissen. Informationsbeeinflussung wirkt auf große Distanzen: durch Vertrauen in die Behörden, durch Mobilisierung, durch die Bereitschaft, einen Preis zu zahlen. Gleichzeitig verfügt die Russische Föderation über einen mächtigen Zensur- und Repressionsapparat, daher sollte man keine schnellen, „explosiven“ Ergebnisse erwarten. Entscheidend sind systematisches Vorgehen, Wahrheit und die präzise Ansprache der sozialen Schwächen des Gegners.

Wie wirkte sich die Abschaltung von Starlink für die Russen auf die Lage an der Front aus?

Ich wäre vorsichtig mit voreiligen Aussagen, und selbst Statistiker in Russland wissen nicht viel. Jegliche Kommunikationsbeschränkungen verringern die Effizienz der Drohnensteuerung und die Koordination der Einheiten. Das ist eine Tatsache. Und hier ist ein Dank an Mychajlo Fedorow für die Initiative und an Elon Musk für die Reaktion. Aber der Gegner sucht nach Alternativen. Er passt sich an. Daher sollte man keinen „Wundereffekt“ erwarten. Dies ist ein Element des Kampfes im Spektrum von Kommunikation und Verwaltung.

Der heutige Krieg ist ein Kommunikationskrieg. Und wer die stabilere Verwaltung hat, ist im Vorteil.

Bildet Russland neue Militärbezirke – wo und wie viele?

Die Russische Föderation hat noch 2024 die Struktur erneuert bzw. umstrukturiert und die Militärbezirke Leningrad und Moskau geschaffen. Das wird aber eher als Stärkung des Kurses gegen die Nato dargestellt. Wohlgemerkt mehr als psychologische. Einen Bezirk auf dem Papier zu schaffen, ist das eine. Ihn mit ausgebildetem Personal, Ausrüstung und Logistik aufzufüllen, ist etwas ganz anderes. Außerdem bedarf es noch Zeit, bis die gebildeten Einheiten noch kampffähig werden. Erwähnenswert sind hier die von den Russen für 2025 gesetzten Ziele zur Aufstellung von 15 neuen Divisionen, von denen bisher nur vier tatsächlich gebildet worden sind. Doch selbst diese verfügen formal nur über begrenzte Kapazitäten, da sie aufgrund erheblicher Verluste an der Front nicht ausreichend mit Soldaten aufgefüllt werden können.

Der Präsident erklärte, es bestünden Risiken, Belarus in den Krieg hineinzuziehen. Was ist Ihrer Meinung nach strategisch wichtiger für Russland: das belarussische Territorium als Aufmarschgebiet für Angriffe zu nutzen oder die belarussische Armee in den Krieg einzubeziehen, um eine neue Front zu eröffnen?

Für Putin ist es bequemer, das belarussische Territorium als bequemes Gebiet für Druckausübung und die Stationierung von Raketen zu nutzen. Aber es werden die Korridore für die Schaheds (Kamikaze-Drohnen – Red.) bereits aktiv genutzt, unter anderem mithilfe von Kommunikationstürmen zur Steuerung von Drohnen.

Ein direkter Einsatz der belarussischen Armee birgt Risiken für Lukaschenko und ist ein fraglicher militärischer Wert. Diese Drohung wird jedoch als Druckmittel und zur Erpressung missbraucht.

Sie stehen regelmäßig im Dialog mit den Botschaftern der Partnerländer. Inwieweit ist das Thema Belarus und der mögliche Einsatz des Oreschnik-Komplexes Gegenstand dieser Gespräche, und sehen die Partner darin eine regionale Bedrohung für die Ukraine oder schon als einen Faktor der europäischen Sicherheit?

Ja, dieses Thema ist regelmäßig Gegenstand von Gesprächen und unseren Briefings. Botschaftsvertreter erkundigen sich nach den Details der Stationierung von „Oreschnik“ auf belarussischem Territorium. Die Partner verstehen sehr wohl, dass die Stationierung eines solchen Trägersystems für Atomsprengköpfe auf belarussischem Gebiet darauf abzielt, sie, vor allem unsere westlichen Partner in Europa, zu bedrohen.

In Ihrem Beitrag vom 10. Februar erwähnten Sie, dass Sie mit den Partnern ausführlich über die Verwendung ausländischer Teile in russischen Raketen und mögliche Sanktionslösungen gesprochen haben. Was können die Ukraine und die Partner tun, um die Waffenproduktion der Russischen Föderation zu erschweren?

Das ist ein sehr wichtiges Thema. Die russische Militärmaschinerie ist in hohem Maße von importierten Komponenten abhängig – Mikroelektronik, Optik, Werkzeugmaschinen. Daher ist der effektivste Weg nicht nur allgemeine Sanktionen, sondern auch die gezielte Kontrolle der Lieferketten, Sekundärsanktionen und die Synchronisierung der Exportkontrollen. Das ist eine schwierige Arbeit, aber sie bringt Ergebnisse: Einige Lieferketten brechen zusammen, und sie sind gezwungen, nach alternativen Wegen zur Lieferung zu suchen. Oftmals müssen die vorhandenen Komponenten durch minderwertige ersetzt werden, manche Teile können sie gar nicht mehr ersetzen. Je schwieriger es für Russland wird, Präzisionswaffen herzustellen, desto geringer sind die Möglichkeiten für Großangriffe.

Erinnern Sie sich an den 24. Februar 2022? Welche Emotionen, Gefühle hatten Sie damals?

Ja, ich erinnere mich sehr gut. Ich war damals in den Vereinigten Staaten und studierte am US Army Command and Staff College. Es war ein professionelles Programm mit intensiver Ausbildung in Einsatzplanung und modernen Kriegsführungsansätzen. Ich blieb die ganze Nacht wach. Meldungen, Anrufe, Neuigkeiten. Die Entscheidung zur Rückkehr fiel sofort. Ich zögerte keine Sekunde. Ich bin Soldat der ukrainischen Armee. Mein Platz ist in der Ukraine. Doch die Rückkehr gestaltete sich nicht so einfach. Die amerikanische Seite wollte mich natürlich nicht sofort gehen lassen. Es handelte sich um offizielle Programme, es gab bestimmte Verfahren. Mir wurde gesagt, dass eine offizielle Anfrage des Oberbefehlshabers der ukrainischen Streitkräfte nötig sei. Ich erinnere mich, dass ich dachte: Woher sollte ich in den ersten Tagen eines groß angelegten Krieges so eine Anfrage bekommen? Wer hat denn jetzt schon die Möglichkeit, offizielle Schreiben aufzusetzen? Also fing ich einfach an zu telefonieren. Über Bekannte, über Kontakte. Endlich fand ich die Nummer des Befehlshabers der Landstreitkräfte. Ich erklärte ihm die Situation. Ich sagte, dass ich zurückkehren müsse. Und von da an wurde die Angelegenheit schneller geklärt. Es war ein Moment vollkommener Klarheit. Keine Angst, keine Panik – sondern ein Gefühl der Pflicht. Wenn du verstehst, dass du nicht einfach warten kannst. Ich hatte keine Ahnung, wie die Zukunft aussehen würde, aber ich wusste mit Sicherheit, dass ich in die Ukraine musste.

Jeder Krieg, egal wie lange er dauert, bringt Tod, Zerstörungen, Verluste, Erschöpfung, und zudem ein solcher, den Millionen ukrainischer Bürger heute erleben müssen. Was würde für Sie persönlich, für Ihre Familie, angesichts Ihrer familiären Militärtradition, ein Sieg über den Aggressor bedeuten?

Der Sieg ist kein emotionaler Zustand und kein „ein Tag“. Er ist ein Zustand, in dem Russland unsere Leute nicht länger töten und unsere Zukunft nicht mehr diktieren kann. Er bedeutet Sicherheitsgarantien, eine starke Armee, Gerechtigkeit für Verbrechen und die Rückholung unserer Leute – Gefangene, deportierte Kinder. Für die Familien eines Militärs, wie letztlich auch für die Familien von Zivilisten, bedeutet er vor allem eines: dass Kinder aufwachsen, ohne dass der Lärm von Luftschutzsirenen zum Alltag gehört. Und dass der Preis, den die Ukraine zahlt, zu einem dauerhaften Frieden führt und nicht zu einer Pause vor einem neuen Krieg.

Das Gespräch von Switlana Tkatschuk

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