Martin Jäger, Deutscher Botschafter in der Ukraine
Ich wünsche mir, dass in meiner Amtszeit die Ukraine den Sieg erringt - und wir gemeinsam ein großes Stück in Richtung Brüssel gehen
24.11.2023 10:52

Der deutsche Botschafter in der Ukraine, Martin Jäger, erklärte fast unmittelbar nach seiner Ankunft in Kyiv, dass er hier sei, um der Ukraine zum Sieg zu verhelfen und die deutsch-ukrainische strategische Partnerschaft aufzubauen.

In einem Interview mit Ukrinform erzählte der Diplomat, was Deutschland dafür tut, was Boris Pistorius meinte, als er über die Möglichkeit eines Krieges in Europa sprach, wann die Ukraine das Patriot-System erhalten wird, wie wirksam das 12. Sanktionspaket gegen Russland sein wird und wie sich der Krieg in Kyiv anfühlt.

WIR GEBEN KEINE RATSCHLÄGE ZUM VORGEHEN AUF DEM SCHLACHTFELD

Herr Botschafter, beginnen wir mit dem Artikel des Oberbefehlshabers Walerij Salushnyj für den „Economist“ hinsichtlich der Situation an der Front. Er löste in der Ukraine eine große Resonanz aus und wurde zu einer kalten Dusche für manche Ukrainer. Und wie wurde er in Deutschland aufgenommen? Wie unerwartet war die Einschätzung der Lage an der Front durch den Oberbefehlshaber für die deutsche politische Szene?

Die ukrainischen Streitkräfte haben seit vergangenem Februar Herausragendes geleistet. Sie haben erfolgreich die Freiheit und Unabhängigkeit Ihres Landes verteidigt, sie verteidigen auch die Sicherheit Europas.

Wir haben sehr großes Zutrauen in die Leistungen und die Kampfkraft der ukrainischen Streitkräfte. Was wir Deutsche nie tun: wir kommentieren nicht öffentlich die Lage auf dem Schlachtfeld und geben dazu keine Ratschläge.

Selbstverständlich habe ich den Artikel von Herrn General Salushnyi gelesen, und ich denke, er legt eine umfassende Analyse vor, zeigt dabei vor allem die Wege auf, wie aus der Situation, die er beschreibt, herauszukommen ist.

Ist dieser Artikel zu einem Diskussionsthema in der deutschen Politik geworden?

Wir diskutieren in Deutschland intensiv über unsere Unterstützung für die Ukraine. Für sie gibt es weiterhin eine sehr große Mehrheit bei uns. Die Bundesregierung führt aber keine öffentliche Debatte über die Kriegsaussichten und die Lage auf dem Schlachtfeld. Sehr intensiv wird die Frage diskutiert, wie wir die Ukraine in der Zukunft noch besser unterstützen können.

Neulich gab der deutsche Verteidigungsminister bekannt, dass Deutschland plant, die Militärhilfe für die Ukraine im nächsten Jahr von 4 Milliarden auf 8 Milliarden Euro zu verdoppeln. Ist es möglich, dass das Verzeichnis der Waffen überarbeitet wird, die Deutschland der Ukraine insbesondere im Zusammenhang mit unseren neuen Bedürfnissen liefern will und über die Oberbefehlshaber Salushnyi gesprochen hat?

Wir sprechen mit unseren ukrainischen Partnern und Freunden darüber, welche Unterstützung benötigt wird. Die angekündigte Erhöhung der Mittel auf die Höhe, auf die Sie anspielen, ist derzeit Gegenstand der parlamentarischen Beratung zu unserem Haushaltsgesetz.

Der Entscheidung des Parlamentes kann ich allerdings nicht vorgreifen. Warten wir ab, wie das Parlament, der höchste Souverän, entscheiden wird. In jedem Fall bin ich zuversichtlich, dass wir unser sehr hohes Niveau der Unterstützung der Ukraine werden aufrechterhalten können.

In dieser Woche war der Bundesminister der Verteidigung, Boris Pistorius, in Kyiv und hat ein weiteres großes Hilfspaket für die kommenden Jahre zugesagt. Damit stärken wir besonders die Luftverteidigung, außerdem wird zusätzliche Artilleriemunition geliefert.

Welche Bedürfnisse werden von der ukrainischen Seite auf dieser Etappe an Deutschland herangetragen?

Diese Diskussionen führen wir nicht öffentlich, aus guten Gründen. Wir orientieren uns an den Bedarfen der Ukraine. Die Luftverteidigung ist dabei selbstverständlich immer Gegenstand der Diskussion. Hier sind die Bedarfe weiter sehr groß, hierauf werden wir auch in Zukunft unser besonderes Augenmerk richten.

Sie haben bereits gesagt, dass Deutschland der Ukraine zum jetzigen Zeitpunkt keine weittragenden Taurus-Raketen liefern wird. Könnten Sie bitte klarstellen, ob diese Frage von der Tagesordnung der deutschen Regierung gestrichen, auf Eis gelegt, abgeschlossen oder diskutiert wird?

Wir haben uns zu dieser Frage eng mit unseren ukrainischen Freunden ausgetauscht, und ich kann all dem nichts hinzufügen.

WIR ACHTEN SORGSAM DARAUF, DASS DIE ZUR VERFÜGUNG GESTELLTEN MITTEL AUCH SO VERWENDET WERDEN, WIE ES VORGESEHEN IST.

Sie haben kürzlich mitgeteilt, dass Deutschland plant, der Ukraine bis Ende des Jahres zusätzlich zu den drei bereits gelieferten IRIS-T-Luftabwehrsystemen zwei weitere zu liefern.

Gleichzeitig wurde zuvor berichtet, dass die deutsche Regierung plant, in diesem und im nächsten Jahr sechs IRIS-T-Systeme zu liefern. Ist es möglich, ihre Zahl aufzustocken oder wird die Gesamtzahl nicht geändert?

Es befinden sich aktuell schon 4 von Deutschland gelieferte IRIS-T-Systeme vor Ort. Der Minister hat bei seinem Besuch angekündigt, dass wir in den kommenden Jahren weitere Systeme liefern werden.

US-Botschafterin Bridget Brink sagte kürzlich gegenüber amerikanischen Medien, dass ein Drittel des Personals der Botschaft die Verwendung der US-Hilfe für die Ukraine kontrolliert. Wie achtet Deutschland darauf, dass die von Deutschland geleistete Hilfe angemessen verwendet wird?

Wir achten sorgsam darauf, dass Mittel, die Deutschland zur Verfügung stellt, so verwendet werden, wie es vorgesehen ist. Wir haben den Eindruck, dass die ukrainischen Partner mit der Unterstützung, die sie von Deutschland bekommen, verantwortungsvoll umgehen.

Wie transparent geht die ukrainische Seite vor?

Ich kann nur wiederholen, wir kooperieren mit der ukrainischen Seite sehr eng und vertrauensvoll und da, wo es Dinge zu besprechen gibt, machen wir das im direkten Kontakt mit unseren ukrainischen Partnern.

NIEMAND IN DEUTSCHLAND HIELT EINEN KRIEG IN EUROPA FÜR MÖGLICH, ABER DIE REALITÄT IST LEIDER ANDERS

Verteidigungsminister Pistorius hat kürzlich die Möglichkeit eines Krieges in Europa zum Ausdruck gebracht. Wie ist diese Aussage in der Ukraine zu verstehen? Bedeutet das, dass er nicht glaubt, dass der Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, in Europa stattfindet?

Nein, das hat Boris Pistorius damit sicher nicht gemeint. Uns ist sehr bewusst, dass der Krieg in Europa schon längst stattfindet, nämlich hier in der Ukraine.

Worauf Boris Pistorius zielte, ist die Tatsache, dass Deutschland sich besser einzustellen hat auf die Situation, dass Krieg in Europa wieder Realität geworden ist. Das tun wir, indem wir die Ukraine militärisch unterstützen, in einem Ausmaß, wie wir das in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie getan haben. Das tun wir auch, indem wir das Zwei-Prozent-Ziel der NATO erfüllen werden. Worauf Pistorius aber besonders abzielte, ist ein Mentalitätswandel in Deutschland.

In Deutschland hat man Krieg seit dem Mauerfall nicht mehr für möglich gehalten, die Realität heute ist aber eine andere. Darauf müssen Deutschland und die Bundeswehr sich vorbereiten.

Heißt das nicht, dass Herr Minister eine Niederlage der Ukraine im Krieg mit Russland zulässt?

Nein, überhaupt nicht. Unser Ziel ist ein Sieg der Ukraine.

Die Ukraine bereitet sich derzeit auf den „schlimmsten Winter in der Geschichte“ vor, wie unser Minister Kuleba sagte. Glaubt man in Deutschland auch, dass dieser Winter viel schwieriger sein wird als der vorherige? Welche Art von Hilfe können wir von deutscher Seite erwarten? Ist die Ukraine an Deutschland herangetreten, um Luftverteidigungssysteme für den Winter zum Schutz von Energiesystemen anzumieten?

Die Lage im Winter wird jetzt möglicherweise sehr schwierig werden. Die ukrainische Seite hat das Mögliche getan, um sich auf diese Situation vorzubereiten, und wir haben bei diesen Vorbereitungen geholfen. Über unsere Unterstützung bei der Luftverteidigung habe ich schon gesprochen. Zusätzlich zu den genannten IRIS-T Systemen wird hier über den Winter ein weiteres Patriot System aus Deutschland im Einsatz sein.

Wir haben außerdem umfangreiche finanzielle Unterstützung geleistet, um das ukrainische Energienetz auf den Winter vorzubereiten.

Und hat die ukrainische Seite um Hilfe bei der Lieferung von Generatoren oder anderen Energieanlagen gebeten, die im letzten Winter zerstört wurden?

Ja, wir haben viele Generatoren geliefert und andere Unterstützung geleistet. Dadurch haben wir einen großen Unterschied machen können. Wir haben 200 Millionen Euro in den Energy Support Fund für beide Jahre insgesamt eingezahlt und sind damit der größte einzelne Beitragszahler. Die Gesamtunterstützung für den vergangenen Winter inklusive Generatoren beträgt 260 Millionen Euro und für dieses Jahr, für diesen Winter werden wir auf rund 300 Millionen kommen.

DEUTSCHLAND UNTERSTÜTZT DEN EU-BEITRITT DER UKRAINE AUS VOLLEM HERZEN

Die Ukraine rechnet damit, dass der Europäische Rat auf dem Dezember-Gipfel den Beschluss zur Aufnahme von Verhandlungen mit der Ukraine billigt, gleichzeitig sehen wir jedoch bereits Proteste in einigen Ländern, die fordern, den Zugang ukrainischer Produkte zu ihren Märkten zu beschränken. Sollten wir erwarten, dass deutsche Hersteller während der Beitrittsgespräche auch Bedingungen für die Ukraine stellen werden? Betrachten sie die ukrainischen Hersteller in irgendeiner Weise als Konkurrenten auf dem deutschen Markt?

Deutschland unterstützt den EU-Beitritt der Ukraine aus vollem Herzen. Die Ukraine ist Teil Europas, und sie gehört in die EU.

Wir sehen in dieser Mitgliedschaft große Chancen für beide Seiten. Was die wirtschaftliche Zusammenarbeit angeht, denken wir, dass eine ukrainische Mitgliedschaft in der EU gerade für Deutschland und für die Ukraine große Vorteile haben wird.

Wir haben sowohl von Polen als auch von Frankreich gehört, dass sie den Beitritt der Ukraine zur EU unterstützen. Gleichzeitig wollen die französischen Hühnerproduzenten kein ukrainisches Geflügel auf ihrem Markt sehen, und die polnischen Spediteure haben die Grenzen zur Ukraine inzwischen gesperrt. Kann es in diesem Sinne zu Überraschungen aus Deutschland kommen?

Ich kann nur für Deutschland sprechen. Ich sehe solche Hindernisse nicht. Bei der ersten EU-Erweiterung 2004 gab es in Deutschland große Sorgen, was die Arbeitnehmerfreizügigkeit angeht, es wurde damals hitzig und kontrovers diskutiert. Solche Debatten haben wir heute überhaupt nicht.

Wir sehen die künftige Mitgliedschaft der Ukraine nicht nur als eine strategische Notwendigkeit, sondern auch als eine große wirtschaftliche Chance.

Ich beobachte das Interesse deutscher Firmen, hier zu investieren, weil sie in einem zukünftigen EU-Mitgliedstaat investieren.

Was wird Deutschland von der Mitgliedschaft der Ukraine in der EU außer einem neuen Markt gewinnen?

Sehr viel. Wir können uns zahlreiche Felder der Zusammenarbeit vorstellen. Es ist für deutsche Unternehmen attraktiv, hier zu produzieren, und die Ukraine ist ein großer Markt.

Als ein mögliches Feld intensiver Zusammenarbeit nenne ich die Erneuerbaren Energien, da werden wir in Zukunft sicher zusammen wichtige Dinge tun. Weitere Beispiele ließen sich anfügen. Deutschland und deutsche Unternehmen werden beim Wiederaufbau der Ukraine eine führende Rolle spielen.

DIE ZAHLEN DER UNTERSTÜTZUNG LASSEN MICH SEHR ZUVERSICHTLICH SEIN, DASS DEUTSCHLAND AUCH IN DER ZUKUNFT AN DER SEITE DER UKRAINE STEHEN WIRD.

Die Soziologie zeigt, dass die Unterstützung für linksextreme und rechtsextreme Parteien mit einer pro-russischen Haltung in der deutschen Gesellschaft zunimmt, die für eine Verringerung der militärischen Unterstützung der Ukraine eintreten und sich gegen die Verhandlungen über den EU-Beitritt der Ukraine aussprechen. Inwieweit kann dies die Position Deutschlands zur Ukraine beeinflussen?

Es gibt auch in Deutschland Menschen, die die Unterstützung der Bundesregierung für die Ukraine kritisch sehen. Wenn Sie das an Zahlen festmachen wollen, dann ist es aber sicher nicht mehr als ein Fünftel der Wähler. Das heißt im Umkehrschluss, dass 80 % der Wählerinnen und Wähler in Deutschland die Zusammenarbeit mit der Ukraine unterstützen. Das sind Kräfteverhältnisse, die mich zuversichtlich sein lassen, dass Deutschland auf lange Zeit an der Seite der Ukraine stehen wird.

Die ultrarechte Partei „Alternative für Deutschland“ gewinnt bei den Kommunalwahlen in vielen Bundesländern über 30 % der Stimmen. Ist das eine Bedrohung für die Ukraine?

Ich werde hier nicht die deutsche Innenpolitik kommentieren. Sie müssen sich aber die absoluten Zahlen betrachten. Am Ende entscheidet der Deutsche Bundestag über die Unterstützung der Ukraine. Dort sind die Mehrheiten sehr eindeutig.

Inwieweit beeinflusst Russland zurzeit die deutsche Agenda?

Russland versucht, massiv Einfluss zu nehmen auf die öffentliche Meinung, das ist richtig. Wir arbeiten konsequent gegen diese Versuche, indem wir den Menschen Fakten präsentieren und immer die Wahrheit auf den Tisch legen.

Ich kann nur festhalten, dass es nach weit über 600 Tagen Krieg in Deutschland eine überwältigende Mehrheit für die heutige und zukünftige Unterstützung der Ukraine gibt.

Die Ukraine kann sich auf Deutschland verlassen.

WIR GLAUBEN, DASS DIE SANKTIONEN GEGEN RUSSLAND SCHMERZHAFT SIND UND EINE WIRKUNG HABEN

Die EU könnte diese Woche ein neues 12. Sanktionspaket gegen Russland ankündigen. Es beinhaltet Beschränkungen in Höhe von insgesamt 5 Milliarden Euro. Wie spürbar wird dieses für Russland sein Paket, Ihrer Meinung nach?

Wir haben eng an der Vorbereitung dieses Sanktionspaketes mitgewirkt. Ich bin überzeugt, wenn das 12. Sanktionspaket verabschiedet ist, wird auch dieses Paket eine spürbare, für Russland schmerzhafte Wirkung entfalten. Wir halten es für wichtig, dass der Druck auf der Sanktionsseite aufrechterhalten wird.

Die G7-Außenminister haben auf ihrem zweitägigen Treffen in Tokio auch ihre Entschlossenheit bekräftigt, den Sanktionsdruck auf Russland zu erhöhen. Wie wahrscheinlich ist es, dass dieser Druck erhöht wird, um Russlands Raketenprogramm einzuschränken und Sanktionen gegen „Rosatom“ zu verhängen?

Wir setzen darauf, dass unsere Sanktionspakete in ihrer Gesamtheit den Druck auf Russland hochhalten und ihre Wirkung tun.

Wir glauben, dass das, was wir verabschiedet haben, für Russland schmerzhaft war, und dass es weiter seine Wirkung entfalten wird.

Ist Deutschland an der Ausarbeitung einer gemeinsamen rechtlichen Lösung der EU dahingehend beteiligt, wie die Zinsen auf eingefrorene russische Vermögenswerten zur Unterstützung der Ukraine verwendet werden könnten?

Wir beschäftigen uns gemeinsam mit unseren europäischen Partnern intensiv mit dieser Frage. Denn es ist kein Geheimnis, dass der Großteil dieser Gelder in Europa liegt.

Das ist aber keine Frage, über die Deutschland alleine entscheiden kann, sondern das müssen und werden wir in enger Abstimmung mit unseren europäischen Partnern tun.

Wir müssen dabei in Auge behalten, dass es sich um rechtlich überaus komplexe Fragen handelt. Was hier auf den Weg gebracht wird, muss am Ende auch vor Gerichten Bestand haben. Darüber sind wir in engem Austausch mit unseren europäischen Partnern, aber natürlich auch mit den Vereinigten Staaten.

Die Europäische Kommission will diese Lösung bis Ende des Jahres finden. Inwieweit ist das realistisch?

Wir sind im Gespräch miteinander und arbeiten an der Lösung.

ETWA 800 UKRAINER KOMMEN PRO MONAT NACH DEUTSCHLAND

Kommen immer noch ukrainische Flüchtlinge in Deutschland an?

Momentan beobachten wir keinen Strom von Flüchtlingen aus der Ukraine. Wir stellen aber fest, dass nach wie vor Ukrainerinnen und Ukrainer nach Deutschland kommen, vor allem wohl aus Polen. Im Monat sind das geschätzt aktuell etwa 800.

Inzwischen leben über eine Million Ukrainer in Deutschland. Wir haben sie sehr herzlich aufgenommen. Sie sind in Deutschland willkommen, wir unterstützen sie nach besten Kräften.

Diese Menschen stellen auch ein großartiges Kapital für die Zukunft dar, denn sie werden in der Zukunft eine Brücke zwischen Deutschland und der Ukraine sein. Nehmen Sie alleine die Tatsache, dass 200 000 ukrainische Kinder in Deutschland in die Schule gehen, dort Deutsch lernen und mit unserem Land sehr vertraut werden. Das wird unsere zukünftige Zusammenarbeit nicht nur in der Wirtschaft, auch in der Kultur und in anderen Bereichen beflügeln.

Die deutschen Behörden haben kürzlich angekündigt, die Sozialleistungen für alle Flüchtlinge ab 2024 zu kürzen und die Empfänger dieser Leistungen zu verpflichten, möglichst schnell eine Arbeit zu finden. Wie ist die Situation in diesem Sinne bei Flüchtlingen aus der Ukraine?

Die ukrainischen Flüchtlinge in Deutschland erhalten heute de facto die gleichen Sozialleistungen wie die einheimische Bevölkerung, die bedürftig ist. Das halten wir für gerechtfertigt. Worüber im Augenblick diskutiert wird, ist die Frage, ob es Bereiche gibt, wo man diese Leistungen anpassen muss.

Ein kleines Beispiel dafür: Wenn jemand in der Gemeinschaftsunterkunft lebt, bezieht er dort Elektrizität, dann braucht man nicht zusätzlich Unterstützungsleistung für Strom.

Die Menschen aus der Ukraine können sich aber darauf verlassen, dass sie in Deutschland weiterhin angemessen unterstützt werden.

Wie viele Ukraine haben bereits Arbeit? Wie viel Geld gibt die deutsche Regierung für den Unterhalt von Flüchtlingen aus der Ukraine aus?

Von denen, die erwerbsfähig sind, haben im Augenblick knapp 20% eine Beschäftigung. Das kann auch damit zusammenhängen, dass 60% der Ukrainer noch an Sprach- und Integrationskursen teilnehmen. Das ist per se eine gute Sache, denn es erlaubt diesen Menschen dann auf qualifiziertem Niveau in den Arbeitsmarkt einzusteigen.

Im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung für die Leistungen der Ukrainer in Deutschland 2 Milliarden Euro ausgegeben, dieses Jahr erwarten wir 2,75 Milliarden Euro.

Das sehen wir als Teil unserer großen Gesamtunterstützung für den Freiheitskampf der Ukraine.

DER KRIEG IST IN KYIV PRÄSENT, ABER ER WIRD ANDERS EMPFUNDEN ALS IN ANDEREN REGIONEN

Herr Botschafter, Sie arbeiten seit vier Monaten in Kyiv, wie extrem sind Ihre Arbeitsbedingungen?

Das Leben und die Arbeit hier sind intensiv. Ich bin aus tiefer Überzeugung hergekommen und arbeite überaus gerne mit unseren ukrainischen Partnern zusammen. Wir haben fordernde, gemeinsame Aufgaben zu erfüllen, wir teilen wichtige Interessen. Es ist mir eine Ehre, dass ich zur Erreichung dieser großen Ziele meinen Beitrag leisten darf. Mit mir ist meine Frau in die Ukraine gekommen. Das zeigt, dass wir es auch persönlich ernst meinen mit unserer Unterstützung für das Land. Wir sind beide wirklich gerne hier.

Ich bewundere alle Ukrainer, mit denen ich zu tun habe, gerade auch die ukrainischen Kolleginnen und Kollegen bei uns in der Botschaft. Was sie leisten und aushalten, ist auch uns ein Beispiel.

Die Ukrainer tragen eine große Last, und wenn die Menschen hier damit klarkommen, dann tun wir Diplomaten das auch.

Ich schätze die Arbeit und das Leben in Kyiv, weil ich viele faszinierende, engagierte und kluge Menschen treffe, die für Ziele kämpfen, die auch unsere sind.

Wie unterscheiden sich Arbeitsbedingungen in Kyiv von anderen Hauptstädten, in denen Sie früher gearbeitet haben?

Ich war zuletzt Botschafter im Irak. Das Leben in einer Krisensituation ist mir vertraut. Vor zehn Jahren war ich auch Botschafter in Afghanistan. Damit sollten wir die Ukraine aber nicht vergleichen. Wir erleben hier einen Krieg in Europa. Russland tritt die Grundsätze des Völkerrechts mit Füßen. Das darf nicht toleriert werden.

Es liegt daher im strategischen Interesse Deutschlands, die Ukraine zu unterstützen. Ich bin zutiefst beeindruckt von dem Mut und dem Engagement der Menschen hier. Ich trage sehr gerne dazu bei, dass all das zu einem Erfolg führt.

Wir wollen, dass die Ukraine den Krieg siegreich beendet und Mitglied der EU wird.

Spüren Sie, dass Sie in der Hauptstadt eines kämpfenden Landes arbeiten? Denn selbst einige Ukrainer sagen, dass der Krieg in Kyiv nicht zu spüren ist.

Der Krieg hier in Kyiv ist präsent. Die Menschen reden ständig vom Krieg, und wir haben oft Luftalarm, aber natürlich ist die Situation außerhalb Kyivs eine andere. Letzte Woche war ich in Sumy. Dort saß ich mit den Menschen im Luftschutzkeller, als Raketenalarm war. Auch andere Städte und Regionen habe ich besucht. Ich bin nach Charkiw gefahren, ich war in Mykojajiw, ich habe Odessa besucht, war an den Donau-Häfen in Ismail und Reni. Ich war in Poltawa und an der Grenze zu Belarus, in Tschernihiw und Shytomyr.

Mir geht es darum, möglichst breite Eindrücke zu sammeln. Und natürlich ist die Stimmung außerhalb Kyivs ein andere als hier in der Stadt.

Ist es Ihrer Meinung nach normal, dass Cafés, Restaurants und Theater in Kyiv geöffnet sind, dass die Hauptstadt eine relativ friedliche Stadt zu sein scheint? Sind wir zu entspannt? Wie sieht das von außen aus?

Das kann man verstehen als ein Zeichen des Widerstands, das ist die Art von freiem Leben, die Russland hier zerstören will. Ich habe das Leben in Kyiv immer auch begriffen als ein Statement, einen Ausdruck des Freiheits- und Widerstandswillens der Ukraine.

Einmal stellte ich diese Frage bei einem Besuch in einer Region. Als Antwort habe ich bekommen: das ist doch genau das, was wir hier verteidigen.

Sie sagten, Ihre Schlüsselaufgabe sei es, der Ukraine zum Sieg zu verhelfen. Analysten zufolge wird sich der Krieg in die Länge ziehen, wird Ihre diplomatische Amtszeit ausreichen, um diese Aufgabe zu erfüllen?

(lächelt) Ich hoffe, dass meine Amtszeit nicht nur ausreicht, um den Sieg zu erringen, sondern auch wirklich ein großes Stück mit der Ukraine Richtung Brüssel zu gehen.

Nadija Jurtschenko, Kyiv

Foto: Kyrylo Tschubotin, Ukrinform

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