Oleksandr Prokudin, Leiter der Militärverwaltung der Region Cherson
Es wurde festgestellt, dass die Russen etwa tausend Kinder aus der Region Cherson entführt haben, ohne dabei das linke Ufer zu berücksichtigen
24.07.2023 12:57

Die Region Cherson ist durch den Krieg in vorübergehend besetztes und freies Gebiet geteilt. Der Feind beschießt das rechte Ufer mit dem regionalen Zentrum vom linken Ufer aus mit Mehrfachraketen, Mörsern, Artillerie, Panzern und unbemannten Luftfahrzeugen. Ein Teil der Bevölkerung verließ die Region, der Rest blieb zu Hause und weigert sich, zu evakuieren. Nachdem das russische Militär das Wasserkraftwerk Kachowka gesprengt hatte, waren die Menschen auch von Überschwemmungen betroffen.

Seit dem Beginn der groß angelegten Invasion hat die Region bereits ihren dritten Leiter der Militärverwaltung. Seit dem 7. Februar 2023 wird die Militärverwaltung der Region Cherson von Oleksandr Prokudin geleitet.

Das Interview begann nicht wie geplant im Büro von Herrn Prokudin, sondern in seinem Dienstwagen, weil ausländische Minister unerwartet die Region besuchten und der Leiter der Militärverwaltung sie treffen musste. Wir setzten das Gespräch in Posad-Pokrowske fort, das zu einem Versuchsgelände geworden ist — dieses Dorf ist eine von sechs Siedlungen im Land, in denen ein umfassender Wiederaufbau nach dem Prinzip „Build back better“ stattfindet — dann sprachen wir auf dem Flughafen Cherson, und dann auf den Straßen von Cherson, die überflutet und durch Feind beschossen wurden, und erst zum Schluss im Büro.

Wir sprechen über die Überschwemmungen, den Wiederaufbau des befreiten rechten Ufers, wie sich die Regierung auf die Räumung des linken Ufers vorbereitet, dessen Verrat für den Leiter der Militärverwaltung unerwartet war, und warum Prokudin bereit ist, Reputationsverluste in Kauf zu nehmen.

WENN ICH KINDER DORT SEHE, WO GRANATEN EINGESCHLAGEN SIND, MÖCHTE ICH SIE DA RAUSHOLEN

Herr Prokudin, wie viele Menschen leben derzeit im zurückgewonnenen Gebiet der Region?

Insgesamt haben wir 49 Hromadas (Verwaltungseinheiten) in der Region, von denen 17 derzeit zurückgewonnen sind. Auf dem Gebiet des freien rechten Dnipro-Ufers leben derzeit etwa 150 Tausend Menschen. Unseren Daten zufolge gibt es am linken Ufer die gleiche Anzahl von Menschen. Übrigens haben vor der groß angelegten Invasion eine halbe Million Menschen am linken und am rechten Ufer gelebt. Obwohl jetzt nur 33 % des Gebiets in der Region zurückgewonnen sind, ist das rechte Ufer das regionale Zentrum, und so ist es auch mit der Bevölkerung.

Haben Sie Angaben über die Zahl der Kinder, die derzeit am rechten Ufer der Region Cherson leben?

Etwa 15 Tausend, mehr oder weniger. Die Bevölkerung wandert ab. Als es noch Fernunterricht gab, konnten wir sehen, wer sich wo aufhielt. Jetzt sind Ferien, und die Leute sind natürlich abgereist.

Für viele Menschen ist es unklar, warum Cherson nicht auf der Liste der Orte steht, in die Familien mit Kindern nicht einreisen dürfen, da die Stadt unter Beschuss steht. Gibt es eine Erklärung dafür, warum es keine Entscheidung über die Zwangsevakuierung von Kindern aus dem regionalen Zentrum und den Vorortdörfern gibt?

Ich möchte klarstellen, dass der Regionale Verteidigungsrat im April ein Einreiseverbot für Familien mit Kindern in etwa 40 Siedlungen in der Region beschlossen hat, und ja, Cherson stand nicht auf der Liste dieser Siedlungen. Unter den gegebenen Umständen war dies eine kollektive Entscheidung.

Was die Zwangsevakuierung von Kindern betrifft, so findet sie aus dem Kriegsgebiet statt.

Glauben Sie, dass Kinder hier sein sollten?

Nein, finde ich nicht. Wenn ich sie hier sehe, möchte ich sie selbst rausholen. Kleine Kinder an einem Ort, wo Granaten einschlagen, ist eine sehr bedauerliche Situation.

Und Teenager, die unkontrolliert herumbummeln ...

Ja, jetzt versuchen wir aber, einige Klassen an sicheren Orten anzubieten, wir eröffnen Zirkel. Aber nur eine kleine Anzahl von Kindern ist daran beteiligt. Und sich in Cherson zu bewegen ist gefährlich.

Was die Evakuierung angeht, hier habe ich ein Beispiel. Vor kurzem sind drei Kinder durch Granatenbeschuss verletzt worden, und ich habe sie im Krankenhaus besucht. Das ältere Mädchen ist ein Teenager, sie zittert am ganzen Körper, sie weint. Ich habe die Familie gesagt: „Gehen Sie, wir siedeln sie in der Region Chmelnyzkyj oder in Koblewo an.“ Die Antwort: „Nein, wir gehen nicht.“ Lassen Sie mich ein Foto von ihrem Haus zeigen: hier (zeigt das zerstörte Haus, — Anm. d. Verf.). Und sie wollen dort mit ihren Kindern leben, sie bitten darum, das Dach zu decken, damit es nicht nass wird.

Wie viele Kinder haben die Russen aus dieser Region deportiert? Wie viele von ihnen sind Waisen oder Kinder, denen die elterliche Fürsorge entzogen worden ist, die in Kinderheime untergebracht waren, wie viele Kinder sind mit Erlaubnis ihrer Eltern in die sogenannten Ferien gebracht worden? Wird an der Rückführung der Kinder gearbeitet?

Die Arbeiten sind im Gange. Was die Kinder in den Kinderheimen betrifft, so bringen wir einige von ihnen zurück, wie zum Beispiel die Kinder aus dem Kinderheim Oleschky, die über Polen zurückgebracht worden sind. Die genaue Zahl der Kinder, die in die sogenannten Ferien gebracht worden sind, ist uns nicht bekannt. Es gibt immer noch Beispiele, bei denen die Eltern Angst haben, dies zu melden. Es kommt sogar vor, dass Eltern in den zurückgewonnenen Gebieten leben, ihr Kind ist auf die Krim oder nach Russland gebracht worden, sie melden es aber nicht. Es gibt solche Fälle. Statistiken zufolge sind etwa tausend Kinder entführt worden. Dabei rede ich nicht über das linke Ufer.

ES GIBT 10 SIEDLUNGEN OHNE MENSCHEN AUF DEM RECHTEN UFER

Wie viele Siedlungen haben wir in den zurückgewonnenen Gebieten ohne Strom?

Derzeit sind 31 Dörfer ohne Strom, und am 11. November 2022 waren sie noch nicht mit Strom versorgt (von Zeit zu Zeit werden Dörfer mit Strom aufgrund von Beschuss ohne Strom, — Anm. d. Verf.). Und alle diese Siedlungen liegen an der Kontaktlinie. Lassen Sie mich das erklären (ich bin gerade Elektriker geworden), wir versorgen die Siedlungen jetzt nicht nach dem Standardschema, wie es vor der groß angelegten Invasion war. Denn die großen Stromtrassen, die entlang des Dnipro-Flusses verlaufen sind, sind alle zerstört worden, und wenn jetzt ein Turmwagen dort ankommt, wird er sofort getroffen. Wir versorgen das Dorf mit Strom, aber die Leitung ist schwach: Wenn eine große Zahl von Menschen nach Hause zurückkehrt, wird sie nicht alle versorgen können, aber sie wird zumindest vorübergehend für die derzeitige Bevölkerung ausreichen.

In 31 Siedlungen haben die Menschen also schon so lange ohne Strom gelebt?

Es sind nicht viele Menschen dort, aber ja, sie leben ohne Strom. Wir bringen Generatoren, Brennholz, Pellets und Wasser dorthin. Wir haben sie die Evakuierung angeboten, aber wir können sie nicht erzwingen, wir haben die Menschen überredet, Psychologen haben mit ihnen gearbeitet. Sie wollen nicht gehen.

Experten sagen das Verschwinden einiger kleiner Siedlungen in der Region Cherson voraus. Haben Sie schon eine Vorstellung vom rechten Ufer, oder geht es jetzt nur ums Überleben, und Sie schauen nicht so weit voraus?

Ich sagte 31 Siedlungen — ohne die Dörfer, in denen niemand wohnt. Insgesamt sind 41 Siedlungen nicht mit Strom versorgt, aber 10 davon sind solche, in denen überhaupt niemand wohnt, dort gab es 10–20 Häuser.

Zu den Perspektiven und Hromadas. Jede Hromada entwickelt eine Strategie, und wir stimmen sie ab. Im Bereich Bildung gab es zum Beispiel 7 Schulen in der Hromada. Bei der Zahl der Menschen, die es dort schon vor der großen Invasion gab, hat man nicht so viele Schulen gebraucht. Jetzt sind von den 7 Schulen 5 zerstört worden. Wir legen fest, wie viele und welche Schulen wir wiederaufbauen werden, und erstellen eine Projekt- und Kostendokumentation. Selbst wenn die Experten des Bildungsamts sagen, dass es nicht sinnvoll ist, die Schulen wiederaufzubauen, gehe ich hin und nehme sie, die Schulleiter und die Hromadavertreter mit. Wir setzen uns an den Tisch und ich sage: „Gebt mir eure Vorschläge und Argumente.“ „Lassen wir es.“ — „Warum?“ Jeder kann seine Argumente vorbringen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass allein der Bau einer Schule zwischen 100 und 500 Millionen UAH kostet, eine Menge Geld. Wir werden die Situation optimieren, indem wir die Kinder mit Bussen 5–10 Kilometer zur Hauptschule oder zu einer Zweigschule bringen, damit sie ihre Ausbildung nach dem Krieg fortsetzen können.

Sind Sie zuversichtlich, dass diese Einrichtungen — Krankenhäuser, Schulen, Bürgerämter — die Sie für den Wiederaufbau ausgewählt haben, finanziert werden?

Ja, das haben wir. Wir sammeln jetzt kein Geld, weil wir es bis Ende des Jahres nicht brauchen werden. Aber es gibt bereits viele Projekte: Irgendwo wird mit dem Bau begonnen, irgendwo ist der Entwurf fertig. Und das geschieht in allen befreiten Hromadas.

Wir sind jetzt in Posad-Pokrowske, das ein Pilotprojekt für den Wiederaufbau auf staatlicher Ebene ist. Hier sind 96 % der Häuser während der Feindseligkeiten beschädigt worden.

Dies ist ein Demonstrationsprojekt — es zeigt, wie Dörfer wieder aufgebaut werden. Aber es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben 228 zurückgewonnene Siedlungen, 50 davon sind wie Posad-Pokrowske. Wir stoppen nicht, wir haben 26 weitere Siedlungen, die wir im Rahmen des vom Präsidenten initiierten Projekts „Seite an Seite“ wieder aufbauen werden. Fünfzehn Regionen der Ukraine unterstützen uns bei diesem Projekt. Die Leiter der regionalen Verwaltungen kommen zu uns, erzählen uns, was sie in einem bestimmten Dorf zu tun gedenken, und stellen ihre Vision vor. Diese Regionen arbeiten daran, die Dörfer und Häuser der Menschen mit ihren eigenen Mitteln, Materialien und Fachleuten wiederherzustellen, was sehr wichtig ist, da wir nicht genügend Bauarbeiter haben. Diese Siedlungen werden von der Region, die beim Wiederaufbau hilft, besonders hervorgehoben.

In Posad-Pokrowske wird ein Komplex entstehen — eine neue Schule mit Kindergarten, ein neues Bürgeramt mit einem Dorfrat, ein Park, ein landwirtschaftlicher Markt, Häuser mit Gewächshäusern. Die Stromversorgung des Dorfes ist inzwischen vollständig wiederhergestellt. Das Dorf liegt übrigens in der Nähe der Autobahn Cherson-Mykolajiw, und wir planen, vier statt zwei Fahrspuren einzurichten.

DAS HAUS SCHEINT NACH DER ÜBERSCHWEMMUNG NOCH ZU STEHEN, ABER ES WIRD JEDEN TAG ZERSTÖRT

Inwieweit können die Bewohner des zurückgewonnenen Gebiets der Region über e-Recovery Mittel erhalten?

Die Bewohner der Region erhalten bereits Geld für zerstörte Wohnungen durch das Diia-App.

Eine Bewohnerin des regionalen Zentrums, mit der ich gesprochen habe, sagt jedoch, dass das Diia-App ihren Antrag auf Wiederherstellung nicht aufgegriffen hat — ihre Wohnung ist getroffen worden, eines der Zimmer ist völlig zerstört.

Der Antrag der Chersonerin wird nicht aufgegriffen, weil das regionale Zentrum noch kein Gebiet ist, in dem Häuser wiederhergestellt werden sollen. Wir können Unterlagen einreichen, müssen aber warten, bis wir in die sichere Zone kommen. Denn wir können jetzt zum Beispiel 200.000 für den Wiederaufbau bereitstellen und alles wiederherstellen, und dann werden diese Häuser wieder getroffen, und wir werden wieder zahlen müssen. Was die Gebiete betrifft, die mehr als 40 Kilometer von der Kontaktlinie entfernt sind, so erhalten die Menschen dort bereits bis zu 200.000 UAH. Für Überschwemmungen gibt es übrigens einen anderen Mechanismus, und es gibt keine Obergrenze von 200.000 UAH.

Und was ist, wenn eine Person aus beruflichen Gründen in Cherson bleiben muss und ihre Wohnung beschädigt wird? Wie kann er oder sie sie wiederherstellen, da er oder sie ja irgendwo wohnen muss ...

Welche Art von Hilfe wird benötigt? Wir haben einen Notdienst, der kommen kann, um den Müll zu beseitigen und die Fenster zu vernageln.

Und die Kommission soll die Wohnungen inspizieren, um einen Bericht zu verfassen, aber sie hat die Opfer nicht erreicht ...

Ja, es gibt Fragen zu den Kommissionen. Die meisten dieser Häuser befinden sich in den Gebieten, die noch unter Beschuss stehen. Natürlich wollen die Menschen, dass die Kommission sie in Antoniwka, Sadowe und Ostriw besucht. Aber diese Kommissionen sind auch lebende Menschen, die Angst haben, in die beschossenen Gebiete zu gehen. Wir haben eine Kommission in Cherson gefunden, die keine Angst hat und hingeht, aber sie hat zu wenig Zeit. Sie inspizieren ein oder zwei Objekte pro Tag, aber sie müssen etwa hundert besuchen. Es gibt nicht genug Leute. Und hier haben andere Regionen zu Hilfe gekommen: Spezialisten kommen, um Berichte über überflutete und durch Beschuss beschädigte Häuser zu erstellen. Jetzt werden mehr als hundert Personen in den Gutachterkommissionen arbeiten, und die Situation wird sich ändern.

Über wie viele durch Beschuss zerstörte Häuser reden wir jetzt?

Wir kennen die Zahl, wir wissen, wie viele Anträge bearbeitet worden sind. Insgesamt sind in der Region Cherson etwa 14.700 zivile Objekte beschädigt worden. Die meisten davon, 13.700, sind Wohnhäuser.

Sie haben auch etwa 400 Häuser erwähnt, die durch die Überschwemmung infolge der Sprengung des Wasserkraftwerks Kachowka vollständig zerstört worden sind. Aber es werden wahrscheinlich noch mehr sein, oder?

Genau. Das sind die Häuser, die wir bereits zerstört gesehen haben. Diese Zahl dürfte sich noch erhöhen, wenn die bereits erwähnten Kommissionen darüber entscheiden, welche Häuser wiederhergestellt werden sollen und welche nicht. Ich war gerade in einem Haus nach der Überschwemmung — es scheint noch zu stehen, aber es wird jeden Tag zerstört. 400 ist das Minimum, das wir unmittelbar nach dem Rückzug des Wassers sehen konnten.

Werden diejenigen, die Häuser in einer anderen Region bauen wollen, dieses Geld nutzen können?

Ich glaube nicht. Aber ich nehme an, dass es viele von ihnen geben wird. Zum Beispiel hat eine Person in der Hromada Welykooleksandriwka 200 Tausend erhalten, und sie verzögert die Wiederherstellung, will nicht dort leben. Ich sollte anmerken, dass dieses Geld nur für Baumaterialien, für Wiederaufbauarbeiten, ausgegeben werden kann, nicht aber zum Beispiel für Lebensmittel.

Die Chersoner gehen davon aus, dass das Geld für den Wiederaufbau für bestimmte Bauunternehmen verwendet wird. Das ist ein Betrug, sagen sie.

Nein, die Menschen werden sich den Auftragnehmer selbst aussuchen.

Die Menschen erzählen von denen, die ihre Häuser nach der Überschwemmung nicht mehr reinigen können. Was sollen sie tun?

Es gibt eine Hotline der Militärverwaltung der Region Cherson, an die man sich wenden kann. Die Leute rufen an und sagen, welche Art von Hilfe sie brauchen. Je nach dem Ausmaß des Problems entscheiden wir, wer ihnen helfen wird: Regionaler kommunaler Notfall- und Rettungsdienst Cherson, Freiwillige, mit denen wir Kooperationsvereinbarungen unterzeichnet haben, oder Retter. Wenn das Haus auf Sprengstoff untersucht werden muss, schicken wir das Militär. Man kann diese Nummer anrufen: 0 800 101 102.

In den ländlichen Hromadas sind es meist die Dorfbewohner, die sich gegenseitig helfen, und natürlich helfen auch Freiwillige aktiv mit.

In Dörfern haben Menschen die Überschwemmung in der Nähe abgewartet, und nachdem das Wasser zurückgegangen war, kehrten sie sofort zu ihren Häusern zurück, um ihr Hab und Gut zu retten, während in Cherson die Situation anders ist — viele Bewohner sind außerhalb der Stadt.

Die meisten Menschen in Cherson hatten es nicht eilig, wegen der Überschwemmung in andere Regionen zu evakuieren.

Wir haben alle, die es brauchten, kostenlos umgesiedelt, untergebracht und mit Lebensmitteln versorgt. Derzeit leben mehr als 400 Menschen, die aus den überschwemmten Gebieten evakuiert worden sind, in unseren Wohnheimen. Ich besuche sie und spreche mit ihnen.

Werden die Opfer vom linken Ufer, das noch besetzt ist, Zahlungen für beschädigtes Eigentum erhalten können?

Das linke Ufer — wenn die Menschen die Möglichkeit haben, Schäden und Zerstörungen zu dokumentieren, sollten sie dies tun (Fotos, Videos) und, wenn möglich, bei der Polizei Anzeige erstatten. Alle Zahlungen sind für sie vorgesehen, aber die Kommission muss sich vor Ort begeben, um einen Bericht zu erstellen, und das kann erst geschehen, wenn das Gebiet befreit ist. Aber diese Zahlungen sind für das überflutete Gebiet geleistet worden — sowohl am rechten als auch am linken Ufer.

Wir sprechen darüber, wie die Dörfer wiederaufgebaut werden. Haben Sie eine neue Sicht auf Cherson? Welche Veränderungen werden vorgenommen?

Ja, das haben wir. Wir müssen die Dinge in Ordnung bringen. Und zusammen mit dem Team tun wir das trotz möglicher Reputationsverluste.

Ist es Reputationsverlust, wenn man dafür kritisiert wird, dass man die Märkte von den Straßen entfernt? (In Cherson wurde im Mai 2023 das Einkaufszentrum Krystal abgerissen, das im März 2022 abgebrannt war, und es gibt die Version, dass es sich um Brandstiftung handelte, — Anm. d. Verf.).

Es gibt viele illegale Gebäude in der Stadt. Nun kann die Militärverwaltung im Namen des Gesetzes all dies abreißen. Wir wissen nicht, was als Nächstes passieren wird, vielleicht wird der illegale Bau nach uns weitergehen und es wird sich herausstellen, dass es eine Sisyphusarbeit war, aber zumindest haben wir es versucht und getan.

OB DAS WASSERKRAFTWERK KACHOWKA WIEDERHERGESTELLT WERDEN SOLL ODER NICHT, SOLLTEN EXPERTEN ENTSCHEIDEN

Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, ob das Wasserkraftwerk Kachowka wieder in Betrieb genommen werden sollte. Was ist Ihre Meinung?

Die Regierung plant derzeit die Wiederherstellung des Wasserkraftwerks Kachowka. Dies wird auf der Ebene des Präsidenten diskutiert. Es werden vorläufige Berechnungen angestellt und der Bau ist nach amerikanischen Standards geplant.

Ich bin der Meinung, dass wir alles tun sollten, um die Region Cherson zu sanieren, zu fördern und ihre Natur zu erhalten. Ich habe die Einsetzung einer staatlichen Kommission unter Beteiligung internationaler Experten und ukrainischer Wissenschaftler angeregt, die der Führung des Landes ihre Meinung sagen soll, wie sich alles auf unsere Umwelt und das Leben in der Region auswirken wird.

Wir wissen, dass die Flora und Fauna sowohl im oberen als auch im unteren Bereich des Wasserkraftwerks stark beeinträchtigt wird. Es wird Sümpfe geben, Mücken, Arroyos seicht werden. Wir fangen jetzt lebende Fische und setzen sie in den Inhulez und anderen Gewässern aus. Wir vernichten die toten Fische. Wir müssen die Ufer, an denen die Menschen leben, stärken. Ich weiß nicht, was mit unseren Überschwemmungsgebieten geschehen wird, weil Salzwasser aus der Mündung eindringen wird, und sie könnten absterben. Auch die überfluteten Wälder müssen wiederhergestellt werden.

Und so müssen wir — Stück für Stück unseres Landes — untersuchen und analysieren, was zu tun ist.

Was ist, wenn die Umweltschützer sagen: „Nein, wir brauchen kein Wasserkraftwerk?“

Genau deshalb sollte diese staatliche Kommission Gutachten erstellen ...

Was die Umwelt betrifft, würde ich auch sagen, dass wir internationale Institutionen brauchen, um uns zu helfen, weil wir es alleine nicht schaffen. Dscharylhatsch, die von Russen verbrannt wurde, Birjutschyj — da gibt es Probleme.

Derzeit bin ich der Meinung, dass wir das Wasserkraftwerk Kachowka wiederherstellen müssen, weil sich nach dem Bau bereits ein neues Ökosystem gebildet hat. Das linke und das rechte Ufer sind ohne Bewässerung. Wir denken sogar darüber nach, Pumpen in das Flussbett des Dnipro zu setzen, Wasser zu pumpen und Kanäle zu füllen, während das Wasserkraftwerk Kachowka zerstört wird.

Obwohl es natürlich schwer ist, über Landwirtschaft zu sprechen, solange wir das Gebiet nicht entmint haben.

Wie hoch ist der Anteil der landwirtschaftlichen Flächen am rechten Ufer, die von Minen befreit worden sind?

Nur zehn Prozent der „leichten“ Flächen sind von Minen befreit worden — dort gab es keine Kämpfe. Mit Hilfe der Geber, des Militärs und des Staatlichen Dienstes für Notfallsituationen erhöhen wir nun das Tempo. Das Militär hilft uns jetzt sehr. Wir engagieren ausländische Organisationen, aber die haben wegen der Sicherheitslage Angst zu kommen. In Mykolajiw wollen sie arbeiten und glauben, dass es ein sicheres Gebiet für sie ist, aber sie haben Angst, hierher zu kommen.

Haben Sie Schätzungen darüber, wie viele Sappeure wir brauchen, um die Entminung für einen bestimmten Zeitraum durchzuführen?

Wir brauchen eine eigene Brigade — vier Bataillone Militäringenieure — die auf die Hromadas verteilt werden und ein bestimmtes Tempo vorlegen müssen, dann werden wir den Zeitrahmen berechnen. Es handelt sich um etwa zweitausend Personen auf permanenter Basis. Ich glaube, dass wir nach dem Krieg unsere Territorialverteidigung-Brigade in Pioniertruppen umstrukturieren müssen, die sich mit der Minenräumung befassen werden.

Jetzt beschweren sich die Chersoner, dass es keine Arbeit gibt und sie deshalb gezwungen sind, humanitäre Hilfe anzunehmen. Wie werden die Behörden die Menschen weiterhin davon abhalten, regelmäßig humanitäre Hilfe zu erhalten?

Ich weiß es nicht ... Es muss schrittweise geschehen, wie in Mykolajiw.

Aber den Menschen müssen Arbeitsplätze angeboten werden.

Geschäfte, Märkte und Unternehmen werden bereits zu diesem Zweck eröffnet. Das sollte geschehen, wenn es in Cherson sicher ist. Auf dem Land ist es schwieriger, weil die Menschen früher in landwirtschaftlichen Betrieben gearbeitet haben, und jetzt sind die Felder vermint, und die Menschen haben überhaupt keine Arbeit.

Wissen Sie, wenn wir über Landwirtschaft sprechen, dann wird unsere Region natürlich auch nach dem Krieg landwirtschaftlich geprägt sein. Ich spreche mit Vertretern aus den USA, den Niederlanden, Schweden und Belgien. Wir arbeiten an dem Thema, dass sie in die Landwirtschaft investieren. Und sie sehen die Perspektiven. Zum Beispiel spendet der amerikanische Geschäftsmann Howard Buffett zehn Mähdrescher und fünf Traktoren an Landwirte — das ist jetzt eine Wohltätigkeit, aber ich möchte, dass dieser Prozess weitergeht, und zwar nicht nur auf karitativer Basis.

Ich sage den Bauern: „Denkt nach — es wird ein friedliches Leben geben, wir brauchen Projekte.“ Sie kommen bereits mit Vorschlägen, zunächst vorsichtig, und jetzt auf eine andere Ebene. Aber die Region sollte nicht nur von der Landwirtschaft leben. Jetzt gibt es Industrie-Ideen, um den Menschen zu helfen, zurückzukehren und Arbeit zu finden.

Dabei geht es um Arbeitsplätze, ein Sozialpaket und faire Bedingungen für alle Beteiligten.

Der Flughafen Cherson — soll er wiederaufgebaut werden?

Er ist notwendig. Es wird schwierig sein, ihn aus dem Staatshaushalt wiederherzustellen, aber es gibt Entwicklungen. Einige Flughäfen in anderen Ländern versuchen bereits, eine Koalition zur Wiederherstellung unseres Flughafens zu bilden, und er ist bereits eine Marke. Der Flughafen Cherson ist jedoch besser als der Flughafen in Tschornobajiwka bekannt.

Wie sollen wir die Menschen dazu bringen, in die Region Cherson zurückzukehren, wenn das Gebiet sicher ist?

Es sollte Vorteile für Unternehmen geben. Die Regierung hört auf uns, es gibt eine Übereinkunft, dass, sobald die Sicherheitslage angemessen ist ... jetzt haben wir „Günstige Kredite 5–7–9 %“, wir wollen „Günstige Kredite 1–2–3 %“ machen, d.h. fast keine Kredite für die Chersoner. Und die Banken sind darauf eingestellt. Wir haben auch Mini-Zuschüsse für den Wiederaufbau von Unternehmen, die durch die persönliche Einkommenssteuer zurückgezahlt werden sollen. Die Hauptsache ist, dass es sich um ein sicheres Gebiet handelt. Wir können solche Kredite in Cherson im Moment nicht einführen.

Warten wir also auf die Befreiung des linken Ufers?

Ja, wir sprechen von einer 40-Kilometer-Sicherheitszone, und dann werden wir in der Lage sein, Kredite zu vergeben.

DIE LEITER DER MILITÄRVERWALTUNGEN DER BESETZTEN HROMADAS HABEN EINEN PLAN, WAS NACH DER BEFREIUNG ZU TUN IST

Wie ist Ihr Team gebildet worden? Man sagt, es gäbe zu viele Polizisten in Ihrem Umfeld.

Die Leute, die vorher mit mir gearbeitet haben, kamen hierher. Ich sehe sie nicht als Polizisten, sondern als Organisatoren, und ich sehe ihr Humanressourcenpotenzial. Mein Stellvertreter, Jaroslaw Schanko, war Leiter der Jugendprävention und war für die Bezirksinspektoren zuständig. Meine Stabschefin arbeitete früher als meine Stabschefin, sie kam aus Kyjiw nach Cherson und hatte keine Angst.

Sie erwähnten mehr als 160 freie Stellen in der Militärverwaltung. Wie viele sind noch frei und welche Art von Spezialisten werden benötigt?

Wir haben noch mehr freie Stellen — jetzt sind es etwa 165. Wir brauchen Leiter von Struktureinheiten, Juristen, Mitarbeiter der Personalabteilung, Fachleute für Finanzen, Wohnungsbau und kommunale Dienste sowie für die Mobilisierungsarbeit. Wenn jemand also Lust auf Arbeit hat und über einschlägige Erfahrung verfügt, kann er oder sie sich an uns wenden.

Dmytro Ljachno, der gewählte Gemeindevorsteher von Hornostajiwka, der gefangen genommen wurde, hat um eine Stelle gebeten. Haben Sie ihn eingestellt?

Ich habe mich mit ihm getroffen, aber er will nirgendwo anders hingehen als in die Hornostajiwka-Hromada. Sein Stellvertreter ist jetzt der Leiter dieser Hromada (der Militärverwaltung, — Anm. d. Verf.). Die Hromada steht unter Besatzung. Natürlich ist es eine andere Sache, wenn es Fragen an das derzeitige Oberhaupt gibt, wenn er nicht zurechtkommt. Was den Leiter der Hromada betrifft, so wurde er vom Volk gewählt, er ist ein Fachmann, aber es gibt jemanden, der vom Präsidenten ernannt wurde. Ich kann sagen, wenn wir die Hromada befreien, werde ich Ljachno in die Arbeit einbeziehen.

Übrigens haben die Militärverwaltungen der besetzten Gebiete einen Aktionsplan, wenn sie in ihre Siedlungen eindringen. Wir können sehen, wie die Stromleitungen verlegt werden (er zeigt eine Karte, — Anm. d. Verf.), die gesamte Energie kommt jetzt über die Krim. Wir verstehen, dass die Krim nicht sofort befreit werden kann. Und die Russen sind dabei, alles zu zerstören. Die Leitung von Melitopol, die früher vom Atomkraftwerk ausging, ist nicht mehr da, und die Leitung vom Wasserkraftwerk ist auch nicht da. Alles ist unterbrochen, und es wird lange dauern, es wiederherzustellen. Wir arbeiten jetzt daran, wie wir die Siedlungen, die wir befreien werden, mit Strom versorgen können. Das Gleiche gilt für die Gasversorgung. Wir bereiten Generatoren und Transformatoren für jede Hromada vor.

Die Leiter der Militärverwaltungen der derzeit besetzten Gemeinden werden geschult, studiert und werden in den zurückgewonnenen Gebieten eingesetzt, um die Schäden zu registrieren. Sie sind auch mit der humanitären Hilfe beschäftigt. Auf diese Weise arbeiten sie bereits daran, was sie nach der Befreiung ihrer Hromadas tun werden.

Bereiten sich die Behörden auf eine mögliche Bedrohung durch den Bombenanschlag auf den Krim-Titan vor?

Ja, das tun sie. Evakuierungen und andere Maßnahmen sind geplant. Wir haben einschlägige Erfahrungen mit diesem Unternehmen (2018 waren die Bezirke Kalantschak und Tschaplynsk in der Region Cherson von den chemischen Emissionen der Krim-Titan-Anlage betroffen, — Anm. d. Verf.).

Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Behörden nach der Sprengung des Wasserkraftwerks Kachowka durch die Russen?

Die Behörden haben ihre Arbeit gemacht, es gab keine „Fehltritte“, die Fehltritte sind von Bürgern gemacht worden, die beschlossen, dass nichts Schlimmes passieren würde und die nicht gehen wollten. Bereits um 5.30 Uhr forderte die Polizei die Menschen auf, das Kraftwerk zu verlassen, um 7 Uhr standen Busse bereit, wir sind unter Beschuss gefahren, und wir haben gehört: „Nein, wir gehen nicht — das war's.“ Und das, obwohl sie wirklich überflutet waren. Und erst dann haben wir sie mit Booten gerettet, obwohl wir vorher von Tür zu Tür gegangen sind und sie gebeten haben, zu gehen.

Experten hatten nicht damit gerechnet, dass das Wasser in der Gemeinde Kalyniwka so weit in Inhulez eindringen würde, und sie sagten eine Wasserhöhe von 3 bis 4 Metern voraus, aber sie war 6 Meter. Aber wenn die Welle gekommen wäre, hätte sie schnell über die Ufer getreten, mit größeren Zerstörungen und Opfern.

Es gibt Vorwürfe, dass die Behörden die Frage der Freilassung des Bürgermeisters von Cherson, Kolychajew, und des Bürgermeisters von Hola Prystan, Babytsch, aus russischer Gefangenschaft nicht ansprechen.

Ich habe mich für alle Einwohner der Region Cherson eingesetzt, die sich derzeit in russischer Gefangenschaft befinden. Ich habe mich auch an die Hauptverwaltung Aufklärung des Verteidigungsministeriums, das Büro des Präsidenten und andere Organisationen gewandt. Unsere Leute stehen auf den Austauschlisten, aber wahrscheinlich gibt es Gründe, warum die Russen sie nicht austauschen. Was Kolychajew betrifft, so habe ich auch mit seinem Sohn gesprochen. Und egal, was irgendjemand sagt, die Freilassung von Kolychajew ist für mich wichtig. Das gilt auch für die anderen Gefangenen — Horobzowa, Mykolajenko, Babytsch und andere Ukrainer.

Manchmal wird in den sozialen Medien behauptet, dass die Führung immer in Mykolajiw übernachten wird, wo es keinen ständigen Beschuss gibt, dass man in diesem Sinne „weit weg vom Volk“ ist.

Ich übernachte nur in Cherson, in Wohnungen, in Häusern. Natürlich wechsle ich meinen Wohnort von Zeit zu Zeit. Außerhalb der Region reise ich nur wegen der Arbeit.

Wer hat Sie damit überrascht, ein Verräter zu werden?

Buljuk (Kollaborateur, Abgeordneter des Regionalrats, — Anm. d. Verf.). Ich dachte, er sei schlauer. Saldo, Lytvyn — ich wusste, dass das passieren könnte. Stremousow — selbstverständlich. Und Buljuk hat zwei Kinder, eine Menge Geld. Er hätte an seine Söhne und sein Unternehmen denken müssen. Er wird in Russland leben, wird nicht nach Europa reisen können, wird die Welt nicht sehen, und ich denke, er hat die Zukunft seiner Kinder ruiniert.

Hintergrundinformation:

Oleksandr Prokudin war seit dem Jahr 2000 bei den Behörden für innere Angelegenheiten tätig. Er arbeitete in den Abteilungen für Ermittlungen und Personal. Seit November 2015 war er stellvertretender Leiter der Hauptabteilung der nationalen Polizei in der Region Cherson. Von September 2019 bis zum 12. Februar 2022 war er Leiter der Hauptabteilung der Nationalen Polizei in der Region Cherson.

Iryna Staroselez, Cherson

Die Fotos sind von der Verfasserin gemacht und von der Militärverwaltung der Region Cherson zur Verfügung gestellt

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