Arndt Freytag von Loringhoven, ehemaliger Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes (BND)
Der BND spricht heute, Russland müsse „Schmerz spüren“
Die umfassende Invasion Russlands in die Ukraine im Jahr 2022 kam für die meisten westlichen Regierungen und Nachrichtendienste überraschend. Erwartungen eines begrenzten Konflikts erfüllten sich nicht – stattdessen sah sich Europa mit dem größten Krieg auf dem Kontinent seit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert.
Die Unterschätzung des Widerstandswillens des ukrainischen Volkes sowie die Fehleinschätzung der Absichten des Kremls zählen zu den sichtbarsten Versäumnissen westlicher Nachrichtendienste der vergangenen Jahre. Zugleich wirft die aktuelle Phase des Krieges neue Fragen für Europa auf: Ist man sich bewusst, dass Russland auch mit hybriden Mitteln Krieg gegen Europa führt – und wie sollte unter diesen Bedingungen eine wirksame Abschreckungsstrategie gegenüber Moskau aussehen?
Im Gespräch mit Ukrinform analysiert Arndt Freytag von Loringhoven, ehemaliger Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) und früherer Beigeordneter Generalsekretär der NATO für Nachrichtendienstliche Zusammenarbeit und Sicherheit, die Ursachen der Fehleinschätzungen vor der Invasion, den Stand der deutschen Vorbereitung auf hybride Bedrohungen sowie die Perspektiven einer Transformation des BND zu einem vollwertigen operativen Dienst mit erweiterten Handlungsmöglichkeiten gegenüber Russland. Zudem bewertet er die Chancen einer verstärkten europäischen Nachrichtendienstkooperation, die Risiken für die Sicherheit Europas und erklärt, warum Russland bislang keinen ausreichenden Preis für sein Handeln gezahlt hat.
Meine erste Frage bezieht sich auf Ihre große Erfahrung im Nachrichtendienstbereich. Die US- und britischen Geheimdienste warnten früh vor einer möglichen großangelegten russischen Invasion in der Ukraine. Viele europäische Dienste, darunter auch der BND, waren dagegen eher skeptisch. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für diese Fehleinschätzung?
Tatsächlich haben die allermeisten europäischen Dienste nicht damit gerechnet, dass es zu einer umfassenden Invasion mit einem Angriff auf Kyjiw kommen würde. Das galt nicht nur für Deutschland, sondern für viele andere Länder ebenfalls.
Natürlich war wohl allen bewusst, dass Russland eine sehr große Zahl von Truppen rund um die Ukraine zusammengezogen hatte. Viele rechneten deshalb durchaus mit einem regional begrenzten Angriff, aber eben nicht unbedingt mit einer Vollinvasion.
Ein Grund dafür war meines Erachtens, dass die Amerikaner und Briten ihre sehr spezifischen Geheimdienstinformationen nur teilweise geteilt haben. Die sensibelsten Belege wurden nicht vollständig weitergegeben, sondern vor allem die daraus gezogenen Schlussfolgerungen.
Zum anderen ging man davon aus, dass eine großangelegte Invasion mit einem Angriff auf Kyjiw für Russland selbst erhebliche Risiken und Schwierigkeiten mit sich bringen würde.
Später gab es politische Kritik, unter anderem vom damaligen Vizekanzler Robert Habeck, der dem BND Fehleinschätzungen vorwarf – sowohl zu Beginn des Krieges als auch hinsichtlich seiner möglichen Dauer. Wie bewerten Sie diese Kritik heute? Waren es nur Fehler der Nachrichtendienste oder haben politische Entscheidungsträger die Warnungen auch nicht ernst genug genommen?
Ich denke, dass auch die politischen Entscheidungsträger die Warnungen teilweise nicht ernst genug genommen haben.
Was die mögliche Dauer des Krieges betrifft, lagen übrigens nicht nur die europäischen Dienste falsch, sondern auch die amerikanischen und britischen. In dieser Frage haben wir uns alle getäuscht.
Ich denke, das liegt vor allem an einer massiven Unterschätzung der ukrainischen Resilienz, des Verteidigungswillens der Bevölkerung und auch der politischen Führung des Landes.
In diesem Punkt gab es ein kollektives Versagen der westlichen – und teilweise auch anderer – Nachrichtendienste.
Wie würden Sie heute die Russland-Expertise im Bundesnachrichtendienst einschätzen? Gibt es dort genügend Fachleute, die die russische Politik, Gesellschaft und strategische Kultur wirklich verstehen?
Der heutige Präsident des BND ist ein ausgewiesener Kenner der Ukraine. Er war deutscher Botschafter in Kiew, und seine öffentlichen Äußerungen zeigen ein großes Verständnis sowohl für die Situation der Ukraine als auch für die Aggressionsbereitschaft Russlands.
Ich halte das für eine sehr gute Voraussetzung dafür, dass der BND weiterhin intensiv an diesen Themen arbeitet. Der Dienst hat traditionell eine starke Expertise im Bereich Russland aufgebaut. Inzwischen wird diese Perspektive natürlich stärker um die Ukraine erweitert.
Wichtig ist auch, dass Deutschland – anders als andere westliche Geheimdienste - nach dem Ende des Kalten Krieges nie aufgehört hat, Russland intensiv nachrichtendienstlich zu beobachten und zu analysieren.
Leider ist es beim BND häufig so, dass vor allem Fehler oder Fehleinschätzungen Schlagzeilen machen. Insider wissen jedoch, dass die fachliche Expertise insgesamt sehr solide ist.
Der BND hat das Putin-Regime über viele Jahre hinweg deutlich nüchterner und kritischer eingeschätzt als die Bundesregierung. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man im Dienst früh erkannt hat, wie stark die russische Führung vom ehemaligen KGB-Milieu und von Strukturen organisierter Kriminalität geprägt ist.
Auch der wiedererstarkende russische Imperialismus und die zentrale Rolle der Ukraine in dieser Strategie wurden dort sehr früh gesehen.
Lassen Sie uns auf die internationale Zusammenarbeit schauen. Sie haben lange Erfahrung in der NATO. Wie beurteilen Sie die derzeitige Kooperation der Nachrichtendienste innerhalb des Bündnisses? Wie realistisch ist eine wirklich enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit, wenn einzelne Staaten unterschiedliche politische Interessen verfolgen – etwa die prorussische Ausrichtung Viktor Orbans oder die jüngsten geopolitischen Ambitionen der USA in Bezug auf Grönland?
Sie sprechen damit vollkommen zu Recht die Grenzen dieser Zusammenarbeit an.
In der Welt der Nachrichtendienste gibt es allerdings auch eine gewisse Eigendynamik. Sie ist nicht immer vollständig von der Politik gesteuert.
Während meiner Zeit bei der NATO, also zwischen 2016 und 2019, gab es beispielsweise einen sehr weitgehenden Konsens unter den Nachrichtendiensten der NATO-Mitgliedstaaten hinsichtlich des russischen Imperialismus, der Entwicklung in der Ukraine sowie der militärischen und hybriden Absichten und Fähigkeiten Moskaus. Gleichzeitig gingen die politischen Positionen der jeweiligen Regierungen zum Teil deutlich stärker auseinander.
Natürlich hat diese Zusammenarbeit auch ihre Grenzen. Wenn ein amerikanischer Präsident einen abrupten politischen Kurswechsel vollzieht – etwa in der Frage Grönlands –, dann werden die Nachrichtendienste dem politischen Kurs nicht offen widersprechen.
Trotzdem hat sich die Zusammenarbeit der Nachrichtendienste innerhalb der NATO insgesamt sehr positiv entwickelt. Ähnliches gilt übrigens auch für die Kooperation innerhalb der Europäischen Union.
Dabei handelt es sich allerdings vor allem um eine analytische Zusammenarbeit. Man tauscht Lageeinschätzungen aus, führt jedoch keine gemeinsamen Operationen unter dem Dach der NATO oder der EU durch. Solche Operationen werden von einzelnen Diensten oder im Rahmen partnerschaftlicher Kooperationen organisiert.
Wie so oft gilt auch hier: Die wenigen Fälle, in denen Einschätzungen auseinandergehen, schaffen Schlagzeilen. Die viel größere Zahl an Fällen, in denen die Analysen übereinstimmen, bleibt dagegen meist unbeachtet.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat vorgeschlagen, eine europäische Version des Nachrichtendienstverbundes „Five Eyes“ zu schaffen. Wie beurteilen Sie diese Idee? Ist ein solches Format realistisch und welche Länder könnten daran teilnehmen?
Ich halte das grundsätzlich für eine gute Idee. Gemeinsam mit Gerhard Conrad, dem früheren Geheimdienstkoordinator der EU, habe ich einen ähnlichen Vorschlag bereits vor etwa einem Jahr in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gemacht.
Die Situation heute ist die, dass die europäischen Staaten weiterhin eng mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeiten wollen – sowohl im militärischen Bereich als auch bei den Nachrichtendiensten. Gleichzeitig können sie sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Amerikaner das wirklich wollen.
Die Diskussion um Grönland war dafür ein besonders deutliches Beispiel. Zudem haben amerikanische Vertreter zeitweise sogar angedeutet, dass sie der Ukraine möglicherweise Geheimdienstinformationen entziehen könnten. Und natürlich hat man damals auch bei uns gedacht: Das kann uns ebenfalls passieren.
Wir können uns nicht mehr so wie früher fest darauf verlassen, dass die Amerikaner wertvolle sicherheitsrelevante Informationen mit uns teilen. Also müssen die Fähigkeiten der deutschen Dienste gestärkt werden. Und auch die Kooperation zwischen Europäern muss gestärkt werden. Das kann eigentlich nur so gehen, dass es eine kleine Gruppe von Ländern tut und nicht die EU als Ganze. Weil da hat man Länder drin, die sich wie U-Boote Russlands verhalten.
Also muss unsere Antwort aus zwei Teilen bestehen. Einmal, wie Martin Jäger, der BND-Chef, in München klar gesagt hat: die operativen Fähigkeiten des BND steigern. Und zweitens die Kooperation mit Schlüsselpartnern ausbauen. Frankreich und Großbritannien wären sicherlich Premium-Partner. Auch Polen könnte eine wichtige Rolle spielen. Weitere Länder müssten je nach Bereitschaft und Fähigkeiten einbezogen werden.
Die europäischen Nachrichtendienste sind sehr unterschiedlich aufgestellt. Manche konzentrieren sich stärker auf bestimmte Regionen oder Bedrohungen. Die osteuropäischen Dienste sind naturgemäß stark auf Russland fokussiert, während etwa die Dienste im westlichen Balkan oder in Südeuropa andere Prioritäten haben, die oft stark von der Geographie bestimmt sind.
Mit welchen Ländern man enger kooperiert, hängt auch von den Themen ab. Aktuelle Entwicklungen können solche Prioritäten sehr schnell verändern.
Der Krieg im Iran zeigt das gerade sehr deutlich. Noch vor wenigen Wochen hätte man wahrscheinlich gesagt, dass die zentrale strategische Herausforderung für Europa in der russischen Bedrohung liegt. Wenn sich der Konflikt im Nahen Osten jedoch zu einem längeren Krieg ausweitet, wird auch das erhebliche Auswirkungen auf die Sicherheit Europas haben – und damit auch auf die Formen der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit.
In Ihrem Buch „Putins Angriff auf Deutschland“ analysieren Sie ausführlich die Bedrohung durch russische Desinformation. Welche Narrative des Kremls halten Sie derzeit für die gefährlichsten in Europa und Deutschland?
Es gibt eine Reihe dauerhafter Narrative. Was sie so gefährlich macht ist dass sie darauf zielen, die Demokratie und die politische Mitte in Europa zu unterminieren. In vielen Ländern – auch in Deutschland – haben rechte Kräfte deutlich an Einfluss gewonnen. In einigen europäischen Staaten könnten extrem rechte Parteien sogar Regierungsverantwortung übernehmen.
In Deutschland sehe ich das zwar noch nicht, auch wenn die AfD in Umfragen zusammen mit der CDU sehr stark ist. Dennoch ist es derzeit schwer vorstellbar, dass die AfD auf Bundesebene eine Regierung führt.
Das Problem ist, dass diese Kräfte anti-europäisch und meist auch prorussisch ausgerichtet sind. Dadurch wird sowohl die Verteidigungsfähigkeit Europas als auch der Zusammenhalt innerhalb der EU geschwächt. Darin sehe ich die größte Gefahr für den gesamten Kontinent – und wir sind dieser Entwicklung bereits relativ nahe gekommen.
Wie gut ist Deutschland Ihrer Meinung nach auf die Bekämpfung russischer Desinformation und hybrider Bedrohungen vorbereitet?
Leider immer noch sehr rudimentär. Und Deutschland steht damit nicht allein – das gilt für die meisten Demokratien in der EU und der NATO. Die einzigen Länder, die wirklich gut vorbereitet sind, sind die Ukraine und Moldau, weil sie viel stärker unter diesem Druck stehen. Von ihnen können wir heute viel lernen.
Immerhin hat sich in Deutschland das öffentliche und politische Bewusstsein für den hybriden Krieg und Desinformation deutlich verbessert. Das hat sich besonders in den letzten zwei Jahren verändert. Heute spricht selbst der Bundeskanzler öffentlich vom hybriden Krieg. Er hat gesagt: Wir sind nicht mehr im Frieden, wenn auch noch nicht im Krieg.
Auch institutionell gibt es erste Schritte. Der neu geschaffene Nationale Sicherheitsrat hat sich bereits in seiner ersten Sitzung mit hybriden Bedrohungen beschäftigt. Außerdem wurde ein Koordinationszentrum der Bundesregierung zur Bekämpfung hybrider Angriffe eingerichtet. Der neue BND-Präsident Martin Jäger hat auf der Münchner Sicherheitskonferenz einen starken Fokus auf hybride Kriegsführung gelegt. Insgesamt kann man also sagen: rhetorisch und im öffentlichen Bewusstsein hat sich viel verändert.
Die praktischen Maßnahmen sind jedoch weiterhin unzureichend. Russland setzt seine Aktivitäten unvermindert fort und wird sogar immer aggressiver. Man denke etwa an Mordpläne gegen Armin Papperger, den Rheinmetall Chef, an Sabotageaktionen wie das DHL-Paket in Leipzig oder die Anschläge auf Bahnstrecken in Polen – da wären um ein Haar viele Menschen gestorben, und das war wohl auch das Ziel Russlands.
Das alles zeigt: Unsere Abschreckung funktioniert nicht. Russland spürt keine wirklichen Kosten. Der Westen reagiert nur reaktiv – mit Resilienzmaßnahmen, Cyberabwehr oder Aufklärung. Aber die meisten Experten argumentieren wie ich dafür, dass man eine Mischung aus Reaktion und Aktion, aus defensiven und offensiven Maßnahmen entwickeln muss, um abzuschrecken und das Verhalten Russlands wirklich zu beeinflussen.
Wie Sie bereits sagten, war die Reaktion Deutschlands bislang eher zurückhaltend. Welche Gegenmaßnahmen halten Sie für sinnvoll – auch im Bereich hybrider oder verdeckter Operationen?
Ich denke, wir brauchen eine hybride Abschreckungsdoktrin. In der klassischen Militärstrategie gibt es Abschreckung – konventionell oder nuklear –, aber im hybriden Bereich fehlt ein solches Konzept bisher komplett.
Man muss sich also fragen: Welche Fähigkeiten können wir entwickeln, die Russland tatsächlich davon abhalten, einen aggressiven hybriden Krieg zu führen?
Ich sehe vor allem zwei Bereiche: Cyber und Information.
Im Cyberbereich könnten Deutschland und andere westliche Staaten zeigen, dass sie in der Lage sind, in russische Infrastruktur einzudringen, sie auszuspähen und gegebenenfalls auch zu sabotieren. Abschreckung funktioniert nur, wenn zwei Dinge vorhanden sind: die Fähigkeit und der Wille, sie einzusetzen. Beides wurde bisher nicht demonstriert.
Es gibt Beispiele nur wenige westliche Länder, die das bereits getan haben. Die USA haben zB 2018 während der Midterm-Wahlen die Trollfabrik in St. Petersburg – die Internet Research Agency – zeitweise vom Internet abgeschnitten, um eine Manipulation der US-Wahlen zu verhindern. Gleichzeitig haben sie damit gezeigt, dass sie zu solchen Eingriffen technisch in der Lage sind.
Es gibt zahlreiche ähnliche Beispiele, die öffentlich nicht bekannt sind. Aber Deutschland hat so etwas noch nicht gemacht.
Auch Deutschland sollte entsprechende Fähigkeiten entwickeln und auch klären, wer das rechtlich und technisch machen kann.
Cyberabschreckung ist von zentraler Bedeutung, denn das hängt eng auch mit dem Schutz kritischer Infrastruktur zusammen.
Das zweite große Thema sind Informationskampagnen. Der Westen hat im Kalten Krieg sehr aktiv Informationskampagnen durchgeführt – mit Radio Free Europe, Radio Liberty, der BBC, der Deutschen Welle und so weiter.
Heute haben wir viel mehr technische Möglichkeiten durch soziale Medien und das Internet. Selbst wenn diese in Russland teilweise blockiert werden, dringt doch vieles durch.
Wir sollten diese Möglichkeiten nutzen und Informationskampagnen viel proaktiver und massiver betreiben.
Die Ukraine zeigt sehr eindrucksvoll, wie effektiv Informations- und Cyberoperationen sein können. Der Westen kann davon lernen.
Aber unser Mindset ist eben noch nicht im hybriden Krieg angekommen. Wir verhalten uns weiterhin wie im Frieden, und das ist nicht mehr adäquat und nicht effizient.
Die Bundesregierung plant außerdem, die Befugnisse des BND deutlich zu erweitern. Könnte der BND künftig auch offensive Operationen durchführen – etwa Sabotageakte in Russland als Antwort auf Sabotageakte in Deutschland?
Ich denke, ja. Derzeit gibt es Bestrebungen, das BND-Gesetz anzupassen, und diese Reform sollte auch solche Möglichkeiten einschließen.
Wenn der BND heute davon spricht, dass Russland „den Schmerz spüren“ müsse – wie es Martin Jäger in München formuliert hat –, dann verstehe ich das so, dass damit auch operative Maßnahmen gemeint sind, etwa im Cyber- oder im Informationsraum.
Wichtig ist zunächst, die notwendigen Fähigkeiten, Strukturen und rechtlichen Grundlagen zu schaffen. Ob solche Maßnahmen tatsächlich eingesetzt werden, ist dann eine politische Entscheidung.
Glauben Sie, dass der heutige Bundeskanzler dazu bereit ist?
Es ist offensichtlich dass der BND-Präsident die Unterstützung des Bundeskanzlers hat, wenn es darum geht, dass der BND operativer werden soll. Dass er mehr als – wie Jäger es genannt hat – ein bloßer „Schreibdienst“ werden soll.
Das wäre ein absoluter Game-Changer in Deutschland, weil der BND bisher nie das Mandat hatte, so operativ zu werden wie die meisten anderen Geheimdienste der Welt. Die Einschränkungen sind natürlich auf die Nazizeit zurückzuführen. Hinzu kommt:
Deutschland konnte sich lange Zeit auf die amerikanische Intelligence verlassen. Jetzt müssen wir erwachsen werden, wenn wir in der Oberliga der Geheimdienste spielen wollen.
Zur militärischen Dimension zurück: Wie beurteilen Sie derzeit die militärischen Fähigkeiten Russlands? Teilen Sie die Einschätzung, dass Russland möglicherweise bis etwa 2029 in der Lage sein könnte, NATO-Territorium anzugreifen?
Russland rüstet seit Jahren massiv auf und entwickelt seine militärischen Fähigkeiten weiter. Allerdings hat es Russland nicht vermocht, den Krieg in der Ukraine zu gewinnen. Das hinterlässt einen gewissen Zwiespalt.
Wenn man über ein konkretes Datum wie das Jahr 2029 diskutiert, kann das leicht den Eindruck vermitteln, dass Europa bis dahin noch sicher ist und erst danach mit einer militärischen Bedrohung zu rechnen ist.
Hier wäre ich vorsichtig, denn eine solche rein auf militärische Fähigkeiten gestützte Sichtweise blendet den hybriden Bereich aus. Gerade dort aber könnten sich die Risiken für Europa bereits in den kommenden Jahren deutlich erhöhen, also noch bevor die russische militärische Aufrüstung abgeschlossen ist.
Die vor unseren Augen sich vollziehende geopolitische Konstellation kann für Europa gefährlich werden – insbesondere solange Donald Trump im Weißen Haus sitzt und in vielen Fragen eine deutlich russlandfreundlichere Perspektive einnimmt als eine ukrainische. Aus der Sicht des Kremls könnte es so aussehen, dass die Vereinigten Staaten Europa im Ernstfall nicht konsequent unterstützen würden.
Eine solche Perzeption Russlands könnte sich als gefährlich für Europa erweisen. Darüber hinaus hängt die Sicherheitslage in Europa auch stark von anderen Konflikten ab, aktuell von dem Krieg im Iran.
Insgesamt besteht durchaus eine Gefahr, dass sich in Europa eine instabile und gefährliche Lage entwickelt – nicht zuletzt aufgrund möglicher politischer Spaltungen innerhalb der Europäischen Union. Sollte es etwa in Frankreich oder Polen zu einem Rechtsruck kommen, könnte dies die Ambitionen auf eine gemeinsame europäische Verteidigung konterkarieren.
Deshalb halte ich die Vorstellung, Russland rüste auf und werde dann im Jahr 2029 militärisch angreifen können, für eine unterkomplexe Sichtweise. Die Realität ist komplexer und wahrscheinlich auch gefährlicher.
Sie haben den Faktor Donald Trump erwähnt. Derzeit laufen von den USA vermittelten Friedensgespräche. Sehen Sie hier eine reale Chance auf Frieden?
Ich bin nicht optimistisch, weil weiter keinerlei Anzeichen dafür sehe, dass Russland zu echten Kompromissen oder ernsthaften Friedensverhandlungen bereit ist.
Die Vereinigten Staaten haben sich unter Donald Trump weit auf russische Positionen zubewegt. Der Irankrieg stärkt Russlands Position, durch den Ölpreis, die Umlenkung von militärischem Gerät in den Mittleren Osten und indem es auch en politischen Fokus dorthin verschiebt. Unter diesen Umständen sehe ich wenig Aussichten auf erfolgreiche Verhandlungen.
Sie gelten als Russland-Kenner. Wie würden Sie das heutige politische System Russlands beschreiben und wie stabil ist das Regime?
Ich halte das gegenwärtige System nicht für instabil. Putin hat seine Macht fest im politischen System Russlands verankert.
Die politische Opposition ist zerschlagen. Die für Putin gefährlichsten Oppositionspolitiker wurden ermordet. Die wenigen verbleibenden Kräfte sind untereinander zerstritten.
Putin konnte mit Themen wie Nationalismus und Imperialismus Unterstützung in der Bevölkerung mobilisieren. Anders als in anderen Ländern hat sich dort nie eine wirklich starke Bürgerbewegung entwickelt. Viele Menschen versuchen vielmehr, sich aus der Politik herauszuhalten.
Auch innerhalb des Machtapparates oder der Oligarchie sehe ich derzeit keine Akteure, die eine ernsthafte Bedrohung für Putin darstellen könnten.
Eine vollständige Niederlage im Krieg gegen die Ukraine könnte für ihn gefährlich werden, doch danach sieht es derzeit nicht aus.
Ich gehe daher davon aus, dass das Regime Putin noch länger bestehen kann. Darauf muss sich der Westen einstellen. Alles andere wäre Wunschdenken. Der Westen muss seine militärischen Fähigkeiten stärken und glaubwürdige Abschreckung aufbauen. Erst auf dieser Grundlage könnten später wieder ernsthafte Verhandlungen mit Moskau möglich werden.
In der Ukraine gibt es doch häufig die Hoffnung auf innere Erschütterungen in Russland. Was könnte ein möglicher Auslöser für solche Entwicklungen sein?
Gegenwärtig sehe ich innerhalb Russlands keine Kräfte, die eine unmittelbare Bedrohung für das System darstellen könnten – weder in den Regionen, wie es am Ende der Sowjetunion der Fall war, noch unter den Oligarchen oder im Militär.
Zum Abschluss: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung des Krieges Russlands gegen die Ukraine? Und welchen Einfluss könnte die aktuelle Eskalation im Nahen Osten darauf haben?
Die aktuelle Eskalation im Nahen Osten bereitet mir große Sorgen. Vor allem ist nicht klar, welche konkreten Kriegsziele die Vereinigten Staaten dort eigentlich verfolgen.
Es besteht die Gefahr, dass die USA, Israel und möglicherweise der gesamte Nahe und Mittlere Osten in einen längeren Krieg hineingeraten. Wir haben ähnliche Entwicklungen bereits im Irak, in Afghanistan oder in Libyen gesehen. Die Vorstellung, militärische Ziele in wenigen Wochen erreichen zu können, erweist sich in der Realität häufig als Illusion.
Sollte sich der Konflikt im Iran zu einem längeren Krieg oder sogar zu einem Bürgerkrieg ausweiten, hätte das erhebliche geopolitische Konsequenzen. Der strategische Fokus der Vereinigten Staaten würde sich noch stärker von der Ukraine in den Mittleren Osten verlagern.
Das würde voraussichtlich bedeuten, dass militärische Ressourcen – etwa Patriot-Systeme, Munition und andere Ausrüstung – verstärkt dort eingesetzt werden und weniger für die Ukraine zur Verfügung stehen.
Das wäre für die Ukraine eine sehr schwierige Situation.
Auch die steigenden Öl- und Gaspreise spielen eine große Rolle. Für Russland sind hohe Energiepreise ein Gottesgeschenk für die Kriegskasse. Der Irankrieg spielt Putin eindeutig in die Hände.
Vasyl Korotkyi, BERLIN.