Wolodymyr „Kipisch“: Vom Gefangenen zum Oberoffizier der Kommunikationsabteilung des 18. Armeekorps

Nach seiner Flucht aus Gefangenschaft und seiner Ankunft in ukrainisch kontrolliertem Gebiet meldete sich Wolodymyr erneut zum Militärdienst

Wolodymyr (Spitzname „Kipisch“) erinnert sich an den Morgen des 24. Februar 2022 in Cherson bis ins Detail. Er ist 21 Jahre alt. Gegen fünf Uhr morgens wurde er von Explosionen auf dem Flughafen Tschornobajiwka geweckt. Die Angriffe hatten noch um 4:30 Uhr begonnen. Er wohnte in direkter Entfernung von etwa vier Kilometern, der Lärm war also nicht „irgendwo weit weg“, sondern ganz nah, als wäre der Krieg direkt in sein Haus gekommen. Wolodymyr las die Nachrichten und wusste, dass es möglich war. Doch als das „Mögliche“ Realität wird, geht es in den ersten Minuten nicht um die Panik, sondern um eine Entscheidung.

Gegen sieben Uhr morgens setzte er seine Mutter in den letzten Linienbus nach Ternopil. „Letzter“ – dieses Wort sollte ihm noch lange im Kopf klingen. Nachdem er sie verabschiedet hatte, rief Wolodymyr seinen Freund vom Militär an: Sie verabredeten sich kurzerhand und gingen zum Militärkommissariat. Noch am selben Tag wurde er beim Regionalmilitärkommissariat der Stadt eingezogen und der 124. selbstständigen Brigade der Territorialverteidigung zugeordnet.

Während die Stadt noch versuchte, das Ausmaß der Invasion zu begreifen, entwickelten sich die Ereignisse in der Region Cherson rapide. Gegen zehn Uhr morgens marschierten russische Truppen in Nowa Kachowka ein und hissten demonstrativ ihre Flagge am Wasserkraftwerk Nowa Kachowka. Gegen elf Uhr setzten sich russische Luftlandetruppen von Hubschraubern ab und nahmen Stellungen im Bereich der Antoniwka-Brücke, Antoniwka und Sadowe ein, um wichtige Routen abzuschneiden und die Verteidigungsanlagen an den Zufahrtsstraßen nach Cherson zu zerschlagen.

Dort, nahe der Antoniwka-Brücke, befand sich Wolodymyr in den ersten Tagen. Gemeinsam mit den Kämpfern der 124. Brigade der Territorialverteidigung, Einheiten der 59. motorisierten Infanteriebrigade und der 80. Luftlandebrigade gelang es den ukrainischen Streitkräften, die russische Landungstruppe zurückzudrängen und die Stellungen unter der Brücke zu halten. Diese Linie ermöglichte es unseren Einheiten, unter Beschuss und Artilleriebeschuss aus dem Kessel herauszukommen. Russische Flugzeuge operierten über dem Gebiet; die Luftangriffe erhöhten den Druck, und dies war minütlich zu spüren: Wenn der Himmel „fremd“ ist, wird der Boden doppelt so schwer.

Am selben Tag nahmen russische Truppen die Städte der Region und wichtige Einrichtungen ein: Genitschesk, Skadowsk, Kachowka, Nowa Kachowka, Tawrijsk, das Wasserkraftwerk Kachowka und den Nordkrim-Kanal. Die Lage spitzte sich immer weiter zu.

Am 25. Februar dauerten die Kämpfe im Bereich der Antoniwka-Brücke an, doch der Feind konnte sie einnehmen. Für die Verteidiger bedeutete dies eine bittere Realität: Es fehlte an Personal, schweren Waffen und Zeit. Sie mussten sich zurückziehen – nicht etwa, weil sie „nicht kämpfen wollten“, sondern um Menschenleben zu retten und eine Chance zu haben, den Widerstand fortsetzen zu können. Cherson hielt den Atem an: Alle erwarteten den Sturm auf die Stadt.

Der Sturm begann am 1. März. Russische Truppen rückten vom Flughafen zur Mykolajiw-Autobahn vor, Wehrtechnik war unterwegs, Panzer und Schützenpanzer drangen am Abend in die Stadt ein, sie verschanzten sich an mehreren Stellen und es entbrannten Straßenkämpfe. An diesem Tag fielen etwa 30 Kämpfer der Territorialverteidigung im Park „Busok“ in der Naftowykiw-Straße, die versuchten, den russischen Konvoi mit seinen überwiegend leichten Waffen aufzuhalten. Und am Morgen des 2. März meldeten die lokalen Behörden: Die Stadt ist komplett eingenommen.

Nach den Kämpfen und der faktischen Einnahme von Cherson zerstreuten sich viele, um sich auf den Partisanenkrieg vorzubereiten. Auch Wolodymyr. Doch in der besetzten Stadt geriet er in Gefangenschaft. Die Russen erkannten schnell, dass er Offizier war: es begannen Verhöre, psychischer Druck, Versuche, seinen Willen zu brechen. Er erinnert sich an Folter mit Strom, Schläge, Schüsse an dem Kopf vorbei und Zwang zur Kooperation. Am heimtückischsten war die Isolation: Der Mangel an Informationen verwandelte sich zu Hunger, und der Feind nutzte dies zur Manipulation aus – „Kyjiw hat bereits kapituliert“, „Es ist alles vorbei“...

Ihn hielt eine einfache, aber eiserne Logik. Er konnte am Fenster einen Spalt öffnen und unsere Artillerie von der Seite Mykolajiws hören. „Wenn Mykolajiw durchhält, hält Kyjiw erst recht durch“, dachte er und behielt den Glauben an sich selbst. Und um nicht den Mut zu verlieren, sang er leise ukrainische patriotische Lieder und die Nationalhymne, als innere Stärke, als Beweis dafür, dass er lebte und nicht gebrochen war.

Später gelang Wolodymyr die Flucht aus der Gefangenschaft und der Ausbruch aus dem besetzten Gebiet. Als Erste nach seiner Rückkehr in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet meldete er sich erneut zum Militärdienst. Es folgten Positionen als stellvertretender Kompaniechef, stellvertretender Kommandeur einer Militäreinheit, Dienst im 9. und 12. Armeekorps in der Abteilung für Informationsbeeinflussung. Während dieser Zeit erlebte er verschiedene Kriegsabschnitte: Er nahm an der Gegenoffensive in Saporischschja teil, war an der Verteidigung von Awdijiwka beteiligt und kämpfte im Richtung Pokrowsk. Es waren unterschiedliche Schlachten, unterschiedliches Tempo und unterschiedlicher Preis, aber eines hatten sie gemeinsam: die Beharrlichkeit der Menschen und die Notwendigkeit, nicht nur Stellungen zu halten, sondern auch Moral, Zusammenhalt und die Verbindung zwischen Einheit und Land aufrechtzuerhalten.

Parallel dazu hatte er eine Geübtheit aus dem Zivilleben und diese wurde im Krieg zu seinem zweiten Spezialgebiet. Vor dem Militär arbeitete Wolodymyr systematisch an visuellen und digitalen Inhalten: Er erstellte Grafiken, drehte und schnitt Videos und baute die Kommunikation in sozialen Netzwerken auf, nicht einfach nur wegen der Posts, sondern als ein vollwertiges System mit Stil, Rubriken, Wachstumslogik, Analysen und Disziplin. Er konnte Geschichten so aufbereiten, dass sie gelesen und gesehen wurden: kurz, prägnant, emotional – aber ohne Betrug.

Später kamen technische Instrumente hinzu: die Erstellung von Websites und Landingpages für Rekrutierung und Image, die Einrichtung von Social-Media-Marketing-Kampagnen, das Verständnis von SEO (damit die benötigten Geschichten auch in der Suche gefunden werden), die Automatisierung von Abläufen durch Bots (Bewerbungserfassung, Kommunikation, Weiterleitung von Anfragen) sowie die Arbeit mit digitalem Marketing und Storytelling. All dies an der Front erweist sich als Vorteil in der Kommunikation: Wo der Gegner massiv und dreist agiert, ist eine professionelle, schnelle und ehrliche Antwort gefragt – mit den richtigen Akzenten, Bildern, dem Rhythmus und Fakten.

Heute dient Wolodymyr „Kipisch“ als Oberoffizier in der Kommunikationsabteilung des 18. Armeekorps. Seine Front sind heute Inhalt und Kamera, Worten und Bilder, die die Wahrheit zeigen. Denn Krieg ist nicht nur eine Frage der Waffen. Es geht auch darum, wer und wie der Welt sagt, wofür die Ukraine steht – und warum sie durchstehen wird.

Oleksij Lemeschenko