Andrij Turtschyn, Oberst, Kommandeur der 25. selbständigen Luftlandebrigade „Sitscheslaw“
Armee braucht menschliche und verantwortungsbewusste Kommandeure, die Entscheidungen treffen können
Andrij Turtschyns militärischer Weg begann lange vor 2014. Als der groß angelegte Krieg begann, war er stellvertretender Stabschef einer taktischen Bataillonsgruppe. Turtschyn ist heute Ritter des Bohdan-Chmelnyzky-Ordens der drei Graden. Die 25. selbständige Luftlandebrigade „Sitscheslaw“ kämpft unter seiner Führung im Raum Pokrowsk. Ende März 2024 führte sie eine Operation nahe des Dorfes Tonenke durch und fügte dem Feind schwere Verluste zu. In einem Interview mit Ukrinform erzählte Andrij Turtschyn über den Wandel im russisch-ukrainischen Krieg, die Rolle von Technologien und Menschen sowie die Folgen von Entscheidungen.
Andrij Leonidowitsch, wie begann Ihr Weg bei den Streitkräften? War es eine bewusste Entscheidung?
Familiäre Traditionen sahen das nicht vor, es gab keine Militärangehörigen in meiner Familie. Aber nach der achten Klasse entschied ich mich bewusst für diesen Weg und besuchte ein Gymnasium mit vertiefter militärisch-sportlicher Ausbildung. Dort verstand ich Disziplin, Verantwortung und die Tatsache, dass die Armee keine Romantik, sondern tägliche Arbeit ist.
Nach dem Gymnasium studierte ich am Institut der Landstreitkräfte in Odessa, das später nach Lwiw verlegt wurde. Und dort schloss ich mein Studium an der Nationalen Akademie der Landstreitkräfte ab. Ich machte 2009 meinen Abschluss, als die Luftbeweglichen Truppen gebildet wurden. Es war eine Zeit der Veränderungen, der Ambitionen und der hohen Anforderungen.
Ihr Kampfweg umfasst fast alle Phasen des modernen russisch-ukrainischen Krieges. Womit hat alles für Sie begonnen?
Nach dem Abschluss diente ich fünf Jahre im Ausbildungsbataillon in Desna und seit 2013 in der 80. Brigade. Bereits 2014 stellten wir eine taktische Bataillonsgruppe auf und brachen am 9. Mai nach Osten auf. Wir waren in Bilohoriwka, Schypyliwka und Lysytschansk – wir verließen die Stadt als Letzte.
Als der groß angelegte Krieg begann, war ich stellvertretender Stabschef der taktischen Bataillonsgruppe. Wir waren im Aufbau, zuerst auf dem Truppenübungsplatz Jaworiw, dann in Schyrokyj Lan in der Region Mykolajiw. Doch der Krieg hatte seine eigenen Pläne, und statt geplanter Übungen gingen wir sofort in Kampfeinsätze.
Was bedeuten heute für Sie Luftlandesturmtruppen?
Fallschirmjäger und Luftlandesturmtruppen waren und bleiben die Elite. Das sind keine lauten Worte, sondern die gestiegenen Anforderungen, die komplexen Aufgaben und die Notwendigkeit, in Sekundenschnelle Entscheidungen zu treffen. Hier ist kein Platz für Fehler. Krieg ist ein Wettstreit der Anpassungsfähigkeit. Wer sich schneller anpasst, überlebt.
Was ist die Hauptlehre aus diesem Krieg für die ukrainische Armee?
Es gibt keine dauerhaften Entscheidungen. Der Feind ändert ständig seine Taktiken, Frequenzen und Vorgehensweisen. Wir reagieren und passen uns erneut an. Elektronische Kampfführungsmittel, Drohnen, Abfänger, Bodenroboter – alles befindet sich im ständigen Wandel.
Aber der Schlüssel sind die Menschen. Ein Busfahrer von gestern kann nicht ohne Ausbildung auf ein hochentwickeltes Gelände versetzt werden. Motivation, Verständnis und der Wille zur Weiterentwicklung sind unerlässlich.
Wie unterscheidet sich der aktuelle Krieg vom Krieg von 2022?
Grundlegend. Wenn Einheiten früher kompakt vorrücken und schnell direkt an die vorderste Linie gelangen konnten, so müssen die Soldaten heute 15–20 Kilometer zurücklegen. Die ständige Bedrohung aus der Luft – FPV-Drohnen, feindliche Aufklärung zwingt, jede Bewegung zu kontrollieren. Im modernen Kampf geht es um Kontrolle, Begleitung, Abfangen und Präzision. Jeder Fehler kostet sehr teuer.
Der Krieg ist technologisch geworden, aber ohne Menschen ist Technologie nur Eisen.
Was erschöpft heute das Militär in Richtung Pokrowsk am meisten?
Psychologischer Druck und eine Informationskampagne des Feindes. Wenn ein Soldat in sozialen Netzwerken Falschmeldungen über den „Verlust von Pokrowsk“ sieht, schafft das Spannungen. Doch die Realität sieht völlig anders aus: Wir halten die Verteidigung und vernichten den Feind jeden Tag.
Hat sich die Taktik des Feindes während der Kämpfe in dieser Richtung verändert?
Im Prinzip nicht. Sie haben einfach schweres Gerät durch leichtes ersetzt: Motorräder, Quads, Zivilfahrzeuge. Sie verfügen über viele menschliche Ressourcen, die sie nicht schonen.
Was haben zwei Jahre Kampf an diesem Frontabschnitt gezeigt?
Wir entwickeln uns jeden Tag weiter, von Awdijiwka bis Pokrowsk. Offensive, Defensive, wieder Anpassung. Dies ist ein Abnutzungskrieg: sowohl für Menschen als auch für Geräte. Wir müssen ständig neue Technologien entwickeln: FPV, Bodenroboter, unbemannte Logistik. Evakuierung, Zufuhr und Aufklärung wird zunehmend unbemannt durchgeführt.
„Richtung zu halten“ – worum geht es dabei?
In erster Linie um die Menschen, denn ohne sie wird es keine Gebiete oder Stellungen geben. Alles andere ist machbar: der korrekte Aufbau der Verteidigung, Beobachtung, Feuer, Zusammenwirken.
Ich möchte mit Ihnen über die Operation „Bei Tonenke“ sprechen. Die „Sitscheslawen“ wehrten damals einen gewaltigen mechanisierten Angriff der Russen ab. Was ging dieser Operation voraus?
Sie wurde unter Bedingungen aktiver Offensivaktionen des Feindes durchgeführt, der schwere Panzerfahrzeuge einsetzte: Kampfpanzer, Schützenpanzer und gepanzerte, amphibische Truppentransporter MT-LB. Unsere Einheiten hatten eine vorteilhafte Position auf den Höhen, was ermöglichte, die Bewegungen der feindlichen Kolonnen frühzeitig zu erkennen und ein effektives Zerstörungssystem aufzubauen. Die Schlüsselrolle spielte die Kombination aus Panzerabwehrwaffen und unbemannten Systemen. Die Einheiten setzten Javelin- und Stugna-Panzerabwehrsysteme sowie FPV-Drohnen ein, sowohl zur Aufklärung als auch zur Zerstörung feindlicher Ausrüstung und des Personals des Feindes.
Was waren die Ergebnisse dieser Operation?
Über 50 Einheiten feindlicher Ausrüstung sind an einem Kampftag zerstört worden. Die Gesamtverluste des Feindes beliefen sich auf über 90 Einheiten gepanzerter und anderer schwerer Ausrüstung, was sein Offensivpotenzial in diesem Raum erheblich reduzierte.
Haben die Russen ihre Taktik während der Kämpfe bei Tonenke geändert?
Während der Operation selbst änderten sie ihre Taktik nicht wesentlich; sie setzten die Offensive mit schwerer Ausrüstung fort. Später wechselten sie zu leichter Ausrüstung und kleinen Gruppen.
Welche Bedeutung hatte diese Operation für die Verteidigung der Richtung Pokrowsk?
Sie wurde aus Sicht der modernen Verteidigung vorbildlich: Sie bestätigte die Wirksamkeit der Kombination aus günstigem Gelände, technologischen Mitteln und ausgebildetem Personal. Die gewonnenen Erfahrungen sind bei der weiteren Verteidigung der Richtung Pokrowsk genutzt worden.
Hat sich Ihr Verantwortungsgefühl gegenüber den Menschen verändert?
Menschlichkeit steht an erster Stelle. Ein Kommandeur muss harte, entschlossene Entscheidungen treffen, aber auch die Konsequenzen jedes Befehls verstehen. Die menschlichen Ressourcen sind begrenzt, ich kann und habe nicht das Recht, Menschen zu opfern. Grundlage sind eine hochwertige Ausbildung, Anpassung und die Zusammenarbeit mit Ausbildern. Neu eintreffende Soldaten durchlaufen alle Ausbildungsphasen, mindestens zwei Wochen Einarbeitung direkt in den Einheiten, und erst dann erhalten sie Kampfaufgaben.
Gibt es Entscheidungen, die besonders schwierig zu treffen sind?
Es gibt viel davon. Jedes Mal muss man abwägen: Kann ich die Aufgabe mit den verfügbaren Kräften erfüllen und gleichzeitig Menschenleben bewahren? Ein Fehler eines Kommandeurs hat immer einen hohen Preis.
Welche Art von Kommandeuren braucht die Armee heute?
Verantwortungsbewusste und entscheidungsfähige. Es herrscht Personalmangel, das ist Realität. Deshalb bilden wir aktiv Kommandeure aus den Reihen der Unteroffiziere aus – solche, die Kampferfahrung haben, denken und Verantwortung übernehmen können. Dokumente kann man studieren, aber Kampftaktiken erfordert Erfahrung.
Was motiviert das Militär heute am meisten?
Kameradschaft, Team. Wenn ein Kämpfer weiß, dass er nicht im Stich gelassen wird. Hinzu kommt das Bewusstsein der Verantwortung gegenüber Staat, Familie und Eid. Rotation und Urlaub sind unabdingbar, ohne sie halten die Soldaten es psychisch einfach nicht aus.
Krieg härtet ab, aber er kann auch brechen. Deshalb ist es wichtig, an der Motivation zu arbeiten, an der Geschichte der Brigade und daran, zu verstehen, wofür und für wen man kämpft.
Gab es in letzter Zeit besonders eingeprägte Geschichten?
Ja. Zum Beispiel hat einer unserer Kämpfer im Alleingang den Feind vernichtet und einen gefangenen Kameraden befreit. Das war die Tat eines wahren Kriegers. Er erhielt eine wohlverdiente Auszeichnung.
Was ist heute bei der Ausbildung eines Kämpfers entscheidend?
Qualität, nicht Quantität. Im Einsatz dürfen wir es uns nicht leisten, mit Leuten „zuwerfen“. Die Ausbildung in Ausbildungszentren ist nur die Grundstufe. Die eigentliche Ausbildung beginnt schon in der Brigade unter Berücksichtigung einer konkreten Richtung. Jeder Soldat durchläuft eine Einarbeitungsphase: sieben Tage unter Anleitung von Ausbildern der Brigade, weitere sieben Tage direkt in der Einheit mit seinen Sergeanten und den Kommandeuren. Das Training ist so realitätsnah wie möglich.
Kann jeder kämpfen lernen?
Ja, manche brauchen mehr, manche weniger Zeit. Entscheidend sind jedoch Motivation und Entwicklungsbereitschaft. Wenn der Wille da ist, lehren wir und finden Anwendungsmöglichkeiten.
Wie funktioniert die Rekrutierung in der Brigade heute?
Wir haben unser eigenes Rekrutierungszentrum in Dnipro, einen mobilen Markenpunkt und ein Ausbilderteam. In der warmen Jahreszeit arbeiten wir landesweit. Im Winter sind wir in Schulen, Gymnasien und Akademien präsent. Wir zeigen die Brigade von innen: Ausbildung, Technologien, medizinische Fähigkeiten, reale Positionen.
Die Schlüsselregel ist, dass jeder Bewerber genau die Position erhält, für die er sich beworben hat. Andernfalls funktioniert die Rekrutierung nicht.
Arbeiten Sie auch mit Ausländern?
Ja, die Auswahl ausländischer Staatsbürger ist ein eigener Arbeitsbereich. Sie werden noch vor Beginn der Grundausbildung ausgewählt und dienen in der Brigade unter allgemeinen Bedingungen.
Sie besitzen den Bohdan-Chmelnyzky-Orden. Was bedeutet Ihnen dieser Orden? Welche der Auszeichnungen ist Ihnen die wertvollste?
Es geht nicht um Status, sondern um Verantwortung. Für die, die uns nahestehen. Und für die, die nicht zurückgekehrt sind.
Am wertvollsten ist der Bohdan-Chmelnyzky-Orden ersten Grades. Er ist mit der Operation Isjum verbunden, als ich bereits Bataillonskommandeur war. Die Führung der Trupps und die Sicherstellung der Bewegung der gesamten Brigade ist eine enorme Verantwortung.
Wie sehen Sie die ukrainische Armee nach dem Sieg?
Stark und unbesiegbar. Aber selbst nach dem Sieg werden wir die Grenzen noch lange halten müssen. Wichtig ist, das hohe Ausbildungsniveau nicht zu verlieren und den Preis dieses Krieges nicht zu vergessen.
Glauben Sie, dass die Kommandeure in ein friedliches Leben zurückkehren können?
Ja, wenn wir Unterstützung haben werden. Wir haben ein Veteranenzentrum, ziehen Veteranen regelmäßig zu Veranstaltungen hinzu und lassen sie mit ihren Problemen nicht allein. Das Team hält auch nach dem Krieg.
Welche Lehre sollten die Ukrainer aus diesem Krieg ziehen?
Die Geschichte lernen. Sie sollten sich nicht untereinander streiten, denn interne Uneinigkeit ist das Schlimmste. Die Ukraine war nie auf Knien und wird auch nie sein.
Serhij Kusmin
Foto: Witalij Kusmenko, 25. selbständige Luftlandebrigade „Sitscheslaw“