„Leleka“: Nachschub für Aufklärung, Verluste für Feind
Ukrinform-Korrespondenten beobachteten Einsatz der Piloten der Aufklärungskompanie der 129. selbstständigen mechanisierten Brigade der Streitkräfte der Ukraine in Region Charkiw
Trotz des wechselhaften Wetters spüren die Luftaufklärer der 129. selbstständigen schweren mechanisierten Brigade der Streitkräfte der Ukraine den Feind weiter aus. Eine der Besatzungen demonstrierte den Einsatz des Flugsystems „Leleka“ (Storch - deu.), die Besonderheiten des Geländes, die ukrainische Drohne und das Können der Piloten.
DIE BESATZUNG VON „BODRYJ“ AUF DER SUCHE NACH DEM FEIND
Mitten in der Nacht fahren wir in Begleitung des Militärs von Charkiw in eine Richtung, die wir aus Sicherheitsgründen nicht nennen werden. Einige Straßen sind bereits mit Drohnenabwehrnetzen gesichert. Wir bewegen uns hauptsächlich auf Feldwegen fort. Als wir das Ziel erreichten, laden die vier Aufklärer ihre Ausrüstung zügig aus. In den Kisten befinden sich die Leleka-Drohnen, diverse Ausrüstungsgegenstände, eine Ladestation und Proviant für die Gruppe. Eine Menge Fracht, notwendig für jede Fahrt. Draußen ist es noch dunkel, und wir, zivile Beobachter, sind orientierungslos in unbekannter Gegend. Die Männer mit ihrer Ladung verschwinden in der Dunkelheit der Nacht, irgendwo ist ein Unterschlupf für sie eingerichtet. Bei ihrer Rückkehr tarnen sie die Fahrzeuge. Die Besatzung wirkt methodisch und wortkarg. Die Aufklärer montieren die Antenne und tarnen sie, bauen die Drohne zusammen und decken sie ebenfalls mit einem Netz ab.
Kurz darauf kommt der Befehl: „Start!“ Es liegen vorläufige Informationen über mögliche Bewegung des Gegners vor. Die Besatzung startet die Drohne in die notwendige Richtung.
Im Unterstand können wir während der Steuerung und Beobachtung kurz mit den Piloten sprechen. Zwei von ihnen sind seit Beginn der großangelegten Invasion an der Front, zwei wurden 2025 mobilisiert.
Vor ihrer Verlegung in die Region Charkiw nahm die Brigade an der Operation Kursk teil. Das Militär vergleicht also jetzt die dortigen Landschaften sowie die Region Sumy mit denen der Region Charkiw.
„Es scheint so, aber es gibt auch einige Besonderheiten. Innerhalb weniger Tage haben wir das Gebiet für Flüge erkundet. Luftaufklärung spielt jetzt eine Schlüsselrolle. Ja, Treffer sind wichtig, aber zuerst muss man den Feind aufspüren. Wir passen nicht nur die Artillerie an, sondern auch den Einsatz der FPV-Piloten“, sagt der 46-jährige Oleksandr unter dem Decknamen „Bodryj“ (alert - deu.).
Diesen Rufnamen erhielt er noch zu Beginn des Angriffskrieges.
„Die Jungs nannten mich so, weil ich morgens immer als Erster alle geweckt habe“, lächelt Oleksandr.
Er ist seit März 2022 an der Front. Zuerst war er in der 117. Brigade Sumy, dann wechselte er zur 129.:
„Ich wollte Pilot werden. Ich habe mit den Maviс angefangen, mir das Fliegen mit FPV-Drohnen selbst beigebracht und wurde dann zu Kursen für das Fliegen geschickt.“
Der Kamerad von „Bodryj“ ist Oleh, Rufname „Schewa“. Man sagt, beide waren lange Zeit bei der Infanterie und sind nun gemeinsam in der Luftaufklärung tätig.
„Ich steuere die Zielerfassung, also die Kamera“, erzählt Oleg über seine Arbeit in der Besatzung. „Ich muss mich umschauen und sich auf der Karte orientieren. Die Region Charkiw ist einzigartig. Viele Bäume, Wäldchen – und viele sehen gleich aus. Und egal, wie viel wir fliegen, es kann immer noch passieren, dass wir uns ein wenig verirren.“
WALD-„TIERE“ UND „GEFRORENER VOGEL“
Oleh stammt aus Krywyj Rih und ist studierter Softwareingenieur, obwohl er nicht in seinem Fachgebiet gearbeitet hat.
„Irgendwann bin ich in einen anderen Bereich gegangen, was ich später sehr bereut habe. Ich habe im Handel gearbeitet“, erzählt „Schewa“.
Der Flug von „Leleka“ geht weiter. Zur schnellen Orientierung geben die Aufklärer bestimmten Objekten anhand ihrer Umrisse Namen. So kann ein bestimmtes Wäldchen zu einem Tier werden, beispielsweise zu einer Giraffe. Bei Problemen können die Beobachter also am Monitor den Piloten unterstützen und ihm helfen, seine Position schnell zu bestimmen.
„Am schwierigsten ist das Aufsetzen des Luftfahrzeugs, der Start ist einfacher, obwohl es auch hier gewisse Feinheiten gibt“, sagt „Schewa“.
Die Aufklärer betonen noch einhellig, wie wichtig die Zusammenarbeit der Besatzung ist. Und wenn man die Piloten beobachtet, sieht man, dass ihnen dies gelungen ist.
„Ich bin am 13. Mai dieses Jahres mobilisiert worden. Ich hatte das Glück, in die 129. Brigade, in die Aufklärungskompanie, zu geraten – sozusagen durch Zufall. Das Team ist freundlich, es gibt keine Streitigkeiten“, sagt Jurij mit dem Rufnamen „Pljuschtsch“. „Der Umgang mit dem Computer fällt mir nicht schwer. Und hier wurde mir alles beigebracht, was ich für das Steuern einer Drohne brauche. Der Einsatz richtet sich nach den Wetterbedingungen und den aktuellen Aufgaben. Du kannst jederzeit angefordert werden. Doch es ist ungemein motivierend, zur Vernichtung des Feindes beizutragen.
Er stammt, genau wie „Schewa“, ursprünglich aus Krywyj Rih.
„Ich habe über 20 Jahre in einem Bergwerk gearbeitet, war Vorarbeiter, ein mittlerer Manager. Im Vergleich zu meinem Gehalt im Bergwerk verdiene ich beim Militär deutlich mehr“, sagt „Pljuschtsch“.
Unsere „Leleka“ verliert plötzlich an Höhe. Vielleicht ist die Drohne vom Feind abgeschossen worden. Die Geschwindigkeit hat stark nachgelassen, aufzusteigen gelingt nicht. Oleksandr ist der Erfahrenste in der Gruppe und übernimmt die Steuerung. Er schafft es, das Fluggerät umzudrehen und es „nach Hause“ zu bringen. Wir kommen alle heraus. Die „Flügel“ sind bereits am Horizont zu sehen, und schon bald fängt Oleksandr die Drohne gekonnt wieder ein.
Die Aufklärer erklären: Es gab keinen Schaden, die Drohne war einfach eingefroren. Unsere Ausfahrt findet bei -8 °C statt. Die Flügel der Drohne waren mit einer „Eisschicht“ bedeckt, auch die Linse begann zu vereisen.
„Leleka“ kann sogar bei minus 30 Grad fliegen, aber ab einer bestimmten Höhe sammelt sich Feuchtigkeit an und es kommt zur Vereisung“, erklärt uns Oleh. „Das heißt, wenn wir höher steigen, überschreiten wir diese Grenze, aber aus dieser Höhe würden wir wegen der Wolken nichts mehr sehen. Unterhalb der Wolken ist die Flughöhe nicht sehr hoch. Wir haben jetzt wirklich Glück gehabt: Wir haben das Luftfahrzeug normal zurückgebracht. Und das ist der Vorteil des Systems selbst: seine Konstruktion, die Funktionsweise seiner Automatisierung und natürlich der Verdienst des Piloten, der alles Notwendige getan hat.“
Natürlich gab es, wie die Jungs erzählen, Verluste: Zwei ihrer Flugzeuge wurden vom Feind abgeschossen.
Wir müssen die Aufklärer zurücklassen. Es dämmert. Wir hätten schon längst ausbrechen sollen – Lauftalarm! Eine Drohne wurde in der Nähe an der Glasfaserleitung bemerkt. Wir rennen in Deckung. Später, mit der Erlaubnis des Militärs, dürfen wir wieder hinaus. Die Sonne geht bereits über dem Horizont auf.
„Haltet durch! Alles wird Ukraine sein!“, sagt „Bodryj“ zum Abschied.
Zur Auskunft: Die „Leleka-100“ ist eine ukrainische Drohne für Aufklärungszwecke. Sie wurde vom ukrainischen Unternehmen DeViRo entwickelt und im Mai 2021 bei den ukrainischen Streitkräften in Dienst gestellt.
Sie korrigiert Artilleriefeuer bis zu einer Tiefe von 50 km.
Maximale Flughöhe: 1500 m; Höchstgeschwindigkeit: 120 km/h; Reisegeschwindigkeit: 60–70 km/h; Flugzeit: bis zu 4 Stunden; Temperaturbereich: -20 °C bis +40 °C. Gewicht: bis zu 5 kg.
Die „Leleka“ wird per Katapult gestartet und landet per Fallschirm.
Julija Bajratschna, Charkiw
Fotos: Wjatscheslaw Madiewskyj