Von „Evakuierung“ bis hin zu Deportation: wie Russland ukrainische Kinder entführte

Seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 verschleppt Russland systematisch ukrainische Kinder, stellt ihnen neue Dokumente aus, unterzieht einer Umerziehung mit dem Ziel, ihre ukrainische Identität auszulöschen.

Der Krieg Russlands, der mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014 begann, dauert bereits zwölf Jahre. Kinder und Jugendliche sind im Krieg besonders bedroht.  Stand September 2026 wurde Deportation oder Zwangsumsiedlung von über 20.000 ukrainischen Kindern offiziell bestätigt. Die genaue Zahl ist aber unbekannt und kann deutlich höher sein. Im Laufe des Krieges hat sich die „Evakuierung“ oder „Adoption“, wie die Verschleppung in Russland genannt wird, zu einer systematischen Politik geworden, die es zum Ziel hat, Kinder von ihrer Familie, dem ukrainischen Umfeld und ihrer Identität zu trennen. 

KEINE NEUE PRAXIS

Das Ausmaß russischer Verbrechen gegen ukrainische Kinder ist präzedenzlos, die Praxis der Entführung von Kindern und der gewaltsamen Auslöschung ihrer Identität ist jedoch nicht neu.

Nazionalsozialisten verschleppten Kinder aus besetzten Ländern zur "Zwangsgermanisierung“  ins Deutsche Reich. Sie wurden ihren Erltern weggenommen und als Pflege- und Adoptivkinder in deutsche Familien gebracht. Ihre Namen wurden eingedeutscht, sie durften ihre Muttersprache nicht mehr sprechen.

In den Zeiten des großen Terrors in den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts In der Sowjetunion wurden Kinder repressierter Eltern ebenfalls von ihren Anhgehörigen getrennt, in Waisenhäusern untergebracht, und Kleinkinder oft zusammen mit ihren Müttern inhaftiert.

Ein weiteres Beispiel war Argentinien während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983, wo Kinder von Regimekritikern, die man hatte verschwinden lassen, entführt und zur Adoption freigegeben wurden.

Kinder wurden unter geänderten Namen oft in vermeintlich „richtige“, also dem Militärregime gegenüber loyale, Familien vermittelt, die nicht genau über ihre Herkunft Bescheid wussten. Die Identifizierung der durch hochrangige Beamte oder Militärs „adoptierten“ Kinder dauert in Argentinien bis heute.   

In all diesen Fällen ging es nicht nur darum, die Kinder von ihrer Familie zu trennen, sondern auch um den Versuch, ihr Schicksal zu bestimmen.  

WIE ALLES BEGANN

Die Entführung und illegale Deportation ukrainischer Kinder durch Russland begann unmittelbar nach der Annexion der Krim. Nach dem illegalen „Referendum“ im März 2014 blockierten die russischen Besatzungsbehörden die Ausreise von Kindern in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet und verliehen ihnen gewaltsam die russische Staatsbürgerschaft. Nur ein kleiner Teil (etwa 60 Kinder) wurde in den ersten Tagen der Besatzung auf das ukrainische Festland evakuiert.

Nach der Errichtung der Besatzungsmacht auf der Halbinsel weitete Russland das allrussische Projekt „Zug der Hoffnung“ auf die Krim aus. Das Projekt wurde mit Unterstützung öffentlicher Organisationen und Medien, insbesondere des staatlichen Radiosenders Radio Russland, realisiert. Im Rahmen dieses Projektes wurden die Bürger der Russischen Föderation organisiert auf die Krim gebracht, damit sie ukrainische Waisenkinder auswählen, adoptieren und in verschiedene Regionen Russlands bringen konnten.

Am 15. Oktober 2014 berichteten lokale Krim-Medien über die Ankunft eines solchen „Zuges“ in Sewastopol. Bald berichteten die vom Kreml kontrollierten „Behörden“ über die Adoption und die Ausreise von 12 ukrainischen Waisen nach Russland. Aber das ist nur eine Aktion, die öffentlich bekannt wurde.

Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen (insbesondere der KrimSOS und der Krim-Menschenrechtsgruppe) befanden sich zu dieser Zeit etwa 5.000 Waisenkinder und Kinder ohne elterliche Fürsorge auf der Krim. Einige von ihnen wurden später illegal nach Moskau, Adygeja und in andere Regionen der Russischen Föderation verschleppt, wo ihre Staatsbürgerschaft, Dokumente und Identität geändert wurden. Viele dieser Kinder sind bis heute für den ukrainischen Staat unerreichbar, und ihr weiteres Schicksal ist ungewiss.

Die Ukraine reagierte sofort: Bereits am 16. Oktober 2014 schickte das Außenministerium eine Protestnote an Russland. Kyjiw betonte, dass die Adoption ukrainischer Kinder durch ausländische Bürger ohne Zustimmung der Ukraine gegen die ukrainische Gesetzgebung und die internationalen Verpflichtungen Russlands verstößt.

VERSCHLEPPUNG AUS DONBASS

Im Sommer 2014 begannen die von Russland kontrollierten Kämpfer und Besatzungsbehörden im Donbass, Gruppen von Waisenkindern und Internatsschülern illegal nach Russland zu bringen. Die Kinder wurden unter anderem aus Marjinka, Donezk, Luhansk und Snischne verschleppt. Einige von ihnen, insbesondere die Internatsschüler in Snischne, konnten dank der Bemühungen ukrainischer Diplomaten und Menschenrechtsaktivisten zurückgebracht werden. Am Vorabend einer groß angelegen Invasion griff Russland unter dem Vorwand der „Evakuierung“ auf massive Illegale Verbringung von Kindern aus der Ukraine nach Russland

zurück. Nach Angaben der UN-Kommission sind 80 Prozent der verschleppten Kinder auch Jahre nach ihrer „Evakuierung“ noch nicht zurückgekehrt.

NACH DEM 24. FEBRUAR 

Nach der Vollinvasion hat Russland die Deportation ukrainischer Kinder zu einer umfassenden und systematischen Politik gemacht. Während 2014 der Fokus auf ihrer „Adoption“ lag, setzte Russland nach dem 24. Februar 2022 zunehmend auf „Umerziehung“, psychologischen Einfluss und Militarisierung der Kinder.   

Kinder wurden in russische Regionen, auf die annektierte Krim und sogar nach Nordkorea gebracht, wo sie in Lagern wie Songdowon [ein internationales Kinderferienlager in Nordkorea] untergebracht wurden. Solche Reisen wurden von russischen staatlichen Behörden und ihnen unterstellten Organisationen organisiert, unter anderem von der 2022 gegründeten „Bewegung der Ersten“.

Unter dem Vorwand eines Sommerlagers wurden die Kinder nach Russland verschleppt. Den Eltern wird  oft gesagt, die Kinder würden an  einem „sicheren Ort“ sein. Doch anstelle des versprochenen Monats konnte der Aufenthalt auf unbestimmte Zeit verlängert werden.

Die annektierte Krim und andere besetzte Gebiete wurden zu wichtigen Ausgangspunkten für eine weitere Integration ukrainischer Kinder in den russischen Informationsraum sowie derer Militarisierung. 

FILTRATION 

Besonders dramatisch ist das Schicksal von Kindern, welche die sogenannte Filtration – eine Überprüfung durch russische und von ihnen kontrollierte Kräfte erlebt haben – oft gemeinsam mit ihren Eltern. Internationale Beobachter berichteten, dass Eltern und Kinder an den Filtrationsstellen oft getrennt wurden: Ein Elternteil konnte wegen Verdachts auf Verbindungen zu den ukrainischen Streitkräften oder staatlichen Strukturen festgehalten werden, während das Kind alleine blieb. Die UN-Kommission dokumentierte einen Fall, in dem nach der Festnahme des Vaters an einer Filtrationsstelle drei seiner Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren zunächst in ein Waisenhaus und ein Krankenhaus in einem besetzten Gebiet gebracht und später nach Russland deportiert wurden. In einem anderen Fall, dokumentiert von Human Rights Watch, wurden zwei Gebrüder im Alter von 13 und 18 Jahren nach der Festnahme ihrer Mutter in eine andere Ortschaft gebracht, wo sie 25 Tage lang keinen Kontakt zu ihr hatten. Schließlich wurden sie von ihrem Vater nach Russland geholt. Auf solche Weise konnte ein Kind mit dem russischen System nicht direkt nach seiner unmittelbaren Verschleppung, sondern  nach einer Trennung mit den Eltern konfrontiert werden.

Internatsschüler

Besonders gefährdet sind Internatsschüler und Kinder mit Behinderungen. Die Besatzer zwangen die Pädagogen, die Ausreise der Kinder zu akzeptieren, und ihr Aufenthaltsort wurde oft vor Verwandten und Erziehungsberechtigten verborgen. Die Kinder wurden in Familien und Institutionen von mindestens 57 Regionen der Russischen Föderation und in den besetzten Gebieten untergebracht, ihnen systematisch die russische Staatsbürgerschaft gewährt und ihre Daten in die Adoptionsdatenbanken eingegeben. Die Kinder wurden in Familien und Institutionen in mindestens 57 Regionen der Russischen Föderation sowie in den besetzten Gebieten untergebracht. Zudem gewährte man ihnen systematisch die russische Staatsbürgerschaft und trug ihre Daten in die Adoptionsdatenbanken ein.

Es ist ein Fall bekannt, bei dem die russischen Besatzungstruppen im Oktober 2022 84 Kinder aus dem Kinderheim in Oleschky auf die besetzte Krim und in die Region Krasnodar verschleppten. Die meisten von ihnen waren minderjährig, und die Umsiedlung fand ohne Zustimmung der Verwandten oder gesetzlichen Vertreter statt. In zweieinhalb Jahren konnten lediglich 11 Kinder zurückgebracht werden.

Gleichzeitig nutzt Russland die deportierten Kinder auch als Propagandainstrument: Es stellt sie als „gerettet“ dar und demonstriert damit die angebliche Menschlichkeit und „Fürsorge“ der russischen Regierung.

WAS MAN DARÜBER WISSEN SOLLTE

Forced Transfer (Zwangsumsiedlung) und Deportation (Deportation) sind zwei enge internationale Verbrechen, die mit der gewaltsamen Umsiedlung von Menschen von ihrem rechtmäßigen Wohnort verbunden sind.

Der Hauptunterschied besteht darin, ob eine internationale Grenze überschritten wird. Wenn Menschen innerhalb ihres eigenen Landes oder eines besetzten Gebiets gezwungen werden, ihren Wohnort zu verlassen, spricht man von Binnenvertreibung (oder internen Vertreibungen). Werden sie hingegen gewaltsam in einen anderen Staat gebracht, handelt es sich um eine Deportation (oder Zwangsausweisung). Beispielsweise stellt die Verbringung von Kindern aus dem besetzten Snischne auf die besetzte Krim eine Zwangsumsiedlung dar, während die Verbringung von der Krim nach Russland als Deportation gilt.

Diese Unterscheidung ist rechtlich wichtig, da die Staatsanwaltschaft jedes Tatbestandsmerkmal nachweisen muss – insbesondere die Tatsache, dass die Betroffenen im Falle einer Abschiebung die Staatsgrenze überschreiten. Beide Handlungen stellen einen groben Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht dar und können als Kriegsverbrechen eingestuft werden.

Im Falle ukrainischer Kinder ist diese Unterscheidung besonders wichtig, da Russland sie sowohl innerhalb der besetzten Gebiete umsiedelt als auch in die Russische Föderation verschleppt. Dabei werden die Ausweispapiere, die Staatsangehörigkeit und der Wohnort der Kinder geändert, und ihre Verbindungen zu ihren Familien und ihrem ukrainischen Umfeld werden unterbrochen.

Im Jahr 2023 erließ der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen Wladimir Putin und die Beauftragte des Präsidenten der Russischen Föderation für Kinderrechte, Maria Lwowa-Belowa, wegen des Verdachts eines Kriegsverbrechens der illegalen Abschiebung und Vertreibung ukrainischer Kinder.

Im März 2026 erklärte die UN-Untersuchungskommission für die Ukraine, dass die Deportation, die Zwangsumsiedlung und das gewaltsame Verschwinden ukrainischer Kinder Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen. Die gesammelten Beweise belegen, dass die Entführung ukrainischer Kinder durch das Aggressorland keine Aneinanderreihung von Zufällen war – es handelte sich um eine Politik, die auf höchster Ebene der russischen Führung entwickelt und umgesetzt wurde.

Switlana Schewzowa, Kyjiw

Erstes Foto: zoda.gov.ua