Oleh Iwaschtschenko, Chef des Militärnachrichtendienstes (HUR) des ukrainischen Verteidigungsministeriums
Ukraine ist in der Lage, Ziele im russischen Hinterland in mehr als 2000 km Entfernung zu treffen
Seit Jahresbeginn wird der HUR von Oleh Iwaschtschenko geleitet. Der Berufsoffizier des Militärnachrichtendienstes hat eine lange Karriere hinter sich. Er diente in einer Eliteeinheit der Spezialkräfte und nahm an Spezialoperationen teil, die heute noch geheim gehalten werden. Seit 2015 war er Erster Stellvertretender Leiter des HUR und übernahm im März 2023 die Leitung des Auslandsnachrichtendienstes der Ukraine.
In einem Interview mit Ukrinform erzählte der Chef des Militärnachrichtendienstes über die Aussichten für die Entwicklung der Lage auf dem Schlachtfeld, die Mobilmachung in Russland, den Zustand der russischen Wirtschaft und prognostizierte eine Ausweitung der russischen Aggression gegen Nato-Staaten.
Sie haben den HUR in verschiedenen Entwicklungsphasen erlebt. Nach 2014 hat sich der Militärgeheimdienst stark verändert, und der großangelegte Krieg hat diese Transformation noch beschleunigt. Was ist Ihre Hauptaufgabe heute: die Fähigkeiten weiter auszubauen oder die während des Kriegs gebildete Strukturen in ein stabileres System zu integrieren?
Seit 2014 hat ein tiefgreifender Wandel stattgefunden: wir haben die technische Aufklärung ausgebaut und die Möglichkeiten für Gewinnung von Informationen, darunter von strategischer Bedeutung, in den vom Gesetz festgelegten Bereichen erweitert. Nach Beginn der Vollinvasion wurde der HUR zwar mit größeren Ressourcen und Fähigkeiten ausgestattet, die Aufgaben sind aber auch umfangreicher geworden. Das gilt auch für Kampfeinheiten. Kürzlich haben wir die Zahl der direkt an Kampfeinsätzen beteiligten Soldaten um ein Drittel erhöht. Es handelt sich um die HUR-Einheiten, die eine wichtige Rolle beim Aufhalten des Feindes spielen, insbesondere im Raum Saporischschja.
In den vergangenen Kriegsjahren haben wir enorme institutionelle Erfahrungen gesammelt. Und heutzutage ist es wichtig, diese nicht zu verlieren. Mir ist es wichtig, dass der Militärgeheimdienst sich fortlaufend weiterentwickelt und dass dessen Leistungsfähigkeit nicht davon abhängt, wer ihn gegründet hat oder wer dessen aktueller Chef ist. Wir müssen uns von der Praxis verabschieden, wenn Mitarbeiter oder ganze Einheiten einer bestimmten Person „zugeordnet“ werden. Wir haben keine „Leute von irgendjemandem“ oder „Leute von Iwaschtschenko“. Das ist eine Sklavenlogik, die eher für Russland typisch ist. Beim Militärgeheimdienst dient man nicht einem konkreten Menschen, sondern dem Staat.
Während des großangelegten Kriegs wurden viele neue Kapazitäten und Einheiten sehr schnell für konkrete Aufgaben aufgebaut. Wie findet man die Balance zwischen taktischer Initiative vor Ort und einer einheitlichen Führungsstruktur?
Zweifellos bin ich für Handlungsfreiheit im Rahmen der Aufgabenerfüllung. Und der Krieg stellt uns täglich vor neue Herausforderungen. Ein Teil davon entsteht an der Schnittstelle der Funktionen verschiedener Organe und Strukturen. Deshalb müssen wir Prioritäten und Zuständigkeiten klar definieren.
In unserer Arbeit sind es Handlungsfreiheit, unkonventionelle Herangehensweise, Eigeninitiative und Risikobereitschaft, die es uns ermöglichen, Ergebnisse zu erreichen. Handlungsfreiheit bedeutet jedoch nicht autonomes Handeln. Das sind zwei verschiedene Dinge. Beim Militärgeheimdienst sind ein einheitliches Führungsystem, klare Befugnisse und Verantwortlichkeiten wichtig. Sogar eine starke Einheit darf kein eigenständiges Machtzentrum sein.
In den letzten Jahren hat man sich an die Medienpräsenz des Militärnachrichtendienstes gewöhnt. Sie hingegen sind in den Medien kaum präsent.
Öffentliche Auftritte sollten eine Ausnahme sein. Heute treffen wir uns anläßlich des Tages des Militärgeheimdienstes der Ukraine, damit ich dringende Fragen beantworten kann und damit die Arbeit der Mitarbeiter gewürdigt wird. Meiner Ansicht nach war die Medienpräsenz eines Geheimdienstchefs noch nie ein Merkmal von Effektivität der Organisation. Verzicht auf mediale Präsenz ist für mich in meiner Position eine bewusste Entscheidung. Die Aufgabe des Militärgeheimdienstes der Ukraine besteht jedoch darin, die Öffentlichkeit über Bedrohungen zu informieren, soweit es die Spezifik unserer Arbeit zulässt. Diese Informationen sollen der Bevölkerung und dem Staat helfen, sich vorzubereiten, und nicht zusätzliche Ängste schüren. Ich möchte betonen, dass ich damit die Bereitschaft jedes Einzelnen und des gesamten Staates meine. Es handelt sich um ein System, wo jeder seine Rolle hat.
Wo ziehen Sie die Grenze zwischen notwendiger Geheimhaltung, Rechenschaftspflicht und Kommunikation mit der Öffentlichkeit?
Öffentlichkeit und Rechenschaftspflicht sind zwei verschiedene Dinge. Der Nachrichtendienst darf nicht bei seiner Tätigkeit öffentlich sein, muss aber dem Staat und der Gesellschaft gegenüber in der gesetzlich bestimmten Form rechenschaftspflichtig sein. Es gibt gesetzliche Mechanismen der parlamentarischen, finanziellen und rechtlichen Kontrolle. Diese müssen funktionieren.
Ich bin überzeugt, dass demokratisch zivile Kontrolle den Nachrichtendienst stärkt und erfordert, besser zu sein.
Man muss auch die Zusammenarbeit innerhalb des Sicherheits- und Verteidigungssektors kontinuierlich verbessern. Es geht nicht darum, dass ein Geheimdienst die Einsatzpläne eines anderen kennt. Vielmehr müssen die Prinzipien der Zusammenarbeit, die Grenzen der Befugnisse und die Lösungsansätze für Probleme klar definiert sein. Wir müssen besser miteinander kommunizieren, wo sich unsere Aufgabenbereiche überschneiden. Auch dies ist Teil des professionellen Systems.
Bevor Sie zum HUR zurückkehrten, leiteten Sie den Auslandsnachrichtendienst. Dieser Nachrichtendienst wahrt absolute Ruhe. Fast niemand hört in der Öffentlichkeit etwas über die Effektivität des Auslandsnachrichtendienstes.
Und das ist auch gut und wichtig, da sich die gesamte Arbeit des Auslandsnachrichtendienstes auf den nichtmilitärischen Bereich konzentriert. Dazu gehören Wirtschaft und Politik. Die Philosophie des Auslandsnachrichtendienstes als geheimes Instrument ist in der Vision dieses Nachrichtendienstes klar dargelegt. Ich kann auch sagen, dass der Auslandsnachrichtendienst einige der besten Fähigkeiten zur Bewertung des wirtschaftlichen Potenzials Russlands entwickelt hat. Die bedeutenden Erfolge der Behörde in diesem Bereich werden durch die Einschätzungen unserer ausländischen Partner bestätigt. Zwischen dem Militärnachrichtendienst und dem Auslandsnachrichtendienst besteht eine sehr gute Kooperation; wir arbeiten harmonisch zusammen und verfolgen ein gemeinsames Ziel.
Heute verlagert sich der Krieg zunehmend von der Front ins Hinterland – sowohl in russisches als auch in ukrainisches? Wie verändert dies das Wesen des Krieges selbst?
Staaten führen Kriege. Den Krieg führen nicht nur die Armeen – er wird vom gesamten ukrainischen Volk für seine Unabhängigkeit, Souveränität und Zukunft geführt. Die Frontlinie bleibt selbstverständlich bestimmend. Doch ein moderner Krieg endet nicht zwanzig oder hundert Kilometer von ihr entfernt. Wir zerstören und reduzieren bereits jetzt das militärisch-wirtschaftliche Potenzial der Russischen Föderation ziemlich stark. Wir sind in der Lage, in einer Tiefe von über 2.000 Kilometern anzugreifen.
Inwieweit spürbar sind für Russland unsere Angriffe?
Spürbar. Heutzutage – sehr spürbar.
Wenn der Gegner nach einem Angriff gezwungen ist, den Betrieb einzustellen, Anlagen wiederaufzubauen, die Logistik umzustellen, Luftverteidigungssysteme zu verlegen und zusätzliche Ressourcen aufzuwenden, beeinträchtigt dies bereits seine Kriegsfähigkeit. Unsere Angriffe wirken sich auf das Wachstum des russischen Haushaltsdefizits aus, das derzeit 82 Milliarden US-Dollar beträgt.
Wir greifen die Energieinfrastruktur, welche die russischen Truppen mit Treibstoff versorgt, Logistikzentren und Rüstungsunternehmen an.
Die Angriffe und die Lage im Schwarzen Meer bereiten Russland bereits zusätzliche Probleme bei der Exportlogistik, insbesondere beim Getreide. Russland muss nun rund 40 Millionen Tonnen Getreide der diesjährigen Ernte über das Schwarze Meer exportieren. Dafür werden täglich etwa 30 Schiffe benötigt. Es gibt praktisch keine alternativen Routen. Es gibt zwar teurere Transportmöglichkeiten – per Bahn zu den Ostseehäfen oder per Straße. Doch das ist kein Ausweg aus der Situation.
Um es in Zahlen auszudrücken: Russland produziert etwa 130 Millionen Tonnen Getreide. Davon sind etwa 80 Millionen Tonnen für den Inlandsbedarf bestimmt, der Rest – für den Export. Und genau diese Exportmöglichkeiten sind derzeit blockiert. Das gehört zu den Ressourcen, die Russland nutzt, um seine Wirtschaft am Laufen zu halten und den Krieg fortzuführen.
Und wir sehen die Folgen unserer Anstrengungen. Wir sehen die Auswirkungen auf die Logistik und die Exportkapazitäten Russlands im Schwarzen Meer. Russland verliert allmählich das Gefühl, dass sein Hinterland für Angriffe unerreichbar ist.
Aber ich möchte es noch einmal betonen: es geht nicht darum, zu zeigen, wie weitreichend unsere Angriffe sein können. Es geht darum, die Fähigkeit des Gegners zur Waffenproduktion, zur Versorgung seiner Truppen und zur Fortsetzung dieses Krieges zu schwächen.
Deshalb kommen hier verschiedene Instrumente zum Einsatz. Unsere Angriffe, der Sanktionsdruck und die Zusammenarbeit mit Partnern in Bezug auf die Einschränkung des Zugangs Russlands zu Komponenten, Technologien und Ausrüstung, die es weiterhin unter Umgehung der Sanktionen erhält.
Wie schätzt der Geheimdienst Russlands Fähigkeit ein, diesen Krieg fortzuführen, und was sind dessen Hauptprobleme?
Russland ist heute wirtschaftlich deutlich schwächer, als zu Beginn der Vollinvasion. Ein Arbeitskräftemangel, ein wachsendes Haushaltsdefizit und die zunehmenden Risiken im Bankensektor sind derzeit die größten Probleme der russischen Wirtschaft. Gleichzeitig verfügt das Land immer noch über genügend Ressourcen, um den Krieg gegen die Ukraine fortzuführen. Wir schließen nicht aus, dass diese Ressourcen sowohl für 2027 als auch für 2028 ausreichen werden. Um Russland diese Ressourcen zu nehmen, ist eine enge Kooperation mit internationalen Partnern in Bezug auf wirksame Wirtschaftssanktionen notwendig.
Die Sanktionen müssen eine reale Wirkung zeigen. Wir wissen, aus welchen Ländern die elektronischen Bauteile, Werkzeugmaschinen und Spezialchemikalien in die Russische Föderation gelangen. Viele Güter, mit denen die russische Kriegsmaschine gefüttert und die gegen uns eingesetzt werden, werden über Scheinfirmen importiert.
Und wie sind die Stimmungen in der russischen Bevölkerung?
Wir gehen davon aus, dass die Unzufriedenheit zunehmen wird. Ob sich ein ausreichend starkes Protestpotenzial entwickeln wird, lässt sich schwer sagen. Doch bereits jetzt sind über 60 Prozent der Bevölkerung gegen den Krieg. Das ist eine Folge der wirtschaftlichen Lage und der hohen Verluste des Gegners an Personal. Man kann sagen, dass das Vertragsmodell in Russland mit seinem Latein zu Ende ist. Wir sehen, dass die regionalen Haushalte die Zahlungen für Zeitsoldaten nicht mehr finanzieren können. Gleichzeitig steigen die Verluste der russischen Truppen. Die durchschnittlichen täglichen Verluste liegen bei 1200 bis 1400, mitunter sogar bei 1500 Mann. Gemeint sind hier Gefallene und Schwerverwundete.
Russland muss die Verluste ausgleichen und gleichzeitig seine Truppenstärke erhöhen, um seine militärischen Aufgaben weiterhin erfüllen zu können. Daher sucht die Russische Föderation nach zusätzlichen Soldaten, auch im Ausland.
Derzeit rekrutiert Russland ausländische Staatsbürger aus über 40 Ländern, darunter Zentralasien, Afrika und Lateinamerika. Sie werden hauptsächlich in Angriffseinheiten eingesetzt. In abgehörten Gesprächen bezeichnen die Russen sie selbst als „Verbündete“ und schicken sie oft vor ihre Truppen.
Manche dieser Menschen geraten durch Betrug in den Krieg. Sie reisen nach Russland, um Arbeit zu suchen, unterschreiben Verträge, manchmal ohne sich der Tragweite ihrer Unterschrift bewusst zu sein. Die ukrainischen Streitkräfte und unser Geheimdienst nehmen solche Soldaten gefangen, daher sehen wir diese Situation nicht nur anhand von Dokumenten oder abgehörten Gesprächen.
Wir arbeiten separat mit den Ländern zusammen, deren Staatsangehörige Russland anzuwerben versucht, um das Ausmaß dieser Anwerbung zu reduzieren und zu verhindern, dass diese Menschen frei für den Krieg gegen die Ukraine eingesetzt werden.
Ausländer lösen jedoch nicht das Problem des Personals für Russland. Sie können die Verluste nur teilweise ausgleichen.
Bei solchen Verlusten muss Russland nicht nur seine Armee aufstocken, sondern auch die Truppenstärke für weitere militärische Aufgaben erhöhen. Sieht der HUR Vorbereitungen auf eine neue Mobilisierungswelle?
Ja, wir sehen solche Vorbereitungen.
Letzte Woche erklärte Putin, er plane angeblich keine weitere Mobilisierung und bezeichnete die diesbezüglichen Spekulationen als Desinformationskampagne. Doch auch 2021 dementierte er Vorbereitungen auf eine großangelegte Invasion. Daher stützen wir uns nicht auf seine Aussagen, sondern auf die Informationen des Nachrichtendienstes.
Wir verstehen heute, dass die Mobilisierung auch ohne große öffentliche Ankündigung erfolgen kann – vor allem in abgelegenen Regionen, um keine zusätzlichen Spannungen in großen Ballungsräumen wie Moskau oder St. Petersburg zu schüren. Unserer Einschätzung nach könnte sie sich nach den sogenannten Wahlen zur Staatsduma verstärken.
Generell erwägt das russische Oberkommando die Möglichkeit, im Zeitraum 2026–2027 zusätzlich 600.000 Soldaten zu mobilisieren – etwa 300.000 in diesem Jahr und die gleiche Anzahl im Folgejahr.
Ohne zusätzliche Mobilisierung kann Russland heute die Verluste ausgleichen und die Truppenstärke in Richtung Ukraine aufrechterhalten. Will der Kreml jedoch nicht nur das gegenwärtige Ausmaß des Krieges beibehalten, sondern auch weitere militärische Aufgaben erfüllen, insbesondere die vollständige Besetzung der Regionen Donezk und Luhansk, benötigt er zusätzliche Truppen.
Russland bereitet Wahlen zur Staatsduma und in den vorübergehend besetzten Gebieten der Ukraine vor. Was weiß der ukrainische Nachrichtendienst (HUR) bereits über diesen Prozess?
Für uns gibt es hier keine Überraschungen. Wir wissen bereits persönlich, wen die Russen in den Direktmandaten-Wahlkreisen „wählen“ wollen und wer auf den Parteilisten in unseren vorübergehend besetzten Gebieten – in den Regionen Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson sowie auf der besetzten Krim – gewinnen soll.
Unter ihnen gibt es ukrainische Kollaborateure und russische Staatsbürger. Wir kennen diese Personen und werden entsprechend mit diesen Informationen arbeiten.
Russland versucht, durch solche Verfahren den Anschein von Legitimität für die Besatzung zu erwecken. Die Aufgabe des Geheimdienstes ist es, dem Staat vollständige Informationen darüber zu liefern, wie das organisiert wird, wer daran beteiligt ist und wer dafür die Verantwortung trägt.
Worauf muss sich die Ukraine in diesem Herbst und Winter vorbereiten? Inwieweit hat Russland seine Raketen- und Drohnenkapazitäten ausgebaut, und was hat sich bei den Waffensystemen selbst verändert?
Ich kann Sie nicht erfreuen und darf die Menschen nicht in die Irre führen. Als Leiter des Geheimdienstes muss ich objektiv sprechen. Die Menschen müssen das verstehen, und unser Land muss sich darauf vorbereiten.
Wir verstehen, welche Ziele der Gegner zu schlagen plant, mit welchen Mitteln und etwa wann dies geschehen kann. Heute besteht die Hauptaufgabe der Russen darin, unser militärisches Potenzial und unsere Schlagkraft zu schwächen. Sie führen insbesondere Angriffe auf Munitionsdepots durch und versuchen, Produktionsstätten aufzuspüren und zu treffen.
Je näher die kalte Jahreszeit rückt, desto wichtiger werden Energieanlagen und unsere Heizkraftwerke – all das, wovon das Leben in Städten und Dörfern abhängt.
Wir beobachten einen deutlichen Anstieg beim Einsatz von „Shahed“-Drohnen. Das können 120, 300 oder auch 500 pro Tag sein. Die Russen führen komplexe, massive Angriffe durch und setzen dabei gleichzeitig ballistische Raketen, Marschflugkörper, Lenkwaffen und Drohnen ein.
Insbesondere kommen neue Manövriermunitionstypen auf den Markt. Diese stellen eine Mischung aus einer Düsen-Drohne und einem Marschflugkörper dar. Sie erreichen eine Geschwindigkeit von 500 bis 600, manchmal sogar bis zu 700 Kilometern pro Stunde und können sowohl von Luft- als auch von Bodenplattformen aus gestartet werden. Gleichzeitig handelt es sich um hochpräzise Munition, die künstliche Intelligenz und maschinelles Sehen nutzt.
Die vom Gegner am häufigsten eingesetzten Lenkwaffen, nämlich vom Typ „Banderole“ und „Dan-T“, weisen eine um ein Vielfaches höhere Masse des Gefechtsteils (über 130 kg) auf als Drohnen vom Typ „Geran“/„Shahed“ (50–90 kg). Das heißt, der Gegner macht diese Mittel autonomer und weniger abhängig von einer externen Steuerung. Dies erschwert die Abwehrmaßnahmen gegen sie.
Was die Raketen angeht, so bleibt die Ballistik eine der schwierigsten Arten von Zielen gerade in Bezug auf das Abfangen. Das sind Iskander-, Zirkon-Raketen. Um solchen Zielen entgegenzuwirken, sind entsprechende Raketenabwehrsysteme und eine ausreichende Anzahl von Raketen erforderlich.
Russland versucht, eine komplexe kombinierte Bedrohung für uns zu schaffen: Ballistik, Marschflugkörper, Shahed-Drohnen, andere Angriffsdrohnen und Munition werden gleichzeitig eingesetzt. Das Luftverteidigungssystem muss verschiedene Aufgaben gleichzeitig bewältigen.
Der Gegner passt sich an. Und unsere Aufgabe ist es, uns noch schneller anzupassen.
Das ist eine gemeinsame Aufgabe des Nachrichtendienstes und der Streitkräfte. Unsere Aufgabe ist es, die Streitkräfte und die Kommandostellen mit nachrichtendienstlichen Informationen zu versorgen. Wir stehen in direktem Kontakt mit der Luftwaffe: Wir leiten Informationen weiter, sie bereiten sich vor warten und schießen Luftangriffsmittel ab. Im Idealfall funktioniert das genau so.
Separat bleibt die Frage nach einer ausreichenden Anzahl von PAC-3-Raketen für das Patriot-System zur Abwehr ballistischer Raketen. Dies ist ein großes Problem, an dem Präsident Wolodymyr Selenskyj, das Präsidialamt, Diplomaten und Geheimdienste persönlich arbeiten. Es ist eine gemeinsame und sehr wichtige Arbeit, bei der jeder seinen Teil tut.
Wie schätzen Sie die Möglichkeit eines russischen Angriffs auf die baltischen Staaten ein, worüber westliche Politiker in letzter Zeit sprechen?
Russland ist seit langem nicht in der Lage, seine Ziele im Krieg gegen die Ukraine zu erreichen, so dass der Kreml erwägt, die Konfrontation mit den Ländern der Ostflanke der NATO zu eskalieren. Das Ziel ist, die europäischen Länder zu zwingen, die Hilfe für unseren Staat zu reduzieren. Ein Zeichen dieser Eskalation ist die Aktivierung der hybriden Einflussmaßnahmen der russischen Geheimdienste in den NATO-Ländern.
Wir verfolgen die Verletzung des Luftraums der NATO-Ostflanke durch Russland - Rumänien, Polen und die baltischen Staaten. Wir sehen eine Zunahme militärischer Provokationen in der Nähe der Grenzen zu den NATO-Ländern, Sabotage an kritischen Infrastruktureinrichtungen europäischer Länder, Operationen unter „fremder Flagge“, Cyberangriffe und Desinformationskampagnen.
In diesem Zusammenhang sei der Vorfall erwähnt, bei dem am 30. Juli ein russischer X-101-Marschflugkörper in Polen einschlug. Bereits zu Beginn des Fluges wich die Flugbahn der Rakete von der Flugbahn der über das Gebiet der Ukraine abgefeuerten Raketengruppe ab, was auf eine vorsätzliche Handlung hindeutet. Für den HUR (Militärgeheimdienst – Anm. d. Red.) war dies keine Überraschung, da uns Materialien vorliegen, die die aggressiven Absichten der russischen Führung in Richtung Europa offenlegen. Ziel ist es, die „roten Linien“ der NATO in Bezug auf die kollektive Verteidigung der Verbündeten im Falle eines bewaffneten Angriffs auf einen von ihnen zu testen.
In Zukunft prognostizieren wir die Erhöhung des Drucks des Kremls auf die Länder der Ostflanke der NATO, um die Reaktion der Verbündeten zu überprüfen, ihre mangelnde Bereitschaft für eine offene Konfrontation mit Russland zu demonstrieren und die informationspsychologischen Auswirkungen auf die europäischen Länder zu verstärken, um die militärische Hilfe für die Ukraine zu reduzieren.
Welchen Platz nimmt Weißrussland in den Plänen Russlands ein? Sieht der Militärgeheimdienst Anzeichen für eine direkte Beteiligung des Landes am Krieg?
Wir verfolgen die Versuche der russischen Führung, Weißrussland direkt in den Krieg gegen die Ukraine zu ziehen. Wir wissen, dass Moskau versucht, belarussisches Territorium und militärische Ressourcen zu nutzen, um die Geographie der Kämpfe gegen die Ukraine zu erweitern.
Aber heute gibt es keine Anzeichen für die Vorbereitung Weißrusslands auf den Eintritt in den Krieg gegen die Ukraine. Das Niveau der militärischen Bedrohung für unseren Staat aus weißrussischer Richtung wird als gering eingeschätzt.
Wir sind jedoch besorgt darüber, dass Weißrussland die Erlaubnis erhalten hat, auf seinem Staatsgebiet Funksignal-Repeater zu stationieren, womit russische Angriffsdrohnen vom Typ „Shahed“ auf zivile Ziele und kritische Infrastruktur in der Ukraine gelenkt werden.
Wir machen außerdem deutlich, dass auf dem Territorium von Belarus Einheiten der 101. Raketenbrigade der russischen Streitkräfte stationiert sind, die mit dem Mittelstreckenraketensystem „Oreschnik“ ausgerüstet ist.
Und wenn Belarus keine solche Genehmigung erteilt hat, zeigt dies, dass Minsk die Aktivitäten Russlands auf seinem eigenen Territorium nicht mehr kontrolliert.
Russland versucht, sein eigenes satellitengestütztes Kommunikationssystem namens „Rassvet“ aufzubauen. Inwieweit könnte dies zu einem technologischen Problem für die Ukraine werden?
– Wir wissen, dass die Russen derzeit versuchen, ihre Satelliten in die Umlaufbahn zu bringen. Bislang ist derer Zahl aber unzureichend und derer Effizienz gering. Jedoch kann das für uns in Zukunft ein Problem werden.
Ich kann Ihnen ein Paar Zahlen nennen: die Russische Föderation hat bislang 32 Satelliten gestartet. Ich werde jetzt nicht ins Detail gehen, in welchen Umlaufbahnen sie sich befinden, auf welcher Frequenz sie funktionieren und über welchen Regionen der Ukraine sie aktiv sind.
Zum Vergleich: mehr als 12.000 Starlink-Satelliten wurden bereits in die Umlaufbahn gebracht. Und Elon Musk fügt jeden Monat etwa 200 weitere hinzu. Das Verhältnis spricht für sich selbst.
Aber wir arbeiten daran, das das russische „Rassvet“ (Sonnenaufgang) zu einem „Sakat“ (Sonnenuntergang) wird.
Sie leiten den Koordinationsstab für Gefangenenbelange. Was ist derzeit das größte Hindernis für die Rückholung von Ukrainern aus russischer Gefangenschaft, und gibt es Grund, einen neuen Gefangenenaustausch zu erwarten?
Unsere Aufgabe ist ganz klar: alle unseren Militärangehörigen und Zivilisten, die sich noch in russischer Gefangenschaft befinden, in die Ukraine zurückzubringen. Das ist die Position des Präsidenten, und das ist unsere Aufgabe als Koordinationsstab.
Ein Gefangenenaustausch ist ein sehr komplexer Vorgang. Er hängt nicht allein vom Willen der ukrainischen Seite ab. Wir nutzen alle Möglichkeiten: direkte Verhandlungen, internationale Vermittlung, Zusammenarbeit mit Partnern und Vereinbarungen, die auf internationalen Plattformen erzielt wurden. Seit Beginn der Vollinvasion haben 77 Gefangenenaustausche stattgefunden. Es wurden auch Vereinbarungen, die in Istanbul, Genf und Washington erzielt wurden, umgesetzt. Im Rahmen dieser Maßnahmen wurden 9.726 unsere Landsleute zurückgeholt.
Hinter diesen Zahlen stehen aber konkrete Menschen und derer Angehörigen, die auf sie warten.
Ich verstehe sehr gut die Familien, die nichts davon hören wollen, wie schwierig die Verhandlungen sind. Für jemanden, der auf seinen Sohn, Ehemann, seine Tochter oder seinen Vater wartet, zählt nur eins: wann kommt er oder sie zurück? Das ist völlig klar. Daher ist es nicht unsere Aufgabe zu erklären, warum etwas schwierig ist, sondern nach Möglichkeiten zu suchen und Menschen zurückzubringen.
Kürzlich wurde ein Ranking der europäischen Geheimdienste veröffentlicht, in dem der HUR und der SBU [Inlandsgeheimdienst] den vierten Platz belegen. Wie finden Sie das?
Im Zuge der Abwehr gegen die russische militärische Aggression hat sich der ukrainische Militärgeheimdienst von einer kleineren Struktur zu einem erstklassigen Nachrichtendienst entwickelt. Daher verdient der HUR meiner Einschätzung nach sogar eine höhere Bewertung. Wir verfügen über die besten Technologien. Im europäischen Ranking liegt der HUR auf Platz vier. Ich denke aber, dass der etwas unterschätzt wird…
Wenn wir über von der Zukunft reden: wie sehen Sie den ukrainischen Militärgeheimdienst in einigen Jahren? Was wird für Sie das wichtigste Kriterium für dessen Leistungsfähigkeit sein?
Fachkräfte. Man kann über die besten Technologien und Ressourcen verfügen und neue Einheiten bilden. Letztendlich hängt aber alles von den Menschen ab, die mit diesen Informationen arbeiten, diese Technologien anwenden und Entscheidungen treffen.
Ich wünsche mir, dass beim HUR Menschen arbeiten, die bereit sind, sich weiterzuentwickeln, und die analytische Fähigkeiten besitzen, in ungewissen Situationen klarkommen können sowie keine Angst vor unkonventionellen Lösungen haben, wenn es zur Erfüllung der gestellten Aufgabe nötig ist. Gleichzeitig müssen sie sich aber auch ihrer Befugnissen und Verantwortlichkeiten bewusst sein.
Während des großangelegten Krieges ist der HUR sehr schnell gewachsen. Dies war durch die Situation bedingt. Doch ein rasantes Wachstum einer Organisation birgt nicht nur neue Chancen, sondern auch neue Risiken mit sich. Deshalb müssen wir ständig prüfen, wie gut unsere Strukturen funktionieren und welche Ergebnisse sie liefern. Zuständigkeiten müssen geklärt, Schulungen verbessert und die Anforderungen an unsere Mitarbeiter verschärft werden.
Beim Nachrichtendienst sollte es keine zufälligen Menschen geben, sondern nur Fachkräfte, die lernfähig sind und Ergebnisse im Interesse des Staates erzielen können.
Ich sehe den HUR als eine hochtechnologische Struktur mit eigenen starken Fähigkeiten, die in jenen Teilen der Welt präsent ist, wo die Ukraine ihre nationalen Interessen hat. Der HUR soll über ein breites Agentennetz, Analytiker verfügen, technisch bestens ausgestattet sowie kampffähig bei Bedarf sein.
Aber das Wichtigste ist es, dass es ein System ist, welches Erfahrungen sammel, analysiert und sich weiterentwickelt, damit man nach einem Führungswechsel nicht wieder ganz von vorne anfangen muss. Führungskräfte kommen und gehen, ein professioneller Nachrichtendienst muss aber bestehen bleiben und sich weiterentwickeln.
Wir treffen Sie im Vorfeld Ihres Berufsfeiertags. Was bedeutet es Ihnen, beim Militärnachrichtendienst tätig zu sein?
Operationen des HUR sind bereits in der ganzen Welt bekannt und haben Geschichte in der internationalen Nachrichtendienstgemeinschaft geschrieben. Unsere Erfahrungen werden bei der Ausbildung von Mitarbeitern ausländischer Geheimdienste genutzt. Wir sind stolz auf unsere Kampfeinheiten, die seit 2022 an der Abwehr der militärischen Aggression Russlands beteiligt sind.
Ich möchte vor allem unseren Mitarbeitern für ihren Einsatz danken. Denen, die heute an der Front und denen, die weit von der Frontlinie im Einsatz sind - unseren operativen Mitarbeitern, Analysten, technischen Spezialisten, Kampfeinheiten.
Ich möchte insbesondere jene erwähnen, die von ihren Einsätzen nicht zurückgekehrt sind. Auch der Militärnachrichtendienst hat Verluste zu beklagen. Es gibt Menschen, die bei einem Einsatz ums Leben gekommen sind, den wir vielleicht noch lange nicht öffentlich machen können. Sie werden uns immer in Erinnerung bleiben.
Ich bin auch den Veteranen des Militärnachrichtendienstes dankbar. Ebenso den Familien unserer Mitarbeiter, Freiwilligen und allen, die unseren Nachrichtendienst unterstützen.
Und ich möchte, dass jeder unserer Mitarbeiter weiß: seine Arbeit ist von größter Bedeutung. Nicht für ein Ranking, sondern für die Ukraine.
Antworten auf die Fragen zu einer Schiesserei zwischen den Geheimdiensten SBU und GUR, welche die Redaktion zusätzlich erhalten hat.
Am 2. September kam es in Kyjiw zu einer Schiesserei zwischen Offizieren des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) und dem Militärnachrichtendienst (HUR). Welche Schlussfolgerungen sollten aus diesem Vorfall gezogen werden?
Was sich neulich in der Hauptstadt ereignete, ist ein inakzeptabler Vorfall, der von den Strafverfolgungsbehörden untersucht werden muss. Die HUR-Führung unterstützt die Ermittlungen. Gleichzeitig sollte die Verantwortung individuell und nicht kollektiv sein. Ich würde sagen, keine Immunität für eine Behörde, aber auch keine Kollektivschuld.
Warum wurde Ihrer Meinung nach der Vorfall, an dem einzelne Personen beteilgt waren, so schnell als „Krieg der Geheimdienste“ bezeichnet?
Es gibt keinen Grund, einen Einzelfall auf staatliche Institutionen und insbesondere Geheimdienste zu übertragen. In unserer Arbeit ist Geheimhaltung eng mit Kontrolle verbunden, und Handlungsfreiheit ist nur im Rahmen der staatlichen Interessen möglich. Sowohl der Militärnachrichtendienst des Verteidigungsministeriums, als auch der ukrainische Sicherheitsdienst arbeiten, trotz ihrer unterschiedlichen Aufgaben, im Interesse der nationalen Sicherheit gegen einen gemeinsamen Feind.
Serhij Tscherewatyj, Hanna Wassylenko
Serhij Tscherewatyj, Hanna Wassylenko