„Mir wurde bei Bachmut das Recht auf einen Tod genommen“
Veteran Oleh Prus lernte nach einer schweren Verletzung wieder laufen und er zieht seine beiden Söhne allein groß.
Er zog als Freiwilliger in den Krieg. Nach einigen Monaten in Richtung Donezk erlitt er eine schwere Kopfverletzung, die ihn an den Rollstuhl fesselte. Die Ärzte sagten, Oleh würde nie wieder laufen können, doch er schaffte das Unmögliche. Nach langer Behandlung und Rehabilitation kann der 36-Jährige wieder laufen und schenkte seinen Rollstuhl einem anderen Veteranen.
Prus sagt, er habe kein Recht aufzugeben, seinen Zwillingssöhnen zuliebe, die er allein großzieht. Der Vater träumt davon, mit seinen Jungen Fußball zu spielen und zu angeln.
Seine Geschichte zeigt, dass Hartnäckigkeit, starker Glaube an sich selbst und elterliche Liebe Wunder bewirken können.
ICH ZOG IN DEN KRIEG, WEIL ICH DEM UKRAINISCHEN VOLK TREUE GESCHWOREN HATTE
„Die Tochter der Schwester meiner Bekannten ist während der Besatzung in Hostomel vergewaltigt und getötet worden“, erzählt Oleh Prus. „Ich habe diesem Kind zu ihrem sechsten Geburtstag das Fahrrad mitgebracht … Ich fragte, wer es getan hatte, und man sagte mir: „Orks“. Ich weinte und konnte es nicht ertragen, dass ich das zugelassen hatte, denn ich hatte dem ukrainischen Volk Treue geschworen. Ich packte einen Rucksack, einen Eisenbecher, einen Löffel und ein Multifunktionswerkzeug und ging zum Wehrersatzamt. Ich hatte gute Wehrdienstausbildung, daher benötigte ich keine militärische Ausbildung. Ich landete als Schütze-Sanitäter in der 1. selbständigen Brigade von I. Bohun.“
Wenige Monate vor Kriegsbeginn, im November 2021, wurde er Vater. Die Zwillinge Makar und Timur kamen zu früh zur Welt und blieben im Krankenhaus, bis sie an Gewicht zugenommen hatten. Zu Beginn der großangelegten Invasion schickte Oleh seine Frau und seine Kinder zu Verwandten nach Tschechien und traf schon am 15. März in Torezk in der Region Donezk ein, um dort Kampfaufgaben zu erfüllen.
„Ich habe mich zur Verteidigung der Ukraine nicht wegen des Geldes gestellt, wie manche denken. Davor verdiente ich mehr als bei den ukrainischen Streitkräften“, merkt der Veteran an.
Ja, er arbeitete zuvor in Litauen als Monteur von Aluminiumkonstruktionen. Oleh erzählt, die Arbeit sei gut gewesen, aber er habe sich immer wieder nach Hause zurückgezogen gefühlt. Deshalb kehrte er nach Schytomyr zurück, wo er verschiedene Jobs annahm.
GRANATSPLITTER DURCHSCHLUGEN HELM UND KOPF UND BLIEBEN IM SCHÄDEL STECKEN
Der Soldat wurde am 22. Mai 2022 bei einem russischen Panzerangriff nahe Bachmut verwundet.
„Ein Panzergeschoss schlug drei bis vier Meter von mir entfernt ein“, sagt er. „Wenn eine Granate fliegt, pfeift sie. Man hört sie aber nicht, wenn sie aus einem Panzer abgefeuert fliegt, und man kann den Einschlag auch nicht mehr erleben. Die Geschosssplitter durchschlugen meinen Helm und meinen Kopf, und drei davon blieben in der linken Schädelhälfte stecken. Ich glaube, Gott hat mich gesegnet. Die Kameraden erzählten mir später, dass ich nach der Verwundung sogar zurückgeschossen habe, und als sie mich trugen, bat ich darum, freigelassen zu werden, weil ich allein gehen wollte.“
Oleh wurde ins I.-Metschnikow-Krankenhaus in Dnipro gebracht. Dort entfernten Spezialisten die Splitter aus seinem Kopf. Die restlichen Geschosssplitter wurden nicht entfernt, da dies ein sehr komplexer Eingriff ist. Der Soldat lag zwei Wochen lang im Koma, und als er erwachte, sagten die Ärzte, er würde nie wieder laufen können. Von all seinen Gliedmaßen funktionierte nur seine rechte Hand.
Dann folgten Klinikaufenthalte in Winnyzja und Schytomyr, intensive Kurse mit einem Rehabilitationstherapeuten, den Oleh engagiert hatte. Freiwillige schenkten ihm Trainingsgeräte. Er bewegte sich im Rollstuhl mit Hilfe seiner Mutter.
„In Winnyzja hielt mich der Rehabilitationstherapeut an der Taille, und ich machte winzige Schritte. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie schwer das war“, fügt er hinzu.
„KINDER SIND MEINE GRÖSSTE MOTIVATION“
Auf Oleh wartete eine Operation in Deutschland. Zusammen mit zwei Dutzend ukrainischen Verteidigern mit schweren Verletzungen wurde er mit dem Krankenwagen nach Polen und von dort mit dem Flugzeug in eine deutsche Klinik gebracht.
„Mir scheint, der Weltraum ist besser erforscht als mein Kopf“, scherzt der Veteran. „Die deutschen Ärzte sagten sofort: „Wir wissen nicht, wie du überlebt hast, und wie wir dich behandeln sollen – umso mehr.“ Sie operierten mich und entfernten zwei Splitter aus meinem Kopf, einer blieb da. Der Eingriff war sehr langwierig, kompliziert und extrem teuer, aber sie führten ihn kostenlos für mich durch.“
Oleh erinnert sich gern an die ukrainischen Freiwilligen, die er in Deutschland kennengelernt hat. Sie versorgten ihn mit Winterkleidung und unterstützten ihn mit alles.
Weiter wartete auf den Veteranen eine Rehabilitation nach der Operation in der Schweiz, wo er über zwei Monate verbrachte. Man erlaubte dort nicht, auf dem Handy Nachrichten zu lesen, also saß er auf dem Balkon, blickte auf die Alpen und trank Tee.
„Als ich nach Hause kam, konnte ich mich wieder etwas bewegen“, erzählt Prus. „Dann sind meine Kinder aus Tschechien gebracht worden. Meine Ehe scheiterte, wir trennten uns, und meine Söhne blieben bei mir. Sie waren meine größte Motivation. Mir wurde klar, dass mir bei Bachmut, als ich die Verwundung überlebte, das Recht auf Tod genommen wurde, und dass ich nun für meine Kinder leben muss. Diese ganze Zeit spüre ich die enorme Unterstützung meiner Eltern.“
Später wurde bei Söhnen Autismus diagnostiziert. Oleh arbeitet ständig mit ihnen und sagt, dass solche Kinder einfach etwas mehr Zuwendung und Liebe brauchen.
ICH STAND AUS DEM ROLLSTUHL AUF UND GING
Der Bericht der medizinisch-sozialen Expertise zeigte, dass 75 Prozent des Körpers des Veteranen nicht funktionsfähig waren. Er erhielt die zweite Behinderungsgruppe und kämpfte weiter darum, wieder auf die Beine zu kommen.
Mehrmals im Jahr absolviert Oleh einen Rehabilitationskurs im Regionalen Medizinischen Zentrum für Wirbelsäulenheilkunde und Rehabilitation in Schytomyr sowie in einem der Rehabilitationszentren in Irpin.
Er erinnert sich, dass ihn Freiwillige zu einer Reise nach Kroatien einluden, wo sich Veteranen trafen. Dort, in der Adria, lernte Oleh mit nur einem funktionierenden Arm und Bein schwimmen.
„Die Ärzte sagten, mein Gehirn würde sich nicht so erholen, dass ich laufen könnte“, sagt er. „Und ich stand aus dem Rollstuhl auf. Mein Motto ist: „Wenn du ein Prozent seiner Fähigkeiten hast, dann gibt es auch alle hundert.“ Zuhause bewege ich mich ohne Stock. Wenn ich die Straße entlanggehe, nehme ich ihn mit, damit die Autofahrer sehen, dass ich nicht rennen kann. Die Rehabilitation zeigt Wirkung. Sehen Sie, der Gehstock steht, und ich kann laufen. Ich bemühe mich vier Jahre lang. Ich kann meinen linken Arm jetzt bis zum Kinn heben, aber ich weiß, dass er voll funktionsfähig sein wird. Wenn man etwas wirklich will, ist nichts unmöglich“, betont der Gesprächspartner.
Während der Rehabilitation lernte Oleh, seine Jacke einhändig zuzuknöpfen. Er beherrscht ein inklusives Küchenbrett, mit dem er Kartoffeln schälen und Wurst schneiden kann. Um seine Mutter zu entlasten, übernahm er einige Hausarbeiten. Unter anderem saugt er Staub und putzt den Gasherd und die Fensterbänke.
Der Mann besucht derzeit zwei Veteranen. Einer von ihnen ist aufgrund einer Rückenverletzung bettlägerig, der andere hat drei Amputationen. Er sagt, er besuche sie, um mit ihnen zu reden und sie zu unterstützen. Oleh erzählt, dass er sich auch der Schweigeminute im Stadtzentrum anschließe, zu der sich Angehörige gefallener Soldaten und Veteranen versammeln.
Von seinem Wohnort, dem Mikrobezirk Maljowanka, kann der Mann nur mit dem Bus eines einzigen Transportanbieters das Stadtzentrum erreichen, da dieser für ihn am günstigsten liegt. Andere Linien sind für ihn derzeit nicht erreichbar. Oleh ist der Meinung, dass in Schytomyr mehr Bänke aufgestellt werden sollten, damit Menschen mit gesundheitlichen Problemen wie seinen oder mit Amputationen sich während der Spaziergänge ausruhen können.
Der Veteran prozessiert außerdem gegen den Staat wegen einer gerechten Rente. Ein Anwalt hat sich bereit erklärt, ihn kostenlos zu vertreten. Laut Oleh gibt es viele Veteranen wie ihn, die sich in einem juristischen Dschungel befinden, weil ihre Renten falsch berechnet wurden.
„Ich treffe ständig gute Menschen“, sagt Oleh. „Eine Volontärin aus Italien bringt Medikamente, die Veteranen haben Schulbänke für Kinder gespendet. Vor Kurzem ging ich die Mychajliwska-Straße entlang (eine Fußgängerzone in Schytomyr – Red.), als mich Frauen, die Schutznetze weben, ansprachen und mir ein Paket mit Dingen für Kinder gaben.“
Er erzählt, dass er sich einen Traum erfüllt hat, indem er ein eigenes Haus gekauft hat, das derzeit renoviert wird. Nun wünscht er sich eine Frau und eine richtige Familie.
Iryna Tschyryzja, Schytomyr