Mendel-Interview: Ukrainer demonstrieren starke Immunität gegen Lügen

Das Gesagte ehemaliger Präsidentensprecherin spalteten die ukrainische Gesellschaft nicht, wurden aber im Westen zum Instrument feindlicher Propaganda

Das Interview von Julija Mendel mit dem amerikanischen Propagandisten Tucker Carlson, das am 11. Mai 2026 veröffentlicht wurde, wurde zu einer Art, wenn auch äußerst aufschlussreichem Stresstest für den gesamten ukrainischen Medienraum. Diejenigen, wer sich die Hände rieb und erwartet hatte, die Worte der ehemaligen Pressesprecherin des Staatsoberhauptes würden eine große interne Krise in der Ukraine auslösen, verschätzten sich. Natürlich werden wir an die tiefgreifenden Reaktionen der Gesellschaft mit mathematischer Präzision nicht herangehen, wie es Soziologen mit ihren repräsentativen Stichproben und Fokusgruppen tun. Dennoch können wir durch die Analyse hunderter, wenn nicht tausender Kommentare unter den entsprechenden Beiträgen ein mehr oder weniger allgemeines, aber durchaus objektives Stimmungsbild machen.

Man sollte meinen, eine solche Demarche hätte Panik oder zumindest tiefe Verwirrung unter den Ukrainern auslösen müssen. Doch die Gesellschaft reagierte ganz anders. Wir erlebten kalten Ekel und ein klares Begreifen für die Natur des Geschehens. Dieser Fall verdeutlichte einige äußerst wichtige Aspekte unserer kollektiven Medienimmunität und zeigte, dass die Ukrainer im Laufe der Jahre ständiger Informations- und psychologischer Angriffe der Russischen Föderation gelernt haben, jegliche Narrative meisterhaft auszuschroten, selbst wenn sie von „ehemaligen“ stammen.

ANATOMIE DES PROPAGANDASCHUSSES UND OB DIE BEDROHUNG WIRKLICH ÜBERTRIEBEN IST?

Experten sind sich bei der Analyse des Interviews einig, dass es sich nicht nur um einen zufälligen Gefühlsausbruch einer gekränkten Ex-Beamtin handelt, sondern um ein sorgfältig konstruiertes Medienprodukt. Das Gespräch ist buchstäblich mit roten Fäden von altbekannten Kreml-Narrativen durchzogen, die diesmal speziell für das amerikanische Publikum adaptiert wurden. Um die Frage zu beantworten, wie dieses Gespräch hinsichtlich ihrer Folgen zu bewerten ist und ob die Befürchtung ihres Schadens übertrieben ist, befragten wir führende ukrainische Medienexperten, Kommunikationswissenschaftler und Politikwissenschaftler.

Die Direktorin des Instituts für Masseninformation, die bekannte Journalistin und Medienexpertin, Oksana Romanjuk, schlägt vor, diese Situation durch das Prisma einer gezielten Informationsspezialoperation zu betrachten. „Ich sehe dieses Interview nicht als gewöhnliche Medienrede oder bloße emotionale Äußerung einer ehemaligen Pressesprecherin. Meiner Meinung nach handelt es sich um eine durch und durch geplante Kommunikationsaktion. Man sieht dort eine Vorbereitung, es ist weit mehr als nur ein spontaner „Gedankengang“, stellt Romanjuk fest.

Oksana Romanjuk

Laut der Expertin richtet sich diese Informationsoffensive nicht gegen den ukrainischen Markt. Hauptziel sei das Ausland, und konkret - die westliche politische Gemeinschaft, vor allem Vertreter der Republikanischen Partei der USA. Das Hauptziel sei es, eine beispiellose Vergiftungsstimmung um die ukrainischen Behörden zu erzeugen. „Um zu dem Schluss zu bringen, dass es moralisch verwerflich ist, die Ukraine mit einer solchen Führung zu unterstützen. Das Ziel könnte gewesen sein, indirekt Zweifel zu säen und Verbündete zu demoralisieren. In diesem Sinne ist auch der Platz selbst wichtig. Tucker Carlson hat sich lange gegen umfangreiche Auslandshilfe für andere Staaten, darunter auch die Ukraine, ausgesprochen“, betont sie.

Was den internen Schaden angeht, ist Romanjuk überzeugt, dass dieser Fall innerhalb der Ukraine ein Fiasko war, da er lediglich eine Abstoßung von Mendel als Person zur Folge hatte. Die Expertin warnt jedoch vor einer leichtfertigen Haltung zu möglichen externen Konsequenzen. Einzelne Ausschnitte dieses Videos würden mit Sicherheit aus dem Kontext gerissen und von konservativen Medien im Westen verbreitet. Sie würden als Rohmaterial für antiukrainische Kampagnen und ein zusätzliches Argument für diejenigen dienen, die die Militärhilfe für Kyjiw kürzen wollen.

Die Analyse der Chefredakteurin der Internetzeitung „Antonina“, Lena Tschytschenina, lenkt die Aufmerksamkeit auf einen ebenso wichtigen Aspekt – sie zeigt eindrücklich, wie die Form den Inhalt nivellieren kann.

Lena Tschetschenina

„Es war schwer anzusehen, vor allem wegen Mendels schrecklicher Schauspielerei, besonders in dem Moment, als sie zu Putin sprach. Ich stimme zu, dass sie mit einem klaren Plan kam, was und wie sie Carlsons Publikum sagen sollte“, teilt Tschytschenina ihre Eindrücke. Alle Botschaften wirkten schmerzlich bekannt: Anschuldigungen gegen den Präsidenten wegen diktatorischen Verhaltens, seiner angeblichen Weigerung, den Krieg aufgrund persönlicher Bereicherung zu beenden, und der totalen Korruption, die man versucht, als ein noch schrecklicheres Phänomen als die bewaffnete Aggression selbst darzustellen. „Ein Teil dessen, was Mendel sagte, stimmt leider, aber alles andere ist absoluter Unsinn.“ Was das Ausmaß der Bedrohung in der Ukraine angeht, neigt Tschytschenina dazu zu glauben, dass die Vorstellung von Schaden etwas übertrieben sei. Ihrer Meinung nach schadet das zweifellos dem Image des Landes, aber Mendels Aussagen enthalten keine Sensation oder katastrophale Neuheit. Carlsons Publikum wird das natürlich durch das Prisma des Vertrauens in den „Insider“ wahrnehmen, aber für die Ukrainer wurde dieser Skandal nur zu einem lauten emotionalen Reiz vor dem Hintergrund anderer, viel wichtigerer innenpolitischer Ereignisse.

Die Journalistin, Politikwissenschaftlerin und Medienexpertin, Tetjana Mokridi, setzt das Thema der Form und der moralischen Dimension dieser Tat fort und äußert sich mit maximaler Ausgeprägtheit. Für sie liegt dieser Fall außer jeglicher Etikette.

Tetjana Mokridi

„Das Interview von Mendel ist kein Schlag gegen Selenskyj, sondern gegen die Ukraine, gegen jeden von uns. (…) Es hat den Eindruck, als sei der Zuschauer in den Müll geworfen worden und könne sich nicht mehr davon sauber waschen“, betont Mokridi emotional. Sie fügt hinzu, dass die ständigen Grimassen, das unangebrachte Lachen und die gekünstelten Seufzer einen absolut widerlichen Eindruck machten und die Illusion erweckten, diese Figur ziehe sadistische Befriedigung daraus, den Ruf ihres eigenen Heimatlandes öffentlich zu zerstören. „Als jemand, der mit Politikern und ersten Persönlichkeiten gearbeitet hat, verstehe ich ihre Motivation nicht. Ist sie wirklich so dumm oder handelt es sich um eine geplante Spezialoperation?“, fragt die Politologin. Mokridi schildert die traurige Realität hinter den Kulissen der Politik: Menschen, die auf höchster Ebene gearbeitet haben, werden oft schnell hinausgestoßen und sie braucht niemand mehr. Sie betont jedoch, dass diese schmerzhafte Realität und die Unfähigkeit, eine neue, prestigeträchtige Stelle zu finden, in keiner Weise destruktive Boshaftigkeit rechtfertigen. „Das ist eine gezielte Zerstörung des internationalen Ansehens der Ukraine. Es ist widerlich“, resümiert sie.

Und das sagt Tetjana Woroschko, Redakteurin des ukrainischen Dienstes von Voice of America: „In den kommenden Tagen und Wochen werden Ausschnitte aus Mendels Aussagen wahrscheinlich allgegenwärtig auf X und in sozialen und traditionellen Medien sein, begleitet von entsprechenden Kommentaren.“

Tetjana Woroschko

Das wahre Ausmaß des Schadens für das Ansehen unseres Landes werde laut Woroschko jedoch davon abhängen, wie effektiv und schnell unser eigenes Vorgehen sein werde, das auf die Lokalisierung und die Neutralisierung der schädlichen Auswirkungen im westlichen Informationsraum gerichtet sein werde.

Die Videobloggerin, Dozentin und Gründerin der Initiative für Informationshygiene „Wie man nicht zum Gemüse wird“, Oksana Moros, betrachtet die Situation durch das Prisma langfristiger Einflussstrategien: „Meiner Meinung nach ist das ein gut inszeniertes und gemachtes Format. Es scheint, dass Mendel es nicht selbst vorbereitet hat. Sie hatte offensichtlich Hilfe. Dort ist eine sehr sorgfältig konstruierte Zusammenstellung russischer Narrative.“

Oksana Moros

Die Expertin betont: Obwohl die russische Seite bereits früher ähnliche Fake verbreitet hat, hat sie nun einen Trumpf in Form eines sogenannten „Insiders“. Die Russen haben eine ideale Vorlage erhalten, um die These zu untermauern, dass die engste Umgebung des ukrainischen Präsidenten angeblich begonnen habe, die „Wahrheit“ zu sagen. „Es wird definitiv Schaden geben, aber sein wahres Ausmaß werden wir erst mit der Zeit abschätzen können. Vieles wird davon abhängen, wie sich diese Geschichte entwickeln wird. Und ich habe das Gefühl, dass wir erst einen Teil des Spiels gesehen haben. Ich denke, dass diese Geschichte mit Mendel nicht enden wird“, prognostiziert die Expertin für Informationshygiene.

ÖFFENTLICHE REAKTION: TEST DER PSYCHOLOGISCHEN REIFE

Wie wirkte sich dieses Interview auf die Ukrainer aus und wie war die allgemeine Stimmung in der Öffentlichkeit nach seiner Veröffentlichung?

Die erste und stärkste emotionale Welle erfasste erwartungsgemäß die Facebook-Plattform. Ein anschauliches Beispiel für eine solche Volksreflexion war ein Beitrag der Journalistin Julia Sabelina, die das psychologische Bild der Situation sehr treffend beschrieb: „Niemand eignet sich besser für die Anwerbung als Menschen mit einem verletzten großen Ego, denn Geheimdienste werben entweder wegen Schwächen oder aus Rachegelüsten an.“ Diese Meinung stieß auf eine große Resonanz und sammelte Hunderte von Reaktionen. Die überwiegende Mehrheit der Kommentatoren widerlegte diese These nicht, sondern entwickelte sie aktiv weiter und stimmte darin überein, dass Eitelkeit in diesem Spiel zum idealen Köder geworden sei.

Wolodymyr Anfimow, Experte für strategische Kommunikation, gab die Tonalität für die emotionale Wahrnehmung, indem er schrieb, es sei für ihn „physisch schwierig, manchmal sogar abstoßend“, dieses Video zu sehen. Und gerade diese Charakteristik – „physisch abstoßend“ – machte schnell eine Runde im Netz und wurde zum inoffiziellen, aber treffendsten Leitmotiv der gesamten Facebook-Diskussion.

Die Analyse anderer Reaktionen zeigt ein breites Spektrum an Emotionen. Die Journalistin Oksana Schtscherbak forderte emotional eine strikte Verantwortung: „Für das, was sie gegen das ukrainische Volk und die Armee getan hat, ist nicht nur eine Geldstrafe, sondern viel härtere Sanktionen notwendig.“ Die Nutzerin Julia Melnyk versuchte, die landesweite Wut mit einem rationalen Argument über die Vergänglichkeit des Informationszyklus zu beschwichtigen: „Es freut die Tatsache, dass sich übermorgen (höchstens in einer Woche) niemand mehr an sie und dieses Interview erinnern wird.“ Und Taras Fedortschak fasste zusammen: „Das ist nichts anderes als eine Sammlung von klassischen russischen Propagandathesen. Sie hat einfach ihren Mund in Pacht gegeben. Traurig ist, dass sie die ehemalige Pressesprecherin des Präsidenten ist. Man muss also überlegen, wie man solche Schurken wie Mendel, Arestowitsch usw. in verantwortungsvolle Positionen nicht nehmen sollte.“

Zu einer eigenen, fast tragikomischen Genre wurden die Kommentare unter Mendels Beitrag, der beim Versuchen, die Flut der Kritik abzuwehren, nichts Besseres einfiel, als sich mit einem Bibelzitat zu schützen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Dieser Versuch, sich auf das Heilige zu berufen, löste einen wahren Sturm der Entrüstung aus.

Auf der X-Plattform nahm die Diskussion einen geopolitischeren und verschwörerischen Ton an. Die Nutzer brachten geschlossen ihre feste Überzeugung zum Ausdruck: Dieses Interview sei weniger ein Schlag gegen Selenskyj persönlich, sondern vielmehr ein groß angelegter Akt der Informationsaggression gegen die gesamte Ukraine. Es gab auch Theorien darüber, dass das kein Zufall, sondern Teil eines großen „Deals“ sei, der sowohl dem russischen Diktator als auch bestimmten politischen Kräften in den USA zugutekomme, um den Druck auf Kyjiw zu erhöhen und die ukrainischen Behörden zu schmerzhaften Zugeständnissen an den Aggressor zu zwingen.

Der bekannte Politologe Ihor Reiterowytsch stellte bei der Bewertung der Gesamtauswirkungen fest, dass das Interview formal betrachtet sehr speziell wirkte: „Eine Art Bewusstseinsstrom, aufgebaut auf einer Vielzahl zweifelhafter und teils offen erfundener Aussagen, zu denen Mendel selbst offenbar kein Verhältnis hatte.“

Ihor Reiterowytsch

Seiner Ansicht nach war der Hauptgrund für diese Katastrophe der übersteigerte Wunsch der ehemaligen Sprecherin, sich wieder als einflussreiche Persönlichkeit mit Einblicken in wichtige Staatsgeheimnisse zu fühlen. „Seit etwa anderthalb Jahren bewegte sich Mendel tatsächlich in diese Richtung. Wenn man sich ihre Beiträge im sozialen Netzwerk X ansieht, lassen sich dort schon lange ähnliche Motive und Botschaften erkennen. Ja, es wirkte damals nicht so peinlich wie heute, aber es war offensichtlich: Früher oder später würde das alles in einer großen öffentlichen „Offenbarung“ gipfeln“, fügte der Experte hinzu.

Der Politologe weist die Version zurück, dass Mendel und Tucker Carlson die Initiative ergriffen hätten. „Ich bin mehr als überzeugt, dass sie „aufs Geratewohl“ ausgenutzt wurde, und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Russen hinter dieser Geschichte steckten und Carlson die Idee zu einem solchen Interview gaben. Denn seien wir ehrlich: Wer ist Julija Mendel im globalen Informationskontext? Und was kann Carlson schon über sie wissen?“, fragt Reiterowytsch rhetorisch. Er erklärt die Logik der russischen Geheimdienste: Die russischen Kuratoren hätten Mendels Psychotyp genau analysiert und ihre Eitelkeit und ihren Rachedurst ausgenutzt. Der amerikanische Moderator erhielt schlicht die notwendige Sprecherin, um russische Propagandaklischees zu legitimieren.