Ukraine ist für Deutsche kein „blinder Fleck“ des Zweiten Weltkriegs mehr – Historikerin
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Wahrnehmung der Ukraine in Deutschland deutlich verändert. In der deutschen Geschichtsschreibung findet zugleich ein schrittweises Umdenken statt, bei dem die frühere Gleichsetzung der Sowjetunion ausschließlich mit Russland zunehmend hinterfragt wird.
Dies sagte die deutsche Historikerin und Osteuropaexpertin, Uta Gerlant, in einem Kommentar gegenüber dem Ukrinform-Korrespondenten.
„Der groß angelegte Krieg Russlands gegen die Ukraine hat die Wahrnehmung in Deutschland verändert. Viele Menschen, die vorher kaum etwas über die Ukraine wussten, sind heute besser über das Land informiert als zuvor. Viele Deutsche haben außerdem Kontakte zu Ukrainerinnen, die nun hier leben. Die Ukraine ist also kein blinder Fleck mehr“, sagte Gerlant.
Ihr zufolge sei vielen Menschen in Deutschland inzwischen bewusst geworden, dass die Ukraine besonders massiv unter den nationalsozialistischen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg gelitten habe.
„Vielen Menschen hier ist klar geworden, dass die Ukraine auch von nationalsozialistischen Kriegsverbrechen besonders massiv betroffen war. Wie vielen Menschen dies bewusst ist und wie groß der Anteil derjenigen ist, die über differenzierteres Wissen zur Ukraine verfügen, kann ich jedoch nicht sagen“, erklärte die Historikerin.
Gerlant erinnerte daran, dass die Ukraine vor der russischen Vollinvasion 2022 in der deutschen Osteuropaforschung faktisch marginalisiert worden sei. Mittlerweile ändere sich dies jedoch.
„Vor der russländischen Vollinvasion 2022 war die Ukraine in den Osteuropawissenschaften an deutschen Universitäten marginalisiert bis ignoriert, wie der Historiker Karl Schlögel eingestand. Inzwischen wird die Ukraine in der Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs klar als eigenständiges Opfer und als Akteurin aufgefasst, wenngleich noch sehr viel Forschung zu leisten ist“, sagte Gerlant.
Zugleich verwies die Historikerin auf ein Problem im alltäglichen Sprachgebrauch, in dem das Ukrainische oft hinter dem Russischen verschwinde, das fälschlicherweise synonym für das Sowjetische verwendet werde.
„Allerdings verschwindet im alltäglichen Sprachgebrauch das Ukrainische oft hinter dem Russischen, das synonym für das Sowjetische benutzt wird: Meist ist von russischen NS-Opfern, russischer Kriegsgefangenschaft, russischen Befreiern die Rede. Das ist ein Problem, denn es verfälscht die Wahrnehmung. Die ukrainische und andere Nationen werden dabei unsichtbar“, betonte Gerlant.
Hinzu komme, dass positive Handlungen häufig den Russen zugeschrieben würden, während Ukrainer oft vor allem mit Kollaboration assoziiert würden.
„Hinzu kommt, dass positive Handlungen wie Widerstand gegen die deutsche Besatzung mehr den Russen zugeschrieben werden, während Ukrainer oft mit Kollaboration in Verbindung gebracht werden, die es unter anderen sowjetischen Nationen inklusive der russischen ebenso gegeben hat“, erklärte sie.
Nach Ansicht der Historikerin schafft gerade diese „Bewusstseinslücke“ Raum für russische Propaganda, die versucht, den Krieg gegen die Ukraine als angeblich antifaschistisch umzudeuten.
„In dieser Bewusstseinslücke kann Propaganda wirksam werden: Der verbrecherische Angriffskrieg Russlands wird als antifaschistisch umetikettiert, der gegen ein angeblich faschistisches Regime in der Ukraine geführt werden müsse“, sagte Gerlant.
Diese Schuldumkehr habe „etwas Perfides“, da sich ein Teil der deutschen Gesellschaft, die historische Verantwortung für NS-Verbrechen trage, mit dem heutigen russischen Aggressor solidarisiere.
„Ein Teil der deutschen Gesellschaft, die ja in der historischen Verantwortung für NS-Verbrechen steht, solidarisiert sich mit dem russländischen Aggressor von heute, der seinen einstigen ukrainischen Kombattanten aus dem Kampf gegen Nazi-Deutschland angreift“, sagte sie.
Laut Gerlant sei dieser Schulterschluss mit dem Kreml unter anderem bei Demonstrationen sichtbar geworden, die von der Partei Sahra Wagenknecht nahestehenden Kräften organisiert wurden.
„Dieser Schulterschluss mit dem Kreml wurde aufDemonstrationen, wie sie das BSW organisierte, sogar als Völkerfreundschaft ausgegeben, auch wenn er das Gegenteil dessen ist; Unterstützung der Ukraine wird als Kriegstreiberei verleumdet, als wäre die Ukraine der Aggressor und der Krieg zu Ende, wenn sie aufgeben würde“, erklärte die Historikerin.
Zugleich betonte Gerlant, dass objektive Informationen verfügbar seien und es in Deutschland weiterhin große Solidarität mit der Ukraine gebe.
„Diese Propaganda wirkt verunsichernd, verwirrend und einschüchternd. Doch objektive Informationen sind verfügbar, und es gibt in Deutschland viel Solidarität mit der Ukraine. So haben wir es hier mit Zögerlichkeit und Entschiedenheit zugleich bei der Unterstützung der Ukraine zu tun“, resümierte sie.
Am 8. Mai begeht die Ukraine den Tag des Gedenkens und des Sieges über den Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg 1939–1945.