Kreml sucht nach einer Perspektive auf zumindest einen „Sieg“

Warum Russland eine neue „ukrainische schmutzige Bombe“ gefunden hat

„Es wäre erstaunlich, wenn Großbritannien und Frankreich Pläne zur Übergabe von Atomwaffen an die Ukraine bestätigen würden, aber unsere Daten sind nicht haltlos. Moskau hofft, dass die Veröffentlichung dieser Informationen deren Umsetzung verhindern wird“, sagte Kremlsprecher Peskow in Bezug auf die Erklärung des russischen Auslandsgeheimdienstes vom 24. Februar.

Darin heißt es insbesondere: „London und Paris erwägen die Möglichkeit, einen französischen TN75-Sprengkopf von einer der auf U-Booten stationierten ballistischen Raketen an Kyjiw zu übergeben. Großbritannien und Frankreich sind sich bewusst, dass ihr Vorgehen zu einem eklatanten Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag (NVV) führen wird. Daher konzentrieren sich ihre Bemühungen darauf, dass das Auftauchen von Atomwaffen in Kyjiw als Ergebnis ukrainischer Eigenentwicklung aussieht.“

Auch der Föderationsrat griff das Thema auf. Auch Putin kündigte Pläne an, „Atomwaffen gegen Russland einzusetzen“, und Medwedew drohte der Welt erneut mit einer nuklearen Apokalypse.

Je weniger Erfolge Russland hat, desto mehr hört man über Atomwaffen in der Ukraine.

Das ist im Grunde alles. Am 26. Februar verlor Moskau kein Wort mehr über die „schmutzige Bombe der Ukraine“. Und wofür das Ganze? Die erste, offensichtliche Antwort: um das unangenehme Thema vom 24. Februar zu verdrängen. Selbst der Kriegsverbrecher Strelkow (Girkin) erklärt: „Zum Ende des vierten Jahres der „Spezialmilitäroperation“ beträgt unser „rasanter Vormarsch“ an der Front etwa 19,5 Meter pro Tag in Richtung Saporischschja … Insgesamt haben wir eine viel schlechtere Situation erreicht als vor vier Jahren, was die Aussichten auf einen Sieg angeht.“ Und deshalb, wegen der Unmöglichkeit nicht nur eines „Sieges“, sondern sogar dessen Aussicht, erfindet Moskau erneut eine „ukrainische schmutzige Bombe“.

Die zweite Antwort ist ein obligatorisch-demonstratives Programm. Erstmals tauchten die „schmutzigen Bomben der Ukraine“ im russischen Informationsraum noch vor dem umfassenden Einmarsch auf. Erste Provokationen darüber gab es nach Beginn der Aggression auf der Krim und im Donbas. Russische Medien und einzelne Politiker begannen, die Narrativen zu verbreiteten, die Ukraine „könne“ solche Waffen herstellen, da sie über wissenschaftliches Potenzial und nukleare Abfallreserven verfüge.

Grund dafür waren auch die Aussagen von Ukrainern zur Notwendigkeit der Wiederherstellung des Atomwaffenstatus (als Reaktion auf die Verletzung des Budapester Memorandums). Diese Aussagen nutzt die Russische Föderation als direkten Beweis für die Entwicklung einer „schmutzigen Bombe“ und erwähnt gleichzeitig immer wieder das Charkiwer Institut für Physik und Technologie oder das Kernkraftwerk Tschornobyl.

In den Jahren 2018–2021 kursierten häufig Fake News, die Ukraine plane angeblich die Sprengung einer „schmutzigen Bombe“ im Donbas, um Russland die Schuld zuzuschieben und Nato-Hilfe zu erhalten. Am 21. Februar 2022 sprach schon Putin selbst, neben seinen Aussagen zur „Souveränität und Unabhängigkeit der LNR und DNR (selbsterklärte „Volksrepubliken Luhansk – LNR und Donezk - DNR“), das mögliche Auftauchen von Massenvernichtungswaffen in der Ukraine an.

Und schon nach dem groß angelegten Einmarsch tauchten solche Äußerungen regelmäßig auf. Dabei lässt sich in ihrer Chronologie eine Regelmäßigkeit festzustellen: Je weniger Erfolg die Russen haben, desto mehr „schmutzige Bomben“ der Ukrainer finden sie.

Insbesondere erklärte Sergei Schoigu am 23./24. Oktober 2022, die Ukraine könne eine Provokation mit einer „schmutzigen Bombe“ ausrichten. Igor Kirillow (damals Leiter der Abteilung für Atom- und Biowaffen der russischen Streitkräfte) ging sogar noch weiter und erklärte, eine solche Bombe sei in der Ukraine „nahezu fertig“ und es gebe einen Plan, Russland nach ihrem Einsatz die Schuld zuzuschieben. Und genau dann starteten die ukrainischen Streitkräfte einen Gegenangriff in der Region Charkiw, wodurch Russland bedeutende Gebietsverluste erlitt. Moskau diskutierte bereits über einen „Rückzug auf günstigere Linien“ von Cherson und weitere „Gesten des guten Willens“.

Im Juni 2023 verkündete der russische Auslandsnachrichtendienst erneut die „schmutzige Bombe von Kyjiw“. Und damals jammerten wieder russische „Militärblogger“ von einem neuen Gegenangriff der ukrainischen Streitkräfte, die Kampfhandlungen im Süden verschärften sich, und Russland sprengte das Wasserkraftwerk Kachowka.

Die Jahre 2024–2025 waren geprägt von einer systematischen Rhetorik über ukrainische „Atomwaffen“. Kirillows Briefings, in denen er neben Biolaboren und „Kampfmücken“ regelmäßig auch über die „Kjiwer Schmutzbombe“ sprach, wurden zur Routine. Und damals weitete der Westen seine Unterstützung für die Ukraine aus, insbesondere in Form von Langstreckenwaffen und Genehmigungen für Angriffe auf russischem Territorium.

Die Aussagen russischer Offizieller zur angeblichen „ukrainischen Schmutzbombe“ tauchten also nicht einfach so auf, sondern gingen berüchtigten „roten Linien“ in Zeiten militärischer oder politischer Spannungen für Moskau voraus. Die Wellen seiner nuklearen Rhetorik korrelierten direkt mit Momenten des Verlusts der Initiative oder einer Erhöhung der Ansätze im Krieg. Und so schien auch auf ersten Blick die „schmutzige Bombe“ vom 24. Februar 2026.

Warum griff Moskau zu NVV?

Doch diesmal gab es eine dritte Antwort auf die Frage „Warum?“. Nun berührte sie auch das Thema „Verhandlungen“. Darauf wiesen Putins außenpolitischer Berater Uschakow und Peskow selbst deutlich hin. Indem der Kreml das Thema der Verletzung des NVV manipuliert, versucht er erneut, sein Konzept des „Präventivschlags“ zu legitimieren, und so weniger Europa einzuschüchtern, als vielmehr um ein persönliches Signal an Trump zu senden. Angeblich könnte ein Zögern, Kyjiw zu einem Frieden zu zwingen (im Sinne von Moskaus Vision des „Anchorage-Geistes“), zu einer globalen oder regionalen Katastrophe führen.

Im März 2023 kündigte Putin die Stationierung taktischer Atomwaffen in Belarus an. Im Juni desselben Jahres erklärte Lukaschenko, die ersten Sprengköpfe seien bereits geliefert worden. Das ist der erste Fall einer Stationierung russischer Atomwaffen außerhalb der Russischen Föderation seit den 1990er Jahren. Es gibt zahlreiche Hinweise auf Moskaus Unterstützung der Atomprogramme Pjöngjangs und Teherans. Und all dies steht, wohlgemerkt, im Widerspruch zum NVV, an den Moskau nun so enthusiastisch appelliert. Zudem weist Moskau Washington bewusst darauf hin, dass London und Paris die Schuld daran tragen, in der Hoffnung, dass Trump entsprechend reagiert.

Natürlich ist das alles absurd und lächerlich. Doch es ist klar, dass die nuklearen Provokationen der Russischen Föderation, angefangen mit der Besetzung des Kernkraftwerks Saporischschja, den andauernden Angriffen auf das Kernkraftwerk Tschornobyl und in der Nähe anderer ukrainischer Atomkraftwerke, dem Beschuss der „Neutronenquellen“ in Charkiw und den demonstrativen Verabschiedung einer neuen Nukleardoktrin für 2024 bis hin zu ähnlichen Erklärungen, nicht aufhören werden.

Moskau interessieren natürlich nicht Widerlegungen der IAEA oder Londons. Moskau will nicht einmal begreifen, dass die britischen Nuklearstreitkräfte so eng mit den amerikanischen integriert sind, dass keine einzige Maus durchschlüpfen kann.

Der Sinn der neuen ukrainischen „schmutzigen Bombe“ ist klar: Mangels Aussicht auf einen Sieg an der Front will Russland hartnäckig keinen bedingungslosen Waffenstillstand. So wird Putin letztlich weiterhin sein unprätentiöses nukleares Geduldspiel spielen: Vielleicht ändert sich ja etwas, und „wir gewinnen“. Es wird sich nichts ändern, und er wird nicht gewinnen.

Maks Meltzer