Alim-Pascha Soltyhanov, Erster Vizepremier der Tschetschenischen Republik Itschkerien im Exil

Nur ein militärischer Sieg der Ukraine über Russland wird Tschetschenien befreien

In Antwerpen, Belgien, versammelte sich die ukrainische Gemeinde Belgiens anlässlich des vierten Jahrestages des Einmarsches der Russischen Föderation in die Ukraine. Ihr schloss sich Alim-Pascha Soltyhanov, Erster Vizepremier der Tschetschenischen Republik Itschkerien im Exil, an. Diese Tage jährt sich zum 82. Mal die Deportation der Tschetschenen und Inguschen durch die Sowjetmacht, die der tschetschenische Politiker in einem Gespräch mit dem Korrespondenten von Ukrinform bei der ukrainischen Veranstaltung „unser gemeinsamer Feind“ nannte.

Während des Interviews teilte Erster Vizepremier der Tschetschenischen Republik Itschkerien im Exil

seine Gedanken über die imperialen Ambitionen der Russischen Föderation, Putins Rolle in der andauernden Aggression, erzählte über die tschetschenischen Kämpfer an der Seite der Ukraine, machte sich Gedanken über die Zukunft Itschkeriens und erklärte deren Zusammenhang mit dem Erfolg der Ukraine im Krieg gegen Russland.

Sehen Sie Parallelen zwischen Russlands Vorgehen in der Ukraine und dem Vorgehen des Aggressorstaates gegen das Volk Itschkeriens damals und heute?

Ja, es bestehen zweifellos direkte Parallelen. Das ist heute im Grunde genommen die Fortsetzung der völkermörderischen Politik Russlands gegenüber allen seinen Nachbarvölkern. Vor 82 Jahren ereignete sich eine große Tragödie – die Deportation der Tschetschenen. Und es war kein Einzelfall. Bulgaren, Krimtataren und Angehörige anderer Völker sind unter unberechtigten Beschuldigungen der Kollaboration mit den Nazis deportiert worden.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nahm Russland die Tschetschenische Republik Itschkerien ins Visier. Damals wählte Russland den Vorwand einer sogenannten Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung. Russische Truppen fielen ein und vernichteten innerhalb kürzester Zeit 30 Prozent der tschetschenischen Bevölkerung. Und im zweiten russisch-tschetschenischen Krieg, bei der Aggression von 1999, die faktisch bis 2021 andauerte, sind die letzten Widerstandskämpfer gefallen.

Die Tschetschenische Republik ist derzeit in totaler Okkupation. Ganze Ortschaften sind buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht worden, unsere Hauptstadt Grosny war zerstört worden. Man kann eine Parallele zur Zerstörung der Stadt Mariupol ziehen. Am 5. Februar 2000 erschossen russische Truppen in der Siedlung Nowi Aldy Anwohner, darunter auch Alte und Kinder. Ihre Häuser sind niedergebrannt worden.

Solche Gräueltaten sind vergleichbar mit den Kriegsverbrechen des Aggressors in Butscha, Irpin und anderen ukrainischen Städten.

Russland setzt auf totale Zerstörung. Das ist eine barbarische Kriegsführung. Sie vernichten sogar Vieh.

Manche sagen, wenn Putin nicht mehr da ist, hört Russlands Aggression auf. Teilen Sie diese Meinung?

Wir alle erinnern uns daran, wie Boris Jelzin Putin am Silvesterabend 2000 an die Macht brachte. Aber wie war Russland vor dieser Zeit? Man kann weit zurückgehen, in die Zeiten Katharinas, Peters I., Alexanders III. oder Nikolaus’ … In all diesen Epochen gab es Kriege. Das Russische Reich entwickelte sich auf Blutvergießen, kolonisierte und versklavte andere Völker. Eines Tages wird Putin nicht da sein. Natürlich wollen wir hoffen, dass er einer der letzten Barbaren ist, die den gleichen barbarischen Staat regieren.

Aber solange dieses Russland nicht zusammenbricht, solange es sich nicht in eine andere, modernisierte Form transformiert, in der allgemeinmenschliche Werte, die überall auf der Welt gelten, vorherrschen, sind keine Veränderungen zu erwarten.

Im gegenwärtigen System spielt es keine Rolle, wer an der Macht ist, Putin oder jemand mit einem anderen Nachnamen.

Es scheint, als fürchte die zivilisierte Welt den Zerfall der Russischen Föderation und die Entstehung zahlreicher unabhängiger Staaten auf ihrem Territorium...

Aber solange Russland in seiner jetzigen Form existiert, wird die von ihm ausgehende Bedrohung nicht verschwinden, sondern nur zunehmen. Wir hören doch, wie die russische Propagandamaschine mit den Stimmen von Solowjow, Dugin und anderen sogenannten Ideologen des heutigen russischen „Imperiums“, offen verkünden, dass dorthin Amerika kommen werde, wenn sie nicht bestimmte Staaten in Europa einnehmen, weshalb sie einfach gezwungen seien, diese Gebiete zu besetzen.

Aber andererseits sehen wir, wie die expansionistische Rhetorik der USA, insbesondere in Bezug auf Grönland, Kanada oder Venezuela, Moskau Anlass gibt, offen über seine Interessen und Ziele zu sprechen.

Wir sind sicher, dass Russland mit der Ukraine nicht stoppen und nicht zur Ruhe kommen wird. Es erfolgt eine ständige Eskalation – gegenüber Polen, den baltischen Staaten und Moldau. Russland setzt seine aggressive Außenpolitik fort, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass Russland seinen Kurs ändern wird.

Wir wissen, dass auf ukrainischer Seite auch tschetschenische Kämpfer gegen die russische Aggression kämpfen. Stehen Sie mit ihnen in Kontakt?

Noch 2022 bin ich als Leiter der Delegation der Regierung von Itschkerien im Exil zusammen mit dem (ebenfalls im Exil befindlichen – Red.) Verteidigungsminister Itschkeriens in die Ukraine geschickt worden. Seither haben wir in der Ukraine unsere eigenen Streitkräfte praktisch wieder aufgebaut, und derzeit kämpfen unsere fünf Freiwilligenbataillone an der Seite der ukrainischen Streitkräfte.

Der Ministerpräsident unserer Exilregierung, Achmed Sakajew, verbringt den Großteil seiner Zeit und Arbeit in der Ukraine, und unser Verteidigungsminister ist dort ständig.

Und selbstverständlich pflegen wir engen Kontakt zu unseren Streitkräften.

Gab es eigentlich Fälle, in denen Ihre Kämpfer gegen Landsleute kämpften, die aufseiten des Kremls sind?

Zuerst muss klargestellt werden, dass es keine „Kadyrow-Truppen“ auf ukrainischem Territorium gibt. Bestimmte Einheiten, insbesondere das sogenannte „Achmat“-Bataillon und andere, die dem russischen Verteidigungsministerium unterstehen, werden tatsächlich auf dem Territorium des besetzten Tschetscheniens aufgestellt.

Zu Ihrer Frage: Es gab keine direkten Feuergefechte mit Achmat-Truppen, aus einem einfachen Grund: Achmat-Truppen gibt es schlichtweg nicht an der Front.

Wir hören oft verschiedene Meldungen über den Gesundheitszustand von Ramsan Kadyrow. Ich verstehe, dass es vielleicht schwierig ist, die Lage in Tschetschenien aus der Ferne einzuschätzen. Aber besteht Ihrer Meinung nach Hoffnung, dass sich die Interaktion der politischen Führung mit Moskau in Ihrem Land künftig grundlegend ändern wird?

Was unser Informieren über die Lage in Tschetschenien selbst betrifft, kann ich sagen, dass unsere Mitarbeiter, unser Untergrund, dessen Mitglieder in allen Teilen des Landes aktiv sind, uns täglich umfassende Informationen liefern, auch aus dem Umfeld dieser Marionettenstrukturen Kadyrows.

Ich denke, es hat keinen Sinn, über Kadyrows Zustand zu sprechen. Diese Person interessiert uns überhaupt nicht. Er ist lediglich eine Marionette des Kremls. Wenn er weg ist, wird jemand anderes an seine Stelle kommen. Heute ist dieser Nachname wirklich sehr populär, daher wird ihm viel Bedeutung beigemessen und vieles mit seiner Person in Verbindung gebracht.

In Wirklichkeit sagt Kadyrow nur das, was ihm erlaubt wird. Kadyrow ist eine Art Ersatz für Schirinowski. Aber Schirinowski selbst war wenigstens ein gebildeter Mann.

Und dieser Mankurt, wie wir sehen, verfügt nicht einmal über elementare Sprachfähigkeiten.

Unsere Führung verbindet die Befreiung Tschetscheniens mit dem gewaltsamen militärischen Sieg der Ukraine über die Russische Föderation. Nur so werden wir, die Tschetschenische Republik, und nicht nur wir, sondern auch andere kolonisierte Völker, die Russland gewaltsam kontrolliert, frei werden.

Ein rein politisches Friedensabkommen ohne einen realen militärischen Sieg der Ukraine auf dem Schlachtfeld wird also kaum zu solchen Veränderungen führen?

Wir können uns an den Friedensvertrag erinnern, der am 12. Mai 1997 von dem russischen Präsidenten Jelzin und dem Präsidenten der Tschetschenischen Republik Itschkerien, Aslan Maschadow, unterzeichnet worden war. Und wir haben gesehen, wie Russland seine eigenen Versprechen verräterisch bricht.

Doch eines Tages wird sich die neue Führung der Russischen Föderation an den Verhandlungstisch setzen und zu diesem Abkommen zurückkehren müssen.

Russland hat jetzt keine Möglichkeit, die Ukraine mit Gewalt zu erobern. Daher versucht es nun, mithilfe seiner internationalen Lobby, den Krieg nach seinen eigenen Bedingungen zu beenden, mehr ukrainisches Territorium zu annektieren und Wahlen zu erzwingen, um die Macht zu wechseln.

Meiner Ansicht nach ist Wolodymyr Selenskyj das größte Hindernis auf dem Weg zu ihren Zielen. Er lässt sich nicht erpressen.

Natürlich ist ungewiss, ob die Verhandlungen erfolgreich sein werden oder ob sie mit gegenseitigen Zugeständnissen enden werden. Aber aus der eigenen Erfahrung, aus der Erfahrung der Tschetschenischen Republik, wissen wir, dass man Moskaus Tricks nicht erliegen darf. Die Ukraine sollte diese Lektionen lernen, und unser Regierungschef hat in seinen Interviews wiederholt über diese russischen Tricks gesprochen. Russlands Versprechungen sind eine weitere Falle. Und in diesem Fall wird die Ukraine in eine Falle gelockt.

Aber der Krieg muss irgendwann enden …

Das stimmt, der Krieg muss beendet werden. Es ist ein wahrhaft furchtbarer Krieg, der seit so vielen Jahren andauert und unzählige Opfer fordert. Aber es darf nicht so sein, dass Menschen ihr Leben umsonst gegeben haben. Man darf es nicht so lassen.

Es muss klar definiert werden, unter welchen Bedingungen Frieden geschlossen werden soll. Diese Bedingungen müssen der Ukraine passen und keinem anderen Land der Welt – und schon gar nicht dem Aggressor.

Was sollte Europa in der gegenwärtigen instabilen Lage tun?

Indem Europa heute der Ukraine hilft, hilft es sich selbst. Wenn die Ukraine fällt, werden die russischen Panzer weiter rollen.

Man muss der Ukraine aktiver helfen, mit Langstreckenwaffen und mit verstärktem politischen Druck und Sanktionen gegen das Aggressorland.

Man muss auch mutiger sein. Man sollte sich vor diesem Barbaren nicht fürchten.

Jewhen Matjuschenko, Antwerpen

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