Denis Kozlowski, Neffe des Wissenschaftlers Ihor Kozlowski
„DNR-Ermittler“ haben einfach Beschlagnahme von 2 Granaten geschrieben
06.04.2017 16:36 187

In den sozialen Netzwerken der Ukraine breitet sich das Flashmob #FreeKozlowski zur Unterstützung des Religionswissenschaftlers und Philosophen Ihor Kozlowski aus, der im besetzten Donezk gehalten wird, und der für seine Friedenstätigkeit mit der Medaille der Österreichischen Gesellschaft Albert Schweitzer ausgezeichnet wurde. Die Kämpfer der so genannten „Volksrepublik Donezk – DNR“ hatten den 63 Jahre alten Mann am 27. Januar 2016 verhaftet, als er die Wohnung verließ, um den Müll weg zu bringen. Zu Hause blieb allein im Rollstuhl der Sohn Slawik mit dem Down-Syndrom.

Dem Wissenschaftler warf man zuerst „Spionage“ vor, dann „Aufbewahrung von zwei Granaten“. Seine Familie glaubt, die Beschuldigungen seien gefälscht und er werde widerrechtlich mehr als ein Jahr in Haft gehalten.

Der Neffe des bekannten ukrainischen Wissenschaftlers, Denis Kozlowski, erzählt in einem Interview mit Ukrinform, was zu diesem Zeitpunkt über den Gesundheitszustand von Ihor Kozlowski bekannt ist, und über Probleme, mit denen sein Sohn Slawik nach seinem Umzug nach Kiew konfrontiert war.

Фото: Евгений Любимов

- Ich verstehe richtig, dass die Familie mit den Vorwürfen gegen Ihor Anatolijowytsch (Kozlowski) nicht einverstanden ist und seine Verhaftung im besetzten Gebiet für absurd hält?  

- Alles ist gerade so. Es ist einfach eine absolut unbegründete Festnahme und die Inhaftierung eines Menschen, der nie etwas mit irgendwelchen Konflikten zu tun hatte. Er war sein ganzes Leben mit rein wissenschaftlicher humanistischer Tätigkeit beschäftigt und widmete viel Zeit und Kraft der Schaffung des interkonfessionellen Konsenses in Donezk. Die friedenschaffende Tätigkeit war überhaupt die Berufung von Ihor Kozlowski und er, als Persönlichkeit, war mit dem Wunsch verbunden, einen Dialog „aller mit allen“ zu bauen.

- Wo ist der Wissenschaftler jetzt?

- Soweit ich weiß in der Untersuchungshaftanstalt № 5 in Donezk, nicht weit vom Zentralkaufhaus.

Im Februar begann der so genannte Prozess. Es gab bereits zwei Gerichtssitzungen, die zweite war am 15. März. Die nächste ist für den 20. April 2017 geplant.

Wir haben praktisch nach seiner Verhaftung sofort einen Rechtsanwalt genommen, der auf dem Territorium von „DNR“ arbeiten kann. Aber es gibt wenig Hoffnung, dass er die Situation beeinflussen kann.

- Wie lange ist es jetzt schon her, als Sie ihren Onkel kontaktiert haben? Worüber haben Sie gesprochen?

- Im letzten Jahr hatte Ihor Anatolijowytsch ein paar kurze Telefonate mit der Familie. Was mit ihm gerade passiert, hat er nicht erzählt, weil er in der Zelle wahrscheinlich nicht allein ist und alle Telefongespräche, aller Wahrscheinlichkeit nach, abgehorcht werden.

Wir unterhielten uns über abstrakte Themen, um einfach nur seine Stimme zu hören, um sich davon zu überzeugen, dass er mehr oder weniger bei Kräften ist, um moralisch zu unterstützen.

Wir haben keine glaubwürdigen Informationen über seinen Gesundheitszustand. Wir wissen nach indirekten Angaben, dass er Schmerzen in den Beinen hat, dass sich die Arthrose im Knie verschlechtert hat und er Probleme mit der Verdauung hatte. Und der Gefangenschaftaufenthalt ohne die richtige Ernährung, frische Luft und Sonnenlicht wirkt sich im Allgemeinen, natürlich, auf den Körper aus.

Unsere Verwandte war einmal auf einer Gerichtsverhandlung und konnte Ihor Anatolijowytsch sehen, aber sprechen mit ihm nicht. Nach ihren Worten sah der Onkel blass, eingefallen aus, man sah also, dass der Mensch erschöpft ist.

Фото: Евгений Любимов

- Aus welchen Gründen ist Ihor Anatolijowytsch ins Gefängnis geraten?

- Das wissen wir nicht. Bekannt sind nur einige der Umstände seiner Festnahme. Eines Abends lauerte man dem Wissenschaftler einfach beim Eingang in sein Haus auf und nahm ihn fest, als er buchstäblich für einen Moment herauskam, um den Müll weg zu bringen. Dann gingen sie in die Wohnung herein - entweder hatte der Onkel die Tür nicht abgeschlossen, oder sie haben einfach die Schlüssel abgenommen – und fingen mit der Durchsuchung an, sie beschlagnahmten Dokumente, Geld, Sachen.

- Was wirft man Ihor Kozlowski jetzt vor?

- Ihm lastet man den ersten Teil des Artikels 256 des sogenannten „Strafgesetzbuches von DNR“ an – illegaler Besitz von Sprengstoffen. Angeblich hat man bei ihm bei der Festnahme im Bücherschrank zwei Granaten gefunden, was natürlich absurd ist. Er hatte nie Granaten, sowie jede andere Waffe. Ich denke, dass man sie gar nicht versucht, unterzujubeln, nur einfach geschrieben, dass man beschlagnahmt.

- Die ukrainische Seite hat Ihor Anatolijowytsch auf die Austauschlisten mit besetzten Gebieten gesetzt, die Frage über seine Freilassung wurde auch in der Sitzung der Trilateralen Kontaktgruppe in Minsk aufgerollt. Warum hat man ihn nicht freigelassen?

- Soweit ich weiß, hat die ukrainische Seite nach dem Setzen von Ihor Kozlowski auf die Austauschliste im Mai/Juni 2016 praktisch bei allen Sitzungen der humanitären Gruppen in Minsk die Frage über seine Freilassung aufgerollt. Aber die andere Seite hat sich immer unter verschiedenen Vorwänden geweigert, ihn auf die Liste zu setzen. Die Vertreter von „DNR“ bestätigten, dass sie ihn in der Gefangenschaft haben, aber die Weigerung, ihn auf die Austauschliste zu setzen, haben sie, nach der neuesten Version, damit motiviert, dass er der Bürger von „DNR“ ist, und kein Kriegsgefangener, der während des Konflikts verhaftet worden war.

Фото: Евгений Любимов

- Hat Ihr Onkel einen „DNR“-Pass?

- Nein, er hat sich nirgendwo umgemeldet. Alle Dokumente, die er hat, sich ukrainische.

- Was glauben Sie, warum wird er dort gefangen gehalten? Die Familie hat sicherlich irgendwelche Annahmen.

- Wir haben keine Annahmen. Offensichtlich blockiert jemand auf der Seite des besetzten Gebietes alle Versuche, den Wissenschaftler freizulassen. Aus welchem Grund wissen wir nicht.

- Ihor Anatolijowytsch hat die Stadt nach Beginn der Besetzung bis zum Zeitpunkt der Inhaftierung nicht verlassen. Womit war er beschäftigt diese ganze Zeit?

- Der Onkel führte ein ganz normales Leben eines Rentners und verließ nie das Haus für mehr als 2-3 Stunden, weil sein kranker Sohn eine besondere Pflege braucht.

- Wo befindet sich jetzt die Familie von Ihor Kozlowski?

- Die Familie von Ihor Anatolijowytsch reiste aus den besetzten Gebieten von Donezk geteilt ab. Als der Konflikt in die heiße Phase überging, reiste der jüngere Sohn Oleksandr ab, dann die Ehefrau Walentyna. Ihor Anatolijowytsch blieb in der Stadt mit Swjatoslaw.

Nach der Verhaftung des Wissenschaftlers suchte die Familie nach einer Möglichkeit, Swjatoslaw zu holen, aber aus dem Grund, dass alle Dokumente bei der Durchsuchung beschlagnahmt wurden, war es unmöglich die Trennlinie zu überqueren und in das von der ukrainischen Regierung kontrollierte Territorium zu gelangen. Man musste etwa neun Monate warten, bis die Ermittler der sogenannten „DNR“ mindestens den Pass von Slawik zurückgeben.

Im Oktober 2016 ist es doch gelungen, ihn zu bringen. Die Familie lebt heute in Kiew.

- Sie haben vor kurzem ein Flashmob #FreeKozlovskyy in den sozialen Netzwerken organisiert. Warum haben Sie beschlossen, gerade jetzt die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema der Befreiung von Ihor Anatolijowytsch zu ziehen?

- Als seit der Inhaftierung von Ihor Anatolijowytsch ein Jahr verging, erkannten wir, dass diese Frage auf der Ebene der Minsker Gruppe nicht zu lösen ist. Man soll den Dialog ins Format des Normandie-Quartetts, internationaler Treffen auf dem hohen Niveau versetzen. Der Druck auf die politische Führung Russlands muss von den ersten Personen der Staaten des Normandie-Quartetts kommen, in erster Linie von Deutschland, Frankreich, von der Führung der Vereinigten Staaten, wie das mit allen politischen Gefangenen, insbesondere mit Nadija Sawtschenko, war, die in allen Nachrichten war und deren Freilassung auf der Tagesordnung stand. Ich denke, das ist zurzeit der einzige Weg, um die Freilassung von Ihor Anatolijowytsch zu erlangen.

Kateryna Zawada, Kiew

Kateryna Zawada, Kiew

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