Faktenchecker sind Ermittler des Journalismus

Faktenchecker sind Ermittler des Journalismus

Ukrinform Nachrichten
Aufdecken von Manipulationen und Fakes ist heute nicht weniger wichtig als Aufklärung von Straftaten

In den letzten zwei Wochen führten die nationale Nachrichtenagentur der Ukraine Ukrinform und die Deutsche Presse-Agentur (dpa) eine Reihe von digitalen Workshops für ukrainische Medienvertreter durch. Einer der Experten Stefan Voss, der das Verifikations-Team der dpa leitet, vergleicht die Prüfung von Medieninhalten (Texte, Fotos, Videos) mit der Tätigkeit eines Ermittlers: Man muss Verdachtsmomente feststellen, sie sowohl mit Hilfe der Logik als auch der Tools untersuchen und Beweise sammeln, die eindeutige Schlussfolgerungen über den Wahrheitsgehalt bestimmter Inhalte ermöglichen.

Ziel der Workshops war es, über die Grundregeln digitaler Recherche, insbesondere die Verifikation von Inhalten im Internet und der Werkzeugkasten, der schnell in der Alltagspraxis eingesetzt werden kann, mit Vertretern der ukrainischen Medien zu diskutieren.   

Gleichzeitig konnten sich die Teilnehmer der Schulungsveranstaltungen ein Bild davon machen, wie es mit der Faktenprüfung weltweit läuft, warum die Nachfrage nach Faktencheck steigen wird und warum es wünschenswert ist, in jeder Medienredaktion mindestens einen Mitarbeiter zu haben, der sich in Prüfung von Nachrichteninhalte auskennt.

Die Fertigkeiten für die Faktenprüfung können als solche bewertet werden, welche besonders in den Medien gebraucht werden. Gleichzeitig wird ein Basiswissen des Faktenprüfers auch für alle nützlich sein, die für ihren Beruf oder für den Eigenbedarf öfter Information aus den sozialen Medien verwenden, die das reale Leben ihrer Nutzer immer mehr beeinflusst. Kein Wunder, dass in den USA immer wieder die Filme zum Thema produziert werden. Beispiele dafür sind die Netflix-Dokumentation "The Social Dilemma", die eine Premiere vor einem Monat feierte, oder die HBO-Doku "After the Truth: Disinformation and the Cost of Fake News".

Gibt es Unterschiede von Fakes in verschiedenen Ländern?

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass die Falschmeldungen für gefährlich die Gesundheit und in einzelnen Fällen für das Leben der Menschen, die auf solche Fake News hereinfallen oder an Verschwörungstheorien wie „Coronavirus existiert nicht“ glauben, sein können. Zum Coronavirus kursieren besonders viele Falschmeldungen und Manipulationen in den sozialen Netzwerken verschiedener Länder. Zuvor hatten die populärsten Fake News in verschiedenen Ländern vorwiegend ihre lokalen Besonderheiten. Nach Angaben des Faktenchecker von StopFake, Artem Laptiiev, wurden in der Ukraine russische Fakes zu der annektierten Krim und zum besetzten Donbass oder die Propaganda über die Ukraine als failed state besonders verbreitet. In Deutschland wurden laut dem dpa-Faktenchecker Stefan Voss die Falschmeldungen zu den Themen Migration, Kriminalität und Umwelt am häufigsten entlarvt.

Im Fokus der Faktenchecker stehen vor allem Inhalte, die in den sozialen Netzwerken verbreitet werden. Die populärsten Netzwerken können in jedem Land anders sein, sie können im  Laufe der Zeit von neuen Plattformen abgelöst oder, wie in der Ukraine russische Netzwerke, gesperrt werden.

In der Ukraine stammen die Falschmeldungen auch aus Medien, was auf Besonderheiten des ukrainischen Informationsraums zurückzuführen ist. Insbesondre haben viele Nachrichtenseiten in der Ukraine eine kurze Geschichte, mit kleinen Redaktionen, oft überhaupt ohne Journalisten, die meisten Materialien sind nicht urheberrechtlich geschützt und die Inhalte in diesen Medien stammen meist aus offenen Quellen im Internet. Ganz zu schweigen von sogenannten „trash-websites“. Die deutsche Medienlandschaft wird vor allem von Qualitätsmedien geprägt, die lange Zeit einen guten Ruf haben und ihn zu schätzen wissen. Aber auch dort können für kurze Zeit einzelne Webseiten entstanden, die ähnlich klingende Namen wie bekannte Medien haben.

In der Ukraine haben russische oder mit dem russischen Geld finanzierte Medien einen großen Einfluss. In Deutschland senden auch RT und Sputnik, ihr Einfluss ist aber deutlich weniger, vielleicht begrenze auf einen bestimmten Teil der Gesellschaft, der mit dem postsowjetischen Raum verbunden ist.

Ein erfahrener Faktenchecker kann in der Lage sein, Manipulationen auch im anderen Land zu erkennen, dafür braucht er aber mehr Zeit, um Details und allgemeine Zusammenhänge zu verstehen. Der Faktenchecker vor Ort kann das schneller und besser tun als der ausländische.

Typen von Aufgabe für den Faktencheck

Die Aufgaben des Faktencheckers können grob so unterteilt werden: Diejenige, die Sorgfalt und logisches Denken erfordern (Analyse von Details und von verdächtigen Dingen); die Aufgaben, die spezifische Werkzeuge (Foto-Rückwärts-Suche, Internet Archive) brauchen; diejenige, die Anfragen zu bestimmten Inhalten oder einen Rat unabhängiger Experten (in der Regel Wissenschaftler im entsprechenden Bereich) erfordern.

Vom Typ der Aufgabe hängt auch die Zeit für eine Verifikation ab. Laut Erfahrungen des Verifikations-Teams der dpa braucht ein Mitarbeiter durchschnittlich einen Tag für die Faktenprüfung. Dabei werden die Faktenchecks aufmerksamer geprüft als gewöhnliche Meldungen. Wenn es aber um Berichte geht, für die Rücksprachen mit Experten und Wissenschaftlern, oder Anfragen an Institutionen oder an einen konkreten Politiker nötig sind, kann der Faktencheck Tage dauern. Die internationale Praxis zeigt, dass die Fake News, die besonders schwirig zu erkennen sind, werden oft von Geheimdiensten einiger Staaten oder erfahrenen Hackern gestreut.

Besonders komplexe Fähigkeiten (Fachkenntnisse im Bereich Digitale Forensik) sind für die Erkennung von Deep Fakes erforderlich. Das Problem von Deep Fakes ist derzeit sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland nicht besonders akut. Aber die Deepfake-Technologie entwickelt sich in der Welt sehr schnell. In diesem Fall beobachten die Faktenchecker meist die Entwicklungen in den USA.

Derzeit ist es ziemlich leicht, die meisten Manipulationen und Fake mit Basiskenntnissen und einfachen Tools aufzudecken. Aber ihre Zahl wächst mit neuen sozialen Netzwerken und immer mehr Nutzern dieser Netzwerke.

  

Wie werden Themen für Faktenchecks ausgewählt und was tut man gegen Fake News?  

Bei der Auswahl von Themen für den Faktencheck sind gesellschaftlich relevante Behauptungen, die in den sozialen Netzwerken genug verbreitet werden, entscheidend. Jedoch zählt manchmal für die Fälscher eher Quantität als Qualität. Der Faktenchecker von StopFake Artem Laptiiev betont, dass die russische Propaganda nicht neue Narrative schafft und immer mehr die alten, die schon einer Analyse unterzogen wurden, wiederholt.

Einer der ersten Schritte bei der Verifikation der Texte ist die Frage, ob es sich um Tatsachenbehauptungen oder Meinungsäußerungen handelt, betont Stefan Voss. Die Faktenchecker verifizieren die Meinungen nicht.

Eine Behauptung in den sozialen Netzwerken, die bei Menschen Verunsicherung und Ärger schürt, ist nach Worten von Voss ein deutlich erkennbares Merkmal von Manipulationen.

Eine der Grundregeln der dpa beim Faktencheck ist, dass die Falschbehauptung in der Schlagzeile nicht erwähnt werden muss.  

Der traditionelle Faktencheck stellt eine komprimierte (kurze) Analyse von wesentlichen Details dar. Die Experten Stefan Voss und Artem Laptiiev sind deshalb der Meinung, dass in manchmal besser ist, auf weit verbreitete Falschbehauptungen analytisch oder publizistisch zu reagieren.

Was ist ein Faktenchecker und was sind Grundregeln der Verifikation?

Ganz kurz ist der Faktenchecker eine Person, die sich nicht nur in der Methodik und Tools der Verifikation auskennt, sondern auch mit der Verifikation regelmäßig und unparteiisch beschäftigt.

Die Richtlinien werden in diesem Bereich vom einem internationalen Netzwerk von Faktenprüfern, dem IFCN des US-amerikanischen Poynter Instituts erarbeitet https://ifcncodeofprinciples.poynter.org/. Das International Fact Checking Network (IFCN) wurde 2015 vom Poynter-Institut ins Leben gerufen. Zum IFCN-Netzwerk gehören etwa 100 Organisationen aus 50 Ländern, die nach folgenden Grundsätzen arbeiten: Transparenz, Offenlegung der Finanzierungsquellen, Fairness und Unabhängigkeit beim Überprüfen der Fakten sowie Fehlerkorrektur. Bei der Aufnahme ins Netzwerk werden Kandidaten nach 31 Kriterien beurteilt. Solche Social-Media-Plattformen wie Facebook и Google suchen Partner für ihre Faktencheck-Projekte im IFCN. Die Mitgliedschaft am Netzwerk dient auch als eine sichere Grundlage für eine bilaterale und multilaterale Zusammenarbeit der Organisationen aus verschiedenen Ländern.

Zum IFCN-Netzwerk gehören vor allem die Fact-Checking-Teams (von 5 und bis mehr als 10) aus Indien, Frankreich, Großbritannien, der USA. Auch die Nachrichtenagenturen AP und Reuters (USA), AFP (Frankreich), EFE (Spanien) sowie die Deutsche Presseagentur (dpa) sind beim IFCN mit ihren Verifikations-Teams vertreten.

Außer der dpa gehört zum IFCN-Netzwerk von Deutschland auch Сorrectiv https://correctiv.org/. Aus der Ukraine sind auch zwei Teams Mitglieder des IFCN-Netzwerkes. Das sind StopFake https://www.stopfake.org/ru/o-nas/ und VoxUkraine https://voxukraine.org/uk/voxcheck/.  Ende März wurden sie Partner von Facebook in unserem Land. https://detector.media/infospace/article/175903/2020-03-27-voxcheck-i-stopfake-dopomagatimut-facebook-borotisya-z-feikami-ta-dezinformatsieyu-dopovneno/

Die Mitglieder des Netzwerkes sind verpflichtet, die Methodik des Faktenchecks auf ihren Webseiten anzugeben. Für alle Interessierenden sind ihre Ansätze wissenswert. Eine weitere führende Institution, die Journalisten aus aller Welt mit dem Ziel der Bekämpfung von Fakes vereinigt, ist die Nichtregierungsorganisation FirstDraft, die 2015 in den USA gegründet wurde und mit Projekten und Schulungen beschäftigt ist https://firstdraftnews.org/.

Trotz der schon vorhandenen effektiven Entwicklungen von internationalen und nationalen Fact-Checking-Teams fehlen in vielen Medienredaktionen (ein Beispiel dafür sind sowohl die Ukraine als auch Deutschland) Mitarbeiter, die sich professionell mit der Faktenprüfung beschäftigen. Die Entwicklung von Grundfertigkeiten für den Faktencheck bei allen Journalisten kann das Problem nicht lösen, weil ihnen oft wegen ihrer Hauptaufgaben die Zeit fehlt, sich mit den komplexen Aufgaben zur Erkennung von Fakes zu befassen. Idealerweise brauchen kleine Redaktionen mindestens einen Faktenchecker und die Redaktionen von großen Medienunternehmen ein Verifikations-Team. Deswegen erörtern Vertreter von Ukrinform und dpa nach der Durchführung von Basis-Workshops die Möglichkeit des Workshops für ukrainische Journalisten, die Faktenprüfer werden wollen.

Natalia Kostina, Ukrinform


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