Wadym Prystajko, Außenminister
Es gibt noch eine Chance, Russland zu Geständnissen zu zwingen, und man muss sie ausnutzen
16.10.2019 14:33

Auf der außenpolitischen Agenda der Ukraine sind in den vergangenen Wochen viele "heiße" Themen entstanden. Aber die Regelung des bewaffneten Konfliktes im Donbass ist und wird heiß bleiben. Eine retrospektive Rückkehr zur verschütteten "Steinmeier-Formel" hat in diesem Sinne einen Becher Benzin in das Glutnest geschüttet, wovon sogar der Rauch vom Maidan zieht.

Wie kann man versuchen, einen heißen Punkt zu löschen, anstatt andere aufzuschwellen, warum die Ukraine darauf besteht, einen "Normandie-Gipfel" durchzuführen, welche Folgen es für unser Land geben wird, ein Telefonat der Präsidenten Trump und Selenskyj zu veröffentlichen. Diese und andere Fragen hat der Ukrinform-Korrespondent den  Außenminister der Ukraine Wadym Prystajko gestellt.

STAATSCHEFS SIND OFT DRIVER MÖGLICHER VERÄNDERUNGEN

Herr Minister, am Tag der Bestellung haben Sie im Parlament erklärt, dass es Ihnen durchaus wichtig sei, Fortschritte im Donbass binnen eines halben Jahres zu erzielen. Wodurch wird diese Frist ausbedingt? Ist sie auf den Ablauf der Gültigkeit des Gesetzes über einen besonderen ORDLO-Status (sogenannte Volksrepubliken Donezk und Luhansk - Red.) bzw. den eines weiteren Halbjahres der sektoralen EU-Sanktionen gegen Russland zurückzuführen?

Diese Frage stellen genug oft sowohl Journalisten als auch verschiedene andere Gesprächspartner. Die Antwort lautet sofort: Wie lange und worauf muss man noch warten? Zurzeit sind bereits fast 14.000 Mann ums Leben gekommen. Welche Zahl muss man erreichen, um zu erkennen, dass radikale Maßnahmen bald ergriffen werden sollen.

Tatsächlich waren wir nicht an Termine gebunden, sondern haben versucht, einen mehr oder weniger akzeptablen Zeitpunkt zu finden, in dem wir versuchen, spürbare Fortschritte zu erzielen.

Seit dem jüngsten Gipfels der Normandie-Vier sind drei Jahre vergangen. Keine Gipfel durchzuführen bedeutet, nicht alle Möglichkeiten zu nutzen, denn leider oder glücklicherweise sind die Staatschefs oft Driver für mögliche Veränderungen.

Was können wir wirklich als Ergebnis eines Treffens der Staatschefs erhalten?

Die Verhandlungsbedingungen liegen bereits auf dem Tisch - weiter hängt alles vom Geschick der Verhandlungsteams ab.

Aber indem wir selbst die Zeit einschränken, schwächen wir vielleicht unsere Verhandlungsposition und geben Russland  Möglichkeit, sein Spiel fortzusetzen. Denn wenn wir an einem Normandie -Gipfel so interessiert sind, steigt dessen Preis für uns.

Aber dank der Termin könnten wir schwarze Zahlen schreiben. Die Bürokratie funktioniert überall gleich - wenn Staatschefs sagen, der Termin sei für eine bestimmte Zahl angesetzt, gibt es also eine Chance, angesichts dieses Datums auch mal etwas zu bekommen.

Das heißt, einerseits haben Sie Recht, dass unser Interesse am Treffen für uns nicht von Vorteil ist, andererseits lässt der angesetzte Termin alle Seiten aktiv werden, um ein Ergebnis zu erreichen.

Warum haben wir uns bereit erklärt, den politischen Teil von "Minsk" vor dem Punkt Sicherheit zu diskutieren? Im bekannten Schreiben der Außenminister Steinmeier und Fabius hieß es doch, die Wahl im besetzten Donbass solle die finale Phase des Minsk-Prozesses sein, das heißt, sie würden das Ende des bewaffneten Konflikts symbolisieren.

Ich bin nicht damit einverstanden, dass wir mit dem politischen Teil beginnen - eigentlich haben wir mit einem rein humanitären begonnen.

Erste Initiativen des Präsidenten Selenskyj zielten darauf ab, die Verkehrsverbindung wiederherzustellen, mit der Sanierung der Brücken zu beginnen - und es hat schon einige Monate in Anspruch genommen -, dann wieder Renten zu zahlen u. a.

Das heißt, der erste Schritt war zu verstehen versuchen, inwiefern wir diejenigen für "unsere" Ukrainer empfinden, die auf die andere Seite der Kontaktlinie geraten waren und insofern sie sich für einen Teil der Gesellschaft halten. Wir möchten irgendwie mit ihnen reden können, sie heimkehren lassen.

Aber in den Dokumenten wird doch genau der politische Teil festgestellt und die Sicherheitspolitik bleibt als wie hinter den Kulissen. Und grundsätzlich kann Russland erklären, dass es nur über die Wahlen geschrieben stehe, sie finden statt, und es werde bereits die Beendigung des Konflikts sein.

Meinen Sie die "Steinmeier-Formel"? Es geht darum, dass es ein Kompromiss zwischen zwei ganz unterschiedlichen Ansätzen - unserem und dem russischen - war.

Wir haben den Standpunkt verteidigt, dass zunächst die Bedingungen geschaffen werden sollten, die für die Wahl notwendig sind, und die Russen - dass zuerst die Wahlen durchgeführt werden sollen, damit die Menschen das Gefühl haben, etwas zu beeinflussen, man erkennt sie an und dann werden sie aufhören, zu schießen.

Für uns ist diese Haltung inakzeptabel und die Russen wissen, dass nach der Kontrolle über die Grenze ihren Einfluss auf die Region zunichtewird.

Deshalb haben die Deutschen durch diese "Steinmeier-Formel" vorgeschlagen, die Wahl zur "Stunde der Wahrheit" zu machen, wenn  der zeitweilige Sonderstatus in einzelnen Gebieten des Donbass nicht mehr gilt und endgültige Geltung in Kraft tritt.

Es geht aber darum, dass die "Steinmeier-Formel" ohne zwei Gesetze über Wahlen und über einen besonderen Status keine Rolle spielt!

Wird in diesen Gesetzen festgelegt, dass die Wahlen deutlich laut der  ukrainischen Gesetzgebung stattfinden sollen, d.h. ausreichende Sicherheitsbedingungen sollen geschaffen werden, dann ist dies eine Garantie dafür, dass die Wahlen nicht früher, als die Bedingungen geschaffen werden, durchgeführt werden können.

Die Truppenentflechtung ist auch ein Teil der Erfüllung von Sicherheitsbedingungen. Ohne den Abzug der bewaffneten Armeeangehörigen von der Kontaktlinie kann man den Feindschaftsgrad radizierten.

Der Abzug in sein Gebiet wird für den Rückzug genommen und es ist schwierig, die Menschen davon zu überzeugen, dass dies nicht der Fall ist.

Ich stimme zu, dass es wirklich weh tut, in Richtung seiner Gebiete zurückzuziehen. Das Einzige, was wir sagen können, ist das, dass die Streitkräfte da weg sind und die ukrainische Macht, die Polizei und andere Behörden, die die Sicherheit der ukrainischen Bürger gewährleisten können, bleiben.

Ein weiterer Sicherheitsmechanismus ist, dass die Befestigungsanlagen in dieser Etappe nicht demontiert werden. Werden wir sehen, dass wir, gelinde gesagt, betrogen wurden und man versucht, unsere Stellungen zu besetzen, werden die Streitkräfte zurückkehren.

Momentan ist es ein heißes Thema, das viele Emotionen weckt. Darüber hinaus könnten Sie mich vollkommen logisch fragen, auf welcher Grundlage haben wir bereits unsere schweren Waffen in das Innere unserer Gebiete abgezogen?

Moralisch haben wir uns also früher darauf geeinigt. Und jetzt geht es darum, dass wir anschließend an die schwere Waffe auch das Militär mit Kleinwaffen aus dem Kriegsgebiet abziehen sollen, weil das die nächsten Schritte nach denen sind, über die in Minsk vereinbart und bereits gemacht wurde.

Nun sind wir jetzt an einem Punkt angekommen, wenn wir eine Entscheidung treffen müssen, entweder bewegen wir uns nach vorne, oder sitzen unsere Soldaten weiter in den Gräben und wir werden weiterhin ein bis zwei Menschen am Tag verlieren.

Wer muss diese Entscheidung treffen? Sind das Sie, ich, Präsident Selenskyj, Protestierer auf der Straße?

Warum hat man vor fünf Jahren keine Frage an Petro Oleksijowytsch (Poroschenko - Red.) gestellt, als Abkommen von Minsk unterzeichnet wurden? Warum haben wir uns bereit erklärt, die Kontrolle über die Grenze zuletzt zu erhalten?

Damals gab es eine andere Situation. Und jetzt macht es den Eindruck, als schwächen wir unsere Positionen ab, obwohl die Zeit für uns spielt, denn die Sanktionen wirken gegen Russland.

Und wenn sie das nächste Mal nicht wieder verlängert werden, was dann?

Vielleicht hat die Ukraine den Eindruck, dass alles so läuft, wie es sein muss, aber wir sehen, dass es nicht so ist.

Die Sanktionen sind doch keine Liste von Einschränkungen, man muss den größeren Zusammenhang sehen. Das Verhalten zu Russland, es sei unerwünscht ("man begrüßt es per Hand nicht" - Red.) - das alles sind Sanktionen. Wenn von diesem Ganzen Stücke wegfallen, d.h. jemand beginnt bei der Hochzeit mit Putin zu tanzen, jemand verlegt die letzten Kilometer von Nord Stream 2 und was ist schlimm daran, wenn Putin im nächsten Jahr, wenn wir den G7-Vorsitz übernehmen, mit uns sein wird, bleibt es letzten Endes nur einen Schritt zu machen - wegen der Zerstörung des Konsens die Sanktionen nicht zu verlängern.    

Das kann wohl jedes Land von denen vornehmen, die bilaterale Interessen mit Russland haben - das können Ungarn, vielleicht Italien sein. Und an einem Tag werden wir sehen, dass es keine Sanktionen mehr gibt.

RUSSLAND DURCH SEINE INFORMATIONSEINWÜRFE ERREGT AUFSEHEN IN DER  UKRAINISCHEN ÖFFENTLICHKEIT 

Anfang Oktober haben russische Medien berichteten, dass das Abschlussdokument des künftigen Normandie-Gipfels bereits vereinbart sei und es dort keinen Punkt gebe, um Kyjiw die Kontrolle über die Grenze vor der Wahl zu übergeben. Stimmt das?

Vereinbart ist nur der Teil, der die "Steinmeier-Formel" betrifft.

Ich weiß nicht, wie das endgültige Dokument sein wird, aber das jetzt von den Beratern vereinbarte ist eigentlich sehr kurz und stellt tatsächlich nur den erzielten Fortschritt fest. Dort steht beispielsweise geschrieben, dass die Parteien den Abschluss der Entflechtung und die Wiederherstellung des Verkehrs in Stanyzja Luganska, den Gefangenenaustausch begrüßen und ihre Außenminister, relativ betrachtet, beauftragen, weiter zu arbeiten.

Das ermöglicht den Russen zu sagen, dass es dort keine Kontrolle über die Grenze, dass es dort überhaupt nichts gebe!

Ist das also ein Einwurf seitens Russlands, um zusätzliche Spannungen zu verursachen?

Ja. Es gibt sie so viele, und sie passieren ständig.

Sehen Sie, in Minsk wird die "Steinmeier-Formel" vereinbart. Und plötzlich erklären die "LNR/DNR-Chefs", dass man in Kyjiw endlich verstanden habe, dass sie nie die Macht über sie haben werden. Das wird zweifellos getan, um die Volksverhetzung gegen die Friedenspolitik des Präsidenten Selenskyj zu verursachen.

Das Thema der Kommunalwahlen in ORDLO dominiert im  ukrainischen Informationsraum, obwohl wir nicht wissen, ob die Bewohner der besetzten Gebiete diese Wahlen durchführen wollen. Sie können sie doch aus verschiedenen Gründen ignorieren - sie können eingeschüchtert werden, sie können glauben, dass sie diese Wahlen nicht brauchen.

Diese Gefahr besteht wirklich. Aber als wir vor fünf Jahren die Vereinbarungen in Minsk unterzeichneten, haben wir auch ihre Sicht nicht gewusst.

Aber wir haben uns damals auf eine gewisse  Reihenfolge der Schritte  geeinigt, und wir haben keine Möglichkeit, unseren deutschen und französischen Partnern zu sagen, die politisch uns unterstützen, wir hätten überlegt und beschlossen, sie nicht zu erfüllen. Sie haben doch die Sanktionen gegen Russland verhängt und damit ihr eigens Business eingeschränkt, dem versprochen wurde, die Beschränkungen nach der Regelung des Konflikts im Donbass abzuschaffen.

Es sieht einfach so aus, dass wir zurzeit in dem Format arbeiten, das wir geerbt haben, da seinerzeit niemand auch Petro Petro Oleksijowytsch (Poroschenko - Red.) moralisch stark genug war zu sagen, dass "Minsk" für ein Jahr berechnet sei und wenn es in der Zwischenzeit scheitere,  muss man dann nach einer anderen Variante suchen.

Das hätte man am 31. Dezember 2015 tun müssen. Leider haben wir das nicht getan, weil es einen starken Glauben an die Wirkung der Sanktionen gegeben hat, die an "Minsk" angebunden sind.

Wir sind jetzt in einer Situation, wenn der Aggressor uns mit Waffen angegriffen hat und wir gezwungen sind, nach einer Antwort auf politischer Ebene zu suchen.

Bei Ihrem Treffen am 14. Oktober in Luxemburg mit den EU-Außenministern wird auch die Umsetzung der Minsker Vereinbarungen diskutiert. Welche Message möchten Sie jetzt den europäischen Kollegen mitteilen?

Er besteht darin, dass die ukrainische Macht derzeit bestimmte, ziemlich sensible Maßnahmen ergreift, worauf ein Teil der Gesellschaft mit Protestaktionen reagiert.

Es gibt aber einen anderen Teil der Gesellschaft, der sagt: Lasst uns weitermachen, wir können nicht unendlich im aktuellen Zustand sein, diese besetzten Gebiete vergiften uns.

Der dritte Teil der Gesellschaft sagt: Man muss sich auf alles eingehen. Wie können Sie nicht verstehen, dass sich dort unsere Verwandten, unsere Familien befinden.

Deshalb möchte ich Europa sagen, dass diese sehr schwierigen Entscheidungen nicht einfach liegenbleiben sollten, Sie müssen den Rücken stärken und sie unterstützen. Denn wenn Sie sich jetzt bezüglich Russlands nicht durchsetzen, wird sich die Situation auf den Stand der militärischen Konfrontation zurückziehen, wir werden also wieder mit Barrikaden beginnen.

Sie haben vor kurzem erklärt, dass wir von Russland auf Schritte warten, um die Souveränität über den besetzten Donbass wiederherzustellen. Wie sehen Sie diese Schritte?

Sie und wir verstehen, dass diese Gebiete leider direkt von Russland geleitet werden. Das heißt, unsere Einflussmöglichkeiten auf deren  Bewohner sind aufgrund verschiedener Ursachen extrem begrenzt. Wir haben auch dazu beigetragen - zum Beispiel haben wir mit ihnen den Handel eingestellt und uns damit die Möglichkeit der wirtschaftlichen Auswirkungen auf die andere Seite entzogen.

Tatsächlich reicht eine Entscheidung Putins aus, dass sich Russland in Richtung bewegt, die alle wünschen, in erster Linie die Ukraine.

Also ganz konkrete Schritte, womit man genau jetzt anfangen könnte. Zum Beispiel aus dem besetzten Donbass die russische Armeeführung und die dort ansässigen Söldner wegzumachen, die Finanzierung einzustellen, womit Russland diese Gebiete "zufüttert", weil sie offensichtlich nicht selbstständig sind, den Befehl zu geben, schwere Waffen aus dem Territorium der Ukraine abzuziehen und keine russischen Pässe weiter zu vergeben.

Und wie ist das Interesse Russlands, dies zu tun, denn es begann einen Krieg mit dem Ziel des Zerfalls der Ukraine? Wie lange können wir auf diese Schritte warten?

Eine schöne Frage, aber sie widerspricht Ihren vorherigen! Glauben wir nicht an die Möglichkeit einer Vorwärtsbewegung, was wollen wir dann erreichen, an dem Punkt, wo wir gerade sind?

Wir wissen doch, dass Russland in den besetzten Donbass viel Technik und viele Geschosse gebracht hat, die ihnen für die nächsten hundert Jahre reichen werden. Sie könnten unser Militär ewig bombardieren.

Deshalb wollen wir nicht sitzen und einfach auf das sechste, siebte, achte Jahr warten, sondern den Sanktionsdruck Europas als eine Chance nutzen, Russland zu Zugeständnissen zu zwingen.

Russland hat der Ukraine kürzlich gefangene ukrainische Seeleute zurückgegeben. Kann die Rückkehr im Rahmen des Austauschs als Vollstreckung von Entscheidungen des UN-Seenotgerichtshofs bewertet werden?

- Unserer Meinung nach ist das keine Umsetzung der Entscheidung des Gerichts. Aber die Russen gingen darauf ein, dass sie eine offizielle Note dorthin geschickt hatten, in der sie mitteilten, dass 24 ukrainische Seeleute an die ukrainische Seite übergeben wurden. Das heißt, ihrer Meinung nach haben sie diesen Teil erfüllt.

Und wie wäre es mit einer anderen Rückgabe der beschlagnahmten Schiffe Nikopoli, Berdjansk und Jana Kapu?

Ich bin überzeugt, dass die Schiffe uns auch bald übergeben werden. Wir haben erklärt, dass wir bereit seien, sie jederzeit an jedem akzeptablen Ort zu erhalten, sagen Sie uns einfach, wo wir diese Schiffe abholen können, nur geben Sie sie uns zurück!

Ich möchte übrigens sehen, ob unsere Schiffe Schusspuren haben, um zu verstehen, ob die Verzögerung bezüglich der Rückgabe damit verbunden war, dass sie man ausbessert hat, um keine Spuren für weitere Ermittlungen zu hinterlassen.

ICH BIN SEIT LANGEM ALS DIPLOMAT TÄTIG UND GLAUBE NICHT WIRKLICH, DASS SPITZENPOLITIKER REAL SO DÜNNHÄUTIG SIND

Bleibt das Thema des offiziellen Besuchs des ukrainischen Präsidenten in Washington auf der bilateralen Agenda? Vielleicht wird es bis zur nächsten US-Wahl "gebremst"?

So wird die Frage nicht gestellt. Die Einladung ist da, Präsident Trump hat Präsident Selenskyj schriftlich eingeladen. Aber unser Präsident hat bei einem Treffen in New York richtig betont, dass Herr Trump vergessen hätte, das Datum anzugeben.

Das hat Anwesende zum Lachen gebracht, doch das Datum wurde nicht genannt (lächelt).

Aber wir machen uns keine Sorgen, wird der Termin angesetzt,  kommen wir.

Gibt es eine Strategie, mögliche Risiken zu minimieren, nachdem  die Abschrift eines Telefonats der Präsidenten Selenskyj und Trump veröffentlicht wurde?

Unsere Taktik und Strategie sind sehr einfach: Wir werden uns in keiner Weise in die inneramerikanischen "Ausschreitungen" weder auf der Seite der Republikaner noch auf der Seite der Demokraten einmischen. So ist unsere Strategie, außerhalb ihres Wahlkampfs zu bleiben.

Wann erhalten wir einen neuen Botschafter in den USA?

Neulich werden wir bereit sein, mit der amerikanischen Seite über die Kandidatur des nächsten Botschafters zu diskutieren.

Eines jungen und vielversprechenden?

Im Moment würde ich dennoch eher auf einen erfahrenen und vielversprechenden Botschafter als auf einen jungen und vielversprechenden setzen.

Wie viel Schaden hat uns die Veröffentlichung des Gesprächs von Selenskyj und Trump bezüglich der Beziehungen mit Deutschland und Frankreich zugefügt?

Ich glaube, von unseren westlichen Partnern ist hier etwas übertriebene emotionale Komponente zu verzeichnen. Man fühlt sich kaum radikal gekränkt, aber eine gewisse Spannung ist doch zu spüren.

Ich bin seit langem als Diplomat tätig und offen gesagt glaube nicht wirklich, dass Spitzenpolitiker real so dünnhäutig sind. Vielmehr gibt es hier eine gewisse Theatralik und einen gewissen Wunsch, diesen Moment auszunutzen.

Aufgrund der Veröffentlichung dieses Gesprächs steht die Diplomatie vor einer völlig neuen Realität. Sie ist wirklich wild, aber wir müssen uns daran anpassen. Das ist eine ganz neue Diplomatie!

Wir haben mit Kollegen gewitzelt, dass unser Beruf aussterbe, weil die Spitzen direkt miteinander kommunizieren. Aber selbst wir dachten nicht, dass Details ihrer Kommunikation der breiten Öffentlichkeit so bald bekannt werden.

Die Führer begannen, direkt miteinander zu kommunizieren, aber selbst wir dachten nicht, dass so schnell die Details ihrer Kommunikation der Öffentlichkeit bekannt werden.

Nun überlegen sich alle Staats- und Regierungschefs, wie sie mit Trump sprechen sollen.

Bei einer der letzten Fernsehübertragungen  erklärte Olga Ajwasowska, dass nicht alle ukrainischen Diplomaten verstehen, wie Ihre öffentlichen Auftritte zum Beispiel im Zusammenhang mit den bevorstehenden Wahlen in den besetzten Gebieten zu interpretieren sind. Ihre Reaktion darauf hat überrascht: Sie forderten, sie solle ihren Namen nennen. Haben Sie neue Ansätze des Selenskyj-Teams zu internationalen Fragen mit Diplomaten diskutiert?

Woher kommt die Idee, dass sich etwas geändert hat?

Früher lag der Schwerpunkt auf Sicherheit des Blocks von Minsk und jetzt steht die politische Agenda im Vordergrund.

Warum hat die Frage von Ajwasowska mich aus der Bahn geworfen? Weil sie selbst zweieinhalb Jahre in einer politischen Untergruppe verhandelt hat! Ich möchte Sie damals fragen, was sie die ganze Zeit dort gemacht hat. Unsere Soldaten sterben und was hat diese Gruppe erzielt, die dafür ins Leben gerufen wurde, um politische Fragen zu lösen. Und wie ist das Ergebnis ihrer Arbeit?   

Man kann auch erzählen, ob das Weiterkommen blockiert wurde, ob man versucht hat, die Umsetzung der "Steinmeier-Formel" zu vereinbaren. Es ist aber aus irgendwelchen Gründen nicht zustande gekommen.

Und wie ist die Wechselwirkung des Außenministeriums mit dem Büro des Präsidenten?

Immer haben zwei Tracks gearbeitet: das Normandie-Format, das ein Berater des Präsidenten oder ein stellvertretender Vorsitzender des Präsidialamtes geleitet hat, in den letzten Jahren war das Kostjantyn Eliseew, und das Format von Minsk, dem das Außenministerium aktiv geholfen und die Aktivitäten aller vier Gruppen unterstützt hat.

Jetzt passiert nichts Neues in diesem Sinne. Es gibt Menschen, die weiter auf diesen beiden Tracks tätig sind. Ich verstehe, dass die Gesellschaft jeden Schritt öffentlich machen möchte, aber der Erfolg solcher Verhandlungen liegt eben in der Nichtöffentlichkeit.

Angesichts der Zahl von außenpolitischer Fragen, wofür der Assistent des Präsidenten Andrij Ermak zuständig ist, entsteht der Eindruck, er sei ein "Schatten-Außenminister". Beim Pressemarathon hat man übrigens Präsident Selenskyj auch danach gefragt.

Wenn jemand mag es, so zu glauben, bitte sehr!

Aufgrund der Besonderheit unseres Staates, in dem es sowohl ein Kabinett als auch einen aktiven Präsidenten gibt, nehmen die Menschen, die im Büro des Staatschefs tätig sind, an vielen Prozessen und nicht nur in der Diplomatie, sondern auch in der Wirtschaft und anderen Bereichen aktiv teil.

Andreas Jermak und ich arbeiten aktiv und eng zusammen. Im Grunde genommen sehe ich hier kein besonderes Problem. Es heißt nicht, dass wir uns immer einigen, weil wir unterschiedliche Menschen sind. Wir sprechen fast täglich mit Präsident und jeder hat die Möglichkeit, ihm seinen Standpunkt mitzuteilen, denn eben er die endgültige Entscheidung treffen soll - das ist seine Verantwortung und das ist sein Karma, das muss er tun.

Ich glaube, dass sich beide Teams ausgleichen, aber es gibt Dinge, bei denen Andrij effektiver ist. Bei den Austauschverhandlungen sind beispielsweise viele Menschen im Einsatz, insbesondere Valeria Lutkowska, die in der Trilateralen Kontaktgruppe die humanitäre Untergruppe leitet, die Ombudsfrau Ljudmyla Denissowa, Vertreter des Sicherheitsdienstes SBU, die sich mit Listen beschäftigen. Diese Tätigkeit hat aber Andrij Ermak koordiniert. Und das Ergebnis, das wir erreicht haben, ist insbesondere sein Verdienst.

Er arbeitet jetzt an dem nächsten Austausch. Ich helfe ihm, womit ich kann, und sehe hier eigentlich keinen Widerspruch.

Wann findet ein weiterer Austausch statt? Er wurde angeblich im nächsten Augenblick geplant. Und es ist auch nicht klar, warum er verschoben wurde.

Jeder weitere Austausch fordert immer größere Anstrengungen. Aber wir legen die Hände nicht in den Schoß. Wir beenden diese Arbeit und bringen unsere Leute nach Hause.

Nadija Jurtschenko, Oleksandr Chartschenko, Kyjiw

Foto: Danylo Schamkin

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