Stolz, prächtig - und im Aufbruch

13.05.2017 12:27 117

Millionen Popfans blicken am Samstag vom Sofa aus nach Kiew, die Gastgeberstadt des Eurovision Song Contest.

Aber was hat die ukrainische Hauptstadt eigentlich für einen Beat?

Wer nach Kiew kommt, sollte mit dem Flugzeug anreisen und auf dem Flughafen Borispol landen. Das hätte ich früher jedem Touristen geraten, der sich der ukrainischen Hauptstadt nähert. Man fährt auf Straßen durch die Wälder östlich der Stadt, und plötzlich erreicht man den Dnepr-Strom.

Der Blick hinüber auf die Höhen der Kiewer Altstadt war bei Sonnenwetter atemberaubend: Mitten aus dem Grün funkelten die goldenen Kuppeln der Petscherska Lawra, des Kiewer Höhlenklosters, die Maria-Himmelfahrt-Kathedrale, die Uspenski-Kathedrale, der große Glockenturm und all die anderen Kirchen, es war der Willkommensgruß einer liebevoll-reizenden Stadt.

Im Grunde ist das noch heute so, doch seit der Kapitalismus in Kiew eingezogen ist, machen moderne, aber beliebige Glastürme dem Kloster Konkurrenz, die Skyline der Stadt hat sich nicht zum Besseren verändert. Man sollte also, wenn man Zeit hat, mit dem Zug nach Kiew fahren.

Grün, jung, dynamisch

Ich habe Kiew vor mehreren Jahrzehnten das erste Mal betreten, ein Freund heiratete dort eine Ukrainerin. Er, der Deutsche, zeigte mir voller Stolz diese Stadt, und tatsächlich fiel es auch mir nicht schwer, unter den drei damals großen Sowjetstädten die schönste auszuwählen.

Moskau war die Metropole, natürlich - aber laut, grob und architektonisch von der Sowjetzeit misshandelt. St. Petersburg, das ehemalige Leningrad, hatte sein historisches Antlitz erhalten, wirkte aber irgendwie museal. Kiew dagegen, von allen drei Städten die grünste Stadt, war frisch, jung und dynamisch. Das ist es bis heute geblieben. Erst recht seit der Erhebung auf dem Kiewer Maidan.

Es gibt in Moskau keinen Boulevard wie den Chreschtschatyk, der sich durchs Zentrum zieht und auf dem sich zur Kastanienblüte ganz Kiew trifft. Oder diese feinsandigen Dnepr-Strände nur zwei Metrostationen weiter, an denen es sich im Sommer wunderbar liegen lässt.

Wie schön ist es, die hügeligen Straßen zur 1000 Jahre alten siebenkuppeligen Sophienkathedrale mit ihren Wandmalereien hinaufzugehen, dort wurden die Kiewer Fürsten gekrönt. Oder in die Höhlen der Petscherska Lawra hinabzusteigen, wo heute noch mumifizierte Mönche liegen. Geradezu malerisch ist der Andreassteig, über den man nach Podil kommt, in die Unterstadt, die einst Heimat der Kiewer Handwerker war und wo am Kontraktowa-Platz eine der sechs Fanmeilen zum Eurovision Song Contest eingerichtet worden ist.

Stadt mit kritischem Geist

In Russland ist es Mode geworden, Kiew und die Ukrainer schlecht zu machen, wo es nur geht. Dahinter steckt natürlich Politik, aber auch das Gefühl eines großen Verlustes: Kiew war die Hauptstadt der mittelalterlichen Kiewer Rus, aus der sich Russland entwickelte. Aber es ist nicht die russische Stadt, wie in Moskau gern behauptet wird.

Über 80 Prozent ihrer fast drei Millionen Einwohner sind Ukrainer, der Rest Russen. Dass in Kiew einst jeder Fünfte Jude war, ist kaum noch zu spüren. Viele Juden sind während des Krieges der deutschen Besatzung zum Opfer gefallen, der überwiegende Rest von ihnen wanderte später aus.

Nirgendwo war nach dem Zerfall der Sowjetunion so viel Dynamik zu spüren wie in Kiew. Ich habe dort die Ausrufung der Unabhängigkeit miterlebt, 2004 die Orangene Revolution gegen die Wahlfälschungen der damaligen ukrainischen Führung und 2014 den blutigen Aufstand auf dem Maidan, dem Platz der Unabhängigkeit.

Er ist der Knotenpunkt auf dem Chreschtschatyk und zum Eurovision Song Contest die größte Fanmeile. Vor drei Jahren war hier das Pflaster herausgerissen, rauchten die Kanonenöfchen, und überall lagerten Freiwillige, die den Rücktritt des Präsidenten Viktor Janukowitsch forderten - weil der die Annäherung an Europa gestoppt hatte. Die Wunden, die der Maidan damals davontrug, sind bis auf das ausgebrannte Gewerkschaftshaus verheilt. Aber wenn man die Institutska hinaufgeht, sieht man links und rechts die symbolischen Gedenksteine mit den Bildern der damals Gefallenen, die Ehrenwachen, die Fahnen, die Zettel mit den Erinnerungen.

Die Proteste auf dem Maidan gegen die korrupte Regierung mögen unvollkommen gewesen sein, sie wurden von Radikalen ausgenutzt. Und die ukrainischen Oligarchen sind heute immer noch da, zudem herrscht im Osten des Landes nun Krieg. Aber es ist der kritische Geist dieser Stadt, der sie so sympathisch macht. Immer gab es hier Meinungsvielfalt, immer eine offene Presse, als es die in Moskau längst schon nicht mehr gab, keine russische Stadt wirkt so europäisch wie Kiew.

Das Gefühl, näher an Europa herangerückt zu sein

Abends ist der Chreschtschatyk-Boulevard oft für den Autoverkehr gesperrt, dann flanieren dort die Kiewer. Meist sind es junge Leute. Überall wird musiziert, Trauben bilden sich um die Musikanten. Auf den neuen Präsidenten, den Schokoladenkönig Petro Poroschenko, wird gern geschimpft, auf den Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko sowieso, beide gelten als nicht sehr erfolgreich.

Andererseits lassen sich viele gern mit der neuen Polizei fotografieren. Sie trägt Uniformen, die an die Dienstkleidung amerikanischer Polizisten erinnern, und macht den Eindruck, als sei sie nun wirklich ein freundlicher Dienstleister und nicht mehr die korrupte Miliz vergangener Zeiten, die die Einwohner malträtierte. Es sind kleine Zeichen, welche die Veränderungen nach dem Maidan signalisieren.

Wieder mehr Touristen

Wirtschaftlich geht es den Kiewern nicht gut. Ihr Durchschnittslohn liegt bei monatlich umgerechnet 340 Euro. Heiz- und Stromkosten stiegen seit dem Maidan sprunghaft an, wer sich eine Wohnung kaufen will, hat für die Hypothek 20 Prozent Zinsen zu zahlen.

Aber das Gefühl, trotz allem ein Stückchen näher an Europa herangerückt zu sein, ist überall zu spüren. Die Zahl der Touristen, die nach Kiew kamen, war 2015 dramatisch eingebrochen. Jetzt geht es erneut aufwärts, nicht nur während des Eurovision Song Contest. Kiew wurde voriges Jahr bereits wieder von 1,2 Millionen Touristen besucht. Und wenn die Europäische Union im Sommer die Visapflicht für Ukrainer aufhebt, werden auch die Ukrainer ohne größere Probleme nach Westen reisen können.

Auch viele ausländische Fachleute sind nach dem Maidan nach Kiew gekommen und geblieben, um dem Land bei den Reformen zu helfen: Ein Pole leitet jetzt die ukrainische Eisenbahn, eine Georgierin hat die Polizei reformiert, Polen und Slowaken sind die wichtigsten Ratgeber der Regierung. Ich kenne westliche Diplomaten, denen der Dienst in Kiew jetzt richtig Freude macht und die ihre Kinder sogar in ukrainische Kindergärten bringen, damit sie dort Ukrainisch lernen.

Wer zum Song Contest nach Kiew kommt, wird merken: Er kommt in eine Stadt, in der vieles noch nicht richtig funktioniert. Aber es ist eine Stadt im Aufbruch - ihre Einwohner sind inzwischen selbstbewusster als die in jeder beliebigen russischen Stadt.

Von Christian Neef

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