Ihor Kosak, Offizier der Reserve der Streitkräfte Kanadas
Die Ukraine hat bereits eine professionelle und selbstbewusste Armee
27.06.2017 16:12 500

Ihor Kosak, geboren in der Ukraine, hat die Militärakademie in Kanada abgeschlossen und 11 Jahre bei den Streitkräften dieses Landes gedient. Er war in Afghanistan, hat die Kampferfahrung in anderen Brennpunkten unter der Schirmherrschaft der Nato gesammelt. Jetzt ist er Hauptmann der Reserve und eine aktive Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. In Zeiten der Revolution der Würde und mit Beginn der Aggression Russlands gegen die Ukraine war Ihor als einer der Berater von Premierminister Stephen Harper tätig. Er beschäftigte sich unter anderem mit Fragen der Hilfe für die Ukraine von Kanada. Er arbeitet jetzt eng mit Mitgliedern des kanadischen Parlaments und des Kongresses der Vereinigten Staaten sowie anderen Institutionen als Berater in Ukraine-Fragen zusammen.

Es ist nicht so lange her, als der ehemalige Nato-Offizier, und jetzt unabhängiger Experte für militärisch-politische Angelegenheiten, Ihor Kosak, aus der Ukraine zurückgekehrt ist, wo er zusammen mit den Volontären das ganze Gebiet der Antiterror-Operation (ATO) durchgefahren ist und sich angesehen hat, wie die ukrainischen Soldaten leben und welche Unterstützung für sie hilfreich wäre.

Ihor, Ihre Bemühungen zur Unterstützung der Ukraine, die Fahrt ins ATO-Gebiet, der Einblick in die Situation sind eine individuelle oder kollektive Sache?

Wir haben zusammen mit Gleichgesinnten in Kanada auf gesellschaftlicher Grundlage einen Fonds „Friends of Ukraine Defense Forces“ gegründet. In den letzten zwei Jahren haben wir mehr als 1,1 Millionen Dollar gesammelt, die über die Partner in der Ukraine – für das Netzwerk „Freie Menschen“ - zweckgebunden verwendet werden. Wir arbeiten gezielt mit konkreten Organisationen in der Ukraine und leisten darüber hinaus Hilfe den Familien der verwundeten Soldaten. Außerdem schicken wir direkt an Soldaten an der vordersten Linie nicht tödliche Hilfe. Das sind hauptsächlich die Einheiten der Hauptverwaltung für Aufklärung, Fernaufklärung, Kräfte der Spezialoperationen.

Können Sie etwas ausführlicher über den Zweck Ihrer Reise in die Ukraine erzählen? Welche Eindrücke haben Sie vom Besuch der vordersten Linie?

Der Aufenthalt in der Ukraine, und unmittelbar im ATO-Gebiet, hatte mehrere Ziele. Erstens, man musste kontrollieren, wohin die westliche Hilfe geschickt wird, weiter in Ottawa und Washington den Bericht vorlegen. Das heißt, es geht nicht nur um die Unterstützung aus Kanada, sondern auch aus den Vereinigten Staaten, da wir auch mit Mitgliedern des US-Kongresses und der Präsidialverwaltung der Vereinigten Staaten zusammenarbeiten. Darüber hinaus haben wir uns interessiert, wohin die öffentliche Unterstützung geht, ob sie die vorderste Linie erreicht.

Zweitens haben wir die Situation untersucht, was tatsächlich geschieht, weil in der westlichen Presse über die ukrainische Frage jetzt überhaupt nicht berichtet wird. Dafür arbeitet die russische Desinformation sehr mächtig, indem sie berichtet, dass alles in der Ukraine verschwindet, gestohlen und vertrunken wird, und es nichts gibt, und deshalb in den ukrainischen Streitkräften sehr niedriger Kampfgeist ist. Zwei Wochen lang war ich an der vordersten Linie, wir sind mit unseren Volontären in der Ukraine fast 1.500 Kilometer durch die wichtigsten Punkte der Trennlinie durchgefahren sind – Awdijiwka, Marijnka, Krasnohoriwka, Wolnowacha.

Ich habe im Prinzip einen sehr positiven Eindruck, weil sogar im Vergleich mit der Situation vor dem Jahr 2016, ich rede schon gar nicht von 2014/15, das Niveau der Einsatzausbildung der ukrainischen Streitkräfte äußerst hoch ist. Sie übergehen zu Nato-Standards, arbeiten sehr klar und professionell. Der Kampfgeist ist auf sehr hohem Niveau, da es ein Verständnis gibt, warum sie dort sind. Dies ist tatsächlich die professionelle, selbstbewusste, ukrainische Armee, die man eine der stärksten in Europa nennt.

Gab es während Ihres Aufenthalts in der Ukraine Momente, wo Sie unruhig waren?

Ich mache mir Sorgen über eine Sache: Ich sehe noch keine politische Lösung des Konflikts im Osten der Ukraine. Das heißt, dieser Krieg zieht sich hin, er ist natürlich günstig für Putin, den Kreml und Russland. Der Westen tut etwas in diese Richtung, aber das ist nicht genug, deshalb gibt es bisher keine politische Lösung. Und die Menschen sterben täglich. Es geht sowohl um Soldaten, es gibt jeden Tag Berichte über Tote und Verwundete, als auch um die Beschießungen ziviler Objekte, die wir mit eigenen Augen in Awdijiwka, Krasnohoriwka und anderen Gebieten gesehen haben. Wir sind sogar selbst unter Beschuss geraten und haben ein Video gemacht, wie die russischen Panzer im direkten Richten auf die Wohnanlagen sowie Kindergärten, Schulen feuern. So was geschieht überall (an der Trennlinie – Red.), daher muss man dieses Problem auf politischer Ebene lösen.

Was letzte Woche in Washington geschah, als der Senat für die neuen, verschärfteren Sanktionen gegen Russland abgestimmt hatte, ist, meiner Meinung nach, ein Schritt in die richtige Richtung.

Diskussionen über die Gewährung der Ukraine tödlicher Waffen ist auch ein Schritt in die richtige Richtung. Aber ich denke, dass wir als ukrainische Diaspora, unsere westlichen Regierungen und Parlamente lobbieren müssen, um einen ausreichenden politischen Druck auf Moskau zu erreichen, damit dieser Krieg endet.

Sie waren an der vordersten Linie im ATO-Gebiet, Sie haben die ukrainische Armee im Einsatz, ihre Veränderungen im Laufe der letzten Jahre gesehen. Haben sich die Streitkräfte der Ukraine, nach Ihrer Einschätzung, an die Nato-Standards genähert, und lässt es sich über die Bereitschaft des Landes zum Allianzbeitritt auf politischer Ebene reden?

Ich denke, dass das eine und das andere vom politischen Willen abhängt. Wenn der Westen und die Ukraine solch einen Willen haben werden, dann kann man alle technischen Probleme schnell lösen. Wir reden viele Jahre über den Beitritt der Ukraine zur Nato, es werden Konferenzen und Veranstaltungen zu diesem Thema durchgeführt, und ich organisiere und nehme an ihnen selbst teil. All das ist ein allmählicher Fortschritt.

Im historischen Kontext konnte der Westen noch in den 1990-er Jahren der Ukraine als Gegenleistung für den Verzicht auf Atomwaffen nicht ein Stück Papier mit dem Titel „Budapester Memorandum“, sondern eine volle Mitgliedschaft in der Allianz anbieten. Oder, wenn die Ukraine während der Amtszeit von Juschtschenko auf dem Gipfel in Bukarest den Aktionsplan für die Nato-Mitgliedschaft erhalten hätte, dann, denke ich, wären alle Beitrittsverfahren zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen.

Ist die ukrainische Armee dazu bereit und entspricht sie den Nato-Standards? Nein. Bewegt Sie sich in die richtige Richtung - zweifellos ja, und sie hat enorme Fortschritte gemacht. Aber ich denke, es ist alles eine Frage des politischen Willens. Andere Hindernisse für die Ukraine sehe ich nicht.

Inwieweit ist die jetzige Regierung von Kanada bereit, die Ukraine weiter militärisch zu unterstützen?

Ich denke, die kanadische Regierung ist jetzt bereit, sie leistet solche Hilfe der Ukraine, und ein Wahrzeichen dafür ist, dass Kanada im März die ziemlich starke Trainingsmission für das ukrainische Militär um drei Jahre verlängert hat. Diese Mission in Jaworiw (Gebiet Lwiw – Red.) hat noch während der Amtszeit von Premierminister Harper begonnen. Im Jahr 2015 wurden die meisten in schweren Kämpfen im Osten der Ukraine gefallenen Soldaten nicht über die elementaren Regeln der Kampfführung in Kenntnis gesetzt. Sie wussten nicht, wie sie das Schlachtfeld verlassen können, wie die erste Hilfe für die Verwundeten gegeben wird. Es war das größte Problem. Um es zu lösen, haben wir mit den Trainings begonnen.

Heute hat unsere Mission die Ausbildung von etwa 5000 ukrainischen Soldaten gewährleistet, die die Fertigkeiten an der vordersten Linie einsetzen. Sie trainieren voll nach Nato-Standards, und das ist sehr und sehr wichtig.

Jaroslaw Dowgopol, Washington

yv

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