Mychajlo Fedorow, Stellvertretender Premierminister und Minister für digitale Transformation
Ich habe genug Energie, weiterhin etwas Neues für das Land aufzubauen
31.08.2023 14:19

Mychajlo Fedorow, Vizepremierminister für Innovation, Bildung, Wissenschafts- und Technologieentwicklung und Minister für digitale Transformation, wurde 1991 geboren, wenige Monate vor der Unabhängigkeit der Ukraine, einem Ereignis, auf das sich Millionen von Ukrainern freuten. Er gehört zu der Generation, die nur noch eine genetische Erinnerung an die Sowjetunion hat. Obwohl viele dieser Generation das Glück hatten, sie gar nicht zu erleben. Die Art und Weise, wie junge Menschen mit Freiheit, Unvoreingenommenheit und Beharrlichkeit eine neue Ukraine aufbauen, gibt uns Hoffnung, dass sie es geschafft haben, sich von der Last der Vergangenheit zu befreien. Es ist bezeichnend, dass das Gespräch über die Zukunft mit dem jüngsten Minister der derzeitigen Regierung am 24. August stattfand. Ukrinform fragte Herrn Fedorow, was Unabhängigkeit für ihn bedeutet, wie er die Ukraine nach unserem Sieg sieht und wozu unsere jungen Menschen, die von Geburt an unabhängig sind, fähig sind.

ÜBER DIE BEWÄLTIGUNG DER VERGANGENHEIT

Sie sind in dem Jahr geboren, in dem die Ukraine unabhängig geworden ist. Das bedeutet, dass Sie die erste Generation der Ukraine sind, die die Sowjetunion nicht erlebt hat. Wie hat sich dies auf Ihre Generation ausgewirkt? Was bedeutet die Unabhängigkeit der Ukraine für Sie?

Ich würde sagen, dass wir endlich zu unserer Unabhängigkeit zurückgekehrt sind. Von 1991 bis heute haben wir wirklich jeden Tag für sie gekämpft. Für mich bedeutet Unabhängigkeit, dass niemand unseren Entwicklungsvektor als Nation beeinflusst. Wir verstehen, wer wir sind, was unsere Sprache ist, und niemand versucht, sie uns wegzunehmen.

In der Tat wird heute eine neue Geschichte unseres Landes geschrieben. Wir holen nicht nur den Rückstand gegenüber der Welt auf, sondern zeigen, dass wir Helden sein können, dass wir neue Technologien entwickeln können, dass wir kreativ und phantasievoll sind. Ich lese gerade das Buch von Jaroslaw Hryzak „Die Vergangenheit überwinden: Globale Geschichte der Ukraine“, und ich erlebe noch einmal alle Etappen der Entwicklung unseres Landes, den Einfluss bedeutender Persönlichkeiten – von Kosaken bis zu Dichtern – auf seine Geschichte. Als jemand, der genauso alt ist wie unser unabhängiges Land, bin ich mir sicher, dass unsere Zukunft davon abhängt, was wir heute tun. Heute entscheiden wir, wer wir sein wollen. So wie ein junger Mensch entscheidet, was er tun möchte, wie er aussehen möchte, wie viel er verdienen möchte und mit wem er sich umgeben möchte. Und nun, im 32. Jahr der Unabhängigkeit hat unser Land endlich seinen Weg eingeschlagen. Ich denke, dass es nie von diesem Weg abweichen wird. Die Menschen, die bereits in der unabhängigen Ukraine geboren worden sind, sollten alles dafür tun, dass das Land ein großes Ziel wählt und zu einem der am weitesten entwickelten Länder wird. Wir haben es uns verdient.

Welche politischen Ereignisse oder Persönlichkeiten haben Ihr Weltbild seit der Unabhängigkeit geprägt?

Natürlich sind das die Orange Revolution und der Maidan. Das sind die Ereignisse, die meiner Meinung nach die Nation wieder auf den Weg in eine bessere Zukunft gebracht haben und die Ukrainer in diesem Bestreben vereint haben

Und ja, es gibt Menschen, die mich inspirieren. Sie sind keine Personen des öffentlichen Lebens. Aber sie sind es, die die Energie des Kampfes erzeugen, die nicht zerstört werden kann. Ihre Werte und ihre Geistesstärke sind das Fundament, auf das sich das Land auf seinem Weg stützen wird. Das ist in der Tat unsere DNA der Freiheit, der Entschlossenheit und des Mutes, die so deutlich wird, dass die ganze Welt sie heute sehen kann.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Ereignisse der Revolution der Würde?

Ich habe damals in Saporischschja gelebt, mein eigenes Unternehmen gegründet und am lokalen Euromaidan teilgenommen. In meinem letzten Studienjahr habe ich mich dem Kampf gegen die Partei der Regionen und gegen den Bürgermeister der Stadt, ein ehemaliges Mitglied der Partei der Regionen, angeschlossen. Unsere NRO war die größte in Saporischschja und sehr aktiv. Man wollte mich sogar von der Universität verweisen, weil ich mich für die Bürgerrechte engagiert habe. Ich bin viel im Land herumgereist, habe an Bildungsprojekten der OSZE und der NATO sowie an Studentenaustauschen teilgenommen. In dieser Zeit hat sich mein Weltbild herausgebildet und der Einfluss der Propaganda, in der wir noch aus der Vergangenheit gelebt haben, war zerstört. Für mich war es eine Zeit, in der ich aktiv mein eigenes Verständnis von der Zukunft geformt habe, in der ich nach Antworten auf die Fragen gesucht habe, was ich tun soll und wohin und mit wem ich als Nächstes gehen soll.

ÜBER DEN ÜBERGANG VON DER WIRTSCHAFT ZUR POLITIK

Sie waren damals ein junger, erfolgreicher Unternehmer, dem verschiedene Wege offen standen. Was hat Sie in die Politik geführt?

Da gibt es sicherlich einen Anteil an bestimmten Umständen. Aber mein Lebensweg war so, dass ich, wenn ich jetzt nicht auf dem Ministersessel säße, immer noch an groß angelegten digitalen Produkten arbeiten würde, die die Welt um mich herum verändern würden, sei es für Unternehmen, Bürger oder Behörden. Schon damals habe ich den Drang verspürt, an Produkten zu arbeiten, die das Leben von Hunderttausenden von Menschen verändern, nicht von Millionen. Sagen wir einfach, dass ich mit dem Virus der Veränderung infiziert bin – ich habe genug Energie, weiterhin etwas Neues für das Land aufzubauen.

Früher haben wir uns von den Geschichten der Länder inspirieren lassen, die einen technologischen Durchbruch geschafft haben, und jetzt schaffen wir einen solchen Durchbruch. Wir haben genug Kreativität und Menschen, um das zu schaffen, und wir wissen, wie wir uns zusammenschließen können, wenn es nötig ist.

Der große Krieg hat gezeigt, dass die Ukrainer nicht nur auf dem Schlachtfeld viel zu leisten imstande sind. Die Welt hat gesehen, dass sich unsere Unternehmen in anderen Ländern entwickeln können und dass die Ukrainer in der Lage sind, sich in andere Umgebungen zu integrieren. Im Allgemeinen sind wir eine eigenständige Nation, die sich in die Spitzenländer mit hohem Lebensstandard integrieren und das gleiche Niveau erreichen kann.

Heute sind wir durch den Kampf gegen Russland geeint. Wir werden definitiv gewinnen, und dann müssen wir zu ehrgeizigeren Zielen übergehen. Zum Beispiel eine Billionen-Dollar-Wirtschaft oder ein besseres Bildungsniveau als in Finnland oder Singapur zu erreichen. Ich möchte, dass sich jeder Bürger hier selbst verwirklichen kann. Generell möchte ich, dass die Ukraine der beste Ort für die Verwirklichung jeglicher Idee wird, sei es in den Bereichen Wirtschaft, Kreativität, Wissenschaft oder soziale Initiativen. Ich möchte, dass wir das attraktivste Land der Welt werden, nicht nur in Bezug auf Wohlstand und Sicherheit, sondern auch in Bezug auf das Steuersystem, die Geschwindigkeit des Geldflusses, die Technologie und alles andere. Mein Team und ich wollen zum Beispiel, dass unsere Produkte so weit wie möglich in der ganzen Welt vertrieben werden.

Das ist das Bild der Zukunft, für das wir kämpfen müssen. Wir brauchen nach unserem Sieg eine neue Vision der Ukraine, die uns alle eint.

Was hat die Ukraine Ihrer Meinung nach daran gehindert, seit der Unabhängigkeit zumindest einige der von Ihnen genannten Ziele zu erreichen?

In der Soziologie gibt es etwas, das man der Anomie nennt, was bedeutet, dass das Alte noch nicht zusammengebrochen ist und das Neue sich noch nicht gebildet hat. Aufgrund des geistigen Erbes der Sowjetunion befand sich die Ukraine lange Zeit in einem Zustand, der es uns nicht erlaubte, eine Zukunftsvision zu entwickeln und echte Unabhängigkeit zu erlangen – geistig, sprachlich, wirtschaftlich und politisch. Deshalb nähern wir uns jetzt organisch dem Moment, in dem mehr und mehr Menschen – Kinder der Unabhängigkeit – beginnen, unsere Gegenwart und unsere Zukunft zu beeinflussen.

Als jüngster Minister in der wahrscheinlich jüngsten Regierung des Landes geht es um diesen Generationswechsel, nicht wahr? Wie werden Sie von Ihren älteren Kollegen wahrgenommen? Fühlen Sie sich aufgrund Ihres Alters nicht respektiert?

Manche junge Leute sind mit 18 Jahren weiser und gebildeter als viel ältere Menschen. Gleichzeitig treffe ich Menschen im Vorrentenalter, die sich in ihrer Vitalität nicht von meinen Kollegen in den Dreißigern unterscheiden. Ich fühle mich also keineswegs unwohl oder ungleich behandelt. Außerdem konnte ich sowohl meine persönliche Effektivität als auch die Leistungsfähigkeit unseres Teams unter Beweis stellen.

Ich gehe davon aus, dass die neuen ukrainischen Regierungen in Zukunft noch jünger sein werden, denn die Ukraine wird mehr Energie für eine beschleunigte Entwicklung benötigen. Daher glaube ich, dass jede nachfolgende Regierung schneller, flexibler und dynamischer sein wird und den Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht wird.

ÜBER DIE GRUNDLAGEN DER VEREINIGUNG

Heute hat ein historisch großer Teil der Ukrainer Vertrauen in die Regierung und in die staatlichen Institutionen im Allgemeinen. Wie können wir vermeiden, dieses Vertrauen zu verlieren?

In Krisenzeiten vereinigen sich Menschen in der Regel um die für das Krisenmanagement zuständigen Institutionen. Gleichzeitig versuchen die Regierung und der Präsident, schnell auf entstehende Probleme zu reagieren und diese Probleme vorherzusehen. Ich sehe, wie sich die Regierung in den letzten anderthalb Jahren verändert hat. Sie arbeitet sehr intensiv, mit mindestens zwei Sitzungen pro Woche, manchmal auch mehr. Es werden ständig Entscheidungen getroffen, die für das Land wichtig sind, wobei der militärische Widerstand, die Verteidigung, der Sieg und die Menschen mit ihren schwierigen Bedürfnissen im Mittelpunkt stehen.

Nehmen wir die Produktion von Drohnen, die innerhalb eines Jahres um das 100-fache gestiegen ist und bis Ende 2023, so hoffe ich, um das 120-fache steigen wird. Dies kann in alle Richtungen geschehen und neue Spielregeln schaffen. Man kann Menschen vereinen, von denen man dachte, dass sie sich niemals vereinen würden. Vor kurzem habe ich das Wort „Zusammenarbeit“ wiederentdeckt. Vieles hängt davon ab, starke Menschen mit gemeinsamen Ideen zusammenzubringen. Dabei spielt es keine Rolle, wo diese Zusammenarbeit stattfindet: in der Wirtschaft oder in der Politik, in der Medizin oder irgendwo in der Produktion. Es hängt alles von uns ab. Wir müssen in den Medien darüber sprechen, wir brauchen junge Blogger, die darüber sprechen, wir müssen dies zum Thema Nr. 1 machen, – ein neues Bild der Zukunft schaffen. Ich bin sicher, dass es unsere Soldaten motivieren wird, weil sie verstehen werden, für welches Land sie kämpfen. Wir müssen darüber sprechen, wie die Produktion wächst, wie viele Menschen zurückkehren, wie der Humankapitalindex gestiegen ist, was sich im Bildungssystem verändert hat. Das wird uns alle motivieren.

Glauben Sie, dass es aktuell ist, solche Diskussionen über die Entwicklung der Ukraine während eines solchen Krieges zu beginnen?

Es ist wichtig, dass wir jetzt über unsere Zukunft sprechen. Wie man so schön sagt: global denken, lokal handeln. Es ist wichtig, solche Diskussionen über „morgen“ nicht nur zu beginnen, sondern gleichzeitig schon heute mit weitsichtigen Entscheidungen sehr effektiv zu sein. Es ist auch wichtig, diese Diskussion mit Blick auf die soziale und technologische Bereitschaft zu beginnen. So haben wir zum Beispiel die Wehrtechnik von Grund auf neu entwickelt, um unsere Unabhängigkeit auch in Zukunft zu sichern. Manchmal denkt man, dass ein Projekt nicht aktuell ist, aber dann stellt sich heraus, dass es Einfluss darauf hat, wie dieser Krieg enden wird.

Heute haben wir Partner aus der ganzen Welt, die uns helfen. Und die Ukraine wird beobachtet. Wir haben die Möglichkeit, unglaubliche Ressourcen anzuziehen. Aber wir müssen unsere Effektivität unter Beweis stellen. Denn unsere Partner helfen uns unter der Bedingung, dass wir diese Mittel bestmöglich nutzen. Für sie ist dies nicht nur Hilfe, sondern eine Art soziale Investition. In der Tat können wir viele Bereiche unseres Lebens verändern, noch bevor der Krieg zu Ende ist.

Natürlich müssen wir in erster Linie dafür sorgen, dass wir auf dem Schlachtfeld effektiv sind, mehr Waffen anhäufen, mehr Leben retten und mehr Flüchtlinge nach Hause bringen. Auf globaler Ebene brauchen wir eine Strategie zur Einbindung der gesamten Gesellschaft in die Entwicklung einer neuen Ukraine.

Bei der Planung unserer Zukunft müssen wir die richtige Architektur der Hauptidee aufbauen, die uns von der Sowjetunion und ihrem heutigen Träger, Russland, entfernt und uns näher an die westliche Welt, an den Kreis der wohlhabenden Länder bringt.

Julija Abakumowa

Fotos vom Pressedienst

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